Und dann war da noch Ägypten


Fast vergessen über die aktuellen Skandale, lautem Wahlkampfgetöse und Tränengaswolken, überall, wo demonstriert wird, kann man ja Ägypten.

Erinnert sich noch einer dran? Die Muslimbrüder unter Mohamed Mursi haben in Ägypten groß verkackt. Ägypten war – trotz Jahrzehntelanger Diktatur durch Mubarak – immer noch ein verhältnismäßig freies Land. Und auch Frauen hatten dort eigene Rechte und nicht nur das Recht, dass Anhängsel eines Mannes zu sein.

Irgendwann hatten die Ägypter die Nase voll davon, dass ein Mann sich hemmungslos mit seiner Clique die Taschen füllt während zu viele „draußen“ zu kratzen hatten, um über die Runden zu kommen.

Der arabische Frühling begann. Das Militär hat eine Interimsregierung gebildet, relativ schnell gemerkt: „Das können wir nicht, eine Zivilgesellschaft ist keine Militärgesellschaft“ und hat, nachdem sie sich vom Parlament kraft Gesetzes unabhängig gemacht haben, den Weg für freie Wahlen bereitet.

Den die Muslimbrüder unter Mohammed Mursi gewannen.

Die Proteste wurden gerade in der Anfangszeit Immer begleitet von Al-Jazeera. Mit Live-Streams, teilweise unkommentiert. Und Al-Jazeera berichtete schon, als hier noch Dokus über Pinguine liefen. Al-Jazeera war der Sender, den du gefragt hast, wenn du wissen wolltest, was in Ägypten überhaupt los war.

Mohammed Mursi hat versucht, das Land entsprechend den Vorgaben seiner Muslimbrüder umzusetzen. Er hat nach außen hin Unabhängigkeit demonstrieren wollen, indem er seine politischen Parteiämter niedergelegt hat und nur noch „Präsident aller Ägypter“ sein wollte. Al-Jazeera hat ihn dabei – sehr positiv – begleitet.

Für mich sieht das so aus, als hätte er von Anfang an in einem Spinnennetz gesessen. Auf der einen Seite die Muslimbrüder, die ihm einen „Berater“ an die Seite gestellt haben, um sicherzugehen, dass er auch regiert wie die Muslimbrüder das für richtig halten. Auf der anderen Seite das Militär und vor allem der Verwaltungs- und Justizapparat, der immer noch von Mubarak-Anhängern besetzt war. Wie sehr, sieht man daran, dass Mubarak zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Es ist den Muslimbrüdern trotz erheblicher Anstrengungen nicht gelungen, die alten Seilschaften aus der Verwaltung zu entfernen. Wie denn auch? Diese Seilschaften sind auch die Leute, die man braucht, um eine Verwaltung aufrechtzuerhalten. Sie haben die Erfahrung. Mach hier Massenentlassungen und tausch die Leute in einem Rutsch aus und ich zeige dir ein Land, was von heute auf morgen nicht mehr funktionieren kann.

Selbst die Köpfe tauschen hilft nichts, wie man am Generalstaatsanwalt gesehen hat, den Mursi mehr als einmal versucht hat, loszuwerden. Ich war lange Zeit Beamtin. Und ich weiß genau, wie man unliebsame Köpfe in einer Verwaltung hängen läßt so dass man selbst gut dasteht. Ich hab das Spielchen selbst nie gemacht, aber ich kenne diese Intrigenstadel. Und in Ägypten dürfte das noch um einige Stufen härter sein, als es hier in Deutschland ist.

Mursi hatte keine Chance – er hat sie aber auch nicht genutzt. Seine Gesetzgebung war zu offensichtlich davon bestimmt, die eigene Machtbasis zu sichern. Im gleichen Zeitraum fiel das Volk da draußen aber hintenrüber. Die Wirtschaft kannte nur noch eine Richtung, trotz Touristen und das war „abwärts“. Massenentlassungen, keine Sozialversicherungssysteme, die die Menschen aufgefangen haben. Die Leute wurden immer ärmer. Zum Schluß schützte selbst eine gute Ausbildung nicht wirklich davor, seinen Job zu verlieren.

Das trieb die Leute auf die Straße, zumal die Scharia jetzt auch als Rechtssystem eingeführt werden sollte. Und das im verhältnismäßig säkulären Ägypten. Die Leute haben gesehen, dass die Muslimbrüder eine völlig eigene Agenda der Re-Islamisierung rücksichtslos vorantrieben.

In der Berichterstattung weltweit geht ein Punkt völlig unter: In Ägypten sind Frauen seit vielen Jahren Freiwild. Und mit dem Ende der Ära Mubarak ist auch der letzte Schutz für Frauen, so gering er auch war, dahin. Männer rotten sich zusammen und belästigen systematisch alle Frauen, derer sie habhaft werden können. Mit Glück sinds nur Maulhelden, mit Pech steht am Ende eine brutale Vergewaltigung. Die Muslimbrüder haben dieses „Modell“ offenbar auch adaptiert, um die Frauen dahin zu schicken, wo sie ihrer Meinung nach hingehören: Zurück an den Herd.

Der Tahrir-Platz füllte sich mit Demonstranten. Die Polizei geht mit Tränengas vor und räumt den Platz. Die Menschen gehen nicht mehr weg, viele haben nichts mehr zu verlieren.

Die Armee hat geputscht, Mursi sitzt im Gefängnis und hat eine Mordanklage zu erwarten, die mit seinem Gefängnisausbruch zusammenhängt.

Die Armee kann immer noch nicht Zivilverwaltung, soviel ist bereits jetzt klar. Doch diesmal kann sie nicht einfach Neuwahlen ansetzen, denn die Muslimbrüder lassen sich nur ungeren von ihrer bequemen Machtposition verdrängen, zumal sie kaum ihre Positionen in Gesetze gießen konnte. Es kommt in ganz Ägypten zu Anschlägen und Kämpfen. Al-Sisi, der General, der die Führung Ägyptens übernommen hat, versucht zumindest, die Fronten zu versöhnen.

Al-Sisi selbst ist eine interessante Figur. Von Mursi eingesetzt, um Tantawi abzusetzen, den Mann, der Mubarak zum Rücktritt überredete und der die Militärregierung bis zu den Wahlen leitete. Der Mann, der das Militär inklusive Budgetverwaltung effektiv der parlamentarischen Kontrolle entzogen hatte. Tantawi war sein eigener Mann. Al-Sis, so offenbar die Überlegung Mursis, war sein Mann.

Er hatte sich getäuscht.

Derzeit bin ich noch geneigt, Al-Sisi zuzugestehen, dass er Schlimmeres verhindern wollte. Die Scharia als Gesetzgebung ist manifestiertes Unrecht und Zeichen einer inhumanen Justiz (und an der Stelle will ich keine Apologeten hören, die Scharia wird so eingesetzt also muss sie sich an diesen Maßstäben messen lassen). Die Scharia wird in Staaten eingesetzt, die sich von der Achtung der Menschenwürde verabschiedet haben.

Große Teile des ägyptischen Volkes, dass das Militär feiert, sieht das offenbar ähnlich.

Und gerade wo ich diesen Text hier schreibe, wird die Gefahr eines Bürgerkrieges in Ägypten sehr real. Auf dem Tahrir-Platz marschieren Militärfahrzeuge auf, Militär und Muslimbrüder rufen ihre Anhänger auf, sie zu unterstützen.

Egal wer an der Stelle hinterher den Sieg für sich reklamert.

Verlieren werden in einem Bürgerkrieg beide Seiten.

Veröffentlicht am 26. Juli 2013, in politisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Sehen wir hier schon, was uns passiert, wenn wir endlich begreifen, was Prism, Tempora usw uns antun?
    Ich persönlich möchte keinen Krieg erleben. Und wenn doch, so hoffe ich, auf der Seite derer zu sein, die Recht haben, falls es so etwas überhaupt gibt.
    Jedem Land wünsche ich, das es eine Regierung hat, die für und mit dem Volk regiert.

  2. Und die Amis trauen es sich nicht es einen Putsch/Coup zu nennen, da sie sonst entsprechend Gesetz jedliche Unterstützung für Ägypten einstellen müssten.

    Dabei ist das ja diesmal relativ glimpflich abgelaufen, sonst denkt man bei einem Putsch durchs Militär das da sofort brutals durchgegriffen wird und ein Generallismo sich auf den Thron setzt.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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