Vom Versagen der Medien


Eine kleine Bilanz der aktuellen Berichterstattung. Vorsicht, es wird sehr schlecht gelaunt.

Und ein /update:

Gerade via Fefe eingetrudelt: Venezuela undNicaragua haben Edward Snowden Asyl angeboten. Dann hoffen wir mal, dass der arme Kerl da gut ankommt.

Liebe Mainstream-Medien, wir müssen reden.

Ihr versagt als Berichterstatter im Bereich Prism/Tempora bei der Aufarbeitung der Skandale  gerade nahezu flächendeckend.

Sei es dass die Politik- und die Netzressorts sich nicht einigen können, wer darüber schreibt, sei es, dass die Blätter offensichtlich eine eigene Agenda haben: Egal, welcher Grund vorliegt: Weder die Schnüffelattacke der Briten noch die der Amerikaner wird im deutschen Mainstream ordentlich aufgearbeitet. Kritische Berichterstattung in Richtung Berliner Republik gibt es höchstens mal in Ansätzen, aber selbst die werden schnell wieder unterbunden.

Stattdessen spielt man das lustige Spiel „Jag den Snowden“, kreiert einen drittklassigen Agententhriller und hat was, um lautstark die Spalten zu füllen. Nur nicht mit dem Thema abgeben. Es wird gerade alles getan, damit man nur nicht die Implikationen und die Verwerfungen ausloten muss, die Prism und Tempora auslösen. Und ihr ignoriert die Piraten, die derzeit als *einzige* einigermaßen konstruktiv versuchen, das ganze zu hinterfragen und aufzuarbeiten.

An der Stelle möchte ich Daniel Schwerdt sprechen lassen, der für die Piraten im Nordrhein-Westfälischen Landtag sitzt (und den ich da gerne noch sehr lange sehen möchte):

Ich habe unsere Anträge auch verschiedenen Redaktionen direkt geschickt, man möge doch darüber im Thema Prism und Tempora berichten. Von den meisten kam gar keine Rückmeldung. Von einer kam die interessante Antwort: “Haben wir schon reichlich. Aber wie wäre es mit einem Kommentar, weshalb man von den Piraten gerade jetzt so wenig sieht?”

Soso, man hat also reichlich zu Prism und Tempora? Ja, das habe ich heute morgen gesehen, als die Welt in einem unfassbar perfiden Text berichtet hat, dass es eine Studie von Infratest/dimap gibt, die

1. die Deutschen Überwachung total töfte finden und überhaupt nicht verstehen, wieso sich die Leute so aufregen – ist doch alles zu unserem Schutz und

2. die Bundesregierung macht das alles schon ganz okay so.

3. sagt, dass die meisten Deutschen Edward Snowden kein Asyl gewähren würden

Und dann guckt man sich die eingebettete Grafik dazu an und fragt sich, in welchem Paralleluniversum die leben.

Keiner dieser Punkte gibt doch in irgendeiner Form das Narrativ der Welt her. Punkt 1 in der Umfrage war: „Muss sich die Regierung Merkel gegenüber den USA und Großbritannien deutlicher positionieren“ – wie man aus der Antwort „JA“ ein  „Frau Merkel macht gute Arbeit“ herleitet, ist mir an der Stelle ein absolutes Rätsel.

Die zweite Frage war, ob die deutsche Regierung in der Lage ist, Deutschland vor den Spähattacken der USA und Großbritannien zu schützen. Die Antwort „NEIN“ bedeutet doch nicht, dass man Überwachung gut findet. Und die Antwort „nein“ auf die Frage, ob man Edward Snowden in Deutschland Asyl gewähren sollte, ist an der Stelle auch in einem anderen Kontext zu lesen.

Diese Umfrage ist eine Bankrotterklärung der Regierung Merkel. Man traut ihr nicht mehr zu, Herr im eigenen Land zu sein. Man glaubt, dass ausländische Geheimdienste hier schalten und walten können wie sie es wünschen und dass man deshalb Edward Snowden auch kein Asyl gewähren sollte:  Der arme Kerl wäre hier doch auf dem Präsentierteller.

Das ganze ist auch eine Bankrotterklärung für ein selbständiges Deutschland. Denn diese Umfrage kann man nur so lesen, dass Deutschland eher auf dem Weg ist, ein weiterer Bundesstaat der USA zu werden, dass Deutschland ein Vasallenstaat ist – aber auf keinen Fall selbständig. Deutschland hat dabei noch nicht mal den Status, den die Briten haben, denn die Zahl der Lauschangriffe gerade auf Deutschland zeigt, dass Deutschland für die USA alles ist, aber kein gleichberechtigter Partner. Die werden nämlich nicht überwacht.

Und so zeigt sich anhand des Welt-Artikels derzeit auch das ganze Elend der journalistischen Aufarbeitung der Schnüffelskandale: Es wird auf die Person Edward Snowden reduziert, es wird eine journalistische Menschenjagd betrieben, aber eine Aufarbeitung mit dem Thema selbst, eine Erklärung, was denn diese Abhöraktionen bedeuten, der Versuch, ein komplettes Bild aus allen Perspektiven zu zeichnen: Fehlanzeige. Das findet man aber leider auch nicht vollständig bei Netzpolitik oder Heise. Golem lassen wir hier mal außen vor – das ist die Bildzeitung für Nerds.😉

Leute, lasst doch bitte nicht immer nur die Ewiggestrigen zu Wort kommen. Hört auf die Piraten, die ein paar verdammt gute Initiativen eingebracht haben. Gerade jetzt müssten die GEFLUTET werden mit Anfragen. Und nicht ignoriert.

Männer wie Dieter Wiefelspütz (dem ich bei den Wahlen mit einer tiefinnigen Freude dazu verhelfen werde, achtkantig aus dem Bundestag zu fliegen), Hans-Peter Uhl oder Wolfgang Bosbach sind von gestern. Wir brauchen sie nicht mehr, sie haben keine Konzepte, keine Ideen und auch keine Alternativen. Sie kennen nur Restriktionen und Kontrolle. Sie sind alt, kraftlos und müde. Angela Merkel ist in ihrer bequemen Regierungsblubberblase und sitzt den Skandal einfach aus: Das Wahlvieh wird sich schon wieder beruhigen und ihr ihren Job weitere vier Jahre sichern.

Sie kann sich der Hilfe der Medien bei diesem Vorhaben sicher sein. Keine unbequemen Fragen, keine allzu fiesen Artikel (Frau Merkel kommuniziert nur über den Regierungssprecher – falls das mal jemandem aufgefallen ist) und alles versinkt in der kuschlig rosa weichen Wattewelt.

Oh, schaut mal.

Eine schwarze Katze.

Veröffentlicht am 6. Juli 2013, in Medienschelte. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Biete doch mal diesen Text den „großen“ Tageszeitungen sowie den online-Redaktionen der funkmedien an, und anschlißend postest du hier das Ergebnis.

    Oder für wen war dieser „Aufschrei“ (einer der tatsächlich und JETZT erforderlichen) gedacht?
    Deine BlogKunden dürften das ähnlich wie du sehen, für sie ist nichts neu daran, sie müssen weder er- noch geweckt werden, jedoch die Meinung der gemeinten „Medien“ wäre für deine Blogkunden sehr wohl wieder von Relevanz – und sicher auch motivierend.

    So ist das halt, bevor die Nachricht beackert wird, wird der Bote verdroschen und das als Journalismus „für Freiheit“ gemarkt, dabei mehr Markung als irgendetwas anderes.

    „und alles versinkt in der kuschlig rosa weichen Wattewelt.“ – In welcher? Ich sehe immer nur ältere Puppenkleidung: oben zu schmal und unten zu kurz im Jäckchen, gelegentlich auch ambivalentfrei etwas rose, aber warum unsere offiziellen großen Medien nun das auch noch zum charakteristischen Standard ihrer Qualitätsarbeit machen und sich dabei offenbar gleichstark (vorher) austauschen, um wie beim SED-Zentralorgan landesweit zum gleichen Verlautbarungswortlaut zu kommen, ist schlüssig nicht ermittelbar, es sei dennn, die haben das Prinzip tausche Prism gegen Tempora schon seit längerem verinnerlicht …

    (Übrigens, der Fairnis halber: Es gibt auch rühmliche Ausnahmen in den Medien, gern kann man die in den spätenn Abendstunden in einigen peripheren Sendern bewundern)

  2. dingdongdang

    Ich finde, mittlerweile nimmt die Berichterstattung schon etwas zu. Wenn man sich bsp. die Zeit online ansieht, dort sind aktuell 4 Artikel zum Thema NSA/Snowden/Datensammeln auf der Startseite.

  3. @dingdongdang | 7. Juli 2013 um 02:23 –
    „nimmt die Berichterstattung schon etwas zu. Wenn man sich bsp. die Zeit online ansieht, …“
    und
    @Tante Jay | 7. Juli 2013 um 07:27 –
    “ Und dann mach ich den ersten Artikel auf und finde dass da. Schnüffeln als Standortvorteil… http://www.zeit.de/…“
    Und was sagt uns das?
    Während das kleine Grüppchen der „online-News-Leser“ daran „berauscht“, daß nun 4 Beiträge online zu lesen seien (betrifft auch Wahlkampf, z.B. der Piraten u.a. ebenso), fällt diesem Grüppchen nicht auf, daß alle online-news nur die großen (!) Printzeitungen zitieren, was heißt:
    Was dort nicht geschrieben wurde, kommt auch NICHT IN DIE ONLINE NEWS!

    Kein Verlaß auf Net-news!

    Wer was für VIELE zu sagen hat, MUSS ERST IN DIE GRO?EN PRINTzeitungen, die dann als „Quelle“ gut zu repetieren sind, das ist nach wie vor so, denn was bitte sollten die vielen ONLINER sonst schreiben, wenn nicht das, was die großen Printmedien erfunden haben? Welche Themen also kommen, bestimmen (noch) die Recherchen der Großen und nicht die Abschreibe der online-Medien!

    Aber gerade bei den Piraten tummeln sich (besonders bez. Wahlen) noch zu viele unter ihrer kleinern online-InsiderKäseglocke und merken nicht, wie die Konkurrenz Punkt für Punkt ihre Themenwahl, ihre Einschätzungen und Wertungen über die großen Printmedien in die online-Medien hineinschießt …
    Aufgrund der Gier nach Themen und Aktualität der Onliner und wegen der eigenen schmalbrüstigen Recherche- und Schreiberkapazität prägen halt die über die zentral gesteuerte Schere im Kopf „gleichgeschalteten klassischen Printer alle News, und das eben auch recht „barock“.

    Ob da facebook, Twitter & Co überhaupt eine Chance hat?

    Wie es jetzt läuft, wohl weniger, denn nicht „die Medien versagen“ (das wäre die Sicht auf „Medien“ aus der politischen Kindermärchenstube), sondern deren online-Konkurrenz versagt hier wohl, ist noch lange nicht erwachsen dafür.

  4. ich denke mal, dass die angesprochenen Aufnahmestaaten auch im Sinne der USA sind, verläuft doch die Flugroute (so sie in die übliche Himmelsrichtung führt) über eine Region, in der ein Verschwinden nicht allzu ungewöhnlich ist😉

  5. EmanuelMuninn

    Aus einer Langzeitstudie der „Media Perspektiven“ geht hervor, dass bei uns seit 1954 die Anzahl der Herausgeber halbiert wurde. Die fünf größten Verlagsgruppen machen fast die Häfte der Tageszeitungen aus (tendenz steigend) und nebenbei noch über 90% der Unterkategorie Kaufzeitungen (tendenz steigend).

    In unserer Uni wird gelehrt, das eine Gefährdung der Pressefreiheit in Demokratien eher von einer Pressekonzentration als vom Staate selbst ausgeht.

    Unter diesem Aspekt gibt die Berichterstattung eine beunruhigende Tendenz, die das ganze Thema von seiner Natur aus gefährdet.

  6. @EmanuelMuninn | 8. Juli 2013 um 14:15
    Neben der sogenannten besseren „Wirtschaftlichkeit“ (INFORMATION ist nur noch Handelsware statt Sozialflußmittel) im Medienmonopol spielen besonders auch als Ursache und Ergebnis die Fakten eine Rolle, die du unter
    @Lusru | 7. Juli 2013 um 11:09
    lesen kannst – da verquickt sich in einer sozial verheerenden Spirale das ökonomische Monopol mit dem Auschluß schlecht beeinflußbarer freier „Nebenbuhler“ und der besseren Steuerungsmöglichkeiten der eigenen Deutungshoheiten und deren Macher durch die medienmonoipolisierung.
    Dazu kommt die „gesellschaftliche Kontrolle“ in Ausübung durch die politischen Kräfte, die am stärksten etabliert sind – und genau das (wie alle Beteiligten dabei) auch in Zukunft bleiben wollen, wo doch eigentlich genau die „freien“ Medien die 4. Macht im Staate sein und selber die gesellschaftlichen Kräfte „kontrollieren“ sollten.
    „Was lange währt, wird gut“ stimmt hier leider nicht, da hier offensichtlich nur das Gegenteil (wie vorstehend) bekannt wurde …
    Es werden laufend neue attraktive Medien benötigt, um mal wieder etwas zu „würfeln“.
    Auch wenn manche meinen „der“ würfelt nicht, „der“ macht und läßt machen, dann kann „er“ allerdings auch „würfeln“ lassen …
    Die Kleinteiligkeit der Internetmedien (wirkungsrelevant betrachtet) kommt letztlich den 5 Monopolisten sehr zu statten, da diese nun deuten und vorgeben können, was von ihnen zu zitieren ist I- Ihr Wirkungsradius verkleinert sich nicht sondern vergrößert sich bei geringerer Wirtschaftlichkeit …!), und jedes Zitat ist aufgrund der erforderlichen Quellenangabe kostenlose Werbung …
    was noch mehr für sogenannte (bekannte) „sozialmedien“ im Netz gilt, die also nicht die Lösung des Problems sondern dessen Eskalation darstellen.

  1. Pingback: Und bald ist wieder Ruhe | Marcs Mancave

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