Der syrische Bürgerkrieg


Es liegen angebliche Beweise für den Giftgaseinsatz durch Assad vor. Gezeigt werden diese Beweise nicht, es erfolgt alles nach dem bekannten WMD-Muster aus dem Irakkrieg: „Wir haben die unumstößlichen Beweise, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt“.

Alles läuft darauf hinaus, dass der Westen den Rebellen in Syrien Hilfestellung liefern soll um Assad aus dem Amt zu jagen.

Nur – ganz so einfach wie zu Zeiten Saddam Husseins ist das diesmal nicht.

Das ganze Szenario läuft den Interessen westlicher Länder absolut diametral entgegen. Kein Mensch hierzulande kann im Nahen Osten das nächste fundamentalislamische Land gebrauchen. Die gesamte Region ist inzwischen durch die verschiedenen Machtbeweise des Westens völlig instabil. Syrien war als einziges Land noch einigermaßen stabil und vor allem säkulär.

Baschar al-Assad ist kein demokratisch gewählter Regierungschef. Er hat das Amt von seinem Vater geerbt. Für einen der arabischen Diktatoren hat er Syrien verhältnismäßig viel Stabilität und Freiheit gegeben. Baschar al-Assad ist nicht der klassische Diktator vom Schlage eines Gaddafi oder Hussein. Er sieht sich selbst offensichtlich auch eher als „Vater“ denn als „Herrscher“.

Assad ist pro Forma Alawit, die Alawiten sind eine Abspaltung der Schiiten, allerdings ist er selbst eher säkulär orientiert und er hat auch den Geistlichen im eigenen Land nicht viel Macht gegeben. Die liegt bei ihm, nicht bei den Religionsführern.

Und hier liegt auch der Grund der Rebellion. Die Rebellen sind nicht stark. Sie haben noch nicht einmal vernünftigen Rückhalt in der eigenen Bevölkerung, die sie verabscheut. Die Rebellen sehen sich selbst als Jihadisten, die in Syrien ein weiteres Gottesreiche errichten wollen.

Sie tun das durchaus auch auf Kosten der Menschen dort. Und es gibt mehr als genug Beweise darüber, dass die Rebellen eine Truppe undisziplinierter, verrohter Möchtegernkrieger sind, die zwar durchaus eine große Klappe haben, aber ohne die Unterstützung des Westens inzwischen von der syrischen Armee aufgerieben worden wären.

Und hier kommt der Interessenkonflikt ins Spiel, den ich lange nicht auflösen konnte. Obamas „dreiköpfiger Hund“ ist sicherlich ein Teil der Wahrheit, aber offenbar nicht der ganze.

Weder Europa noch die USA können auch nur annähernd ein Interesse daran haben, noch einen weiteren Staat in der Region den Jihadisten in die Hände fallen zu lassen. Ich glaube, noch nicht einmal Michelle Bachman wird ernsthaft glauben, dass nach einem Sieg der Rebellen da auf einmal Demokratie herrscht und nicht finsterstes Mittelalter.

Auch die Giftgasangriffe sind an den Haaren herbeigezogen. Bislang wurden nur Rebellen mit Sarin-Containern aufgegriffen: In der Türkei, in der Nähe von Adana. Dieselben Rebellen, die Granaten in die Türkei geworfen haben und dann auf Assad zeigten: „ER WARS!“ um die Türkei in den Bürgerkrieg mit hineinzuziehen und dann entsprechende Truppenverstärkung zu bekommen.

Auch die Mengen an Sarin, die verteilt wurden, weisen, wie Assad und auch Putin schon ganz richtig sagen, eher auf die Rebellen als auf Assad hin. Man kennt doch die Bestelllisten der Waffen, die man an Syrien geliefert hat, als Assad noch nicht der „brutale Diktator“ war sondern ein wichtiger Verbündeter. Das heißt, Assad hätte, wenn er denn auf Giftgas zurückgegriffen hätte, locker genug gehabt, um die Rebellen ein für alle mal auszulöschen.

Und *wäre* er der brutale Diktator, als den man versucht, ihn hinzustellen, hätte er das auch getan. Saddam hatte ja nie Probleme damit, mal ein paar Dörfer mit Giftgas plattzumachen, wenn die ihn zu sehr geärgert haben. Statt dessen jedoch setzt er auf die militärische Überlegenheit.

Warum?

Und hier kommt ein weiteres Puzzleteil ins Spiel. Saudi-Arabien, der islamische Vorzeigestaat.

Saudi-Arabien möchte die Vorherrschaft in der Region. Die wollen den Status, den China in Asien und die USA im Rest der Welt hat für sich selbst im arabischen Raum. Das ist schon länger bekannt, aber bislang standen da ja immer noch einige Herrscher entgegen, denen die Religionsführer im eigenen Land die Macht weggenommen hätten und die darum eher säkulär waren.

Das hat sich geändert. Irak, Ägypten, praktisch alle Länder des arabischen Frühlings haben einen Religionsruck gemacht und werden von Saudi-Arabien gestützt. Einzig Syrien und der Iran stehen noch dagegen und auf einmal bricht in Syrien ein Bürgerkrieg los, losgetreten von verrohten Gesellen, die sich des Kannibalismus bedienen.

Die Syrer wissen, was unter der Herrschaft dieser nicht mehr zu menschlichen Regungen fähigen Jihadisten blüht. Und demzufolge sind auch 70% der Bevölkerung auf der Seite von Assad, 20% sind neutral eingestellt und gerade mal 10% der syrischen Bevölkerung unterstützen die Rebellen.

Syrien, einer der letzten weitgehend säkulären Staaten in der Region, soll ebenfalls in die Hände von Jihadisten fallen. Unter saudischer Vorherrschaft. Abwegig? Nicht so wirklich, seht mal hier. Kaum hat Obama verkündet, dass Assad mit dem Giftgasangriff die „rote Linie“ überschritten hat und dass er nunmehr den Rebellen helfen wird, kommt aus Saudi-Arabien die Ansage, dass sie Waffen liefern werden.

Wo Obama noch einigermaßen vage in den Hilfszusagen bleibt, wird Saudi-Arabien recht konkret, indem sie an die Rebellen Man Pads liefern wollen, transportable Flugabwehrraketen.

Aber Saudi-Arabien brauchte die Hilfszusage der USA, weil Assad unter dem Schutz der russischen Regierung steht – ein klassischer Stellvertreterkrieg. Und Saudi-Arabien erhofft sich offenbar einen Machtzuwachs, wenn Assad beiseitegeräumt ist. Dazu passt auch die Hetze gegen den Iran, eigentlich dem letzten ebenbürtigen Gegner der Saudis in der Region.

Nur, was keiner der Protagonisten offenbar so richtig wahrhaben will, weil alle noch eigene Interessen verfolgen:

Diese Jihadisten werden den Teufel tun und irgendetwas anderes als ihre eigene Agenda durchdrücken. Wenn die mit der saudischen vereinbar ist: Gut. Wenn nicht, haben die Saudis halt Pech gehabt. Reinreden lassen werden die sich auf gar keinen Fall.

Und die ganzen Mächte, seien es USA, Russland, Saudi-Arabien: Wer immer da seine schmutzigen Finger drin hat, spielt sehr real mit Menschenleben. Es sind inzwischen Millionen auf der Flucht, die Türkei und Jordanien fangen die Hauptlast der Flüchtlinge auf, und beide Länder können das eigentlich nicht.

Was sich da abspielt, ist ein menschliches Drama. Und es stünde allen Beteiligten gut zu Gesicht, sich daran mal wieder zu erinnern.

Menschen sind keine Schachfiguren.

Veröffentlicht am 17. Juni 2013, in Amerika. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. ein anderer Stefan

    Menschenleben sind egal, sobald es um Macht geht. Im Nahen Osten ist Öl = Macht. Saudi-Arabien hat eine Menge Öl, das will Amerika sich um jeden Preis weiterhin sichern. Und anscheinend wollen sie aus der Vergangenheit nichts lernen: Die Amerikaner installieren ein Regime, das fällt von ihnen ab, sie müssen es teuer bekämpfen. Und den Kampf gegen ein islamistisches Regime in Syrien können sie leicht begründen: Die Türkei ist NATO-Partner, und irgendein syrischer Extremistenführer wird schon dumm oder käuflich genug sein, die Türkei anzugreifen. Notfalls hilft man ein bisschen nach. Eh voilá: schon hat man Russland ein bisschen weiter aus dem Nahen Osten verdrängt. Dass dabei ein paar Millionen Syrer über die Klinge springen, juckt ja keinen weiter.

    Krieg als Schach der Könige ist heute Schach der Präsidenten. Besser ist es durch die demokratische Scheinlegitimationen kein bisschen.

  2. Wenn ich mich an einen Bericht richtig erinnere, ist bzw. war Syrien ja eben kein religiöses Pulverfass. Es gibt da wohl auch eine Menge Christen und andere die eben nicht bedrängt und unterdrückt werden und ein bissl Religionsfrieden herschte.

    Das ist dann ja auch das Problem einer stillen Mehrheit in allen möglichen Umständen. Wenns einem nicht so schlecht geht beschwert man sich nicht und wird dadurch gern von den Medien ignoriert. Es gibt ja keine Sondertagesschau „Heute ist nix passiert und allen gehts gut“.
    Die am lautesten schreien werden beachtet, ob das nun syrische Rebellen oder Islambruderschaften sind.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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