Obamas blassrote Linie


Es gibt Nachrichten, die einen sofort elektrisieren. Man liest sie und weiß: Da lügt jemand. Und man fragt sich gleichzeitig: Warum?

Es war diese Nachricht, dass die USA jetzt “unmissverständliche Beweise” für Assads Giftgasangriffe gegen die Rebellen in Syrien haben. Die USA würden hier jetzt die rote Linie ziehen und sich überlegen, wie sie da eingreifen.

Ich hatte augenblicklich die Assoziation zu den „Weapons of Mass Destruction“ des Saddam-Regimes. Die Giftgas-Geschichte ist von ähnlicher Qualität, was die Glaubwürdigkeit angeht. Die russische Regierung, denen die Amerikaner die Beweise vorgelegt haben, zeigen sich ebensowenig überzeugt.

Eins vorweg: Der Einsatz von Sarin im Bürgerkriegsland Syrien ist bereits seit geraumer Zeit im Gespräch. Im einem Artikel vom 05. Juni 2013 schreibt die taz darüber. Das ist 11 Tage her. In der heutigen Zeit eine Ewigkeit.

Bislang sind auch nur Rebellen in der Türkei mit Sarin-Containern aufgegriffen worden, die offenbar dort für Bomben verwendet werden sollten. Von der syrischen Armee kam nur die Nachricht, dass sie Giftgas-Container erbeutet haben. Wenn sie mit Giftgas angreifen, sollten sie doch über entsprechende Vorräte verfügen und nicht auf Beute angewiesen sein?

Also, warum wird ausgerechnet jetzt die Giftgas-Karte gezogen und das Ganze Assad in die Schuhe geschoben? Die Lage in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Land hat sich in den letzten Tagen nicht wirklich verändert. Und an dieser Stelle möchte ich Fefe danken, der das fehlende Puzzleteil geliefert hat. Die Metapher vom dreiköpfigen Hund.

Und dann bekommt die Geschichte auch Sinn. Obama steht, entgegen jeder selbstbewußten Äußerung (nicht nur) wegen des Prism-Programms buchstäblich mit dem Rücken zur Wand.

Gute alte amerikanische Außendiplomatie ist es, in dem Moment, wo es innenpolitisch eng wird, die Armee loszuschicken und von den eigenen Fehlern abzulenken. „Seht mal da, ein Dreiköpfiger Hund!!“

Nun ist aber auch die amerikanische Armee nicht auf beliebig vielen Baustellen einsetzbar. Afghanistan; Irak; in Somalia die Piratenjagd; die Drohgebärden aufrecht erhalten im Iran –  US-Armeen sind über eine große Fläche verteilt. Entsatztruppen müssen zurückgehalten werden, noch einen Kampfplatz können sich die Streitkräfte nicht leisten. Das wird deutlich, wenn man sich die Rhetorik Obamas genauer anhört. Ja, er zieht eine „rote Linie“ in Sachen Syrien. Ja, er „bestätigt“ die Existenz „unmissverständlicher Beweise“ über den Giftgas-Einsatz Assads. Aber darüber hinaus? Humanitäre Hilfe in Form von medizinischem Personal, Gasmasken und Waffen ist geleistet worden. Aber mehr auch nicht.

Aber weder wurde der UN-Sicherheitsrat einberufen,  noch wurden auch nur Truppenteile in Bewegung gesetzt – es blieb bei der Pressekonferenz. Und das ist tatsächlich sehr untypisch. Auch hat sich Obama nicht konkret dazu geäußert, welche Konsequenzen er sich jetzt in Syrien vorstellt.

Stellt er sich eine Flugverbotszone vor? Militärschläge wie in Libyen, um das Assad-Regime zu schwächen? Man weiß es nicht.

Meiner Meinung nach spielt Barack Obama hier gerade Poker. Die Beweise müssen vorgelegt werden. Einen Militärschlag alleine aufgrund der Versicherung des US-Präsidenten, die Regierung habe die Beweise, darf es nicht geben. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.

Ich bestreite dabei nicht den Einsatz des Giftgase. Doch angesichts der Tatsachen, dass sich die westlichen Staaten seit Wochen erfolglos bemühen, Assad die Giftgasangriffe unterzuschieben, und dass man zwar Giftgascontainer bei Bürgerkriegskombattanten gefunden habe, dies aber ausschließlich auf Seiten der Rebellen, bezweifle ich sehr wohl die Behauptung, dass es Assad war, der Giftgas eingesetzt hat.

Mein Fazit:

Barack Obama ist derzeit offenbar verzweifelt und versucht, mit dem dreiköpfigen Hund vom aktuellen Prism-Skandal abzulenken. Hinzu kommt der IRS-Skandal, der zumindest für die Republikaner und insbesondere für die TeaParty noch nicht völlig abgeschlossen ist. Und hinzu kommen der Bengasi-, der AP- und der IRS-Skandal.

Zudem handelt es sich bei den Rebellen um islamische Fundamentalisten – und ganz sicher wollen die Amerikaner nicht noch ein fundamentalislamisches Land im Nahen Osten, dass sich bestenfalls als unsicherer Verbündeter und im schlimmsten Fall als neuer Feind erweisen wird.

Das heißt, man zeigt auf Bashar al-Assad, beschuldigt ihn, die Giftgas-Bomben geworfen zu haben und hat damit die Nachrichten erfolgreich für eine Weile von den eigenen Problemen abgelenkt ohne weitere Konsequenzen ziehen zu müssen.

Doch wenn Obama nicht liefern kann, wenn die Beweise nicht stichhaltig sind, ist die Glaubwürdigkeit der USA endgültig dahin.

Pokerspiele mit leerer Hand können für den Spieler schnell gefährlich werden.

Veröffentlicht am 14. Juni 2013, in Amerika. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. ein anderer Stefan

    Oh mann, bis ich das mit dem dreiköpfigen Affen gerafft habe, hats echt gedauert…

    Ich finde die Erklärung absolut schlüssig. Das ist verdammt guter Grund, das genau jetzt zu machen. Vielleicht schickt Drobama ja ein paar seiner Lieblingsspielzeuge los und läßt ein paar syrische Generäle umbringen – egal auf welcher Seite, wenns am Ende die Falschen waren, sinds halt Kollateralschäden.

  2. Klassiker:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Monkey_Island
    Allerdings wird das sicherlich nicht so einfach wie Irak, da ja wie unser guder oller Schitti ein Mehrfrontenkrieg weltweit durchgeführt wird.
    Ohne Sinn und Verstand halt m(

  3. Wenn die Beweise dann tatsächlich vorgelegt werden, stellt sich natürlich die Frage, ob sie eine ähnliche Qualität haben wie damals™ im Irak!
    Abgesehen davon würde ich auch mal wissen wollen, woher das Saringas ursprünglich stammt, also wer es hergestellt und veräußert hat; dann könnte mal nämlich mal schauen, wer es nicht so genau nimmt mit der Chemiewaffenkonvention (wobei Syrien sie nicht unterschrieben hatte) – https://de.wikipedia.org/wiki/Chemiewaffenkonvention.
    Schau’n wa ma…

  4. Die Glaubwürdigkeit der USA war schon 1904 zum Teufel, als sie die Philipinen „übernommen“ haben, mit der Premisse : Wir führen hier die Demokratie ein. Nun nach über hundert Jahren, wie will man das Regim dort bezeichnen? Die Amis stehen immer noch dort !
    In dieser Angelegenheit habe ich ein neues Buch gefunden, mit Quellennachweisen auf den letzten Seiten, im BoD Verlag..Norton Briese „Auf der Jagd nach der Glückseligkeit“.

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