Zweierlei Maß


Was mir in letzter Zeit immer wieder auffällt, ist, wie sehr manche Menschen offenbar noch in dem Gedankengang Kirche verhaftet sind und wie sehr die Beißreflexe ausgeprägt sind, wenn man Kirchen kritisiert.

Beispiele gefällig?

Wenn jemand Gläubig ist, darf er fast unwidersprochen auf alles verbal eindreschen, was „Sünde“ ist – seien es Abtreibungen, Schwule, Ehescheidungen (für die Erzkatholiken). Wenn man ihn drauf hinweist, dass ihn das ja wohl eher nicht betrifft und „Klappe halten“ wohl eher das Gebot der Stunde ist, weil man gerade dabei ist, eine Menge Leute abzunerven (an dieser Stelle einen herzlichen Gruß an Frau Erika Steinbach, die dieses Konzept wohl in 100 Jahren nicht mehr verinnerlichen wird), kommt nahezu unverzüglich der Ruf, dass man doch wohl sehr intolerant ist, wenn man den Leuten ihren Glauben nicht läßt und man doch *bitte* etwas mehr Respekt vor dem Glauben anderer Menschen haben sollte.

Wohlgemerkt, die Klientel, auf die ich mich beziehe, prügeln mir ihren Glauben direkt ins Gesicht und wenn ich mich genervt zeige, wirft man mir dann Intoleranz und Respektlosigkeit vor.

Und *ganz oft* (TM) werden diese Anschuldigungen eingeleitet mit: „Ich glaube ja selbst nicht an den Mist, aber…“.

Ich darf mich also nicht gegen diese Übergriffe wehren, weil ich dann respektlos bin. Und halt Intolerant.

Drehen wir den Spieß doch jetzt einmal um.

Man stellt sich hin und erzählt den Leuten, dass man die Kirchen bestenfalls für verantwortungslos, schlimmstenfalls für kriminell hält. Zumindest in Teilbereichen. Oder man erzählt den Leuten, dass einem diese Missionierungsversuche auf die Nerven fallen. Oder man weist darauf hin, dass „Gesundbeten“ weder bei Mensch noch Deich je geholfen hat. Bei den Deichen hilft halt nur: Schaufeln und buddeln.

Also das ganze Programm eines Atheisten, der aufzeigen möchte, dass es da ein paar Konfliktstellen gibt.

Man kann jetzt Wetten abschließen, wie lange es dauert, bis der erste mault, dass einem das „Religionsgebashe auf den Sack geht“. Gerne garniert mit der Nichts-Aussage „und dass, obwohl ich selber nicht Gläubig bin“.

Also, ich ziehe an dieser Stelle ein Fazit:

1. Wenn ich mich gegen übergriffige Missionierungsversuche oder gegen schlichtes Sündenbashing von Gläubigen (Religion an der Stelle wumpe) wende, bin ich Intolerant und Respektlos.

2. Wenn ich versuche, den Spieß umzudrehen und mal mit denselben Mitteln MEINE Agenda des Atheismus durchzukriegen, addiere ich zu dem obengenannten noch ein „Kirchenbashing“.

Und das alles angesichts der Tatsache, dass jede Religionsgemeinschaft hemmungslos und rücksichtslos ihre Agenda mit dem Hinweis auf „Sünder“ den Leuten mehr oder weniger offen ins Gesicht drückt.

Und an der Stelle würde ich alle gerne mal fragen, ob ihr noch ganz knusper seid und vor dem Mund aufmachen auch mal anfangt zu denken?

Veröffentlicht am 7. Juni 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Ich würde Dir gern prinzipiell Recht geben, nur verwurschelst Du, wie viele missionierende Atheisten, zu denen ich Dich eigentlich nicht zählen möchte, auch hier Kirche mit Religion, was ich nach wie vor für nicht statthaft halte. Mit Kritik an und meinetwegen auch bashing der Kirchen bzw. eigentlich lieber der jeweils mit einer bestimmten Vorwurf gemeinten KirchE hab ich kein Problem, mit Religionsbashing schon. Infragestellen und kritische Diskussion konkreter Glaubensinhalte, egal welcher Religion, gerne, pauschales Draufhauen lieber nicht. Dass sowas von seiten der missionierenden jund frömmelnden Religionizisten verschiedenster Couleur gern so betrieben wird, sollte einen nicht davon abhalten für sich selbst einen kultivierteren Stil zu pflegen. Die Mär vom Schlagen des Gegners mit den eigenen Waffen ist nämlich eine solche.

    Am öffentlich machen der Missstände innerhalb der verschiedenen Kirchen beteilige ich mich hingegen gern und reichlich. Und da wir gerade dabei sind: Nur weil die Vertreter anderer Religionen nicht so „gut“ organisiert sind, wie die christlichen Kirchen oder das Judentum, heißt das nicht, dass es an den Handlungen und Einlassungen mancher ihrer Vertreter nichts zu kritisieren gäbe, ganz im Gegenteil.

    *Konkrete* (und in meinen Augen berechtigte) Kritik an einer Kirche oder den Vertretern einer Religion hat nichts mit Respektlosigkeit gegenüber dieser oder anderen Religionen zu tun, pauschales Dreinschlagen schon. Wenn einem eben diese Respektlosigkeit *unberechtigterweise* vorgeworfen wird, *muss* man sich den Schuh ja nicht unbedingt anziehen.

    Die Überzeugung von (bei weitem nicht der meisten aber eher der „sichtbaren“) sich selbst als religiös bezeichnenden Menschen, dass aufgrund ihrer Gläubigkeit automatsich all ihr Handeln gut sein müsse, kann ich selbstverständlich nicht nachvollziehen.
    Andererseits kann ich aber auch die arg simplifizierende Sichweise mancher Brachialatheisten im Sinne von
    Kirche = böse, Religion = Kirche => Religion = böse => not Religion = gut
    auch nicht wirklich ernst nehmen.

  2. Ja, mit diesem Thema ist’s wie mit der Zeitung mit den vier Großbuchstaben, dem „etwas anderen Restaurant“ u.dgl.: viele äussern sich, aber keiner will eigentlich nichts damit zu tun haben (is‘ ja auch ätzend, zugeben zu müssen, daß man mindestens einmal in der Woche bei MacDoof das bewusste Käseblatt liest ..😉 ).
    Mit dem Glauben ist es aber schon etwas Anderes. „Jeder kann in meinem Staat nach seiner Facon selig werden ..“ (Du kennst dieses Ausspruch).
    Das eigentlich Nervende ist doch das Missionieren und – wenn das nicht gelingt – die beleidigte/beleidigende Reaktion mit Hinweis auf Intoleranz.
    Aber, liebes Tantchen, Du hast doch ein probates Gegenmittel in der Hand: „Zensur“😀
    und mit der Reaktion darauf kannst Du doch gut leben, oder?
    Liebe Grüße
    Hajo

  3. Ich sag jetzt nur „RAMEN“😛

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