Informatikunterricht am Beispiel NRW


Nun ist Informatik also wieder auf den Stand eines Wahlpflichtfaches gefallen. Zumindest in Hamburg.

Falsche Entscheidung? Richtige? Versuchen wir doch mal, das ganze aufzuarbeiten.

In einem sind sich alle Beteiligten einig: Informatik ist aus der heutigen Welt nicht mehr wegzudenken. Aber muss man denn auch programmieren lernen? Muss man als weitere Fremdsprache eine Programmiersprache kennen?

Darüber läßt sich trefflich streiten, aber auch diese Diskussion geht am Kern des Problems vorbei – unserem nach wie vor bescheidenem Bildungssystem.

Immer noch kann jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kochen. Ein Abschluß in Bayern ist eigentlich mit dem Abschluß in Schleswig-Holstein nicht wirklich zu vergleichen. Deutschland ist in der Hinsicht immer noch Flickenteppich wie zu Bismarcks Zeiten.

Der Informatikunterricht krankt aber noch an anderen Dingen. Was hab ich denn damals vorgefunden, als ich anfing, die Schulen mit EDV auszustatten?

– eine weiterführende Schule mit EDV-Raum, wo der zuständige Lehrer wie eine Glucke drauf saß. Der hat die anderen Lehrer aus Angst, dass die was kaputtmachen, was er nicht repariert bekommt, einfach nicht in den Raum gelassen. Ich hab übernommen, den Raum von Grund auf erneuert, Server reingestellt und die Lehrer waren hin- und weg. Auf einmal konnte man Matheunterricht im EDV-Raum machen. Wow. An der Schule wurde das begeistert angenommen und es hat mir elend leid getan, als die mangels Schüler geschlossen werden musste.

– Grundschulen komplett ohne EDV. Die 400-MHz-Kisten, die ich da vorgefunden habe und die als „Büro-PC“ klassifiziert waren, waren keinen Schuß Pulver wert. PCs in den Klassenräumen: Nope.

– eine weiterführende Schule, die einen hochengagierten und auch halbwegs fähigen EDV-Lehrer hatte: Hab ich machen lassen.

– eine weiterführende Schule, die einen hochengagierten aber nicht ganz so fähigen EDV-Lehrer hatte: Hab ich trotzdem machen lassen, weil ich nicht die Nerven hatte, mich mit dem anzulegen.

Für die Ausstattung der Schulen sind in NRW die Schulträger zuständig. Die Ausstattung der Schulen mit „Neuen Medien“, wie es auf Beamtendeutsch heißt, ist einzig und allein in einem Paragraphen geregelt: § 79 SchulG NW. Das ist alles, was das Land zu der Ausstattungspflicht der Kommunen zu sagen hat:

§ 79 Bereitstellung und Unterhaltungder Schulanlage und Schulgebäude

Die Schulträger sind verpflichtet, die für einen ordnungsgemäßen Unterricht
erforderlichen Schulanlagen, Gebäude, Einrichtungen und Lehrmittel
bereitzustellen und zu unterhalten sowie das für die Schulverwaltung notwendige
Personal und eine am allgemeinen Stand der Technik und Informationstechnologie
orientierte Sachausstattung zur Verfügung zu stellen.

Die Pflicht für die Ausstattung mit „Neuen Medien“ ergibt sich dabei aus dem letzten Halbsatz:

und eine am allgemeinen Stand der Technik und Informationstechnologie orientierte Sachausstattung zur Verfügung zu stellen

Mehr steht da nicht. Das ist alles, was die Kommunen an die Hand bekommen, um die Schulen mit EDV auszustatten. Oh, es gibt Empfehlungen, wie man das umsetzen soll, aber letztlich bleibt jeder Gemeinde selbst überlassen, wie und wo man EDV in die Schulen stellt.

Und dann gibt es so ambitionierte Projekte wie in meiner Gemeinde, wo der Schulträger mit großem Engagement eine zentrale Verwaltung der EDV übernimmt oder es ist so wie in anderen Gemeinden, wo die Schule ein Budget für „Neue Medien“ bekommt, das sie nach eigenem Ermessen ausgeben kann.

In allen Fällen hängt der gesamte Umgang mit der EDV aber an einem Lehrer. Einem. Der für den gesamten EDV-Komplex zuständig ist. Und der die Aufgabe nur zu häufig zusätzlich zu seinem regulären Unterricht mit übernimmt. Explizit ausgebildete EDV-Lehrer, die auch Informatik auf Lehramt studiert haben, werden erst langsam ausgebildet. Bayern ist da meines Wissens Vorreiter.

Entsprechend ist der Stellenwert des EDV-Unterrichts an Schulen. An manchen Schulen wird nach wie vor Cobol als Programmiersprache unterrichtet: Totes Wissen.

Brauchen wir denn einen verpflichtenden Informatik-Unterricht?

Meiner Meinung nach: Nein, soweit es eben Programmiersprachen und Informatik an sich betrifft. Die wenigsten werden später als Allgemeinwissen den Aufbau von Mikrochips benötigen. Oder Software programmieren.

Aber wir benötigen *dringend* einen Unterricht, der die Allverfügbarkeit von Computern, Smartphones, Tablets und Co. berücksichtigt und den Kindern sowohl Chancen als auch Risiken klarmacht.

Und genau das geschieht nicht aus den Curricula heraus, das ist Zusatzunterricht in den Schulen, die die Probleme erkannt haben.

Social Media muss Teil des Unterrichts sein. Seine Gefahren (und zwar reale Gefahren und nicht ein ominöses „die sind alle böse“) genauso wie seine Chancen. Verhaltensmaßregeln im Chat. Das Wissen, dass nicht jeder, der sich im Chat als Jugendlicher outet auch ein Jugendlicher ist.

Wir brauchen die Erkenntnis an jeder Schule, dass, nur weil etwas im Internet steht, es noch lange nicht richtig ist. Wie „Ernährungstipps für Morbus Crohn“ – die meiner Meinung nach unter Körperverletzung fallen. Oder „psychotherapeutische Krebsbehandlung“ nach Hamer. Oder, um bei aktuellen Beispielen zu bleiben: Die Bilder, die vom Taksim-Platz in der Türkei gesendet werden: Sind die echt oder nicht? Sind die verbreiteten Informationen korrekt oder nicht?

Medienerziehung ist auch die Erziehung zu kritischem Hinterfragen von Informationen, egal aus welchem Medium sie bekommt: Sei es Printmedien, Online-Medien oder von mir aus auch Tontäfelchen. Der Reflex, einfach das zu glauben, was man liest, weil es ja geschrieben steht, muss ersetzt werden durch die automatische Frage: „Ist das logisch, was der Autor da schreibt?“ möglicherweise ergänzt noch durch die Frage: „Welche Intention hat der Autor eigentlich?“

Und ganz wichtig: Der Unterricht, wie man die Unmengen von Informationen, die jeden Tag auf einen einprasseln, überhaupt filtert.

Und hier hat man auf weiter Flur leider…nichts oder nicht viel. Es gibt einige Ausnahmeschulen, aber EDV-Unterricht beschränkt sich leider immer noch auf Programmieren, ein bisschen Hardwarekunde und das wars. Das, was die Lebensrealität der Kinder ausmacht, wird einfach nicht richtig wahrgenommen oder als „Unfug“ abgetan.

Aber solange die Situation so ist wie sie ist, sehe ich keinen Grund darin, Informatik zu einem Hauptfach zu erheben. Ändert die Curricula – und DANN machts zu einem Hauptfach.

Veröffentlicht am 5. Juni 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 27 Kommentare.

  1. Unabhängig davon, ob der Umgang mit Office, Programmierung oder „schalte den privaten Modus beim Porn gucken an“ gelehrt wird. Die Qualität des Unterrichts ist entscheidend. Und da muss man ran.
    Und ja, auch Programmierung sollte mal gezeigt werden. Woher sollen die Jugendlichen wissen, ob ihnen das liegt, wenn es nie gezeigt wurde. Vielleicht wäre meine Friseuse eine bessere Progammierin, wenn sie es im Unterricht gehabt hätte.
    btw, Cobol als totes Wissen zu beschreiben halte ich für grundlegend falsch.
    Zum einen: Kennste einen, kennste alle. Zwar sehr vereinfacht, aber wenn du eine Sprache kannst, lernen sich weitere sehr viel schneller und einfacher.
    Zum anderen: http://heise.de/-1821976 – Cobol ist wie SAP… das wird man die nächsten 50 Jahre noch brauchen.

  2. *Kopfkratz*
    Hmm ich denke mal Du solltest zwischen EDV, Informatik und Medienkompetenz klar unterscheiden.
    EDV ist nicht Programmieren, sondern der aktuelle Einsatz von IT-Infrastruktur für eine bestimmte Aufgabe, ob Newsticker, Kundenverwaltung oder FiBu usw. usf.
    Informatik ist die Lehre über Datenverarbeitung, dazu gehört auch Programmieren aber es geht ja wesentlich tiefer wenn ich z.B. an Compilerbau denke usw. usf.
    Ein Informatiker kann wesentlich mehr als ein Programmierer, auch wenn das gerade in Wirtschaftskreisen genau umgekehrt gesehen wird😦
    Und Dinge grundsätzlich zu hinterfragen sollte das A und O der Erziehung allgemein sein, also schon vom Elternhaus her !
    Medienkompetenz geht mit Hinterfragen Hand in Hand sind aber trotzdem zwei Dinge !
    Das es um unsere Wirrköpfe in der Politik nicht besonders bestellt ist kann man an diesem Rand schön erkennen:
    http://alarmknopf.wordpress.com/2013/05/30/revolution-abgeschlossen-schule-wird-rebootet/
    Und NEIN Informatik ist KEINE Untermenge der Mathematik *grummel*
    So und nu ’nen kaltes Bierchen😉

  3. Cobol und totes Wissen? Laut IBM:
    Laut IBM gibts zur zeit mehr als 200 Milliarden Zeilen Cobol in Unternehmen, und die müssen gewartet und angepast werden

  4. ein anderer Stefan

    Grundsätzlich sollte eine Schulbildung eigenes, kritisches Denken ermöglichen. Dazu gehört heute auch der Umgang mit Medien aller Art. Das gehört eher in die Gesellschaftsfächer als in die Naturwissenschaften, allerdings ist die strikte Trennung nach Fächern auch ein Konzept von gestern – zum einen ist das Wissen vernetzt, zum anderen werden die Fächer in ihren Minibiotopen allmählich zu Museumsstücken.

    Wenn ich einen Artikel über die Aufstände in der Türkei lese, muss ich für ein volles Verständnis erstens die Sprache des Artikels gut beherrschen. Dann brauche ich Geographie, Geschichte, Sozialwissenschaften, Politik, Religion. Für Hintergrundinformationen (war es nun Agent Orange?) brauche ich Chemie, Physik, Biologie. Mathematik steckt sowieso mit drin. Wenn ich wirklich die aktuellen Geschehnisse verfolgen und vor allem verstehen will, brauche ich eine umfassende Schulbildung, die ineinandergreift. Dann muss ich noch in der Lage sein, die Informationen kritisch zu analysieren. Dieses eigentlich simple Beispiel zeigt, wie komplex und vernetzt unsere Welt eigentlich ist. Den Kindern das Rüstzeug für dieses Verständnis zu geben, sollte Aufgabe der Schule sein – aber die Zeit wird mit Grabenkriegen um die Schulform verplempert, Geld wird lieber für Drohnen und Überwachungskameras ausgegeben.

    Ich hör jetzt lieber auf, sonst rege ich mich nur auf…

  5. Mist, finde grad den Artikel nicht mehr … aber IIRC ging es darum, den Informatikunterricht als Pflichtfach aus dem naturwissenschaftlich/technischen Profil zu streichen.

    Und da muss ich mal klar sagen: Zu einer naturwissenschaftlichen und technischen Schullaufbahn gehört es IMHO dazu, dass man auch programmieren können muss. Wer sich da eher in Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften vertiefen möchte, da geb ich Dir Recht. Da muss man wirkilch nicht programmieren können …

    • Lochkartenstanzer

      Ich würde eher sagen, daß man progammieren nciht unbedingt können muß (dazu braucht man viele Jahre Erfahrung), sondern das verständnis braucht, wie man programmiert, dazu sowohl Cobol als auch Fortran besser geeignet als „HTML-Programmierung“.

      • *HUST*
        HTML ist eine Seitenbeschreibungssprache da gibt es nichts was man programmieren kann !
        Und es gibt mehrere Arten von Programmiersprachen:
        logische z.B. LISP oder PROLOG
        imperative z.B. COBOL, PASCAL, C
        Programmierparadigmen können die beiden dann noch kombineren bzw. wie z.B. SQL als Abfragesprache implementieren.
        Reine Beschreibungssprachen wie HTML oder Postscript oder SVN haben i.d.R. keine Kontrollstrukturen, weshalb ja im WWW JavaScript, Flash und PHP für dynamische Inhalte genommen werden.

  6. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich so hinter diesem Blogpost stehen könnte.

    Gerade in der heutigen Computertechnik (um nun nicht EDV, Informatik oder sonst einen Quark zu sagen – der vage Überbegriff ist bewusst gewählt) ist die wichtigste Fähigkeit, Google korrekt bedienen zu können und zu wissen, wonach man sucht und woran man erkennt, dass man die richtige Antwort gefunden hat. Kritisches Hinterfragen ist eine Sache, die meiner Meinung nach nicht in einen Computertechnik-Unterricht gehört.
    Generell finde ich nur wenige Sachen, wo ich sagen würde: „Das ist für alle Menschen wichtig und gehört in einen solchen Unterricht.“ Bedienung einer Tastatur, Nutzung von Google, Erkennung von Social Media-Gefahren … Das wars, mehr oder weniger. Vielleicht noch die Bedienung von Microsofts Office-Paket. Das wäre Stoff für höchstens zwei oder drei Jahre.
    Gerade Programmieren ist etwas, was mMn nicht in einer normalen Schule gelehrt werden muss.

    • Lochkartenstanzer

      Mich würde Microsofts Office-Paket außen vor lassen,. Das fixiert die Leute „alternativlos“ auf MS-Produkte. Ich würde eher die Konzepte „Textverarbeitung“ oder „Tabellenkalkulation“ am Beispiel mehrere Produkte, z.B. ooCalc und gnumeric oder Abiword und ooWriter angewendet sehen. Ansonsten kommen da Unterrichtsstunden wie die Anleitungen zu MS-Word und Excel auf Youtube raus.

      lks

      • Zumindest in Bayern wird so unterrichtet, halten sich alle an den Lehrplan – es geht nicht um Anwendungs- sondern um Konzeptwissen.

  7. Ich weiß leider nicht mehr, wo (in welchem Blog) ich drauf gestoßen wurde, Aber das hab´ ich mir vor ein paar tagen angeschaut: http://www.youtube.com/watch?v=WEX-lolGPyM
    Ich finde diesen Typen zwar nicht übermäßig sympathisch. Aber in vielen Dingen hat er (P)Recht.

    Gruß,

    Matti

  8. Dass gerade ich an dieser Stelle die Finger nicht ruhig halten kann, ist doch wohl klar, oder?😉

    Zunächst musst du zwischen
    – Informatik und
    – Medienpädagogik
    unterscheiden. Und Informatik ist NICHT, wenn ich Kindern und Jugendlichen beibringe, auf welchen Knopf ich bei Word 2010 drücken muss, damit mein Text fett wird. Das ist eine Anwenderschulung, die man in der Informatikdidaktik nicht als Informatikunterricht versteht.
    Medienpädagogik kümmert sich darum, wie man verschiedene Medien – und zu Medien gehört auch der Computer mit den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten – in den Unterricht integrieren kann: Sei es, dass man Programme wie GeoGebra im Matheunterricht nutzt oder die Schüler lernen, nach Lerninhalten kompetent zu recherchieren und die Ergebnisse dann auch zu bewerten und zu interpretieren. Und das kann auch in allen anderen Fächern stattfinden – wenn die Lehrer selbst dazu kompetent und ausgebildet sind. Nicht umsonst werden zum Beispiel viele interaktive Whiteboards als teure Beamerprojektionsflächen verwendet, obwohl man damit viel mehr machen könnte – wenn man sich auskennt. Auch das ist Medienpädagogik, damit vernünftig umgehen zu können.

    Was macht aber Informatik in der Schule aus? Wie ist da die Situation in Deutschland?

    Ein Fachdidaktiker meinte mal, Deutschland hätte ein hexadezimales Schulsystem. Leider hat er Recht. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, G8, G9, Hauptschulen ja, Mittelschulen statt Hauptschulen, 2-gliedrig, 3-gliedrig, Gesamtschulen, Berufsoberschulen, Berufskollegs, …. Das zusammenzustellen hat mal nur für das Fach Informatik für eine Abschlussarbeit/Diplomarbeit gereicht.

    Aber zum Thema Informatikunterricht. Im Moment haben (bezogen aufs Gymnasium) tatsächlich nur Bayern, Sachsen und Meck-Pom. ein Pflichtfach Informatik in irgendeiner Form. Bei den anderen gibt es Informatik nur als Wahlpflichtfach oder sogar nur als Wahlfach/AG. Und wann der Informatikunterricht das erste Mal stattfindet, ist auch sehr unterschiedlich. Da gibt es von ITG (informatisch-technische Grundbildung) in der 5./6. Klasse (in der Regel eine bessere Anwenderschulung, leider) oder NTG (Natur und Technik) in der 6./7. Klasse auch Modelle, bei denen erst in der Oberstufe die ersten Wahlkurse vorgesehen sind. Wenn’s interessiert, könnte ich das Ganze auch im Detail heraussuchen.
    Im Moment kenne ich nur die Verhältnisse in Bayern und NRW einigermaßen fundiert, so dass ich nur darüber etwas sagen kann.

    Fangen wir mal in Bayern an.
    In Bayern ist in der Hauptschule die Informatik größtenteils in den Bereich Medienerziehung und Anwendungsschulung gewandert und wird im Rahmen des allgemeinen Unterrichts vermittelt. Informatik selbst, bei der es hauptsächlich um technische Informatik geht (Aufbau von Informatiksystemen, Aufbau von Betriebssystemen etc.), ist Wahlpflichtfach. Ich höre gerade die Aufschreie?!
    Nein, es geht nicht darum, zu lernen, wo ich bei Windows Version Irgendwas eine bestimmte Einstellung bekomme oder ähnliches.
    Es geht dabei darum, zu verstehen, wie ein Betriebssystem allgemein aufgebaut ist, welche Aufgaben es hat, und wie es prinzipiell funktioniert. Natürlich habe ich dann ein Referenzsystem, an dem ich das Ganze anschauen kann, aber da ist es egal, was ich nehme. Es geht ums Prinzip – und das bleibt bestehen, das ist Wissen, das nicht so schnell obsolet wird.
    Gerade in der Hauptschule ist ein gewisses Maß an Anwenderschulung in jedem Fall sinnvoll – mit zumindest grundlegenden Kenntnissen in Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentation (am besten noch mit dem unsäglichen ECDL lizensiert *grusel*) bewirbt es sich einfach besser. Pragmatismus.

    Realschule. Die haben in Bayern nicht mehr Informatik, sondern sogenannte Informationstechnologie, da ist auch das Technisch Zeichnen und Tastschreiben mit integriert worden.
    Es gibt 8 Grundmodule, die alle Schüler meist in der 6. und 7. Klasse haben, egal welche Vertiefungsrichtung. Da geht es um Anwendung von Software (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Informationsbearbeitung und -präsentation, Bildbearbeitung), Prinzipien der Datenverarbeitung und Grundbegriffe der Objektorientierung. Letzteres wird im Wesentlichen über Vektorgrafiken mit spezieller Lernsoftware (zum Beispiel ObjectDraw oder EOS) vermittelt, es geht also nicht um Programmierung an sich, sondern um die Modellierung und Darstellung von Objekten und Objektbeziehungen (enthält, besteht) – man schult also das logische Denken.
    Danach gibt es verschiedene Vertiefungsmodule, die je nach Richtung und Wahlpflichtfächergruppe unterschiedlich sein können, teilweise als Pflicht-, teilweise als Wahlmodule. Ich habe jetzt mal die Schlagworte dazu aus dem Lehrplan (wen es im Detail interessiert: http://www.isb.bayern.de/realschule/faecher/mathematik-naturwissenschaften/informationstechnologie/) kopiert:
    Modulblock B: Alphanumerische Daten (2 Module)
    Modulblock C: Numerische Daten (2 Module)
    Modulblock D: Datenmodellierung (2 Module)
    Modulblock E: Computergestützte Konstruktion (6 Module)
    Modulblock F: Computersysteme und Datennetze (2 Module)
    Modulblock G: Objekte und Abläufe (2 Module)
    Modulblock H: Simulation – Messen, Steuern und Regeln (2 Module)
    Modulblock I: Multimedia (5 Module)

    So, und dann sind wir beim Gymnasium angelangt.
    Der gymnasiale Lehrplan ist sehr objektorientierungslastig (ein Kritikpunkt an ihm) und enthält in der 5., 6. und 7. Klasse das Fach „Natur und Technik“, das aus Biologie, Physik, „propädeutischer Chemie“ und Informatik besteht. Dort werden die Grundlagen der Anwendung von Informatiksystemen vermittelt – aber so, dass die Schüler ein allgemeines Verständnis erwerben. Das heißt, es geht zum Beispiel um Darstellung von Informationen in verschiedener Form. Auch wird die Verwendung von zum Beispiel Textverarbeitung nicht als Anwenderschulung konzipiert, sondern die Kinder sollen *begreifen*, wie die grundlegende Struktur ist: Das Objekt „Dokument“ enthält unter anderem Objekte vom Typ Absatz, dieser enthält wieder Objekte vom Typ Zeichen, alle Objekte haben Attribute (Schriftart, Ausrichtung, …), deren Werte man ändern kann. So sollen die Kinder die Konzepte verstehen und lernen, sie anzuwenden und zu analysieren. Ziel ist, langfristiges, übertragbares Wissen zu erwerben. Außerdem werden in der 7. Klasse das erste Mal Algorithmen eingeführt. Es geht dabei nicht darum, möglichst komplexe Programme zu schreiben, sondern zu lernen, strukturiert zu denken und ebenso dies umzusetzen. Daher verwendet man dafür Karol, den Roboter, Automaten-Kara, eventuell auch Scratch, Lego Mindstorms mit NXT-G oder ähnliches. Es gibt hier inzwischen sehr viele gute Tools, die es den Kindern ermöglichen, zu lernen algorithmisch zu denken, ohne mit den Problemen einer textorientierten Programmiersprache (wie Java, Python, C#…) belastet zu werden.
    Um zu entscheiden, was unterrichtet werden soll, kann man die Bildungsstandards der GI (Gesellschaft für Informatik) zu Rate ziehen – sie beschreiben, welche Kompetenzen im inhaltlich und im Prozessbereich die Schüler in der Sek I erreichen sollten – unabhängig vom Bundesland (http://www.gi.de/fileadmin/redaktion/empfehlungen/Bildungsstandards_2008.pdf) oder Schultyp. Die Standards umfassen Inhalte, die eben nicht kurzlebig oder produktbezogen sind, sondern die Grundsätze der Informatik verdeutlichen.
    Ein anderer Set von Auswahlkriterien sind die Fundamentalen Ideen der Informatik (z.B. http://ddi.cs.uni-potsdam.de/didaktik/Lehre/ADP1/Skriptum/kap6.pdf), die ebenso versuchen, den Lehrern zu helfen, sinnvolle Inhalte für den Informatikunterricht auszuwählen.
    Aber zurück zum Lehrplan.
    Leider ist Informatik nur im Naturwissenschaftlich-technischen-Gymnasium Pflichtfach. Ab der 9. Klasse werden die Grundlagen von Datenbankmodellierung, Objektorientierter Modellierung (auch als Programmierung in Java umgesetzt – oft mit BlueJ oder Greenfoot implementiert), Grundlagen von Rechnernetzen sowie Automaten- und Sprachentheorie vermittelt. Wie man sieht, soll das Ganze weder ein Hardwarebastelkurs noch ein Programmierkurs werden, sondern die Schüler lernen viele Aspekte der Informatik kennen und lernen dabei algorithmisch zu denken (auch im Alltag muss man Sortieren oder Suchen – da ist doch auch naheliegend, sich verschiedene Verfahren mal anzugucken; und auch wenn wir es nur verwenden – ist doch spannend an Hand einfacher Graphentheorie zu erfahren, wie das Navi tickt und warum es auch mal in die Sackgasse lotst!), lernen mathematische Verfahren kennen (Zumindest grundlegend zu wissen, wie Kryptotechnologie funktioniert, wo die Grenzen und Gefahren sind, ist auch für weniger Informatik-affine Schüler meist sehr interessant; Grammatiken und Sprachen helfen zu verstehen, warum Programmiersprachen so sind, wie sie sind – und warum Systeme, die komplexe natürlichsprachliche Anweisungen verstehen, nicht nur aufwendig, sondern fast unmöglich sind) und sollen üben, strukturiert zu denken, Modelle zu bilden und diese umzusetzen.
    Und ich habe heute einen Unterrichtsbesuch bei einer 10. Klasse gemacht – und die war sehr spannend für die Schüler, obwohl man keinen Moment einen PC benötigte, lediglich ein paar Legosteine waren nötig, damit sich die Schüler selbst Grundlagen des Binärsystems erarbeiten konnten. Allgemein ist es ein Mythos, dass Informatikunterricht immer mit PCs stattfinden muss. Es gibt zum Beispiel jedes Jahr den Informatik-Biber (http://informatik-biber.de/), einen Schülerwettbewerb in Informatik, bei dem es um logisches und algorithmisches Denken geht – nicht um Programmierung. Wer sich mal mit Informatik ohne Computer beschäftigen will – hier zwei tolle Quellen:
    – Computer Science unplugged: http://csunplugged.org/
    – Computer Science for fun: http://www.cs4fn.org/
    Have fun…😉

    So, verlassen wir mal Bayern und wechseln wir mal nach NRW, eines der Bundesländer, bei denen Informatik nur ein Wahlpflichtfach ist.
    In der Sekundarstufe I – also 5. Bis 9. Klasse – gibt es nur eine uralte Empfehlung, die genau die häufig geäußerten Vorurteile untermauern kann… Pascal, viel technische Informatik, viel reine Anwenderschulung. Damit macht sich jeder die Welt, wie sie ihm gefällt… ähm … jede Schule hat sich ein Schulcurriculum erstellt, das auch und vor allem den Geschmack oder auch das Wissen der Lehrer, die es unterrichten widerspiegelt.
    Ähnlich sieht es im Moment noch mit dem Lehrplan der Sekundarstufe II, also der 10. bis 12. Klasse, aus. Der gehört ins Lehrplanmuseum – mit Veröffentlichung 1999 ist das deutschlandweit der älteste. Lustigerweise gibt es ja seit ein paar Jahren das Zentralabitur, und *dafür* gibt es Abiturvorgaben, die verdächtig ähnlich dem bayrischen Lehrplan sind – und daher seit einiger Zeit als (un-)heimlicher Lehrplan fungieren.
    Aber – die Welt wird besser. Ein neuer Lehrplan, der auch als Entwurf schon einsehbar ist (http://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/GOSt_Informatik_2013-04-29_Verbaendebeteiligung.pdf), wird hoffentlich im neuen Jahr kommen – und dieser befolgt – nur auf Level der Sekundarstufe II – die Bildungsstandards der GI. Ich freu mich drauf. Mal gucken🙂
    Ein Problem wird es aber geben: Da dies ein kompetenzorientierter, outputorientierter Lehrplan ist, kann man den nicht sofort in Unterricht umsetzen – ein Teil der curricularen Arbeit wird damit an die Schulen und Lehrer gegeben – eine Chance, aber für manche Lehrer und Schulen sicher auch ein Problem… Ich lass mich überraschen, wie er angenommen wird.
    Zu Realschulen kann ich in NRW leider noch nichts sagen, daher passe ich an dieser Stelle.

    Weil Tantchen die Ausstattung angesprochen hat:

    Zumindest in den Gymnasien habe ich in beiden Bundesländern mindestens passable, oft sogar gute bis sehr gute Ausstattung vorgefunden.
    Ein Problem in Bayern ist aber, dass die Administration in der Regel den Lehrern aufgebürdet wird – als Gegenleistung gibt es Anrechnungsstunden, die hinten und vorne nicht reichen. Ein großes Maß an Engagement und Herzblut gehört also immer dazu. Diese Regelung ist historisch gewachsen: Der Physiklehrer passt auf seine Versuchsaufbauten auf, der Biolehrer entstaubt regelmäßig seine ausgestopften Viecher, der Chemiker bewacht seine Chemikalien – dann kann doch der Informatiklehrer auch auf seine Rechner achten. Ist doch keine Arbeit, oder?
    In manchen Städten gibt es städtische Ausgründungen als IT-Service, die sich um die Rechnerausstattung kümmern sollen – wenn aber zwei oder drei Personen dieses Unternehmens mehrere Gymnasien, mehrere Realschulen und am besten noch ein paar Berufsschulen betreuen sollen, dann ist die Dauer, bis ein Problem behoben ist, leider sehr lang – und die Lehrkräfte müssen doch selbst ran, um zumindest arbeitsfähig zu bleiben, das kann nicht so sein.
    In NRW kann ich hier nur für einen kleinen Bereich sprechen – in unserem Bezirk gibt es auch so eine Ausgründung, die scheint aber nach Aussagen der Lehrer noch passable Reaktionszeiten zu haben, so dass die Lehrkräfte kaum ran müssen. Wobei auch hier die Empfehlungen der GI (http://www.gi.de/fileadmin/redaktion/empfehlungen/empf-rechner-schule.pdf) noch lange nicht erfüllt sind.

    So, ich hoffe, zumindest ein Schlaglicht auf Informatik und Schule geworfen zu haben – dass ich für ein Schulfach Informatik plädiere – das dürfte wohl jedem aufgefallen sein…😉

    • Jui. Muss ich morgen mal genauer durchlesen.🙂

      • ich hab doch gesagt, das wird was längeres…😉 … und trotzdem nur die Kurzform…

        • Apropos, sas Thema Lehrerausbildung wäre dann noch mal ein Kapitel gleicher Größe wert.

          • Jau. Allerdings.
            Wobei.
            Welche Ausbildung?😛

            • *seufz* Vielleicht fällt ja simop noch was dazu ein…

            • Ich sehe, dass sich seit damals™, als ich Informatik in der Schule hatte, einiges getan hat, aber leider nicht überall.
              Ich persönlich erachte eine Schulung im Sinne der „Medienkompetenz“ für alle für wichtig, so wie das Lesen und Rechnen; das muss man aber nicht unbedingt in einem separaten Unterrichtsfach lehren, denn den Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln, seien es PC, Notebook, Tablet oder Smartphone sollte jeder zumindest im Ansatz beherrschen und insbesondere auch in anderen Fächern nutzen können. Außerdem scheint es immer wichtiger zu werden, den Kinnings beizubringen, was mit ihren Daten geschieht oder geschehen kann, wie sie gebraucht oder missbraucht werden (können).
              Da es in Deutschland immer noch so ist, dass die Bildung Ländersache ist und die Etats für Bildung nicht so sind, wie sie sein sollten, nämlich ausreichend hoch, werden wir noch längere Zeit auf ausreichende Ausstattung und einheitliche Inhalte verzichten müssen.
              Dass man das Unterrichtkonzept heutiger allgemeinbildender Schulen überdenken sollte, hatte ich an anderer Stelle schonmal gepostet; dann könnte sich das mit dem „auf seine Computer achten“ nämlich erledigen.

              • „auf seine Computer achten“ war insofern ironisch gemeint, als dass einem Schuladmin – mal von absichtlichem Vandalismus, der aber nur vereinzelt vorkommt, abgesehen – unterstellt wird, dass die Netze doch mehr oder weniger alleine laufen – und sich die Administrationsaufgaben mit Tastaturputzen und Druckerpapier einlegen erschöpfen.
                Jeder, der schon mal 100 oder mehr Rechner am Laufen hielt, weiß aber, dass da viel mehr Arbeit ist, die aber denen im Ministerium, die diese Regelungen getroffen haben, nicht bewusst sind.
                Also – die passen doch eh nur auf ihre Rechner auf…

              • Immerhin gibt es bei uns nächste Woche einen Elternabend und einen Projekttag zum Thema „Datenschutz in der Schule“ für die 5.-8.Klasse (Gym): wie verhalte ich mich im Internet, was kann mit meinen Daten passieren, Cybermobbing usw.,

  9. Simop – super Darstellung. So wie für Bayern geschildert sollte es idealerweise überall sein.
    Meinem Großen hat es im Mathestudium das Genick gebrochen, dass er im Prinzip keine Ahnung von Informatik hatte. Mein Kleiner (6.Klasse) macht seit der 5.Klasse in der AG Informatik mit und findet das „Programmieren mit Befehlen“ toll. Es ist aber alles auch nur Stückwerk, keine richtige Strategie des Lehrers.*Seufz*

    Eigentlich müsste der PC (oder egal, welches Gerät) als Werkzeug erklärt werden, was die Grundlagen sind und worauf man achten muss. Das fehlt leider meist…

    • Das ist schade.😦
      Darf ich nach dem Bundesland fragen?

      • Brandenburg.
        Bei meinem Großen musste er sich in der Abiturstufe im MINT-Bereich – Bio/Ph,Ch,Informatik entscheiden für zwei von vier Fächern, da hatte er auf Informatik verzichtet, weil ihm Bio/Ch/Ph interessanter erschien…jetzt macht er eine medizinische Ausbildung und ist glücklich😉

        • Immerhin hat es bei deinem Großen noch geklappt🙂 Gut so…🙂 Brandenburg hat glaube ich auch nur Wahlpflichtfach Informatik… Und den Lehrplan … mal gucken…

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