Türkei II – Außenpolitische Gründe


Wir kennen die Türkei als Urlaubsland. Party in Antalya, weißer Strand, tolle Ruinen und Geschichte pur. Die Türkei ist ein wunderschönes Land und die Türken selbst sind gastfreundlich und offen. So habe ich die Türkei kennengelernt.

Doch die Türkei hatte und hat auch nach wie vor eine andere Seite.

Was mir bei meinem Besuch in der Türkei auffiel, war die immense Bewaffnung der Polizei dort. Die Männer waren ausnahmslos sehr freundlich und hilfsbereit, nichtsdestotrotz waren sie bedrohlich. Vor allem für eine Deutsche, die als einzige Waffe gerade mal eine Wasserpistole kannte. Wachen mit Maschinengewehren direkt vor der Polizeistation. Man hat dann doch deutlich ein mulmiges Gefühl, wenn man in die Station rein muss.

Zum damaligen Zeitpunkt (es war 1990) war die PKK noch sehr aktiv, also war die Bewaffnung verständlich, es kam immer wieder zu Übergriffen auf Behörden. Aber für mich war das eine ziemlich Zäsur.

Doch das zeigt, dass die Türkei eigentlich schon sehr lange nicht wirklich friedlich ist. Der kurdische Aufstand, die Nachbarländer, die sich immer wieder an der türkischen Macht gerieben haben. Denn die Türkei ist auch in der Region ein sehr großer Machtfaktor mit einem sehr politischen und aktiven Militär.

Machen wir einen kleinen Sprung in die Gegenwart. In Syrien tobt ein Bürgerkrieg, Assad führt Krieg gegen sein eigenes Volk. Und mitten in diesem Bürgerkrieg fliegen Granaten auf türkische Grenzstädte und explodieren Autobomben in Stadtzentren. Und alles guckt automatisch zu Assad und fragt ihn, was er sich wohl dabei gedacht hat. Und dann kamen die ersten Gerüchte auf, dass Assad Kampfgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzen würde.

Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, als ich die Bomben fliegen sah, war: Wem nutzt es? Assad hat einen Bürgerkrieg im eigenen Land. Und anders als Gaddafi macht er durchaus den Eindruck, als wäre er noch Herr seiner Sinne (ganz ehrlich: Gaddafi war am Ende völlig wahnsinnig, da war kein Funken Verstand mehr in dem Mann). Aber würde jemand, der noch alle Sinne beisammen hat UND einen Bürgerkrieg vor der eigenen Haustür, wirklich Bomben und Granaten auf ein unbeteiligtes Land werfen? Und würde er wirklich Giftgas auf seine eigenen Leute werfen?

Die Antwort kann hier nur lauten: Nein, würde er nicht.

Doch wer hätte zu gewinnen, wenn die Türkei in den Konflikt eingreifen würde? Wenn sie auf die Provokationen reagiert und in Syrien einmarschiert? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Rebellen. Sie sind die einzigen, die einen Vorteil davon hätten, wenn die Türkei einmarschiert. Und daher hat es mich jetzt auch nicht sehr gewundert, dass Rebellen mit Sarin-Gasgranaten in der Türkei aufgegriffen wurden.

Und an der Stelle hat Erdogan richtig reagiert. Er hat das Militär NICHT in Bewegung gesetzt und auf die Provokationen NICHT reagiert. Hätte das Militär an der Stelle das Sagen gehabt, ich glaube, die wären in Syrien einmarschiert und hätten die ganze Region damit erst richtig angeheizt.

Die Rebellen haben also mit ihren Provokationen wenig Erfolg gehabt, im Gegenteil, sie stehen jetzt als Kriegstreiber da und haben sich offiziell ins Unrecht gesetzt. Und sich damit zu einem großen Teil ihrer Legitimation beraubt.

Während das an der Oberfläche kalt und analytisch klingt, muss man sich vor Augen halten, wie die Menschen in der Türkei, gerade in den grenznahen Gebieten leben mussten. Die Türkei hat selbst einen großen Teil der syrischen Flüchtlinge aufgenommen. Städte, die darauf nicht vorbereitet waren, brachen unter der Last dieser Menschen zusammen. Die eilig aufgebauten Flüchtlingslager waren eine humanitäre, hygienische und logistische Katastrophe. Insgesamt sind Schätzungen zufolge ungefähr 1 – 1,5 Mio. Menschen in Syrien auf der Flucht. Die meisten flüchten in ruhigere Gebiete in Syrien selbst, aber grenznah lebende Menschen gehen den offensichtlichsten Weg. Und so muss Jordanien gerade mit einer dreiviertel  Million fertig werden und die Türkei mit ener Viertelmillion.

An dieser Stelle möchte ich noch mal auf das großzügige Angebot der deutschen Regierung aufmerksam machen, syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen. Sofern sie über die richtige Religion verfügen. Christen haben Vorrang. 5.000 sollen bis Herbst aufgenommen werden, ganz altruistisch, man hilft doch gerne. Die EU stützt uns in unseren heroischen Anstrengungen, das Leid der Menschen zu mildern und überweist nach überschwänglichem Lob dann auch fix Geld, damit uns die Flüchtlingswelle nicht ausblutet.

Ja, in erster Linie müssen die Leute vor Ort versorgt werden – doch das wird gerne dazu genommen, um nichts zu tun. Wir KÖNNEN mehr – wir können da mehr leisten und sollten das auch.

An dieser Stelle sitze ich übrigens schamrot vor dem Rechner.

Man hat die Türken also mit dem Flüchtlingsproblem und der ganzen Chose drumherum mal so ziemlich allein gelassen. Die Leute vor Ort mussten damit rechnen, dass ihnen jedes geparkte Auto ohne weiteres um die Ohren fliegen kann, Granaten schossen ein und nach dem, was ich mitbekommen habe, hat sich die türkische Presse in erster Linie auf Assad als Täter eingeschossen.

Und aus der Sicht der türkischen Bevölkerung hat sich Erdogan geweigert, militärisch auf die Provokationen durch Assad zu antworten und mal im Nachbarland einzumarschieren und für Ruhe zu sorgen und die eigene Bevölkerung zu schützen.

Hier hatte sich in den vergangenen Monaten eine immense Wut aufgebaut, die nur eines Auslösers bedurfte, um auszubrechen.

– Teil 2  folgt –

Veröffentlicht am 1. Juni 2013, in Nachdenkliches, politisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Tantchen, ich hab nicht weiter gelesen, die ersten Sätze genügen mir: Du „kannst“ „die Türkei“ aus der Sicht einer Urlauberin
    .. na ja, so argumentieren auch „Ballermänner“, wenn es um Kanntnis spanischer Verhältnisse geht.
    Sorry für die „Watschen“, sie ist ernst gemeint – mit viel, viel Wohlwollen.
    Grüße
    Hajo

    • Lies weiter. Ich habe die Türkei *NICHT* aus der Sicht einer Urlauberin geschildert. Ganz sicher nicht.

  2. ich zitiere mal:
    „Die Männer waren ausnahmslos sehr freundlich und hilfsbereit, nichtsdestotrotz waren sie bedrohlich.“
    sorry, liebes Tantchen,
    1. was können „die“ für Dein „Empfinden“, was heisst „nichtsdestotrotz“? waren sie’s oder nicht?
    2. was Anderes erwartest Du? Möchtest Du eine OBJEKTIVE Analyse der Situation im Land? Oder wünschst Du vielleicht eine „politcel correct“ Aktio/Reactio im Lande?
    Was ist mit der Eigenverantwortung des geneigten Urlaubers (mw) ?
    oder mit der Verantwortung?
    .. oder mit den Bewohnern der betreffenden/betroffenen Ländern?

    nää, das Alles ist zu kurz gesprungen und geht doch in die Richtung des Alles-Besser-Wissers (auch hier wieder ausdrücklich m/w).

    Sorry, aber ich bin auch in diesen Ländern gewesen, um hier alles in den durch Unkenntnis der Zusammenhänge in den Dreck ziehen zu lassen.
    Sch.., ich hasse solche „Diskussionen“!!!

    Und bitte vergess nicht, das wir uns hier in unserer ach so gelobten Republik im Paradies befinden
    .. sind wir nicht? ach!!!

    • 1. wenn einer mit einer Maschinenpistole in Vorhalte vor mir steht, fühle ich mich bedroht. Das ganz objektiv. Da kann der noch so freundlich sein. Is wie bei Hunden: „Der will nur spielen“ – sicheres Zeichen, dass man sich jetzt besser totstellt.

      2. sorry, aber: Häh? *g*

      Eigenverantwortung des Urlaubers hat damit wenig zu tun und das ist auch nicht das Thema vom Blogeintrag? Verantwortung ebenso? Es geht nicht um Urlaub. Oo

      Der Blogeintrag ging *rein* darum, mal aufzuzeigen, warum das da gerade so explodiert ist und wie sehr Erdogan die Türkei in ihrem Inneren gespalten hat. Das mit dem Urlaubsland, an dem du dich so festbeißt und mit dem Urlaub, war lediglich ein Einstieg, aber nicht das Thema. Und ganz sicher nicht die Erzählposition.

      Bitte lies nochmal, und diesmal nicht mit dem Vorurteil: „Ach da ist wieder ein Urlauber, der den Leuten das Land erklären will“ sondern von *meiner* Warte aus: Der eines Beobachters, der sich aus verschiedenen Quellen (nicht nur TUI) informiert hat und versucht hat, diese Quellen in eine Linie zu bringen und für die Leute, die nicht damit gearbeitet haben, zu erklären.

      Denn für viele kam dieser Gewaltausbruch in der Türkei wirklich völlig überraschend. Selbst viele Türken haben nicht begriffen, was da eigentlich abging. Das hier war nur der Versuch, die verschiedenen Ursachen in eine Reihe zu bringen.

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