Über die Erreichbarkeit


Eins der neuen Dinge ist ja, dass wir überall und zu jeder Zeit erreichbar sind.

Telefon war gestern, heute ist What’s App, SMS, Twitter, Facebook, Email (fast schon „outdated“), Skype…überall ist man erreichbar. Immer gibt es eine Schnittstelle, wo man gefunden wird.

Fotos sind einfach gemacht, man kann sie noch einfacher bearbeiten, bei den Social Medias hochladen und der blöden Kuh, die einen geärgert hat, endlich mal so richtig eins auswischen. Noch ein paar anonyme Emails und der Racheplan ist komplett. Die wenigsten Erwachsenen verstehen genau, was sie mit sowas anrichten können – um wieviel weniger verstehen das Kinder. Und am Ende stehen auch immer öfter Suizide wegen Cybermobbings. Und die Mobber müssen im Extremfall damit leben, dass sie jemanden in den  Tod getrieben haben.

Im Grunde genommen sind wir doch alle damit völlig überfordert. Das Benehmen, was wir alle im normalen Leben an den Tag legen – im Web fallen da oft genug alle Hemmungen. Mein Spamfilter gibt gerade wieder hervorragend Auskunft darüber.

Und wie geht man jetzt damit um?

Die Lösung, die das Theodor-Heuss-Gymnasium in Husum gefunden hat, ist die einfachste aller Lösungen – und wie immer, wenn etwas einfach ist, ist es auch nicht gut:

Man verbietet einfach alles, was irgendwie mit Medien zu tun hat. Ignorieren statt unterrichten. Einen geschützten Raum schaffen, nicht beibringen, wie man sich sicher in den verschiedenen Medien bewegt. Und vor allem stellt man die Schüler damit vor riesige Hürden, denn einerseits soll man für Hausaufgaben und Referate im Web recherchieren, aber die Möglichkeit dazu, das auch zu tun, gibt man den Schülern hier nicht. Das ist verordnete Schizophrenie und eine Entscheidung der Angst.

Denn auch Kindern und Jugendlichen (gerade denen) kann man beibringen, was es bedeutet, wenn jemand Opfer von Cybermobbing ist. Gerade denen kann man beibringen, dass man eben nicht alles postet, was einem so in den Kopf kommt. Weil eben auch viel dummes Zeug dabei ist und der Filter „Mund“ nicht vorgeschaltet ist.

Die Tastatur wird als Filter nicht wahrgenommen, das geschriebene Wort nicht als Verbreitungsmittel. Das muss sich ändern.

Ich kann verstehen, dass Eltern, die viel Zeit aufwenden, zu gucken, was ihre Kinder im Web eigentlich machen, von der Vorstellung überfordert sind, dass die lieben Kleinen via Smartphone freien Zugriff auf alle Webseiten haben, die im Kinderzimmer so liebevoll gesperrt wurden.

Es sind Fragen zu stellen, auf die wir Antworten brauchen und diese Fragen müssen offen diskutiert werden.

Einstiegsalter: Ab wann braucht ein Kind ein Smartphone (ich will an der Stelle jetzt nicht hören „Kinder brauchen das nicht“ – das ist die Verbotshaltung des Theodor-Heuss-Gymnasiums)? Ab wann kann oder sollte man einem Kind so ein Teil überlassen?

Und ich glaube, auf diese Frage gibt es keine Antwort, die allgemeingültig ist. Es liegt an den Eltern, zu entscheiden ob und wann ein Kind damit umgehen kann. Aber: Dann müssen die Eltern genau wissen, worüber sie entscheiden.

Und das wissen sie sehr oft eben nicht.

Also wie das lösen?

Ganz einfach: Durch Aufklärung. Durch gezielte Lehrerfortbildungen, durch entsprechend aufbereitete Unterrichtsinhalte und durch die Einbeziehung der Eltern. Ich sehe gerade am Theodor-Heuss-Gymnasium eine sehr aktive Elternschaft. Das kann man nutzen. Dann bietet man eben auch mal Kurse an und erklärt den Eltern „Social Media“. Und erklärt den Eltern, was ihre Kinder da eigentlich machen.

Und erklärt den Eltern, was Cybermobbing ist. Und wo es anfängt – und lange nicht aufhört.

Aber bevor das geschieht, müssen die Lehrer wissen, wovon sie reden. Die Zeiten, wo ein Lehrer ungestraft sagen kann, dass er „mit dem Scheiß“ nix zu tun haben will sind vorbei. Und zwar endgültig. Die Zeiten, wo ein Lehrer sagen konnte, dass er eh „bald in Rente ist“ und er jetzt „sicher nicht auf seine alten Tage noch anfängt, sich mit dem Mist zu beschäftigen“ (das sind Original-Zitate von Lehrern mir gegenüber geäußert) – die sind vorbei. Und zwar für immer.

Wer jetzt noch nicht begriffen hat, was Medien in unserem Leben ausmacht, hat im Schuldienst nichts verloren. Und das auch und gerade, wenn er schon 20 Jahre unterrichtet. Vor 20 Jahren hatten wir 1992 und die Entwicklung, die jetzt in vollem Gange ist und noch lange nicht abgeschlossen, hat damals ihren Anfang genommen.

Es gibt keinen Grund, warum Schulen immer noch Lehrer beschäftigen, die das Verbot von Medien für eine gute Idee halten.

Denn diese Verbote schaffen geschützte Zonen. Die Kinder werden vor dem Leben beschützt anstatt man ihnen zeigt, wie sie in der freien Wildbahn überleben können. Man kann die Entwicklung gut oder schlecht finden – ändern wird man sie nicht mehr. Man kann schimpfen und fluchen und Computer und Smartphones so doof finden wie man will: Man wird sie nicht mehr los.

Es bleibt nur noch die Möglichkeit, sich mit den Dingen zu arrangieren. Und je eher *gerade* die Schulen als Träger der Bildung das begreifen, umso besser ist das.

Aber Verbote sind die schlechteste aller Möglichkeiten. Denn sie lösen nichts. Sie verlagern die Probleme nur auf einen späteren Zeitpunkt und dann sind die jungen Erwachsenen mehr oder weniger schutzlos.

Und wie sich DAS auswirken kann, sieht man perfekt hier: Ein Brief, so dämlich, hohl und unverschämt er auch war, hat dem Mädchen das komplette weitere Leben versaut. Aus der Nummer kommt sie nicht mehr raus.

Man kann sich jetzt gerne auf den Punkt „selbt schuld“ zurückziehen. Aber in dem Fall hat die Bibel ausnahmsweise mal einen sehr guten Spruch gebracht:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie

 

 

Veröffentlicht am 14. Mai 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Hm, wenn ich den Artikel lese – ja, dieses Gymnasium ist über’s Ziel hinausgeschossen. Ich gebe Dir recht, wenn du sagst, dass es auch eine Aufgabe der Schulen sein muss, sog. Medienkompetenz zu vermitteln – und dass es ebenso Aufgabe der Lehrer ist, sich selbst zu informieren, sich fortzubilden und zu lernen, um eben jene Kompetenz den Schülern zugänglich zu machen.

    Was ich aber durchaus nachvollziehen kann ist das Verbot von Handy, MP3-Player und Co in der Schule (gibt es übrigens in Bayern auch). Wie scharf es umgesetzt wird, ist immer wieder unterschiedlich.
    Ein Handy wird im Unterricht nicht benötigt, also kann es auch ausgeschaltet in der Tasche verbleiben. Ebenso ein MP3-Player. Wird das Verbot nicht kontrolliert, piepst und brummt es allenthalben – ich sehe es ja tagtäglich an der Uni. Die Handys liegen auf dem Tisch, es brummt oder „plingt“, eine Nachricht/ein Post/whatever kam – es wird schnell gelesen oder geantwortet. Und sorry – mich nervt das! Und in Schulen wäre es noch schlimmer.
    Dann Pause. Fotohandys (und das sind ja heute fast alle) laden ja ein, mal eben einen Film zu drehen und hochzuladen. Leider wurden schon immer Schüler gemobbt. Aber wären diese Medien in der Schule erlaubt, wird es *noch* einfacher, den im Mülleimer steckenden Klassenkameraden bloßzustellen. Ratzfatz ist das Video dazu hochgeladen. Wollen wir das? Übrigens kann man einen MP3-Player auch wunderbar zum Abschreiben versuchen zu verwenden – Google könnte die Antwort wissen…😉 Man darf sich nur nicht zu dumm dabei anstellen🙂

    Und ja – ohne Frage ist es absolut notwendig, die Kinder und Jugendlichen – und fast noch mehr deren Eltern – im Bereich „Medienkompetenz“ zu unterrichten, anzuleiten, zu sensibilisieren und zu führen. Und es sinnvoll, Regeln zu definieren und deren Einhaltung zu kontrollieren, aber genauso wichtig sind Freiräume, um sich auszuprobieren.

    Nur sind Jugendliche nicht immer vernünftig, jede Generation macht genügend Blödsinn – ein Handy- und MP3-Player-Benutzungs-Verbot *an der SChule* hingegen läuft dem Ganzen nicht zuwider.

    An einer der Schulen, an denen ich unterrichtete, überlegte man auch lange, wie man mit Laptops der Schüler verfahren wolle. Letztendlich wurde es den Schülern ermöglicht, über ein separates WLAN, das aber auch durch einen Contentfilter gefiltert wurde, ins Netz zu gehen. In den Pausen. Natürlich kann man damit nicht allen Missbrauch unterbinden, aber vielleicht ein bißchen kontrollieren.
    Die von dir genannte Schule hat es ganz sicher übertrieben – wohl auch aus Angst, etwas nicht kontrollieren zu können. Aber einige Regeln sind sicher sinnvoll…😉

    • Ich sag ja nicht, dass die Dinger komplett freigegeben werden sollen. Und an Regeln „wann ist gut“ und „wann ist schlecht“ ist nichts falsches.🙂

      Und genau DAS ist es, was etabliert werden muss. Und natürlich machen Kinder Blödsinn. Aber eine geschützte Blase aufzubauen, wo die Kinder *nix* haben und dann, nach der Schule, kriegen die die volle Dröhnung – das hilft auch genau gar nichts.

      Mit Verstand an die Sache gehen und dazu gehört auch, zu wissen, wann das verdammte Ding mal auszuschalten ist.

      Eben im Unterricht, während der Prüfungen…

      • Dass n Handy im Unterricht nicht gebraucht wird, kann ich nicht ohne weiteres unterschreiben, denn manchmal weiß auch der Dozent nicht genau, was los ist und da kann man mit nem Smartphone ganz fix Info holen.

        Und – ja – ich (fast 44) bin im letzten halben Jahr im Unterricht (mobiler, ambulanter Pflege- und Betreuungsassistent) gewesen.

        Andererseits ist es aber auch nervig, wenn alle Mann immer wieder vom Fon abgelenkt werden, weil wieder einer seine Gedanken lieber auf FB kund tut, anstatt sie im Unterricht von sich zu geben.

        Und diese Bilder immer…

        • Hallooohoooooo…genau das sag ich doch:

          Lernen, wanns notwendig ist und wann nicht. Wo ist das Problem zu sagen: Im Unterricht grundsätzlich *aus* (dafür gibts nen Knopf) und dann bei bestimmten Situationen: Mach mal an und frach ma wo der Proffesser bleibt.

          Notfalls rennt man halt eben zum Sekretariat – ist ja nicht so, als wären die Schulen alle wie die Ruhr-Uni Bochum, wo man dann schon mal ne Stunde unterwegs sein kann😛

  2. Gute Ansatz-Lösung hab ich in meiner ehemaligen Schule gesehen: Wurde nämlich eingeführt, dass die Kinder im Zuge des Informatik-Unterrichtes (Ja, gibt’s da ab der 5. Klasse) eine Art „Online-Test“ ablegen, in dem gezielt über Mobbing, Gefahren und Nutzen von bestimmten Internetseiten und Sozial Networks aufgeklärt wird und am Schluss eine Art Test steht. Das ganze wurde von der Lehrerin anschließend benotet. Klar, es ist noch nicht Perfekt, aber zumindest wurde ETWAS getan.
    Und zwar das richtige: Aufklärung. Nicht versperren oder totschweigen sondern den Kindern grundlegendes im Umgang mit Medien beibringen. Dass nicht immer alles „up to date“ sein kann ist leider trauriger Fakt. Aber die meisten Sachen die vermittelt wurden sind relativ allgemeingültig: Sei kein Arsch im Internet, was einmal an Daten drin ist geht nicht wieder weg, alles hat seine Konsequenzen, alles kann für gute oder schlechte Dinge benutzt werden, NACHDENKEN bevor man etwas schreibt oder tut und im Zweifelsfalle jemanden FRAGEN. Dazu eine Liste mit „Safe-Seiten“ (Sowas wie Wikipedia und Co) Und Merkmalen von Seiten von denen man sich besser fernhalten sollte (Die Liste enthielt so etwas wie „viele Popups“ und andere Dinge, war amüsant zu lesen)
    Man müsste diesen Ansatz also eigentlich nur erweitern und ich denke damit wäre man auf einen richtigen Weg.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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