Medienkompetenz


Es gibt Schlagwörter, unter denen kann man sich alles und nichts vorstellen. Medienkompetenz ist so eines dieser „Buzzwords“ mit denen man immer gerne dann hausieren geht, wenn man seinen Standpunkt verdeutlichen möchte.

Doch was ist Medienkompetenz überhaupt – und wozu braucht man sie?

Wir leben in einer Zeit, wo wir von Informationen überflutet werden. Fernsehen, Zeitungen, Internet, Social Media – sie alle wetteifern um unsere Aufmerksamkeit. In immer schrilleren Tönen. Bunter, katastrophiger, schrecklicher. Schneller, höher, weiter.

Und Medienkompetenz soll jetzt die Fähigkeit darstellen, aus diesem Wust an Informationen das herauszufiltern, was man selbst als wichtig erachtet. Das zu reflektieren und sich daraufhin eine Meinung zu bilden, das soll Medienkompetenz darstellen.

Wieso fragt eigentlich keiner, wozu wir Journalisten haben?

Sie lernen genau das in Studium und an der Journalistenschule: Informationen sammeln, auswerten, gewichten und dann einen Bericht schreiben, ausgewogen beide Seiten beleuchtet und dem Leser die Möglichkeit gibt, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Und wenn die Meinung auch lautet: „Da muss ich noch mehr drüber lesen.“ Dann hat der Journalist Neugier geweckt, ohne sie selbst zu befriedigen. Das ist unter anderem die hohe Schule des Journalismus. Eine neutrale Berichterstattung zu einem Thema ohne Meinungen vorzugeben.

Hans-Joachim Friedrichs hat mal gesagt, dass man sich als Journalist mit keiner Sache gemein machen sollte. Nicht einmal mit der guten. Und geschadet hat ihm das nicht, er war sowohl als Mensch als auch als Journalist weit geachtet, weil er fair und ausgewogen berichtet hat. Natürlich hatte auch Hans-Joachim Friedrichs eine Meinung. Doch er hat versucht und es auch meist geschafft, diese Meinung nicht in seine Berichterstattung einfließen zu lassen. Er war Zeuge des Weltgeschehens. Nicht Teilnehmer.

Diese innere Distanz zu Berichtsthemen – sie ist den meisten Medien inzwischen völlig abhanden gekommen.

Wir haben Watchblogs wie das Bildblog. Wir haben Medienjournalisten wie Stefan Niggemeier, die die Berichterstattung der Kollegen kritisch hinterfragen. Und die im Gegenzug dazu nicht sonderlich geliebt werden und auch oftmals einfach nicht ernst genommen.

Das sollte man aber, denn es gibt ein Schlaglicht, dass die gesamte Misere des deutschen Journalismus wie ein Leuchtfeuer erhellt. Und zwar die „Aufschrei“-Debatte. Eine Debatte über den alltäglichen Sexismus, der man sich als Frau ausgesetzt sieht.

Wie konnte es passieren, dass ein Politiker eine junge Journalistin „anmachen“ durfte, ohne dass es Konsequenzen für ihn hat? Die junge Frau war nicht alleine auf der Konferenz, es waren viele Kollegen da – wieso musste erst die Assistentin kommen und den alten Mann ins Bett schicken? Wieso hat niemand eingegriffen? Keiner berichtet?

Wie konnte es passieren, dass im Zuge der Debatte ein Wolfgang Kubicki, ein Dirk Niebel oder ein Guido Westerwelle ungestraft äußern konnten, dass sie sich jetzt mehrfach überlegen, ob sie „jemals wieder Frauen“ auf ihren Pressekonferenzen oder Tagungen zulassen würden? Wo waren hier die neutralen Berichterstatter, die wir Journalisten nennen?

Wie konnte es geschehen, dass die Distanz zur Politik so weit geschrumpft ist, dass man ungestraft behaupten konnte, dass die junge Journalistin jetzt „fertig“ sei als Politikjournalistin. Dass sie jetzt allenfalls noch für die „Weiberseiten“ wie Stricken zu „gebrauchen“ sei?

Was ist mit dem Journalismus geschehen, dass er so tief gesunken ist?

Die Antwort: Gar nichts.

Es war immer so, dass es einige Journalisten gab, die neutral berichtet haben – und entsprechend hohes Ansehen hatten und die Journalisten, die sich dem Boulevard verschrieben haben. Die Bildzeitung ist kein Phänomen unserer Zeit, sie gibt es seit den 60er Jahren und seit dieser Zeit weiß auch eigentlich jeder, was er von der Bildzeitung zu halten hat. Trotzdem nutzen wir sie, um uns zu „informieren“ – weil die Informationen der Bildzeitung kein Nachdenken erfordern. Man kann sie lesen und vergessen und im Unterbewußtsein entfaltet der Boulevard dann seine zerstörerische Wirkung.

Wir waren als Leser schon immer gefordert, uns über die Informationen, die wir so tagtäglich bekommen, unsere Gedanken zu machen. Wir waren schon immer gefordert, Informationen zu filtern. Und es gab immer Journalisten, die eine größere Nähe zu Politikern hatten als andere. Es gab schon immer gute Journalisten und schlechte.

Was sich hingegen geändert hat ist: Man weiß das heute. Früher wusste man das nicht. Es ist weniger geheimzuhalten im Zeitalter des Internets. Und es gibt mehr Informationsquellen als früher, man hat eine breitere Auswahl. Und nicht immer sind die klassischen Medien die, die man als Informationsquelle wählt. Und wir hören denen zu, die am lautesten schreien können.

Was die Boulevardisierung vorantreibt, weil Boulevard weniger Recherche erfordert und man vor allem die eigene Agenda leichter voranbringen kann.

Es liegt an uns allen – Medienschaffenden  wie -konsumierenden, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Und auf den Boulevard nicht mehr hereinzufallen.

Aber selbst dieses Credo ist nicht neu – es wird gesungen, seit des die Bildzeitung gibt.

Veröffentlicht am 3. Mai 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Das wird von den Chefetagen aber verlangt, das Du nur noch die „billigen“ Tickermeldungen durchreichst und damit Quote machst um das „Leistungsschutzrecht“ zu rechtfertigen, denn wir Leisten ja was wenn wir den Newsfeeder durchreichen und eventuell noch die Vorlagen „Leer“ in den Druck schicken.
    Man muß den Kindern beibringen Müll wie der scripted Reality Mist in der Glotze und Meinungsmache wie die Hochschreibung wohlmeinender PolitikerInnen und Niederschreibung unbequemer.
    Und da alle Fähnchen im Winde wehen wird halt alle zehn Sekunden umgeschwenkt, suche mal z.B. alle öffentlichen Aussagen Merkels zur Atomkraft usw. usf.
    Aber zum Glück gibt’s ja noch Blogs😉

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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