Presseverteilung mal anders


Es gab – völlig zu Recht – in den letzten Tagen eine ziemliche Aufregung um die Verteilung der festen Presseplätze im Münchener NSU-Prozess.

Nun wurde da viel Unfug behauptet – aber vieles ist auch richtig. Und ich wollts mal wieder genauer wissen. Und hab ne Journalistin gefragt. Die netterweise auch prompt Antwort gegeben hat. Danke Kätzchen an der Stelle. 🙂

Ich wollte einfach wissen, wie sie die Sitzverteilung bewertet. Denn abseits vom politischen Schneegestöber ist da ja auch immer noch ein Journalist, der seinen Job machen will. Und es jetzt nicht kann, weil nicht garantiert ist, dass er auch einen Platz bekommt.

Die Antwort trifft eigentlich genau das, was ich erwartet habe: Das ist das Landgericht München. Gegen die wirkt der Kölsche Klüngel wie ein Kindergeburtstag. Das ist schon seit Tucholsky so bekannt. (sinngemäßes Zitat).

Was wird also wahrscheinlich passiert sein: Die Presseazubine bekommt die Verfügung „Presseakkreditierung per Windhundverfahren“ auf den Tisch. Sie sieht, um welches Verfahren es geht, rafft aber überhaupt nicht die politischen und vor allem menschlichen Dimensionen.

Sie tut das, was sie immer tut: Sie ruft/mailt ihre Presseverteiler an und gibt eine Pressemitteilung raus. Windhundverfahren.

Weil die Lokalredaktionen etc. als erstes angemailt wurden, wussten, da kommt eine Pressemitteilung und haben dann zeitnah ihre Akkreditierung beantragen können. Nur so und auf keinem anderen Weg läßt sich erklären, wieso Radio Arabella, wo Prozessberichterstattung jetzt nicht gerade zu den Kernkompetenzen zählt, eine Akkreditierung erhalten haben – aber die New York Times oder Hürriyet nicht (Hürriyet ist jetzt die erste türkische Zeitung, die mir einfällt). Ich sag mal, wenn einige der Anstalten keine Vorabinfo gehabt hätten, wären die auch gar nicht auf die Idee gekommen, eine Akkreditierung zu beantragen.

So weit so blöd gelaufen. Bis hierhin wars menschliches Versagen, keine Absicht.

Aber wie kann es dazu kommen, dass man für einen derartigen Prozess nur fünfzig Presseplätze hat? Das ist viel zuwenig. Wer in drei Teufels Namen hat so einen kleinen Saal eingeplant?

Wir reden hier über einen der größten Nazi-Terroristen-Prozesse der Nachkriegszeit, es geht um das kollektive Versagen aller Sicherheitsbehörden in dem Fall, um die Frage, wie um alles in der Welt diese drei Verbrecher über 10 Jahre ungestraft morden konnten?

153 Anträge auf einen Pressesitzplatz gab es bei dem Akkreditierungsverfahren. Und da setzt man das ganze in einem Saal an, der insgesamt nur Platz für 100 Zuschauer bietet? Und vergibt tatsächlich an 15 Münchner Lokalredaktionen eine Akkreditierung?

Es gibt Möglichkeiten, den Karren noch aus dem Dreck zu ziehen. Aber der Richter sperrt sich – in guter bayrischer Manier – gegen jede Lösung, die bedeuten würde, die Presseakkreditierungen noch zu ändern.

Verlierer sind – mal wieder – die Angehörigen der NSU-Mordopfer. Denn der Fokus ist *wieder* erfolgreich auf Nebensächlichkeiten gerückt, die Opfer sind *wieder* nur Nebenkriegsschauplatz.

Und die Presse?

Es wird ja so gerne behauptet, dass die Presse selbst schuld ist, sie hätte sich ja rechtzeitig akkreditieren können.

Nun ja, Hürriyet hat sich am 5. März akkreditieren wollen, das war der erstmögliche Tag. Und die sind bereits auf Platz 68 gelandet. Nach den 15 Lokalredaktionen. Das stinkt nach Vorabinformation des Presseverteilers und die sind im Windhundverfahren nach meiner Information verboten.

Ich kann jeden, aber auch jeden Journalisten verstehen, der angesichts dieser „Prozessvorbereitung“ derzeit einen Wutanfall bekommt und dem Gericht unterstellt, dass sie die ausländische Presse nicht im Gericht haben wollen.

Deutlicher kann man das eigentlich nicht machen, wie das Landgericht München gerade handelt.

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Veröffentlicht am 30. März 2013, in alltägliche Katastrophen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Nun, wenn die Richter zu blöde sind oder eventuell sogar absichtlich so gehandelt haben, dann dürften sie sich nicht wundern wenn die entsprechende Zeitungen leicht gefärbte Artikel rausbingen die eventuell sogar Bilder der entsprechenden Richter enthalten.

  2. Die Entscheidung des OLG München ist dumm und zeugt von Beschränktheit, die für den Verlauf des Prozesses nichts Gutes erahnen läßt: http://mosereien.wordpress.com/2013/03/31/nsu-prozess-noch-ein-sitzplatz-frei/

  3. ein anderer Stefan

    Wenn das mit der Vorabinformation tatsächlich stimmt, könnte es noch viel schlimmer sein. Dann könnte das Verfahren aufgrund von Formfehlern platzen – vor denen das Gericht ja so panische Angst hat, dass sie im Nachhinein nicht mehr an der Verteilung rütteln wollen, um nur ja keinen Formfehler zu begehen…

  4. na ja, ich sag mal, immer auf den Richtern (m/w) herumzuhacken, ist auch nicht der richtige Weg,
    aber wenn sich die Justicia dann immer noch unbelehrbar zeigt, steht deren Unabhängigkeit doch auf einem hohen Prüfstand.
    Will sagen: Sicherlich kann sich keine Justiz irgendeines Landes vorschreiben lassen, wen sie zu einem Verfahren zulässt, aber
    .. Gefühl für Situationen/Verfahren sind niemals hinderlich ..

  5. München hat, was das politisch rechte Spektrum angeht, ohnehin keine ruhmreiche Geschichte – man denke nur mal an die 1920er Jahre… 😉

    Spaß beiseite, bei einem solchen Fall ist dieses Vorgehen für mich auch nicht nachzuvollziehen. Ich lehne mich aber trotzdem mal aus dem Fenster und behaupte, wenn die NSU eine linksterroristische Gruppe gewesen wäre, wäre all das anders gelaufen. Aber ich bin auch der Ansicht, dass die NSU-Mordserie dann auch lange nicht so lang gedauert hätte, sondern alles schnell aufgeklärt worden wäre…

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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