Social Media und Hoaxes


Ach die guten alten AOL-Zeiten. Wo man noch gefahrlos in Tischkanten beißen konnte, weil man wieder 20 Mails von Netzkumpels im Kasten hatte, die einem Kind mit „Hirnkrebs“ helfen wollten, weil AOL ja pro weitergeleiteter Email 1 Cent zahlen wollte.

Yay.

Das moderne AOL heißt Facebook und Twitter. Facebook im besonderen. Und weil ich gerade selbst echt drauf reingefallen bin, mal wieder ein kleiner Reminder:

NICHTS WEITERLEITEN.

Gar nichts.

Herzlos? Dem „sozialen“ Gedanken der Netzwerke abträglich?

Aber au contraire meine Lieben. Diese Aufrufe sind in höchstem Maße unsozial.

Wie ich darauf komme?

Stichwort Vermisstenmeldungen.

Ein junges Mädchen (junge Männer werden offenbar weniger schnell vermisst) ist offenbar nicht rechtzeitig zu Hause. Und schon posten Mama oder Papa die Vermisstenmeldung bei Facebook. Mit Foto. Öffentlich.

Man möchte die Eltern doch an der Stelle kurz mit der Bratpfanne streicheln.

Öffentlich.

Mit Foto.

Bei Facebook.

Öffentlich heißt: Jeder Hinz und Kunz kann ein Foto des eigenen Kindes sehen. Mit Vermisstenaufruf. Was für ein gefundenes Fressen für die Saure-Gurken-Zeit.

Kein Datum im Aufruf, es steht „gestern“ drin. Toll, was ist nach 3 Wochen noch „gestern“?

Wer das liest weiß nicht: Ist das Kind womöglich schon wieder zu Hause (weils z.b. bei einer Freundin übernachtet hat?), wir wissen nicht, ob hier ein Elternteil gepostet hat, um dem anderen, mit dem er in Trennung/Scheidung lebt, mal ordentlich eins reinzuwürgen.

Was ist aus der guten alten Zeit geworden, wo Mutter oder Papa mal eben bei den Freunden angerufen haben mit „ABMARSCH NACH HAUSE. JETZT.“? Stattdessen wird das eigene Kind mal eben in der Bildzeitung auf Seite 1 veröffentlicht – um mal einen Vergleich zu ziehen. Mit der Garantie, dass es auch in 10 Jahren noch wissen wird, dass es mit 14 mal für ein paar Stunden von zu Hause abgehauen ist. Und mit der nicht eben geringen Möglichkeit, dass das durchaus Einfluß auf die weitere Berufslaufbahn des Kindes hat, denn:

Denn was einmal im Netz ist, geht da nie wieder raus.

Verbrecherjagd via Facebook.

Gute Sache, oder? Das Pack, gerade Sexualstraftäter: Aufhängen, vierteilen, einfangen, am besten eine kleine virtuelle Posse bilden, dann hat man das Gefühl, was für die Gesellschaft getan zu haben. Richtig?

FALSCH.

Und an der Stelle möchte ich auch den Polizeiinspektionen, die diese Meldungen auf Facebook veröffentlichen, ins Handbuch schreiben: Tut man nicht.

Zuerst einmal: Wir sind in einem Rechtsstaat. Und nur weil einer verdächtig ist, heißt das noch lange nicht, dass derjenige die Tat, der er beschuldigt wird, auch begangen hat. Und dass die, die „Gerechtigkeit“ fordern, im Recht sind.

Emden hat das sehr eindrücklich gezeigt.

Hinzu kommt das Zeitproblem, dasselbe wie bei Vermisstenanzeigen. Man weiß nach 3 Wochen nicht mehr, ob derjenige überhaupt noch gesucht wird. Wer von euch macht sich die Mühe und guckt mal nach, ob der Fahndungsaufruf noch aktuell ist? Wer von euch guckt bei den entsprechenden Polizeidienststellen vor dem Weiterleiten nach, ob überhaupt noch der richtige Täter gesucht wird?

Ich sag mal: Keiner.

Sehr deutlich auch an dieser Stelle: Jeder, der mir nochmal irgendwas schickt, wo gefordert wird, Sexualstraftätern die Eier abzuschneiden, der darf sich häuslich auf meiner Ignore-Liste einrichten.

Diese Forderungen kommen aus dem PRO-Köln und NPD-Bereich, das sind Rechte, auf die ihr mit sowas reinfallt. Alles, was irgendwie mit Sexualstraftaten zu tun hat, kann meist irgendwo zu einem Rechten Verein zurückgeführt werden. Warum?

Weil sie sich so als „Law and Order“ präsentieren können, mit einfachen Antworten auf gar nicht so einfache Fragen. Denn die Kastration von Sexualstraftätern ändert…nichts. Im Gegenteil, es gibt sehr gute Studien, die beweisen, dass die Gefahr für die Opfer HÖHER ist, schwer verletzt oder gar getötet zu werden. Weil es eben nicht die Eier sind, liebe NPD.

Ich will mit dem rechten Gesocks nichts zu tun haben. Macht man sich nur dreckig mit.

Außerdem: Suchen nach Straftätern. Die bereits jemanden verletzt haben. Und DEN soll ICH womöglich festnehmen? Vorläufig, weil er ja gesucht wird? Denn wenn ich die Polizei rufe und mich mit „Tante Jay hier, ihr habt da auf Facebook diesen gesuchten Sexualstraftäter, der ist auf der Y-Straße, da hab ich den gesehen.“ und die Schnarchnasen mal ankommen (dass das SWAT-Team mit schwerem Körperschutz und Scharfschützen in 10 Sek. aufläuft, passiert nur in Filmen, liebe Kinder, eher kommt doch die Polente um die Ecke geschaukelt) ist derjenige doch längst weg. Und von mir zu erwarten, dass ich den vorläufig festnehme, weil das ja meine Bürgerpflicht ist… *vogelzeig*

Darüber hinaus sind diese ganzen Phantombilder meist eh für den Arsch. Drei Zeichner fünf Verdächtige.

Ein letzter Aspekt noch, warum Facebook für Suchmeldungen und Vermisstenanzeigen völlig bescheuert ist:

Glaubt irgendeiner von euch bei näherem drüber nachdenken, dass jemand, der den Tag über vor Facebook und Co. hockt, tatsächlich einen Vermissten oder einen Straftäter FINDEN kann? Die stellen sich doch nicht vors Fensterchen und sagen „Huhu, ich bin die Waldfee komm und fang mich“.

Dazu muss man RAUSGEHEN.

Genau, das Ding, was bei schönem Wetter die Gammakorrektur versaut.

Fazit:

Suchmeldungen/Vermisstenmeldungen über Facebook sind nicht nur wenig erfolgversprechend, sie sind nur schwer auf Aktualität oder Echtheit nachprüfbar, sie sind nicht zielführend und allgemein völliger Quatsch.

Das gilt übrigens auch für  Initiativen wie „Deutschland findet euch“ – für die gilt nämlich exakt das gleiche.

Also:

Wenn wieder jemand etwas postet mit „Weiterleiten an jeden, der nicht bei 3 auf dem Baum ist“, bei dem sollte das hier im Kopf ertönen. Und der Mausfinger schön weiterwandern. Zu meinem nächsten Blogeintrag zum Beispiel. 😛

P.S.: Dem hier glaube ich übrigens kein Wort. Egal, was in den Kommentaren steht. Und das ist derjenige, der mich zu diesem Blogeintrag gebracht hat.

Warum ich nix davon glaube? Ganz einfach: Im Bereich der Polizeidirektion Essen-Mülheim ist am 16.03.2013 kein Autounfall gemeldet worden. Nicht einer – und die Polizeidirektionen posten normalerweise jeden quersitzenden Pups, umso mehr einen derart schlimmen Unfall wie dort beschrieben.
Und auch wenn ich gerne glauben mag, dass das „Opfer“ des Unfalls sich nicht an das Kennzeichen erinnern kann – das soll für die „vielen Zeugen“ genauso gelten? Sorry, aber das ist das erste was ich als Zeuge mache, wenn ich sowas sehe: Kennzeichen merken.

P.S.: Eine sehr gute Infoquelle ist hier übrigens auch die TU Berlin.

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Veröffentlicht am 18. März 2013, in Der tägliche Wahnsinn. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 13 Kommentare.

  1. Hach ja, Kennzeichen nicht merken können, aber sehen, dass der böse Fahrer und die genauso bösen Mitfahrer „südländisch“ waren 😀 Classic. Und der Böhse-Onkelz-Aufkleber… jop, das sagt doch schon alles.

    Wenn mich jemand auf der Autobahn drängelt und meine Mitfahrer fast durchdrehen, sag ich immer: Bleibt cool, was soll er denn tun… uns rammen?
    Das macht nämlich niemand. Erst recht niemand mit Mercedes.

    • JETZT weiß ich auch, woher ich den Aufkleber kannte.

      Ernsthaft, ich hab das den Onkelz nicht zugeordnet. Aber schön, dass das meine Theorie „alles rechts“ bestätigt.

      Und an alle die jetzt kommen mit „Aber die Onkelz sind doch gar nicht rechts“:

      Doch waren sie. Zumindest in der Frühzeit, bevor sie festgestellt haben, dass man mit Mainstream mehr Kohle machen kann.

      • Genau das sag ich auch immer. Die sind nur nicht mehr offen rechts wegen der Kohle. Wenn man sich ihre Fanbasis so ansieht, ist aber klar, woher der Wind weht.

        Wenn man länger drüber nachdenkt, ist es schon fast ironisch: Hat doch der ehemalige Sänger der Onkelz auch mal Fahrerflucht begangen. Und nie auch nur ein Quäntchen Reue gezeigt. Dafür fanden sich natürlich mannigfaltige Entschuldigungen.

          • Und die Fans sind nicht besser Oo

            http://onkelz.de/blog/2012/11/von-kevin-an-euch/

            Kommentar:
            Ich kann den Unmut über diese Geschichte wirklich nachvollziehen, ohne Frage, aber Fakt ist nun mal das jeden Tag Menschen unter Alkohol-und/oder Drogeneinfluss schwere bis tödliche Unfälle verursachen und es interessiert Niemanden!
            Aber Kevin wird dafür an den Pranger gestellt, weil er eine Person des öffentlichen Lebens ist. Für viele die ihn ohne hin nie mochten, war das doch nur ein gefundenes Fressen (bestes Beispiel Presse). Ich heiße es auf keinen Fall für gut was er getan hat, aber jeder hat einen zweite Chance verdient.

            Ich kann auch verstehen das Einige ihren Ärger Luft machen müssen, aber was manche hier von sich geben hat mit Meinungsäußerung nichts mehr zu tun, für mich sind das einfach Drohungen und Hetze.

            Kevin, ich hoffe du hast aus deinen Fehlern gelernt und tust das best Mögliche um das irgendwie wieder gut zu machen.
            Für mich bleibst du musikalisch gesehn einfach der Beste, freu mich schon drauf die Stimme aus der Gosse endlich wieder live zu hören, wir sehen uns in Geiselwind!

            Wenn man sich fragt, wie dumm Menschen sein können – hier ist ein gutes Beispiel.

  2. ein anderer Stefan

    Gut, Facebook-links klicke ich nicht mehr an, da ich keine Lust darauf habe, dass FB meine Netzbewegungen protokolliert.
    Und Onkelz – puh, ich bin mal aus Versehen in eine Kneipe geraten, in der sie Onkelz-Mucke spielten (war gerade ein Konzert in der Stadt von denen). Das Publikum war optisch sehr eindeutig rechts, und die Mucke macht extrem aggressiv. Und das die nicht mehr rechts sind – naja, das halte ich für eine Schutzbehauptung, damit sie kein Auftrittsverbot kriegen. Das ist so ähnlich wie die rechten, die auch genau wissen, welche Parolen sie noch grölen dürfen, damit es nicht illegal wird und ihre „Demo“ sofort aufgelöst wird. Immer hart am Rande des erlaubten…

  3. „Fazit:“Fazit:
    Suchmeldungen/Vermisstenmeldungen über Facebook sind nicht nur wenig erfolgversprechend, sie sind nur schwer auf Aktualität oder Echtheit nachprüfbar, sie sind nicht zielführend und allgemein völliger Quatsch.

    Sorry, liebes Tantchen, ich möchte Dich nicht gern korrigieren, aber es muss heissen:

    Facebook IST völliger Quatsch.

    • Sorry lieber hajo, ich möchte Dich nicht gern korrigieren, aber es muss heissen:

      „Ich habe – aus welchen Gründen auch immer – keinen Bock auf Facebook und will, dass die Welt es erfährt!“

      Danke.

      • nein Sascha, so möchte ich nicht interpretiert werden.
        Ich lasse mich allenfalls darauf ein, zu schreiben:
        „Facebook IST (m.E.) völliger Quatsch.“

      • Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, wieso ich Facebook nicht mag. Gerade erst letztens habe ich die Antwort dafür gefunden.

        Inzwischen ist jeder Arbeitender, der irgend etwas mit Kunden zu tun hat, verpflichtet, deren „Daten zu schützen“. Prominente, sinnvolle Beispiele dafür sind die ärztliche Schweigepflicht und das Postgeheimnis.
        Selbst wenn es nur eine Grippe ist oder selbst wenn man nur eine Geburtstagskarte verschickt – Menschen haben ein Recht darauf, dass Dinge in ihrem Leben, die niemanden etwas angehen, geheim bleiben. Facebook und Google kümmern sich nicht ein Quantum darum.
        Google ist inzwischen auf beinahe jeder grösseren Seite irgendwie vertreten, und mehr noch als Werbung anzeigen verfolgen sie alles, was man macht. Ich habe für Firefox das Plugin „NoScript“, mit dem ich bestimmen kann, von welchen Webseiten ich Scripts zulasse. Und bis auf „Horsts kleine Privathomepage“ verwendet nahezu jede Website, die ich kenne, Scripts von google-analytics.com. Facebook ist übrigens keine Spur besser – jede Website, die auch nur irgendwo in einer Ecke einen „Like“-Knopf hat, verfolgt jede Aktivität auf dieser Website und sendet sie direkt an die Facebook-Datenspeicher.

        Das ist keine Verschwörungstheorie hier – das ist die Realität. Google und Facebook überwachen alles, was Menschen im Internet machen. Die beiden Konzerne entschuldigen sich damit, dass das ja „nur Roboter“ sind und „nie ein echter Mensch sie zu sehen kriegt“. Das ist aber auch Quark. Es braucht nur ein winziges Bisschen rechtlicher Stress und schon haben die beiden Firmen nicht die geringsten Bedenken dabei, *alles* über einen Menschen offenzulegen.
        Dazu kommt natürlich auch, dass alles, was Facebook je über mich lernt, so ziemlich „für die Ewigkeit“ gespeichert wird. Sei es nun die Seiten, die ich besuche, oder die Fotos, die ich hochlade, oder die Daten, die ich über mich preisgebe – alles wird gespeichert mit einer Effizienz, dass die Stasi neidisch würde.

        Es ist mir vollkommen egal, wie „dubios“ ich aussehe, wenn ich verlange, dass ich nicht 24/7 überwacht werde. Ich will das nicht und ich tue mein Bestes, das zu verhindern. Das Post- und Bankgeheimnis und die ärztliche Schweigepflicht wurden mit gutem Grund eingeführt – wieso darf sich GoogleMail dann herausnehmen, alle meine E-Mails zu lesen und mir „kontextsensible Werbung“ anzubieten?

        • Beremor, es ist absolut Dein gutes Recht, Dich aus diesen oder auch anderen Gründen Facebook und/oder Google zu verweigern. Ich teile Deine Bedenken, sehe aber eben gerade auch bei Facebook immense Vorteile (wenn man es verantwortungsvoll nutzt), die _für_mich_ die Nachteile überwiegen.
          Wer daher einfach so ein pauschales Urteil der Art „Facebook ist völliger Quatsch“ in den Raum plärrt, der wird von mir Kontra bekommen. Jeder kann und sollte selbst entscheiden, wozu er welche Dienste im Netz nutzt.

          • Facebook und Google sind Realität. Man bekommt sie nicht mehr weg, man bekommt auch nicht mehr die Aktivitätenprotokolle weg.

            Wohin der Weg geht, weiß ich nicht. Wohl fühle ich mich in der Tat nicht dabei.

            Sascha hat an der Stelle recht: Jeder muss für sich selbst entscheiden ob und wie er an Facebook und Co. teilnimmt.

            Und an den Nachfolgern, denn auch Facebook und Google sind keine Unternehmen für die Ewigkeit.

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