Deutschland ging es noch nie so gut wie heute


Herr Rösler hat ein Interview gegeben. Zum Armutsbericht. Eins vorweg: Ich habs nicht komplett gesehen, Herrn Rösler zuzuhören bereitetet mir körperliche Schmerzen.

Er redet da wieder von „Chancengerechtigkeit„. Wer eine „gute Chance hat einen Arbeitsplatz zu finden“ hat eben nicht mehr: Eine CHANCE. Keine Garantie.

Eine Arbeitsplatzgarantie kann keiner geben, das ist klar. Aber das immer mehr Menschen in den zweiten Arbeitsmarkt gedrückt werden, immer mehr Menschen nicht mehr von der Erwerbstätigkeit leben können und unterstützend auf ALG II angewiesen sind – da von ist keine Rede.

Gerade diese Menschen müssten vernünftig gefördert werden. Nicht gegängelt, wie es jetzt passiert. Residenzfreiheit in Deutschland – das war einmal. Wenn du ALG II beziehst, musst du erst fragen, ob du umziehen darfst, sonst wird dir möglicherweise das Geld gestrichen. Von Asylbewerbern reden wir an dieser Stelle gar nicht erst.

Köche bekommen Kochkurse, weil sie so erstmal aus der Statistik raus sind (ist tatsächlich einem guten Freund von mir passiert. Der hat versucht, was zu bekommen, da hat man ihm einen Grundkurs Hauswirtschaft aufs Auge gedrückt mit Anwesenheitspflicht).

Wenn sie dann wagen, das zu kritisieren, sind sie faule Hunde, die nicht arbeiten wollen. Inzwischen werden Arbeitslose ja sogar in Praktikantenstellen versteigert und keiner findet etwas dabei.

Herr Rösler: Die Zeiten der Vollbeschäftigung werden wir nie wieder haben. Das ist nicht möglich. Wir haben inzwischen einen Grad der Automatisierung, der eine Vollbeschäftigung nicht mehr erlaubt. Oder anders ausgedrückt: Es gibt einfach nicht mehr genug Arbeit für alle.

Wer etwas anderes behauptet, vor allem ab einer bestimmten Managerklasse, tut dies wissentlich und mit Vorsatz.

Aber schlimmer als all das ist die Chuzpe, mit der Herr Rösler diesen Ausbund an Lüge und Sprachverdrehtheit verteidigt. Da sind ganze Absätze in ihren Aussagen gedreht worden und das ist definitiv eine Statistikfälschung und schlichter Betrug. Kein „Wahlkampfgetöse“ der Opposition – egal wie oft Herr Rösler das behauptet.

Und dass es Deutschland noch nie so gut ging wie heute…ich werde mich an diesen Satz erinnern, wenn ich mit meinem Motorrad wieder über die Schlaglöcher einer Bundesstraße fahre. Wenn ich in einem Klassenraum die Farbe und den Putz abbröckeln sehe. Wenn ich Lehrer mit Schulbüchern hantieren sehe, die kaum noch zusammenhalten. Und ich werde mich an den Satz erinnern, wenn ich irgendwann mal am palastartigen Bau der Deutschen Bank vorbeifahre. Und wenn ich in Berlin bin und all die Prachtbauten der öffentlichen Hand sehe, werde ich in eins der ärmeren Viertel gehen und dort nochmal nachgucken.

Wie gut es den Menschen dort geht.

Beim dritten Wiederholung von „es ging Deutschland noch nie so gut wie heute“ und „Wahlkampfgetöse der Opposition“ hab ich übrigens abgeschaltet. Herr Rösler ist ja noch geschmeidiger in seinen Aussagen als das alle anderen sind. Wie gesagt das verursacht mir reale körperliche Schmerzen beim zuhören – Fremdschämen ist nicht immer bequem.

Das einzig positive, was ich all dem abgewinnen kann?

Die FDP schafft es so niemals in den Bundestag. Und das ist auch gut so.

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Veröffentlicht am 10. März 2013, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Nur als Info:
    Niemandem wird im ALG II das Geld gestrichen, wenn er umzieht.
    Wenn der Umzug nicht notwendig ist, werden die Umzugskosten nicht übernommen. Das halte ich auch für absolut in Ordnung.

      • Nun, der Beitrag ist 7 Jahre alt. Bei den vielen verschiedenen Gesetzesänderungen und Auslegungsurteilen, die es in der Zwischenzeit gegeben hat, hat das Gesetz und dessen Auslegung von damals mit dem Gesetz und der Auslegung von heute einfach mal gar nichts mehr miteinander zu tun.

    • Doch, doch, die können je nach Sachbearbeiter da ganz schön zum Streichkonzert mutieren. Im Bekanntenkreis in unterschiedlichen Bundesländern mehrmals mitdurchlitten und selbst mal Opfer von gewoden, als es darum ging das ich aus gesundheitlichen Gründen eine andere Wohnung brauchte. Erst ein Machtwort meiner Sachbearbeiterin hat die wildgewordene Rechnungsstelle wieder zur Vernunft gebracht (oder was immer bei denen stattdessen herrscht). Umzugskosten fielen für die Arge nicht an, da ich den kompletten Umzug mit allen dazugehörigen Kosten mit Hilfe von Familie und Freunden stemmte.
      Aber in anderen Fällen gab es die ganze Palette, angefangen von Kürzungen der Bezüge, bis hin zur Verweigerung der Mietübernahme (auch wenn die EWohnungen exakt dem entsprachen, was die Arge fordert).
      Und mal ernsthaft: Wenn man von 382 Euro den kompletten Alltag wuppen muß (ausgenommen Miete und Heizung), dann ist eine Kürzung von 100 Euro gleich ein Viertel weniger Einkunft und das kann schnell ziemlich dramatisch werden. Denn davon zahlst du:
      Strom
      Telefon
      alle Versicherungen
      Essen & Trinken
      Kleidung
      Selbstbeteiligung für Krankenversicherung
      und alles was unregelmäßig anfällt, wie: Reperaturen, Brille, Möbel, der ganze Rest

  2. Warum nur zuckt meine Faust immer Richtung Fernseher, wenn der Rösler auftaucht und das Wort ergreift?

    „Und wenn ich in Berlin bin und all die Prachtbauten der öffentlichen Hand sehe, werde ich in eins der ärmeren Viertel gehen und dort nochmal nachgucken.“
    Ich denke, hier darf man getrost auch von „Protzbauten“ reden.

  3. Auf der anderen seite bekommt man sachen wie „wir bilden nicht ins blaue weiter“ zu hören. Grade wenn man in der IT ist weil ja ein „weites Feld“ … 5 Jahre versuch ich jetzt SPS/CNC-programmierkurse zu bekommen aber nope.

    Was wirklich notwendig wäre wäre mal über den fördern teil drüber zu schauen wenn der fordern teil endlich geordnet wurde.

  4. Die Aussage mag so stimmen, Anke, aber die Verhältnisse haben sich zum Teil nicht geändert. Inzwischen mag es weitere Auslegungen und Bestimmungen geben, die Gängelung und offene Bedrohung mit Sanktionen oder verzögerten Bearbeitungen gibt es immer noch. Und das nicht zu knapp.
    Nur ist das nicht mehr „Thema“ in der Presse. Aktuell lässt sich damit kein Blumenstrauß gewinnen, aber diese Problematik existiert noch. Es ist ebenso wie mit Fukushima – man hört nicht mehr viel darüber, das Problem ist allerdings weiterhin vorhanden.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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