Fingerspitzengefühl Fehlanzeige


Es gibt eine Methode, Mobbingtäter zur Einsicht zu bringen, die nennt sich Farstag-Methode, die hier sehr deutlich beschrieben wird (ab Seite 20).

Kurzform: Der Täter wird von einer Gruppe Lehrer damit konfrontiert, was er getan hat. Er wird nicht geschont, Ausflüchte werden ihm nicht gelassen, das heißt das beliebte „mein Opfer ist so ein Depp, der ist doch selbst dran schuld, dass ich ihn mobbe“ wird konsequent unterbunden und der Täter damit konfrontiert, dass er eben NICHT der Gute in der Story ist. Sondern der Bösewicht.

Erklärtes Ziel hierbei ist es, den Täter zu „drehen“, ihn also von einem Täter zu einem Beschützer zu machen. Und ihm klarzumachen, dass man sich hierzu auch mal gegen den Mainstream stellen sollte.

Wenn das klappt: Win-Win. Wenn nicht, tja. Dann hat man ein Problem. Und ich sage mal: Das wird öfter eher nicht klappen als funktionieren.

Eins vorweg: Mobbing zerstört. Mobber sind Menschen, die sich zusammenrotten um einen Menschen aus niederen Beweggrünen zu zerstören. Mobbing tötet. Die Suizide sind imho nur verdeckte Morde, denn der Mobber nimmt in Kauf, dass sein Opfer sich tötet – und wenn man sich manchmal die Mobbingfälle in den USA ansieht, dann arbeiten die auch gezielt daraufhin. Die *wollen* dass sich jemand tötet. Ja, an den Schulen dort ist das teilweise so schlimm.

Aber:

Ich sehe alleine in der Tatsache, dass mehrere Personen auf *einen* Schüler einreden, der überraschend aus dem Unterricht geholt wird, schon ein massives Problem. Der Schüler weiß nicht, was auf ihn zukommt. Als Mobbing-Täter soll er sich keine Ausreden zurechtlegen können.

Aber hier wird jemand, der möglicherweise unschuldig ist, bereits gezielt in eine Position gebracht, in der er wehrlos ist. Er wird überraschend aus dem Unterricht geholt, in einen Raum mit zum Teil ihm Fremden gebracht und dort dann mit dem, was die ermittelnden Lehrer (den Lehrern wird hier tatsächlich eine Ermittlungsrolle zugedacht, die ihnen nicht obliegt) so herausgefunden haben, konfrontiert.

Diese Situation alleine würde mir schon massive Bauchschmerzen bereiten.

Lehrer, die ermitteln? Auch wenn das nach Grundsätzen geschieht, dabei kann viel zuviel schiefgehen und vor allem: Hier werden die Ermittler auch gleich zum Richter gemacht. Diejenigen, die die Vorfälle hinterfragen, die die Kinder *be*fragen, die sind auch gleichzeitig diejenigen, die über den Täter das Urteil sprechen und die Durchsetzung des Urteils überwachen. Das „Sechs-Augen-Prinzip“ ist hier nicht sonderlich hilfreich, heißt es doch nur, dass man 3 Lehrer dem möglichen Täter gegenüberstellt.

Genau das ist doch der Grund, warum Judikative und Exekutive getrennt sind. Selbst mit der Trennung gibt es immer wieder Fälle, wo das schiefgeht. Aber hier? Judikative und Exekutive vereint in einem? Und das soll „studienmäßig abgesichert“ sein? Ich wage das zu bezweifeln.

Wie schlimm sowas schiefgehen kann, zeigt der „Mobbingfall“ an einem Stuttgarter Gymnasium.

Schauen wir uns das öffentliche Sündenregister des „Mobbers“ doch mal an.

Mehrfach, erfuhr der Sechstklässler, habe er durch sein Verhalten die Klassengemeinschaft gestört. Mal habe er von „coolen“ und „uncoolen“ Kameraden gesprochen, mal einen Mitschüler wegen dessen Unkenntnis über Markenkleidung beschimpft, mal sämtliche Regeln für den Klassenrat boykottiert.

Und da musste man die dicke Mobbingkeule rausholen?

Für mich liest sich das so: Da ist ein Klassenverband etwas schwierig. Einer der Rädelsführer ist offenbar Markenhörig und teilt seine Mitschüler in „mag ich“ und „mag ich nicht“ ein. Letztere hänselt er wegen der Markenkleidung. Außerdem hat das Kind den Klassenrat nicht anerkannt.

Und DAS bekommt man nur mit einem Instrument zurechtgebogen, bei dem ICH Probleme hätte das bei schwersten Mobbingfällen anzuwenden? Ich rede an der Stelle nicht wegen Hänseleien über Markenklamotten sondern gewalttätigen Übergriffen auf Schüler.

Das mit den Markenklamotten, wenn das ein Problem ist, kriegt man prima in den Griff durch entsprechende Unterrichtsreihen. Notfalls geht man hin und zieht diese Unterrichtsreihe (NACH Rücksprache mit den Eltern!!!) außerschulisch durch, also via „Nachsitzen“. Und wenn gar nix hilft, gibts halt wieder die Schuluniform. Aber es wird immer Schüler geben, die sich selbst einen Platz oben auf der Hühnerleiter erklimmen wollen, indem sie Statussymbole besitzen.

Kind mag einige Schüler nicht? Solange man Kind klarmachen kann „nicht mögen“ ist kein Freibrief für „ärgern bis es weint“, ist das überhaupt kein Problem. Stichwort Sozialkompetenz. Das müssen Kinder erst erlernen und der Lernweg ist hart und frustrierend. Führ Lehrer genauso wie für Lernenden. Nicht umsonst fordere ich ja an *jeder* Schule eine Vollzeit-Sozialarbeiterstelle. Es ist genau deren Job, den Druck zu erkennen und wegzunehmen. Indem man mit den Kindern/Jugendlichen redet.

Aber 3 Lehrer, die auf einen zwölfjährigen in „Good-Cop/Bad-Cop-Manier“ einreden, OHNE die Eltern zu informieren (das ist an der Schule ein Unding gewesen), deren Ermittlungsergebnisse nicht von einer neutralen (!) Stelle nachgeprüft wurden: Hier ist reine Willkür am Werk gewesen.

Und das Ergebnis ist ein traumatisiertes Kind, dass offenbar überhaupt nicht weiß, was es jetzt genau falsch gemacht hat. Oder besser: SO falsch, dass eine derart harsche Strafe und vor allem derartige Androhungen im Raum stehen.

Hier hat ein Lehrerkollegium krass versagt, hier haben die Schulaufsicht und alle Beteiligten völlig versagt. Dem möglicherweise gemobbten Kind ist überhaupt nicht geholfen worden, dem möglichen Mobbingtäter wurde ganz klar das falsche Signal gegeben und alles in allem ist die Situation so dermaßen verfahren, dass die Aussage „die Farsta-Methode ist studienmäßig abgesichert“ schlichtweg gelogen ist.

Das kann kein Einzelfall sein. Das „Farsta-Verfahren“ ist ein Verfahren, dass rechtsstaatlich nicht haltbar ist, dass alle Grundsätze einer fairen Verhandlungsführung außer Kraft setzt und statt dessen Druck auf den, den man als Täter ausgemacht hat, als einziges Mittel ansieht.

Was die Lehrer da mit dem Kind veranstaltet haben, ist in der Tat die Misshandlung Schutzbefohlener. Und dafür muss es Konsequenzen geben.

via

P.S.: übrigens können auch Lehrer prima mobben. Die Schule hatte die Weichen hierfür schon gelegt:

Auch Leon selbst wollte unbedingt wechseln: Sein neuer Klassenlehrer sollte ausgerechnet jener Pädagoge werden, der bei ihm die Farsta-Methode angewandt hatte.

Der Schulleiter gehört gefeuert. Zusammen mit den Farsta-Lehrern.

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Veröffentlicht am 26. Februar 2013, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Mit Schuluniformen werden allerdings alle anderen bestraft. Und es gibt genügend andere „Gründe“, warum genau diese Person gemobbt werden soll. Sei es, weil er ein Snob mit Iphone ist, eventuell Jude oder einfach nur, weil er sich die Haare schwarz gefärbt hat. Wenn jemand mobben will, braucht er keinen „rationalen“ Grund dazu.
    Man kann nicht einfach alles verbieten, was anders ist.

    • Trotzdem haben die Schulen, die auf Uniformen zurückgreifen, damit gute Erfahrungen gemacht.

      Das nimmt offenbar viel Druck weg.

      • Lochkartenstanzer

        Auch da gibt es Unterschiede. Es gibt Schüler, die sich mehrere (neue, neuwertige) Uniformen zum öfter welchseln leisten können und es gibt weclhe, die die Schuliuniformen der älteren gGeschwister auftragen müssen.

        Das sieht man auch deutlich. Von daher ist die Szene in Harry Potter wo sich Draco Malfoy über Ron Weasley deswegen lustig macht, gar nicht mals so arg aus der Luft gegriffen.

  2. Ich denke mal, dass Schuluniformen nur ein Teil der „Gesamttherapie“ sein können. Wichtiger scheint mir, dass sich die betreffenden Eltern endlich mal ihrer Verantwortung bewusst werden (immerhin haben sie – sicherlich nicht ohne positive Gefühle – den Nachwuchs „produziert“ 😉 ) indem sie sich mal endlich konkret mit ihrem Erzeugnis befassen
    .. und das nicht nur durch Ruhigstellen mit Hilfe von diversen Luxusgütern.

    Das mit den vielen neuen Uniformen, Lochkartenstanzer, könnte man ja so unterbinden, dass die Kleidung von der Schule gestellt wird
    .. da geht halt auch mal ein Stück reihum 😀
    Ja, ich weiss, mein Hang zum Brainstorming bricht wieder durch ..

    • dabei fällt mir noch ein:
      spricht der Spieß zu den Rekruten: „Leute!!! Es ist mir nach wochenlangem Ringen gelungen, die Erlaubnis zu bekommen, die Unterhosen zu tauschen
      .. Meier tauscht mit Schulze, Schulze tauscht mit Becker, Becker …“

      Du siehst, liebes Tantchen, wie ernst ich dieses Thema nehme.
      Dabei (bei meinen vermutlich etwas kindlichen Jokes *) ) geht es aber nicht, das möchte ich schon betonen – um die Rechtfertigung „der Therapie“, die ist absolut Sch***
      meint Hajo

      *) man sagt ja auch, dass man mit zunehmendem Alter wieder infantile Geplogenheiten wieder annimmt .. 😉

    • In erster Linie gibt es inzwischen durchaus gute Unterrichtsreihen, die den Kids klarmachen, wie blöd es ist, auf Statussymbole zurückzugreifen.

      Aber stattdessen die ganz große Mobbingkeule ziehen, das ist echt übel :-/

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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