An Grenzen geraten


/update: Nochmal CARTA mit einem bildschönen Artikel zum Thema.

Ich greife mal den Kommentar von Amaryllis weiter unten auf, weil mir auf CARTA grad ein entsprechender, sehr kluger Artikel von Meike Lobo unter die Augen geraten ist. In dem Artikel verweist sie auch auf die Opalkatze hin, die das ganze noch ergänzt.

Ist das jetzt der Anfang vom Ende der Empörungsmaschinerie? Darf man jetzt nicht mehr sagen, wenn irgendwas schiefläuft?

Schön wärs und – doch, sicher? 😉

Der Umgang mit den Missständen heutzutage erfordert auch ein gutes Stück Ignoranz und vor allem: Persönliche Gewichtung.

Das Gefühl dafür ist vielen inzwischen abhanden gekommen: Es werden Nachrichten gezeigt, man ist „gasp“ erschreckt, findet das nicht toll, aber das ganze wird sofort erstickt unter einer dicken Wolke, die die nächsten Nachrichten sind, die auch wieder schrecklich sind. Oder eben auch schrecklich gemacht werden. Denn nicht immer sind schreckliche Nachrichten auch wirklich schrecklich, sondern nur überdramatisiert. Oder schlicht erlogen.

Das gilt für die Amazon-Mitarbeiter selbstverständlich nicht. Was da abgelaufen ist, ist ein waschechter Wirtschaftskrimi.  Pferdefleisch im Essen hingegen – nicht so sehr. Das hätte man getrost den Behörden überlassen können. ESC? Zeit für eine Randnotiz, aber nicht mehr.

Hinzu kommen Kampagnenplattformen wie Campact, wo inzwischen für die Eierpreise Kampagnen eingestellt werden. Und man wird da auch durchaus zugespammt, weil jeder Blockwart dort ungeprüft die Dinger einstellen kann. So verkommt ein eigentlich sehr gutes Instrument zu einem Spambot.

Auf der anderen Seite – tut er das?

Es gibt dieses schöne Stichwort „Medienkompetenz“. Sie ist nichts anderes als die Filterung und Gewichtung der eingehenden Informationen. Dinge, die einen nicht interessieren, verwirft man. Man zieht vielleicht die Augenbrauen hoch, bedauert die Betroffenen kurz, aber: Das wars dann auch.

Das mag herzlos klingen, aber es ist eher die Erkenntnis, dass ein Einzelner nicht die ganze Welt retten kann, auch wenn er es versucht. Und dass er beim Versuch, das zu tun, seine Kräfte zu sehr aufspaltet und nicht mehr leben kann. Weil man kämpft. Gegen das was falsch läuft. Gegen das, was schlecht ist.

Und es läuft sehr viel falsch in unserer Welt heutzutage. Es ist sehr viel schlecht auf dieser Welt und wenn man gegen alles kämpft, kämpft man letztlich gegen nichts.

Man kann sich intensiv nur mit ein paar Themen auseinandersetzen, ohne die Kontrolle zu verlieren oder sich selbst. Wenn man seine kleine Nische verändern möchte, wenn man seinen kleinen Beitrag leisten möchte, dann geht das nur, indem man sich auf das konzentriert, was so schön „Bullshit-Bingomäßig“ als „Kernkompetenz“ deklariert wird.

Meike Lobo sagte, dass sie sich für einen anständigen Menschen hält, auch wenn sie nicht gegen alles kämpft, was schlecht ist in der Welt. Ich glaube, sie ist ein anständiger Mensch, WEIL sie das nicht tut. Denn wer sich gegen alles empört, hat letztlich zu nichts eine Meinung.

Empörung ist doch oft die kritiklose Übernahme der Meinung anderer. Das Fehlen des inneren „äh, moment mal, worüber regen wir uns gerade eigentlich auf?“-Moments. Das nicht nachdenken über das, was da gerade durch die Empörungsmaschinerie genudelt wird.

Der Boulevard lebt von diesen Mechanismen. Und wenn man einerseits sagt, dass man Boulevard völlig unmöglich findet kann man nicht andererseits bei jedem Empörungszug aufspringen und sich aufregen. Denn dann lautet die Konsequenz nur zu häufig:

Nichts.

Wenn wir aber wollen, dass Misstände beseitigt werden, müssen wir aufhören uns zu empören. Und anfangen, etwas zu tun. Und hier kommt die Opalkatze ins Spiel: Das geht *nur*, wenn wir auch die Mittel dazu haben. Wer kein Geld hat, wird nicht fairtrade kaufen können. Wer im Nirgendwo mit schlechter Busverbindung sitzt, kommt nur sehr schwer am Internetshopping vorbei.

Wie lautet das Fazit?

Sucht euch ein Thema und versucht, hier etwas zu ändern. Nutzt den Kampagnenstil, um andere aufmerksam zu machen und der euch dabei hilft, etwas zu tun. Informiert über eure Themen, tut eure Meinung kund, seid nicht leise.

Aber verzettelt euch nicht. Es kommt bei *jeder* Kampagne der Punkt, wo man innehalten muss, wo die Kräfte nicht mehr reichen, wo man Kräfte sammeln muss. Und das ist legitim. Dann setzt man aus, holt Luft und macht nach einer Pause mit frischer Kraft weiter.

Gesellschaftliche Veränderungen, wenn sie angestrebt werden, sind nichts, was von jetzt auf gleich passiert. Es sind langfristige Entwicklungen und man hat zu jeder Zeit die Gelegenheit, einen kleinen Klotz in eine allzu reibungslos laufende Maschinerie zu werfen. Aber dieser Klotz muss sorgfältig gewählt werden und gut geworfen.

Wer mit der Tüte Popcorn wirft, wird dagegen nichts erreichen.

In diesem Sinne: Sucht eure Klötze sorgfältig aus, schnitzt sie gut zurecht und werft sie gezielt dahin, wo es weh tut.

Dann verändert ihr auch etwas.

Und kein schlechtes Gewissen, weil der Klotz des Nachbarn nicht eurer ist. Es ist der vom Nachbarn, und er wirft ihn in seine Richtung. Ihr den euren in eure – und zu zweit habt ihr mit zwei selbstgeschnitzten dicken geworfenen Klötzen sehr viel mehr erreicht als mit vier kleinen geworfenen Bauklötzchen, die von anderen zugeschnitzt wurden.

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Veröffentlicht am 20. Februar 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Schön geschrieben und wahr.
    Wer macht es sich zur Kampagne, diese Denkweise unter den Menschen zu verbreiten? 😉

  2. Nur um vorsichtig darauf hinzuweisen: es gibt inzwischen Berichte, dass der Amazonbericht der ARD die Situation (freundlich ausgedrückt) ein bisschen negativer dargestellt hat, als sie wirklich war. Unter anderem waren die Unterbringung wohl ganz normale Ferienhäuser für 6-8 Personen und die Spanierin um die es hauptsächlich ging arbeitet noch in Deutschland (anscheinend in dem Hotel in dem sie für Amazon untergebracht war).
    Abgesehen davon scheint mir der Lohn über den sich alle aufregen der ganz normale Tariflohn Zeitarbeit zu sein – mehr verdient man für ungelernte Arbeit über eine Zeitarbeitsfirma einfach nicht.

    • ein anderer Stefan

      Naja, normalerweise suche ich mir aus, mit wem ich in ein Ferienhaus ziehe… Und werde dann nicht von Neonazis schikaniert, die sich als „Sicherheitsdienst“ ausgeben und nicht mal irgendeine Privatsphäre respektieren. Dass ein Sicherheitsdienst offenbar wegen früherer Übergriffe notwendig war, zeigt ja, dass die Unterbringung nicht in Ordnung ist – wenn man wildfremde Menschen auf engem Raum zusammenbringt, gibt es immer Probleme. Und wenn die Anwerber gleich gesagt hätten, ihr arbeitet für eine Zeitarbeitsfirma und kriegt 8,20 (oder was es war) und nicht damit geworben hätten, dass sie bei Amazon für 9,60 arbeiten, wäre das auch nur halb so wild. Zudem war der Transport zur Arbeitsstätte und zurück ja wohl auch grenzwertig. Auch wenn die Aufregung vielleicht etwas hochgepusht war, so waren das insgesamt ja keine Topbedingungen und durchaus kritikwürdig.

    • Ich weiß gerade nicht um welche Amazon Niederlassung es in diesen Berichten geht geht(hab die Sache nur am Rande verfolgt), ich kenne nur die in Bad Hersfeld.
      Und ich kenne ein Feriendorf dort, wo Amazon mitarbeiter untergebracht wurden/werden(?), es ist ein schönes Feriendorf im kleinen Örtchen Machtlos und der Name ist Programm, da gibbet nix (ich weiß das, Schwiegeromi wohnt da) und dort wurden die Arbeiter mit Reisebussen Transportiert…zumindest habe ich einige dieser Busse gesehen…
      Wenn Bauarbeiter auf Montage geschickt werden, sucht auch der Chef die Pension aus und übernachten auch mehrere Personen in einer Pension (okay die kennen sich vermutlich schon länger), aber das ist durchaus nicht unüblich

  3. Naja so einen kleinen rechten Touch kann man bei einem Sicherheitsdienst mit dem Namen H.E.S.S. eventuell schon erwarten. Das kommt ja nicht von Hessen, ich denk da eher so an den Rudolf mit dem Nachnamen.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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