Hauptsache Kitas


Diese Meldung hier hat mich erstmal komplett von den Socken geworfen. Wie können Erzieherinnen sowas eigentlich machen? Das geht doch nicht.

Nur – dann hab ich etwas im Postkasten gefunden, was ein ziemlich heftiges Schlaglicht auf Kitas und vor allem deren kirchliche Träge wirft. Es ist eine Zusammenfassung der Mail, die ich nicht wortwörtlich hier reinstellen möchte.

Der Vorfall fand in Baden-Württemberg statt, einem Bundesland, das gegen Brandenburg wie das Erzieher-Paradies wirkt. Trotzdem ist die Erzieherin ausgerastet und es wird Zeit, dass man endlich mal nachforscht, warum das passiert ist und nicht pauschal auf die „unfähige Erzieherin“ einprügelt.

Hier kann man die Zahlen einsehen, das statistische Bundesamt hat hier einmal alles aufgeschlüsselt. Seite 8 ist hier die spannende. Während Baden-Württemberg noch am oberen Ende der Nahrungskette rangiert, sieht man an den neuen Bundesländern Zahlen, da bleibt einem die Spucke weg. Hier kommen fast doppelt so viele Kinder pro Erzieher als in den alten Bundesländern.

Die Belastungen daraus sind vielfältig.

Die Möbel in den Kitas sind auf kleine Kinder ausgelegt. Die Erzieherinnen sind aber erwachsen und haben kaum „erwachsenes“ Mobiliar. Die müssen sich auf die kleinen Stühlchen und an den kleinen Tischchen hinsetzen. Die Folge sind, gerade bei älteren, massive Rückenprobleme. Diese werden NICHT als Berufskrankheit anerkannt. Könnte man schnell vermeiden, indem man in jeden Kita-Raum auch Mobiliar für die Erzieherinnen einbaut, aber das geschieht nicht.

Die Lärmbelastung ist hoch. Kinder sind laut. Demzufolge haben viele Erzieherinnen in späteren Jahren mit Schwerhörigkeit zu kämpfen. Diese Schwerhörigkeit ist KEINE Berufskrankheit, auch wird baulich nichts gemacht, umd die Lärmbelastung zu vermindern.

Die Ausbildung zur Erzieherin dauert bis zu 5 Jahre. Trotzdem sind nahezu alle in diesem Beruf tätigen auch auf aufstockendes HartzIV angewiesen, weil der Beruf so exorbitant schlecht bezahlt wird. Warum er so schlecht bezahlt wird? Weil nach wie vor „Erzieherin in der KITA“ als „Zwischenstation“ angesehen wird, bis die Erzieherin eigene Kinder bekommt. Und auf die Situation der Erzieherinnen in kirchlichen Kindergärten weise ich an der Stelle mal nicht hin, sonst sträuben sich mir wieder die Nackenhaare.

Erzieherinnen in Kindergärten haben ein erhöhtes Infektionsrisiko. Das ist nun mal so. Kinder haben noch nicht wirklich genug Abwehrkräfte, sie fangen sich schnell was ein. Und eine Epidemie von „Kinderkrankheiten“ geht oft auch nicht an den Erzieherinnen vorbei. Passiert dann was, ist das keine Berufskrankheit. Ist doch nur eine Kinderkrankheit, ist schon nicht so schlimm.

Es passieren Unfälle in Kitas. Die Erzieherinnen müssen auch zumindest eine erweiterte Erste-Hilfe-Ausbildung haben. Es gibt Glastüren, die brechen können und dabei Kinder verletzen, es gibt eine Vielzahl von Dingen, wo ein Kind in einer Kita sich verletzen kann. Passiert was ernsthaftes, wird von den Erzieherinnen erwartet, dass sie 1. das Kind optimal betreuen und 2. danach zur Tagesordnung übergehen. Hilfen in Richtung Traumapsychologie? Nada.

Problemeltern und Problemkinder – von Erzieherinnen wird wie selbstverständlich erwartet, dass sie mit diesen Erziehungsversagern und deren „Ergebnissen“ umgehen können. Dass sie sie davon abhalten, gewalttätig zu werden, dass sie sie davon abhalten, andere zu beklauen. Dass sie bei fremdsprachigen Kindern auch noch die Linguistik übernehmen – natürlich. Gehört zum Gesamtpaket dazu.Alles in allem lastet auf Kita-Erzieherinnenn ein ungeheurer Druck bei einer unglaublich schlechten Bezahlung.

Ihr wundert euch, dass so was wie in dem Eingangsartikel beschrieben passiert?
Wann wundert ihr euch, dass SO WENIG passiert?

Kurzer Vergleich mit Skandinavien: Dort sind die Kita-Mitarbeiter studierte Leute, werden entsprechend bezahlt und haben einen entsprechenden Personalschlüssel. Das gesellschaftliche Ansehen ist auch ein ganz anderes, denn dort erziehen sie die künftige Generation. Und das wird wertgeschätzt.

Hier? „Erzieherin? Hats nicht zu was besserem gereicht?“

Aber, Frau Schröder, hauptsache, wir haben genug Kita-Plätze, woll?

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Veröffentlicht am 9. Februar 2013, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Nicht nur die obermiese Bezahlung vor allem in Relation zu Ausbildungsdauer (hey, einen Bachelir hadt du nach 3 Jahren!) und das Ansehen, das gleich hijter Lehrern kommt – nein Frau Schröder & Co wollten auch schon 1euro-hartz4-jobs draus machen…

  2. Frau von der Leyen ist der Meinung, dass das alles auch eine (Schlecker-) Verkäuferin nach eine halben Jahr Anpassungsausbildung kann – wenn sie denn Mutter ist, braucht sie nicht mal eine Fortbildung.

    Ich bin nicht erstaunt darüber, dass Erzieherinnen durchdrehen. Kinderschutz geht anders.

  3. Für jedes Kind ein garantierter Platz bringt dann auch seine Probleme, woher sollen denn die Erzieherinnen kommen?

    Wie bereits gesagt, die Bezahlung ist nicht so das wahre und die Verantwortung/stressituation ist auch nicht ohne. Wenigstens steht das auch Nichtabiturienten noch zur Verfügung.

    An Personalkosten wird ja am Liebsten gespart und hier gehen wohl zum größten Teil nur 6 Stunden am Tag. Also muss gewechselt und übergeben werden. Gern wird wohl auch mit „Hilfskräften“ aufgestockt, also die direkt vom Amt zugeordnet werden.

  4. ..also, hier jammert mir eine Erzieherin vor, dass sie für halbtags(!) „nur“ 800.-€ netto erhält. Mag sein, dass das in Ballungsgebieten nix ist, aber hier in der Südwestpfalz ist das ein fürstliches Gehalt, für 20.-Stunden/Woche erst recht..

    • Ich bin nicht gut im Zahlenspielen, aber 800 Euro hochgerechnet auf 40 Stunden-Woche wären 1600 Euro netto.

      Vielleicht bin ich ja wirklich etwas verwöhnt, aber für ne 40 Stunden Woche ist da verdammt wenig.

      • ein anderer Stefan

        Hier sind mal die Einstufungen für Erzieher: http://oeffentlicher-dienst.info/tvoed/sue/entgeltgruppen.html Das heißt, wenn das E 8 entspricht, sind 1500 netto für einen Berufseinsteiger (Steuerklasse 1), und da die Stufe jeweils die Anzahl Jahre ist, nach der man auf die nächsthöhere Stufe kommt, hat man nach 21 (!) Jahren 1840 Euro netto. Das lohnt sich doch mal richtig… Damit kommt man auf dem Dorf vielleicht noch über die Runden, aber in der Großstadt ?

  5. Das Problem dabei ist, dass Erzieherinnen nicht im öffentlichen Dienst angestellt sind, sondern privatwirtschaftlich. Es gibt keine Kitas mehr, die in der öffentlichen Hand sind (zumindest im Osten, wie es im Westen ist, weiß ich nicht). Kitas sind in privater Trägerschaft. Von 1600 Euro Gehalt monatlich kann eine Erzieherin nur träumen – selbst nach 35 Jahren Betriebszugehörigkeit.

    I. Ü. ist es auch kein Problem, dass es zu wenig Erzieherinnen gäbe (dieses Problem spielt bei der Überlastung der Leute keine Rolle), das Problem ist der Erzieher-/Kinderbetreuungsschlüssel. Eine Kita darf nur so viele Kinder betreuen, wie auch Personal lt. Schlüssel da ist. Wenn zu wenig Leute da sind, dürfen sie auch nur weniger Kinder betreuen.

    Aber denkt mal drüber nach: Wie würde es euch gehen, wenn ihr gleichzeitig 7 einjährige Kinder betreuen müsstet? Das ist nämlich der Schlüssel im Osten.

    Zusätzlich ist pro Kind ein Raumbedarf von 3 m/2 pädagogische Fläche (Waschräume/Küche usw. werden hier nicht mit berücksichtigt) vorgesehen. D. h. in einem Raum von 21 m/2 dürfen 7 Kinder spielen. Ward ihr mal in einem Wohnzimmer mit 7 kleinen Kindern?

    Ich bin keine Erzieherin, nur Mutter von drei Kindern. Ich kann nachvollziehen, dass eine Erzieherin austickt, wenn sie in solchen Verhältnissen noch pädagogisch wertvolle Arbeit leisten soll.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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