Du Zicke


Eigentlich wollte ich das hier in einen Kommentar packen, aber dann dachte ich mir – mach nen Artikel draus, das wird länger. 😉

Es geht um den Twitter-Hashtag #Aufschrei und um die Diskussion über Sexismus, die gerade ausgebrochen ist. Es geht um verunsicherte Menschen und vielleicht eine kleine Hilfestellung. Und zwar anhand eigener Erfahrungen.

Sexismus also. Und ich denke die ganze Zeit an meine Ausbildungszeit zurück. Über 20 Jahre ist das her. Die Zeiten waren modern aber in den Amtsstuben halt doch noch anders. Und eins war anders: Die Frauen. Die Geschichten sind Legion, die ich erzählen könnte.

Von den drei Kollegen, die sich jeden Fußballtag mit den Pantoffeln in die Teeküche setzten, wo ein Sofa stand. Chef der eine, die anderen die rechte und die linke Hand. Die Sekretärin brachte ihnen das Bier und die chips und dann hat man Fußball geguckt. Wenn „Kundschaft“ kam, wurde diese wieder weggeschickt. Besprechung, wissenschon.

Sexismus?

Von dem Kollegen, der mich permanent angrabbelte. Wenn ich an dem vorbeiging, hatte ich die Hand auf der Schulter, auf dem Hintern, auch anderswo. Nie im Schritt, aber die Hemmschwelle war die einzige die er sich auferlegte. Er tat das in Gesprächen, die dienstlich waren. Und ich, in der Ausbildung, konnte mich nicht wehren. Ich fing an, den Kollegen zu meiden, was nur solange gutging, bis ich einige Wochen in seinem Büro war, weil er mich ausbilden sollte.Dienstliche, rein sachliche Gespräche, freundliche Unterhaltungen, Kollegen belästern, all das ging nur, wenn er eine Hand *irgendwo* an meinem Körper hatte.

Ich hab mich selten so erniedrigt gefühlt. In meiner Hilflosigkeit habe ich Kolleginnen gefragt, was ich tun soll. Antwort einer Kollegin (die auch inzwischen verstorben ist): „Freu dich doch, der macht das nur bei den hübschen. Und wenns mal so weit kommt, leg dich hin, schließ die Augen und denk an was Gutes.“

Habe ich den Kollegen je darauf angesprochen, was er macht? Ihr kennt meine Geschichte. Natürlich nicht. Für mich selbst einstehen habe ich nie gelernt. Für mich waren diese Dinge immer ein „nimms hin, ist irgendwann vorbei.“ Aber vielleicht kann sich jemand meine Panik vorstellen, die ich bei dem Gedanken hatte, wann der Kollege denn endlich entschied, dass „ich soweit sei“.

Soweit kams zum Glück nicht, meine Ausbildungszeit endete dort kurz darauf, ich kam in eine neue Abteilung und habe zugesehen, dass der nie mehr näher als 10 m an mich rankam.

*Zeitsprung*

20 Jahre später. Durch einen unglücklichen Zufall arbeiten wir an einem Projekt zusammen. Der Kollege begrüßt mich strahlend, wieder hat er die Hände irgendwo auf meinem Körper, ich hatte das Gefühl, in einem Wurmbad zu stecken. Ekel, Abgestoßenheit überkam mich. Und wieder war ich die hilflose Auszubildende, konnte nicht den Mund aufmachen, mich nicht wehren. Nur Abstand wahren.

Am 2. Tag sitze ich am Tisch, in einer Arbeit vertieft. Kollege eins kommt an, legt die Hand auf meine Schulter, beugt sich über mich und flüstert mir ein „Guten Morgen“ ins Ohr. In dem Moment nur noch Reaktion. Ich springe auf, bin mit einem Satz gut 4 m weg von ihm und schreie nur noch: „GEH WEG. LASS MICH IN RUHE“. Ich habe nie so ein verdattertes Gesicht gesehen.

Sexismus?

Kollege zwo: Immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Immer irgendwas mit Körperbezug. Ob er meine Oberweite doof kommentiert hat oder was auch immer: IMMER waren es Machosprüche. Die zumindest ich locker austanzen konnte. Denn er war nie sauer, wenn man ihm die Sprüche genauso zurückgeschossen hat. Der Umgangston war rauh, aber herzlich. Und ich fühlte mich immer sicher in dem Wissen, dass er die Tatsache, dass er mir vorgesetzt war, nicht ausnutzen würde.

Er hat mich angebrüllt, er hat mich runtergeputzt, wenn ich Fehler gemacht habe. Aber er war auch da, wenn ich die Ohren hängengelassen habe. Ich weiß, das viele Kollegen mit ihm Probleme hatten.

Ich nie, denn er war vor allem zwei Dinge: Ehrlich und loyal. Und als gewisse Anschuldigungen im Raum standen, hab ich die nie geglaubt. Aus Erfahrung konnte ich sagen: Der nicht. Niemals. Dafür hatte er, und das ist angesichts der Tatsache, dass er eine ziemlich lose Klappe hat, vielleicht merkwürdig, zuviel Respekt vor Frauen.

Wenn du allerdings verschissen hattest, hat er dich das auch merken lassen.

Sexismus?

Kurz gesagt: Nein, das sind alles keine Sexismus-Fälle.

Der Fall ganz oben war aus den 70ern. Die Zeiten waren dort anders, sie werden bis heute mit einem Augenzwinkern kolportiert und man stellt sehnsüchtig fest, wie sehr die Zeiten sich doch geändert hätten (mach das heute und du hast schneller ne Abmahnung am Hintern als du pieps sagen kannst). Die Sekretärin hat die tatsächlich bemuttert, die drei Herren in Pantoffeln und Fußballguckend ließen sich gerne bemuttern. Das wurde nicht hinterfragt. Heute würden die drei eins mit der Keule übergebraten kriegen – aber damals? Krähte kein Hahn nach.

Haben die drei Kollegen die Sekretärin respektiert? Das würde mich heute sehr interessieren, aber da alle Beteiligten verstorben sind, ist das leider nicht mehr möglich.

Kollege eins hat die Welt nicht mehr verstanden. Was hatte er denn anders gemacht als all die Jahre zuvor. Dass der meine Abwehrsignale nicht gesehen hat – das ist fehlende Empathie. Dass ICH ihm keine Grenzen gesetzt habe, mein Fehler. Das ich es buchstäblich nicht konnte: Nicht seiner.

Schuld, wenn man so will, haben in dieser Situation alle Beteiligten: Die Frauen, die ihm nie Grenzen setzten. Ich, die das auch nicht tat und ER, der einfach keinen Respekt gezeigt hat. Der Frauen als Mittel sah, sich selbst „Pleasure“ zu verschaffen, aber nicht als gleichberechtigte Wesen. Es wäre Sache der Frauen gewesen, hier zu sagen: „STOPP“ – und das hat keine getan, mich eingeschlossen.

Bis der Krug geplatzt ist und der Kollege zum ersten mal in über 60 Jahren mit den Konsquenzen seines Handelns konfrontiert wurde.

Das ist kein Sexismus. Das ist die Frage, wie selbstbewußt sind wir, und wo jeder die Grenzen setzt. Und zum Grenzen setzen gehören zwei: Einer der sie setzt und einer der sie wahrnimmt und respektiert. Und wenn ich mir die Aufschrei-Tweets so durchgucke: An beidem hapert es gewaltig.

Kollege zwo *seufz* den vermiss ich echt.

Es mag schwer nachvollziehbar sein, wenn ich sage: Er hat mich immer respektiert. Er hat Sprüche gemacht, die unter die Gürtellinie gingen, aber dennoch hat er mich *immer* respektiert. Immer. Wenn er mich zusammengebrüllt hat, weil ich mal wieder Zahlenkolonnen nicht korrekt aufaddiert bekommen habe – trotzdem hat er mich respektiert.

Dieser Respekt äußerte sich darin, dass er wahrgenommen hat, wenn er bei mir Grenzen überschritten hat. Und sich entschuldigt. Ja, hat er. Auf seine eigene Art.
Und dieser Respekt hat sich darin geäußert, dass ich nie Probleme hatte, ein offenes Ohr zu finden, wenn ich nicht weiter wußte. Und ja, auch ein mitfühlendes. Nach außen harter Hund, war er halt doch ein großer Softie (ich erzähls keinem versprochen 😉 ).

Er hätte gewisse Grenzen NIE überschritten, völlig egal was andere behaupten. Auch, weil er seine Beziehung nie gefährden würde.

Und ich glaub, wenn ich mir die Tweets so durchgucke: Es geht nicht um Sexismus, es geht um gegenseitigen Respekt. Um das respektieren persönlicher Grenzen, um die Empathie, diese Grenzen wahrzunehmen und um das Selbstbewußtsein, diese Grenzen zu setzen.

Es ist sehr leicht, jemanden, der einem ein Kompliment macht, mit einem gebrüllten „du SEXIST“ in die Schranken zu weisen, aber das ist genauso respektlos. Denn derjenige, der vor einem steht, kennt einem im Regelfall nicht genau. Der weiß nicht, welche Geschichte man hat und welchen Knopf er womöglich gerade getriggert hat.

Für ihn wars ein normales Kompliment, für sie ein Eindringen in die Privatsphäre.

Gegenseitiger Respekt heißt dann: Klar sagen: „Danke für das Kompliment, ich empfinde das aber als übergriffig.“ – mehr brauchts nicht. Etwas in der Richtung. Und die Antwort hat dann zu lauten: „Sorry, wollte ich nicht, es war ein ehrliches Kompliment, mehr nicht.“

Alles gut dann. Keine bösen Gefühle, man ist kein Sexist.

Sondern nur ein Mensch, dem etwas gefallen hat.

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Veröffentlicht am 26. Januar 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. ich weiß nicht, ob das hier paßt … nur das mit dem respekt ist so eine sache.

    was ich meine? in meinem umfeld kommen immer wieder grenzüberschreitungen vor. es wird nur schwierig, wenn
    a) dir als betroffener diese überschreitungen zu spät auffallen (bei mir einfach verzögerte wahrnehmungen)
    b) deine grenzsetzungsversuche erst in explosiver art respektiert werden.

    was ich meine: oft haben die menschen eben nicht gelernt, sich adequat zu wehren. und die anderen akzeptieren eine verteidigung auch nicht, sondern müssen es mit dem vorschlaghammer beigebogen bekommen. und dann ist wieder das geschrei: „mit dir kann man nicht reden, du bist agressiv“ – danke!

    • Abseits von der Sexismusdiskussion kenne ich das leider auch so gut. Meine Familie hat meine Grenzen niemals akzeptiert. Sei es nun, dass ich es mir verbitte, während des Essens permanent auf mein Gewicht angesprochen zu werden, dass ich die Kleidung wähle, die mir gefällt, ohne dass das jedes Mal wieder thematisiert wird oder dass mir meine Intelligenz abgesprochen wird, nur weil ich anderer Meinung bin.

      Ich habe mir so den Mund fusselig geredet in meinem Leben. Gebracht hat es gar nichts. Und irgendwann werde ich dann einfach wütend. Und dann heißt es, ich wäre aggro, kein kleines, beleidigtes Kind und überhaupt nicht ernst zu nehmen.

      Situation: Ich sitze im Garten in einem Hängestuhl. Meine Tante sieht mich und sagt: „Meinst du das geht? Die Dinger halten doch nur bis 100 Kilo.“ (Info: In meinem ganzen Leben war ich noch niemals auch nur in der NÄHE von 100 Kilo!)
      Lustigerweise ist meine Tante erheblich dicker als ich. Ich sage also: „Naja, ich muss mir da keine Sorgen machen, aber du solltest da besser aufpassen.“ (Neuerliche Info: Ich würde NIE von mir aus einem Menschen wegen seines Aussehens oder seines Gewichts einen solchen Spruch ins Gesicht sagen. Aber wenn ich provoziert werde, schlage ich mit den gleichen Mitteln zurück!)

      Wer war dann beleidigt, und wer die Böse? Dreimal darfste raten!

      Wenn es schon als Bösartigkeit ausgelegt wird, sich gegen Grenzverletzungen zu wehren, sei es mit einem genauso frechen Spruch oder durch ein Appellieren an die Vernunft („Es tut mir weh, wenn du so mit mir redest“), dann bleiben einem leider keine Möglichkeiten. Höchstens Kontakt abbrechen, aber das ist natürlich bei der eigenen Familie sehr schwer. Und SCHULD bin ich an sowas deshalb sicher nicht.

      • *G* – schuld ist so eine sache. Liegt im kleinen bereich oft im auge des betrachters – und viele leute neigen zu einer permanenten „kognitiven dissonanz“, speziell bei eignenen fehlern.

        irgend wie kabe ich nur keinen bock mehr auf diesen ständigen eiertanz. es kostet zu viel kraft. ach was soll’s…

  2. Ich war mal in den 70gern als Studentin in einer Behörde. Die Abteilung bestand aus 12 Männern und drei Frauen. Die drei Frauen spülten immer das Frühstücksgeschirr, die Männer ließen alles stehen und liegen. Ich thematisierte das und weigerte mich, mich am weiblichen „Dienen“ zu beteiligen – und als die älteste der 3 Frauen krank wurde, nahm ich ihre Stelle im Ablauf Spülen, Abtrocknen, einräumen NICHT ein.

    Der Chef gab mir in einer Disskussion recht (der Zeitgeist! 2.Frauenbewegung! Ging ja argumentativ gar nicht anders…), die beiden anderen Frauen hörten auf zu spülen – ab jetzt spülte jede/r seine/ihre Tassen und Teller selbst,

    Aber nur eine Woche lang, bis nämlich die Älteste (so um die 40) wieder erschien und die alten Verhältnisse wieder herstellte. Sie war ja so gerne die „mütterlich-sorgende Unentbehrliche“…. Ich selbst spülte nach wie vor nicht mit. Gefühlsmäßig tat es mir weh, aber ich verachtete diese Frau und auch die beiden anderen, die ihr einfach folgten, obwohl sie bereits „den Aufstand geprobt“ und gewonnen hatten!

  3. Genau so, wie Du das hier schilderst, sehe ich es auch!

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warf folgenden Kuchen auf den Teller

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