Große Katastrophen und gigantische Katastrophen


Erinnert sich noch jemand an den Brand in dem Textilwerk in Bangladesh? Wo 150 Menschen elendiglich verreckt sind, weil der Fabrikbesitzer alle Ausgänge hat versperren lassen? Wie Vieh mussten die Angestellten dort arbeiten.

Nein, nicht wie Vieh. Vieh wird besser behandelt.

Bangladesh ist eins der ärmsten Länder dieser Welt. Die Menschen dort haben teilweise weniger Geld im Jahr zur Verfügung als wir in einem Monat für einen Handyvertrag raushauen.

Wer dort Arbeit hat, gehört zu den Glücklichen und nimmt so ziemlich jede Arbeitsbedingung hin, nur damit er die Erwerbsquelle nicht verliert.

Die 150 Toten in der Textilfabrik waren die Haupternährer ihrer Familien. Einen Ersatz gibt es nicht. Ein Rentensystem existiert nicht. Die Familien der 150 Toten stehen jetzt vor dem existenziellen Nichts. Es gibt kein Meldesystem in Bangladesh, wenn eine Familie ihre Wohnung verliert, verschwindet sie.

Nach dem Brand wurden den Angehörigen 7500 Dollar Entschädigung zugesagt, zudem der letzte Gehaltsscheck der Toten. Geld kann den Verlust eines Menschen nicht aufwiegen, aber die nackte Existenzsorge wäre gelindert.

Allein, die Schuldigen dieser Katastrophe spielen auf Zeit. Wer seine Wohnung verliert, weil er die Miete nicht mehr zahlen kann, wird auch keine Entschädigung bekommen, weil diese Menschen schlicht vom Radar verschwinden.  Und genau darauf zählen die Verantwortlichen. Jede verschwundene Familie sind 7500 Dollar weniger Entschädigung die sie zahlen müssen.

Das sagt viel über die Skrupellosigkeit dieser Verbrecher aus. Als wenn die Tatsache, dass man die Angestellten wie Sklaven einsperrt, nicht schon genug Hinweis gewesen wäre.

Die Berichterstattung ist seltsam losgelöst von dem Leid, dass diese Menschen verspüren. Es ist fast so als wären diese Menschen entweder leidensfähiger oder -unfähiger, ich weiß nicht wie ich das ausdrücken soll. Ein wenig Hochmut kommt in der Berichterstattung durch, denn irgendwie scheint man davon auszugehen, dass es „nur um Geld“ geht.

Dass dem nicht so ist, zeigt Spiegel-Online mit einer schmerzlichen Bilderstrecke und einem klar formulierten Artikel. Schmerzlich deshalb, weil as Leid greifbar wird. Das sind nicht nur eine abstrakte Zahl von Menschen – das sind reale Personen, die trauern um ihre Angehörigen.

Vielleicht ein guter Zeitpunkt, sich mal wieder bewußt zu machen, wie zerbrechlich das Leben doch sein kann. Und wie leicht man über Menschen urteilt, die man nicht kennt.

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Veröffentlicht am 25. Januar 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Du glaubst das ist ein Bangladesh nur so? In Europa doch genauso. ich errinere mich noch wie ich von einer Freundin (damals Sekretöse in einem großen deutschen Industrieunternehmen) erzählt bekam wie man versuchte die Zahlung an Holocaust überlebende noch um 2 – 3 Jahre zu verzögern weil dann laut Statistik wieder 10% gestorben sind und man weniger claims hat.

    Bei dem Bhopal unglück war es iirc. auch so das nie wirklich Entschädigung und Aufarbeitung (oder eine Reinigung des Geländes) geschahen.

    Was die Fabriken in Billiglohnländern angeht ist es einfach so das das erhöhte risiko hingenommen wird weil die Kosten im Katastrophenfall minimal sind. Union Carbide hat auch nur einen Bruchteil (damals ~470 mil von angehmanten 3mrd) für Bophal gezahlt wovon das meiste an di Indische Regierung ging nicht an die Opfer.

    Dasman so wenig von den Menschen sieht und deren Unglück sieht. Ich würde sagen das ist PR von allen seiten. Von Bangladesh genauso wie von den Firmen. Die wirklichen umstände zu zeigen wäre eine Katastrophe für den Staat wie für die Produzenten.
    Das es auf Blogs wie auf deinem oder Seiten wie BoingBoing erscheint, geschenkt das können die nicht verhindern. Allerdings haben sie genug Macht um meistens die Mainstream medien, damit meine ich Zeitungen und Fernsehen, zu beinflussen (und darum brauchen wir unabhängige staatliche Sender) in dem z.B.gedroht wird Werbeverträge zu kündigen. Stell dir vor das leid kämme auf MSNBC, NBC oder FAUX NEWS … dann gäbe es Theater.

    • Argh Mist den ersten Satz hab ich vergessen zu ändern … wollte nicht so gemein klingen. Mich nimmt das nur mit wenn ich solche Stories lese oder mitbekomme.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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