Inauguration


Da wird er also in sein Amt eingeführt, Barack Obama, der 44. Präsident der USA.

Und eins muss man den Amis lassen: Sowas können die feiern.

Und wie nach der Uhr gestellt, brandet hier wieder die Hetze auf. Undifferenziert und leider auch meist uninformiert.

Barack Obama ist kein Heiliger. Er ist keine große Lichtgestalt und vor allem nicht das Versprechen auf DIE Lichtgestalt, die ihm vor fast 5 Jahren aufgeschrieben wurde und die er – natürlich – nicht erfüllen konnte.

Aber Barack Obama ist trotzdem ein Hoffnungsträger. Für die Welt? Sicher nicht. Aber für sein Volk, für die USA, für den Teil, der verzweifelt am oder unter dem Existenzminimum dahinvegetiert und von den Glücklicheren dafür noch verachtet wird, für den Teil, der aufgrund seines Lebensstils verfolgt wird. Für die IST er ein Hoffnungsträger.

Ich kenne die USA von der Mittelschicht genauso wie von der Unterschicht her. Von der schwarzen Unterschicht. Ich hab die Slums gesehen, in denen die Menschen dort leben müssen, immer in Gefahr, aus dem vertrieben zu werden, was sie als Heim bezeichnen. Weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können.

Ich hab die Drogenabhängigen gesehen, die HIV-infizierten genauso wie die AIDS-kranken. Und glaubt mir, es sind nicht wenige.

Leben im amerikanischen Slum bedeutet fast immer auch, sich irgendwie mit den Gangs zu arrangieren, die oftmals die Rolle der Polizei übernommen hat, die nur noch die reicheren Viertel schützt. Viele Mütter, die sonst kein Einkommen haben, sehen bewußt weg, wenn ihre Söhne plötzlich Geld nach Hause bringen, dass so dringend benötigt wird. Es ist fast immer Ganggeld, aus Drogengeschäften, Einbrüchen, Raubüberfällen.

Für diese Söhne besteht fast nie die Möglichkeit, lebend aus der Sache herauszukommen, sie werden oft erschossen.

Amerika ist, ungeachtet der Rede des Präsidenten, ein Land, das in weiten Teilen in tiefer Verzweiflung versunken ist, dass Hilfe braucht und die nicht bekommt, weil Gott nur denen hilft, die sich selbst helfen. Und so kämpft und kämpft man – um dann doch wieder sein Kind zu betrauern, das in einer der Gangrivalitäten zu Tode kam. Been there, done that. Ich brauche nicht noch mehr Trauerfeiern.

Für alle diese ist Obama, so verrückt das für uns klingt, ein Hoffnungsträger. Die Außenpolitik interessiert nicht, nur: Er ist schwarz, und das in einem weißen Land. „Wir *können* es schaffen, ein bisschen Glück und es funktioniert.“

Das ist die Hoffnung, die viele haben, die verzweifelt sind.

Und ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich erklären, warum ich Gläubige niemals als „Religioten“ bezeichnen würde.

In den USA, die ich kennengelernt habe, hat sich der Staat aus fast allen Unterstützungen für die Ärmsten der Armen zurückgezogen. Bist du Obdachlos, bleibt dir oft nur die Möglichkeit, zu betteln. Unterstützung bekommst du nicht.

Die einzigen, die diese Lücke schließen, sind die privaten NGOs und die Kirchen. Und die leisten teilweise unglaubliches. Ganze Familien hängen von den Kirchengemeinden ab. Sie sollten es nicht, aber sie tun es. Und nicht jede Kirchengemeinde fordert endlose Dankbarkeit für die Unterstützung, sonst wird die Unterstützung eingestellt.

Und nicht jede Kirchengemeinde wählt die Leute so aus, dass sie in ihr „Beuteschema“ passen. Natürlich gibt es diese Gemeinden. Viel zuviele davon. Aber genauso gibt es auch die anderen, die die Not sehen und helfen, unabhängig von dem, was der Hilfsbedürftige vielleicht glaubt.

Ohne diese Kirchengemeinden und den Glauben, den sie repräsentieren, wäre die Not in den USA noch um einiges größer.

Und wer einmal erlebt hat, wie selbstlos einem Gemeindemitglied beigesprungen wird, wie umfassend die Solidarität ist, wenn jemand in Not ist oder in Trauer, der weiß, dass nicht alles falsch sein kann, an was sie glauben. Selbst ich, die als Agnostikerin dort wahrgenommen wurde, wurde mit offenen Armen begrüßt, nicht einmal wurde versucht, zu missionieren. Man hat sich unterhalten, aber meine Meinung wurde letztlich respektiert ohne dass ich selbst an Ansehen eingebüßt habe.

Wenn ich dann sehe, wie hier Menschen hingehen und alle, die an irgendetwas glauben, als „Idioten“ bezeichnen, als „Schwachköpfe“ oder „Schwachsinnige“ – dann frage ich mich, wer hier der Schwachkopf ist.

Toleranz ist keine Einbahnstraße. Toleranz bedeutet nicht: „Ich teile deine Meinung“  sondern „Ich teile deine Meinung vielleicht nicht, respektiere dich aber trotzdem“. Vor diesem Hintergrund kann man auch so strunzdumme Leute wie Michelle Bachman, Mitt Romney oder Sarah Palin ertragen.

Das heißt übrigens nicht, dass ich nicht weiter fröhlich und mit Verve auf die Kirchen hier in Deutschland einprügeln werde. DER verlogene Haufen hat mit Glauben genauso wenig zu tun wie eine Kuh mit dem Fahrradfahren.

Aber trotzdem achte und respektiere ich, dass es Menschen gibt, die tatsächlich an das glauben, was sie predigen.

Advertisements

Veröffentlicht am 21. Januar 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. An anderer Stelle schon mal gebracht, aber hier passt er hin. So sollte es sein.

    “No one wishes to be ‘rescued’ with someone else’s beliefs. Remember your task is not to convert anyone to anything, but to help the person in front of you get in touch with his or her own strength, confidence, faith, and spirituality, whatever that might be.”
    — The Tibetan Book of Living And Dying

  2. ein anderer Stefan

    Glaube hatte noch nie etwas mit einer Kirchenorganisation zu tun. Das Gebot der Nächstenliebe läßt sich prima ohne eine Amtskirche umsetzen.

    Was Obama angeht, so hat er mit dem Friedensnobelpreis zu große Hoffnungen aufgedrückt bekommen. Der FNP ist so was wie eine mundane Heiligsprechung, und das auf Kredit kann nur schiefgehen.

  3. Ich kenn das ja nicht selbst, aber was man von einigen US-Kirchen oftmals so mitbekommt sind die oftmals sehr „eiferisch“.
    Gott hier, Gott da. Die Glaubensgemeinschaft. Unsere Version der heiligen Schrift.
    Die Gemeinschaft, die Gemeinschaft! Unsere Pfarrer.
    Da bin ich wohl zu pragmatisch zu, aber das ist mir immer sehr suspekt.

    So geselliges Zusammensein, bisschen Andächtigkeit, versuchen den Ideen dahinter zu folgen und als gutes Beispiel zur Gesellschaft beizutragen, da kann ich ja noch mitgehen.
    So als guter Bürger und vor allem guter Mensch. Aber diese leicht fanatischen Züge, oder auch „bible-thumping“. Neee.

    Christliche Werte sind ja eigentlich recht okay.

    Re: Obama
    FNP schon vor Amtsantritt zu bekommen war eh so eine Sache. Die EU hat den doch jetzt auch bekommen.
    Und wo wir schon so schweifen: Sich beschweren das Obama nichts regelt, aber selbst alle Gesetze blocken, das geht schon fast Richtung selbsterfüllende Prophezeiung.

    Was einem wenigstens etwas Einblick in US-Politik bringt sind leider nicht die Nachrichten sondern Comedians.(Daily Show with Jon Stewart, Colbert Report)
    z.B. NRA ATF Geschichte http://www.thedailyshow.com/watch/wed-january-16-2013/there-goes-the-boom—atf

warf folgenden Kuchen auf den Teller

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: