Lance Armstrong


Yo, nochmal Lance Armstrong.

Wenn man sich gerade die Berichterstattung anguckt, sieht man, dass die Medien „enttäuscht“ sind, weil Armstrong keine Namen genannt hat.

Och kommt Leute, das ist nicht euer Ernst, oder?

Lance Armstrong war bei Oprah Winfrey. Und wer immer erwartet hat, dass er dort eine umfassende Beichte auch zu strafrechtlich relevanten Dingen ablegt, kann doch nicht mehr alle stramm haben.

Du gehst nicht zu Oprah, wenn du reinen Tisch machen willst. Du gehst zu Oprah, wenn du ein kleiner unartiger Junge warst und Mami dir über den Kopf streichen soll und sagen: „Ja, es wird alles wieder gut. Ich hab dich doch lieb, mein Kleiner.“

Und genau das hat Lance Armstrong gemacht mit einer genau kalkulierten Mischung aus Demut und Frechheit. Mehr war nicht zu erwarten und mehr haben die meisten auch nicht erwartet. Nur unsere Medien kriegen sich grad nicht drüber ein, wie „enttäuschend“ das Interview denn wohl war.

Oprahs Job ist nicht investigativer Journalismus, sie menschelt gerne und sie zeigt gerne, dass die Leute, die oft als Idioten betitelt werden, doch noch eine menschliche Seite haben. Und Lance Armstrong, gebrandmarkt als kalt wie eine Hundeschnauze, hat die Gelegenheit perfekt zu nutzen gewußt. Und Oprah hat nichts weiter gemacht als ihren Job.

Natürlich hakt sie nicht nach, wenn er keine Namen nennen will – sie WEISS, dass er nix sagen wird. Bei der Geschichte sind die leisen Töne die wichtigen.

„Er hat sich vorbereitet.“ sagte Oprah nach dem Interview.

Und DAS, meine Damen und Herren, ist eine schallende Ohrfeige für Lance Armstrong. Denn damit sagt sie nicht mehr und nicht weniger aus, als dass seinem Geseiere nicht zu trauen ist, dass das Krokodilstränchen sind, dass er mitnichten bereut und nur seinen Arsch retten will.

Womit sie ja recht hat.

Wie gehts denn jetzt nun weiter?

Der UCI als Radsportverband ist fertig. Der gesamte Radsport ist durch. Aber was mir bei der ganzen Sache immer noch sehr fehlt, ist mal ein kritisches Hinterfragen, was von den Athleten im Radsport denn überhaupt erwartet wird und erwartet werden kann.

Tour de France zum Beispiel. Ich erinnere mich immer noch der Jubelarien über die nächste Bergstrecke, die furchtbaren Strapanzen, die auf dieser Etappe liegen, diese Mischung aus Mitleid und Thrill über die armen Heldenschweine, die durch diese Etappen müssen.

Bei manchen Bergen hätten Auto Probleme hochzufahren, aber da wird erwartet, dass Menschen da hochklettern.

Entsprechend sieht man die Strapazen der Tour auch den Athleten an. Die Strecken dort sind imho ohne Doping nicht in der Zeit zu schaffen, die von den Organisatoren, die besser in einem SM-Studio aufgehoben wären, erwartet wird.

Und so verlieren die Athleten dort Kiloweise Muskelmasse, weil der Körper trotz einer Kalorienaufnahme von 5 – 9000 Kalorien über keine Fettreserven mehr verfügt, um die Energie noch aufzubringen, die Etappe durchzuhalten. Jan Ullrich z.b. ist eigentlich ein properes Kerlchen, der hat eher die Figur eines gemütlichen Teddybären. Aber guckt ihn euch mal auf den Bildern nach dem Toursieg an oder auch nur als Zweiter.

Der Preis ist hoch. Und, wie gesagt, gerade im Tourenradsport sind diese Strapazen nicht mehr zu machen, denn es ist ja nicht nur die Tour de France. Die Vuelta ist eine andere Rundfahrt und es gibt noch andere, die auch nicht weniger anstrengend sind. Und all das soll immer schneller immer anstrengender werden.

Und dann regt man sich auf, dass die Fahrer dopen, anstatt mal zu checken, was man denen eigentlich antut. Muss es denn immer noch ein Prozent in der Steigung mehr sein? Wann ist es genug? Und auch die Sportjournalisten, die diese schweren Strecken bejubeln, sollten vielleicht mal deutlich sagen, was man den Fahrern da antut. Nicht nur bei der Tour de France, bei allen.

Das ist mit einfachen menschlichen Kräften nicht mehr zu machen, ein Hinweis darauf ist ja das flächendeckende Doping im Radsport schon seit Jahrzehnten. Und obwohl man das weiß, wirds immer noch härter immer noch schwerer.

Wer so weitermacht, muss damit leben, dass gedopt wird. Denn sonst fallen die Sportler nach der Hälfte tot vom Rad.

Vielleicht wirds Zeit, dass wir die Radsportler nicht mehr als moderne Gladiatoren sehen sondern als Menschen, die nur menschliches leisten können. Und wenn man die Anforderungen auf den Strecken auf ein erträgliches Maß zurückschraubt, WENN man die gesamten Funktionärskader in den Radsportverbänden in den Sondermüll entsorgt, DANN können wir uns darüber unterhalten, wie man das Dopingproblem eingedämmt bekommt.

Aber so? Mit korrupten Verbänden und einer immer härteren Anforderung an die Fahrer?

Niemals.

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Veröffentlicht am 19. Januar 2013, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Erinnert mich an die Worte meines Pharmakologie-Professors: „Erst war das Doping, dann der Leistungssport“. In diesem Sinne… (Aber Lance Armstrong geht mir auch mächtig auf den Zeiger. Hoffe, dass sie den nicht nur mit ein paar Klopfern auf die Hände davon kommen lassen)

  2. Man kann Leistungssport auch ohne Doping betreiben, leider wird man dann aber im, wie es so schön heißt, internationalen Vergleich eher am unteren Ende der Tabelle auftauchen. Daher könnte man auf die Idee kommen, dass man Doping legalisiert, wenn es sowieso alle machen. Das Motto „Treibe Sport und bleibe gesund!“ wird dadurch zwar ins Lächerliche gezogen, aber das interessiert nicht; wichtig ist, dass die Zuschauer Spaß haben und ordentlich Geld abdrücken für Eintrittskarten, Fernsehrechte und den anderen Kram, den man so kaufen kann, wie Handtücher, Trikots oder Mützen.
    (Hoch-)Leistungssport ist eine Geldmaschine, daher wird man an den gegebenen Umständen so schnell nichts ändern können.

  3. ein anderer Stefan

    Dass ausgerechnet Armstrong da den großen Knall machen würde, war wirklich nicht zu erwarten – ein paar Krokodilstränen, das wars. Die Heuchelei geht ja weiter: Dass ihm die Toursiege aberkannt wurden, dass jetzt Sponsoren Geld zurückverlangen – was soll der Blödsinn? Da wird jetzt einer ein bisschen zum Sündenbock gemacht, dann beruhigen sich die Gemüter, und danach heißt es wieder „Business as usual“ und „The show must go on“. Natürlich finden die Dopingkontrolleure nichts – das will ja auch keiner. Und die Medien sind ja immer fröhlich dabei und fordern ein schneller,höher, weiter. Hat es noch niemanden gewundert, dass alle Weltrekorde immer wieder übertroffen werden? Man sollte doch meinen, dass die „Trainingsmethoden“ allmählich so ausgereift sind, dass die menschliche Leistungsgrenze eigentlich erreicht ist. Aber wenn man immer wieder ein bisschen mehr nachhilft, dann „geht noch was“.

    Wie wäre es mal mit einer alternativen Olympiade? Die Sportler werden acht Wochen vorher in ein Trainingscamp gebracht, trainieren dort gemeinsam unter Aufsicht und treten dann gegeneinander an. Das alles mit wirklichen Amateuren und unter strengen Kontrollen, die man so organisiert, dass Betrug weitgehend ausgeschlossen ist, also ein relativ geschlossenes System.

    • in vielen Sportarten ist es so, dass die großen Sprünge vorbei sind. Im 100m-Lauf hat sich die Weltbestmarke beispielsweise zwischen ca. den Jahren 1970 und 2005 kaum verändert. Erst in den letzten Jahren sind erst Powell und jetzt Bolt wieder mit deutlichen Sprüngen aufgefallen – da kann man nun trefflich drüber streiten, ob das besseres Doping oder einfach nur statistisch zu erwartende Ausreisser sind. Abgesehen davon verändert sich natürlich auch Material (barfuß auf Gras werden andere Werte erzielt als mit modernen Hightech-Schuhen auf Spezial-Belag) und Trainig bzw. Technik – letzteres ist besonders beim Hochsprung und (erst vor einigen Jahren) beim Skisprung wichtig gewesen: Ski in V-Form statt parallel führt zu deutlich höheren Weiten, und erst dieses Jahr(?) wurde extra eine Regel für Sprunganzüge erlassen – sie dürfen nicht mehr ganz so eng anliegen.

      Dass die Tour de Farce eine Tor-tour ist die jedes Jahr noch hässlicher gemacht wird und von halbwegs normalen Menschen gar nicht erst überlebbar wäre ist dabei natürlich was ganz anders. 8 Wochen Trainingscamp vorher, alle essen dasselbe und Zutritt erfolgt nackt mit Durchsuchung aller Körperöffnungen wäre potentiell eine Alternative – aber ob wir so tiefe Grundrechtseingriffe „nur“ wegen Sport hinnehmen wollen?

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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