Die Grenzen der Sterbehilfe


Jedes Land hat für sich selbst zu entscheiden, inwieweit es Sterbehilfe zuläßt oder nicht. Holland und Belgien sind recht großzügig in der Gewährung der Sterbehilfe – für eigene Bürger. Deutschland ist recht rigide, selbst schwerste Krankheiten, schwerste Schmerzen sind kein Grund für aktive Sterbehilfe. Dies ist nur passiv erlaubt: Der Doktor läßt das Gift da, trinken muss der Kandidat alleine.

Wo sind die Grenzen?

Das Thema hat mich auf eine Weise berührt, die mich selbst überrascht hat.

In den vergangenen vier Jahren gab es oft Zeiten, wo ich gerne gestorben wäre. Ich habe oft überlegt, ob und wie ich dem ganzen ein Ende setzen sollte. Gefährlich wurde es immer bei Motorradfahrten – es ist sehr leicht, einfach loszulassen, wenn man 120 km/h fährt. Allein, mir tat meine Else ein wenig leid. Die hats schon schwer genug.

Ich habe nicht losgelassen, ich bin nicht gesprungen, ich bin nicht vor ein Auto gelaufen. Ich bin noch hier.

Aber ich kann jeden verstehen, der das nicht mehr aushält, der einfach die Nase voll hat. Der nur noch will, dass das er seine Ruhe hat. Und die er dann auch bekommt. Aber Sterbehilfe statt Hilfen?

Keiner konnte mir garantieren, dass es mir je wieder gut geht. Das konnte ich noch nicht mal selbst. Selbst heute habe ich Tage, wo es in mir so duster ist wie jetzt um die Zeit die Beleuchtung draußen (es ist 2:40 Uhr morgens). Aber aus Erfahrung weiß ich: Es wird wieder besser. Diese Tage gehen rum und auf mich warten auch wieder Tage, wo es besser geht.

Was ist mit denen, die soviel auf dem Buckel haben, dass sie nicht mehr können? Ist Sterbehilfe eine Lösung?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Nur – dass man es nicht generell sagen kann. Zuviel hängt vom Einzelnen ab. Zuviel von dem, was er erlebt hat. Für manche ist aktive Hilfe nicht möglich, aus welchen Gründen auch immer. Sie überleben von Tag zu Tag, das ist kein Leben, das ist bloße Existenz. Keiner kann ihnen garantieren, dass es je wieder besser wird. Und ich verstehe jeden, der dann aufgibt. Die Schultern zuckt und sagt: „Noja, dann eben nicht.“

Ich rede nicht von den Hinterbliebenen, für die ist es immer schwer und sie werden sich immer mit Schuldgefühlen herumtragen. Aber rein von der Betroffenenseite kann ich das nicht verurteilen.

Für mich geht es geht aufwärts. Ich bin, im Vergleich zu vielen, noch weich gefallen. Es gibt Menschen in meiner Situation, die müssen vor der Hilfe für die Seele noch zusehen, dass sie den Kühlschrank gefüllt bekommen.

Und, um zum Beispiel der Brüder zu kommen: Ich bin ein Mensch, aufgewachsen und abhängig von meinem Sehsinn und meinem Hörsinn. Ein Leben ohne Musik, ohne Vogelgezwitscher? Ohne einen bunten Sonnenaufgang? Ich glaube nicht, dass ich das durchhalten würde.

Ja, in dem Fall kann ich absolut verstehen, dass sie sich entschieden haben, zu sterben. Und wer das nicht kann, soll bitte einen Moment die Augen schließen und Ohropax in die Ohren stecken. Und dann nur durch die Wohnung gehen. Und dann vorstellen, dass man so den Rest seines Lebens zu verbringen hat.

Wer würde gerade die beiden Brüder verurteilen wollen? Ich nicht.

Das Leben ist kostbar, ja. Aber nicht um jeden Preis.

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Veröffentlicht am 16. Januar 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Uff… schwieriges Thema… Vor allem ein Thema bei dem viele Leute ne starke Meinung haben…
    (übrigens: passive Sterbehilfe = Arzt verschreibt ne tödliche Dosis und lässt die den Patienten da ist auch in Deutschland nicht zulässig… Ich glaube aber der Arzt darf den Patienten SAGEN wie er eventuell an was ran kommt. Allerdings ist da ne Menge rechtliches Zeug dran, wenn rauskommt dass der Arzt von Suizid-Gedanken des Patienten wusste und „nichts“ gemacht hat… es sei denn der Patient unterschreibt was, dass er wirklich, wirklich nichts will… ja… schwieriges Thema halt. Und ziemliche Grauzone in vielen Bereichen… Offiziell ist passive Sterbehilfe das UNTERLASSEN einer lebensverlängernden Hilfeleistung (wie Reanimieren) wenn es aus humanen und medizinischen Gründen sinnlos wäre (zum Beispiel bei Hirntod) (NICHT wenn eine Patientenverfügung vorlieg! Dann ist das KEINE Sterbehilfe!) http://de.wikipedia.org/wiki/Passive_Sterbehilfe)

    Wir sind hier in Deutschland etwas auf dem Dampfer, dass das Leben als solches unbedingt geschützt werden sollte… auch vor denjenigen, der es besitzt. Über Sinn und Unsinn lässt sich streiten. Und hinterher lässt sich immer nur spekulieren.

  2. Verurteilen mag ich die Brüder auch nicht. Sie sind aber nur ein relativ extremes Beispiel im Bezug auf ihr Land, wo mittlerweile der Anteil der aktiven Sterbehilfe am den gesamten Sterbefällen in den Prozentbereich rutscht, und das ist mir eindeutig zuviel. Ich denke das die Genehmigung dort zu lasch gehandhabt wird und schon der ein oder andere Fall von wirtschaftlichen oder anderen Überlegungen der Hinterbliebenen und eben *nicht* die Situation der Betroffenen die Hauptrolle bei der Entscheidung spielen, und da hört meine Zustimmung endgültig auf.

    Ich hab in meiner Jugend als pflegerische Hilfskraft auf einer Station mit ausschließlich Querschnittsgelähmten verschiedenen Grades gearbeitet. Die Situation dieser Patienten bringt es mit sich, dass man viele von ihnen über einen sehr langen Zeitraum kenenlernt. Die einzelnen Fälle sind sehr unterschiedlich, doch eines war in den allermeisten Fälen sehr ähnlich. „Frisch von der Straße“ (oder aus dem Baggersee) kommend, wollten geschätzte 80-90% der Betroffenen nicht mehr leben, nachdem sie einen ungefähren Überblick über ihre Prognose hatten. Nach etlichen Wochen oder auch Monaten war das Verhältnis umgekehrt, und oft waren es die am brutalsten Betroffenen, die in der damaligen medizinischen Situation keinerlei Perspektive mehr außerhalb eines Krankenhauses oder einer ähnlichen Einrichtung hatten, die am meisten Lebensmut und -willen hatten, einige davon haben aus medizinischen Gründen nicht überlebt.

    Ich respektiere das Recht nach ausgiebiger Überlegung freiwillig aus dem Leben zu scheiden und verurteile keinen, der diesen Entschluss fasst. Und ich denke, dass wir in Deutschland, natürlich aus Gründen unserer leidvollen Vergangenheit, noch relativ weit hinten dran sind. Aber ich bin andererseits dafür im Zweifel eher zu restriktiv als zu freigiebig zu sein. Und es muss zwingend sichergestellt werden, dass das eine rationale und in einem angemessenen Zeitraum gereifte Entscheidung zu sein hat, die absolut sicher gegen jede Beeinflussung geschützt getroffen wurde. Und dabei darf die Situation der Hinterbliebenen zunächst mal überhaupt keine Rolle speilen, in der einen wie in der anderen Richtung.

    „Opa, Du hast dein Leben doch gelebt, was hast Du denn noch davon, hier nur noch im Bett rumzuliegen und vor Dich hinzuvegetieren, es macht doch für Dich keinen Unterschied mehr“ GEHT ÜBERHAUPT NICHT, NIEMALS. Welcher Zustand noch lebenswert ist oder nicht, hat ausschließlich der Betroffene zu entscheiden, ohne von anderen „gutmeinenden“ Menschen beeinflusst zu werden, und zwar nachdem er über *alle* möglichen hilfreichen Optionen Bescheid weiß und sie ggf. auch praktisch erfahren hat. Auch Letzteres wird nicht immer beachtet.

    Das Problem ist: Wie kann man das sicherstellen, ohne die Rechte der Betroffenen einzuschränken. Und da würde ich mich im Zweifel eben eher dafür entscheiden, einige schwierige Grenzfälle zu ungunsten der Betroffenen übrig zu lassen als allzu freigiebig dem Missbrauch die Tür zu öffnen. Evtl. muss man bei zweifelhaften Fällen auch eine Einzelfallentscheidung vor Gericht erwägen, auch wenn diese in Einzelfällen zu schwer zumutbaren Verzögerungen führt.

    Das betrifft ausdrücklich nicht den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen, wenn sie in einer Patientenverfügung niedergelegt wurden. Eine solche zu verfassen (und dabei auch an Vorsorgeverfügungen zu denken) empfehle ich dabei nachdrücklich. Es ist nicht angenehm, über das Thema Lebensende oder Hilflosigkeit nachzudenken, macht aber in höchstem Maße Sinn. *Aktive* Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, geht aber einen Schritt weiter und die Entscheidung ist, wie mir die Erfahrung aus meiner Jugend gezeigt hat, im Voraus nur ungenügend begründbar, weil die Möglichkeiten nicht wirklich vorausgesehen werden und beurteilt werden können, und sollte immer aus der aktuellen Situation nach reiflichem Durchdenken aller aktuellen Möglichkeiten getroffen werden. Sie ist daher für mich keine Option in einer Patientenverfügung, der dann zwingend Folge geleistet werden müsste.

  3. Da hast Du aber ein sehr schwieriges Thema angeschnitten:
    Es geht ja nicht „nur“ um den Betroffenen (m/w), sondern – im Falle der aktiven oder auch passiven Sterbehilfe – auch um denjenigen, der die „Mittel“ bereitlegt oder sie gar zuführt oder auch „nur“ den „Massnahmen“ zustimmt. In dessen Haut möchte ich dann aber auch nicht stecken, denn – so er/sie nicht gänzlich abgebrüht ist -: es besteht immer noch die Gefahr, nicht mit der Tat fertig zu werden (und dann selbst zu einem „Kandidaten“) zu werden.
    Ich weiss selbst, dass der Spruch vom Lichtlein, das von irgendwo her kommt, nicht allgemeingültig ist, aber das mit dem „Aufgeben“ ist nun mal sehr endgültig. Ich sehe es gerade am Beispiel einer meiner Schwiegertöchter (mit zwei kleinen Kindern), die jetzt aus dem künstlichen Koma geholt wurde und bei der die Ärzte eine verhalten-vorsichtige positive Prognose abgeben, obwohl sie uns vor Weihnachten noch die Vorbereitung auf den Abschied angeraten hatten. So bleibt also nur die Hoffnung, aber aufgeben? Nicht schon jetzt! (ja, ich stecke nicht in ihrer Haut, versuche aber nach „bestem Wissen und Gewissen“ zu handeln).
    Ich schreib‘ das vielleicht etwas locker, weil dies so meine Art ist, verkenne jedoch den unglaublichen Ernst dieser Situation (und der Situation Anderer) nicht.

    Zu Dir, liebes Tantchen, möchte ich schreiben: Du lebst .. und das ist gut so!!! sehr gut!
    Bleib uns lange erhalten (und lass Dein treues Zweirad bei dem Wetter „zu Hause“).
    Liebe Grüße
    Hajo

  4. Um Jesus zu zitieren: „Das Thema möchte ich nicht mit der Kneifzange anfassen.“

    Naja… vielleicht doch:

    Ich finde bei dieser Debatte vieles seltsam. Eigentlich befürworte ich aktive Sterbehilfe für absolute Härtefälle, aber damit meine ich wirklich nur Menschen, die aus eigener Kraft nicht mehr zu Selbstmord in der Lage sind. Das sind mMn nur Querschnittsgelähmte oder sehr alte Menschen, die nicht mehr aus dem Bett kommen.
    Was ich nicht verstehe ist, warum der Staat für Fälle aufkommen muss, die noch durchaus selbst Hand anlegen könnten. Und auch bei psychischen Erkrankungen sehe ich Gefahr. Vor JAHREN las ich mal in einem Artikel über einen eben solchen Fall (das aus dem Kopf zitierte Zitat stammt von einem Verantwortlichen): „Aber wenn wir merken, dass der Druck für die Betroffenen zu hoch wird, ist Eile geboten.“
    Es mag sich zynisch anhören, aber warum ist bei Menschen, die oft schon Jahre lang psychisch krank sind, denn Eile geboten, wenn es darum geht, Sterbehilfe durchzuführen? Das klingt so wie „wir müssen die schnell um die Ecke bringen, bevor sie sich erholen“. Ich frage mich, wer an sowas Interesse hat?

    Übrigens empfinden viele Hörgeschädigte ihr Schicksal als gar nicht so wild. Ich kenne eine davon. Laut ihrer Aussage sehen sich Hörgeschädigte gerne als Menschen mit einer eigenen Kultur, die halt eben ohne Geräusche funktioniert. Und sie sagte außerdem, dass sie es gar nicht ändern würde, selbst wenn eine Operation das möglich machen würde.

    Ich kann mir das auch nicht vorstellen, aber ich glaube ihr das einfach mal. Ich denke nicht, dass hier die Taubheit das Problem war, sondern die Verbindung taub + blind. Eines von beidem ist zwar schlimm (in meinen Augen), aber wie man sieht, können solche Leute immer noch ein erfülltes Leben führen. Aber WEDER sehen NOCH hören? Das ist krass.
    Trotzdem frage ich mich auch da: Warum bringen sich die beiden nicht einfach so um, warum brauchen die dafür eine staatliche Legitimation? Sie sind ja nicht komplett invalide. Ich weiß, auch das klingt unendlich zynisch, aber naja, ich weiß nicht, wie ich es sonst schreiben soll.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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