Antisemitismus


Mal ein paar Gedanken zum Thema. Unsortiert, aber ich beginne, mich inzwischen zunehmend unwohl zu fühlen.

Fangen wir hiermit an. Hat jemand das Gedicht von Ulf Dunkel mitbekommen? In dem er sich gegen die Beschneidung ausspricht und wo er, literarisch nicht recht ausgefeilt, ziemlich geschimpft hat?

Es geht um den Terminus „Wetzt die Messer“ als Eingangssatz. Dieser wird nun von vielen als Umdichtung des SA-Heckerliedes (ich *kannte* das nicht mal bis zu dieser Diskussion) gewertet und damit das ganze Gedicht als antisemitisch und Ulf Dunkel als Antisemit.

Jakob Augstein wurde von Henryk Broder als ein „kleiner Streicher“ bezeichnet. Er hat sich inzwischen entschuldigt. Weiter angeheizt wurde die Diskussion vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in den USA, die Augstein laut unseren Medien und ihrem grottigen Übersetzungstalent auf „die Top 10-Liste der 10 schlimmsten Antisemiten“ gesetzt haben sollen, aber tatsächlich „nur“ die Top-10-Liste der „schlimmsten Antisemitischen Entgleistungen“ darstellt. Und selbst das ist noch diskussionswürdig.

Oder sei es, dass jeder, aber auch *JEDER*, der es wagt, sich gegen die Beschneidung auszusprechen, pauschal als Antisemit betitelt wird. Was inzwischen nachgerade hochfrustrierend ist. Man kann Argumente bringen, bis man heiser ist, als Antwort bekommt man keine Auseinandersetzung mit der Sache, sondern lediglich: „Du Nazi, du Antisemit“.

Und hier bekomme ich massive Probleme.

Wir haben in Deutschland ein hochgradiges Problem mit unseren Rechtsauslegern. Die V-Mann-Skandale und die NSU haben das bewiesen. Unsere Verfassungsschutzbehörden sind durchtränkt von Rechten, die natürlich versuchen, in ihrem Sinne zu handeln. Man fasst sich inzwischen an den  Kopf, was alles „Linksextrem“ ist.

Und hier muss Wachsamkeit herrschen, wenn das überhaupt noch beherrschbar sein soll. Ich fürchte, ganz bekommen wir das Gesocks nur durch massive Berufsverbote raus und das wäre Tuten in dasselbe Horn 😦

Doch genau hier liegen auch die unendlich großen Gefahren in dem Antisemitismusvorwurf. Die Leute sind nicht in der Masse Antisemitisch, wie ihnen vorgeworfen wird. Wenn man gegen die Beschneidung ist, ist man nicht automatisch ein Antisemit.

Und dieser Vorwurf wird allmählich gefährlich.

Nicht für die, die Ziel dieses Vorwurfs sind. Sondern für die, die ihn äußern. Inzwischen ist es so normal, dass man von konservativer religiöser Seite (nicht nur jüdisch, die Katholiken und die Muslime können das auch ganz gut) als Antisemit beschimpft wird, wenn man nicht deren Lehren folgt, dass die echten Antisemiten, die es leider noch zuhauf gibt, untergehen. Inzwischen reicht es offenbar, die israelische Siedlungspolitik zu kritisieren (und da gibts eine MENGE zu kritisieren) um als Antisemit dargestellt zu werden. Siehe Augstein. Siehe aber auch die Diskussion hier.

Um es klar zu sagen: Ich bin NICHT verantwortlich für den Holocaust. Ich weiß nicht, ob ich den Mut zum Widerstand aufgebracht hätte (mich kennend, wahrscheinlich bis zu einem gewissen Punkt, aber auch bei mir schlägt die Angst irgendwann rein und ich halt die Klappe). Kommt mir jetzt nicht mit der Gnade der späten Geburt, ja? Ich bin kein Kohl.

Ich bin nicht verantwortlich für den Holocaust. Aber die Verantwortung, Rechtes Gesindel in die Schranken zu weisen, die sehe ich sehr wohl. Und zwar nicht aus meiner Geschichte heraus, sondern aus meinem Dasein als Mensch. Rechtsradikale sind so engstirnig, dass sie problemlos den Kopf durch ein Nadelöhr stecken könnten.

Religion als Mutter allen Übels? Ja, aber auch aus den Reihen derer, die nicht an Religion glauben. Atheisten können genauso fanatisch sein wie Gläubige, wenn es darum geht, die eigenen Ansichten zu verteidigen.

Leute, Leben und Leben lassen. Was kümmerts euch, woran jemand glaubt? Das ist seine Sache. Wenns falsch ist, wird ers irgendwann feststellen. Oder – wenn die Atheisten recht haben – eben nicht. Aber wie auch immer das aussieht: Jeder ist *seines* Glückes Schmied, es steht keinem zu, jemanden zu verhöhnen weil er an einen Gott glaubt. Und ebenso darf niemand verhöhnt werden, weil er NICHT an einen Gott glaubt.

Und das ist das grundlegende, was ich in der Diskussion rund um die Beschneidung auf ALLEN Seiten vermisse:

Respekt. Respekt für die Ansichten des anderen, die man nicht teilen muss. Man kann drüber diskutieren. Aber nicht mit dem Ziel: „Ey du Schwachkopf, woran glaubst du eigentlich?“ Sondern mit dem Ziel, einen Gedankenaustausch zu finden.

Überzeugung ist angesagt, denn wer die Argumente *gegen* die Beschneidung sieht, wird irgendwann feststellen, dass am Verbot kein Weg dran vorbeigeht. Es tut mir ja leid für die professionellen Beschneider, die dann ohne Arbeit sind, aber hier sind mir die Unversehrtheit der Kinder wichtiger als die Jobs von alten Männern.

Und vielleicht machen sich alle mal Gedanken um die Tatsache, dass auch beschneidende Eltern ihre Kinder lieben. Sie tun das nicht, um ihnen wehzutun, sondern sie glauben, ihnen was Gutes zu tun. Und es ist an uns allen, hier Überzeugungsarbeit zu leisten.

Mit allem gebotenen Respekt.Und dann können wir auch vielleicht wieder dazu übergehen, diejenigen als Antisemiten zu labeln, die das wohlverdient haben. Das sind nämlich mehr als genug.

/update

Einen hab ich noch. Wo wir bei Respekt sind, den vermisse ich HIER zum Beispiel eklatant.

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Veröffentlicht am 14. Januar 2013, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 16 Kommentare.

  1. Was soll ich sagen? Du hast ja Recht.

  2. turtle of doom

    I cannot add nor subtract to this text. Chapeau.

  3. ein anderer Stefan

    Tja, zu der ganzen Diskussion fällt mir auch nicht mehr viel ein. Man stelle sich vor, eine fundamental-christliche Sekte würde das Recht auf Beschneidung unter Hinweis auf das Alte Testament fordern und ggf. auch illegal durchführen – da würde man ohne viel Federlesens die Kinder wegnehmen und die Eltern einsperren. Und das zu Recht.

  4. Kommt es nur mir so vor, oder ist in Deutschland in der Hinsicht wieder so eine extrem aufgeheizte Stimmung wie Anfang der 90er? Nach mehreren rassistischen Überfällen (insbesondere nach Rostock) wollte man damals wohl „hart durchgreifen gegen Rechts“, was teilweise ziemlich absurde Blüten trieb ( Stichwort: KISS-Plattencover). Heute sind wir wieder an so einem Punkt, scheint mir. Sagt man was gegen Beschneidung, ist man gleich Antisemit (Augstein), singt man von Heimatliebe, ist man gleich rechtsradikal (Frei.Wild) usw. Ich warte eigentlich täglich darauf, das jemand körperlich zu Schaden kommt, weil er öffentlich die Siedlungspolitik Israels kritisiert o.ä. Und dann ist hier wirklich die Kacke am dampfen, denn dann haben die „echten“ Neonazis einen perfekten Vorwand, um z.B. für „Solidaritätsmärsche“ auf die Straße zu gehen….

  5. Ich bekomme gerade den Eindruck, dass man auch keinen Wetzstahl mehr kaufen/ verkaufen darf, da ist nämlich das Wort „wetz“ drin…
    Kann es sein, dass da jemand völlig daneben ist und nur noch stark gefiltert wahrnimmt?
    Ich hatte erst überlegt, beim Hr. Rupp ebenfalls einen Kommentar zu hinterlassen, habe aber für mich beschlossen, dass das vergebene Liebesmüh wäre. So mancher Kommentator dort scheint nicht verstehen zu können, dass den meisten hier die Religion sowas von Wumpe ist, ja, auch die jüdische. Soll doch jeder auf seine Weise glücklich werden. Aber muss man dafür Anatomie reduzieren??

  6. Hab mich doch hinreissen lassen. :-/

    • Ich kann dich verstehen. Grad Tobias Raff ist nur schwer erträglich. Er fordert eine sachliche Diskussion ein und nutzt dazu Polemik und den allbekannten Antisemitismus-Vorwurf.

      Und es stimmt – den meisten Gegnern der Beschneidung ist es schnurzwurst, woran die Leut glauben. Es ist auch mitnichten so, dass das nur aufs Judentum runtergebrochen wird (wobei hier mit 8 Tagen am frühesten beschnitten wird), es geht ausschließlich um die Beschneidung an nicht einwilligungsfähigen Kindern.

      Wird das mit 18 gemacht, hätte da keiner ein Problem mit.

  7. Die Behauptung, jeder, der sich gegen Beschneidung auspricht, würde als Antisemit betitelt, ist faktisch falsch und öffent Antisemitismus Tür und Tor. Zitat; „Oder sei es, dass jeder, aber auch *JEDER*, der es wagt, sich gegen die Beschneidung auszusprechen, pauschal als Antisemit betitelt wird. “
    Ich zitiere mal das Netz gegen Nazis: „Antisemiten tun gern so, als werde jede Kritik an einem Juden oder der Politik des Staates Israel in unserer Gesellschaft als antisemitisch gegeißelt und damit „verboten“.“

    • Leute, könnt ihr mal aushelfen? Ich weiß nicht mehr, wie ich das *noch* erklären soll….

    • turtle of doom

      Das ist Quatsch.

      Es ist leider ein Fakt, dass Kritik am Staat Israel oft als antisemitische Äusserung gilt.

      Da muss sich niemand aufspielen. Das „Netz gegen Nazis“ macht die Antisemiten so mächtiger als sie sowieso schon sind.

    • ein anderer Stefan

      Das scheint mir denn doch im Kreis gedacht zu sein. Wenn ich also behaupte, jede Kritik an Israel oder den Juden würde hierzulande als antisemitisch angesehen und der Kritiker damit diskreditiert, bin ich nach dem Zitat des Netzes gegen Nazis wahrscheinlich ein Antisemit – was die zuerst genannte These, nämlich dass solche Kritik solche pauschale Verurteilung hervorruft, eher stützt als widerlegt.

      Dass Kritiker der Beschneidung als antisemitisch bezeichnet wurden (es wurde sogar ein Holocaust-Vergleich bemüht, wenn ich mich recht erinnere), ist wohl nicht zu bestreiten. Das aber geht meilenweit am Kern der Sache, zumindest wie sie hier diskutiert wird, vorbei. Die Frage nach dem Kindeswohl wird hierbei ausgeblendet. Diese Frage ist aber unabhängig von Religion oder Volksgruppe zu betrachten. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes ist meines Erachtens höher zu bewerten als die religiöse Überzeugung der Eltern. Eigentlich ist die Bundesrepublik Deutschland ein laizistischer Staat, bei dem religiöse Überzeugungen hinter anderen Erwägungen, die grundlegender sind, zurückzustehen haben. Dass das in der Praxis nicht so umgesetzt wird, finde ich bedauerlicn. Das Beschneidungsgesetz ist da ein Schritt in eine Richtung, die ich ablehne. Ich würde es auch jeder anderen religiösen oder weltanschaulichen RIchtung verwehren, ein unmündiges Kind zu verstümmeln. Wenn das einen Kern dieser Religion berührt, dann frage ich mich, was das für eine Religion ist, die die Verstümmelung von Kindern zwingend voraussetzt, und ob diese Religion in dieser Form noch zeitgemäß ist.

  8. turtle of doom

    Gucken.

    • ein anderer Stefan

      Sehr interessant. Ich fand es sehr bedenklich, dass die israelischen Teenager im Vorfeld ihres Europabesuchs regelrecht indoktriniert wurden, dass dort Antisemiten offenbar nur auf sie warten würden und zuschlagen würden, sobald sie sich zu erkennen gäben. Zur Völkerverständigung trägt das sicher nicht bei. Ja, es gibt Antisemitismus in Europa, und auch gewaltbereiten. Aber dort wurde regelrecht ein Popanz aufgebaut und eine kollektive Paranoia geschürt. Entwaffnend ehrlich das Mädchen, dass am liebsten alle Täter und ihre Nachkommen umbringen würde. Sicher ein Reflex auf die emotionale Überlastung in der Ausstellung, aber wo solche Gefühle aufkommen, wird es natürlich schwierig mit der Verständigung.

      Und dass die ADL offenbar massiv mit Schuldgefühlen politischen Druck aufbaut, fand ich auch bemerkenswert. Wobei ich es ehrlich gesagt albern fand, dass es dort offenbar schon als antisemitischer Vorfall registriert wird, wenn jemand von seinem Arbeitgeber keinen freien Tag bekommt, um ein religiöses Fest zu feiern. Wenn ich als Christ in einem muslimischen Land leben würde, kann ich auch nicht damit rechnen, zu Weihnachten frei zu kriegen.

      Bemerkenswert auch die Aussagen, dass für manche weniger religiöse Juden der Kampf gegen den Antisemitismus Teil ihrer Identitätsbildung ist.

      Am Fazit ist wohl was dran: durch die ständige Rückschau auf den Holocaust wird der Gegenwart und der Zukunft zu wenig Beachtung geschenkt. Natürlich darf man den Holocaust nie vergessen, aber es muss doch mehr geben als das ewige Erinnern.

  9. ein anderer Stefan

    Hm, mein erster Kommentar ist weg…
    Die Logik oben, wonach die Aussage, dass Kritik an Israel oder den Juden hierzulande als antisemitisch betrachtet wird, dem Antisemitismus Tür und Tor öffne, weil dies eben ein Argumentationsmuster der Antisemiten sei, dreht sich im Kreis. Behaupte ich, diese Kritik würde pauschal als antisemitisch diffamiert, bin ich schon des Antisemitismus verdächtig. Somit kann ich mich mit der Zurückweisung der Kritik schon nicht mehr neutral auseinandersetzen, und damit ist jede Diskussion unmöglich.

    In der Beschneidungsdebatte wurde die Antisemitismuskeule geschwungen. Daher kam eine sachliche Debatte ja auch gar nicht erst zu Stande. In diesem Fall hat sich niemand mehr getraut, sachliche Gegenargumente vorzubringen, weil er dann gleich in der braunen Ecke gestanden hätte. Zumindest hier in diesem Blog ging es aber um die Folgen der Beschneidung auf biologischer und psychischer Ebene. Nebenbei auch um die ethische Frage, ob medizinisch nicht gebotene Eingriffe an Menschen, die ihren Willen nicht äußern können, heutzutage noch vertretbar sind, egal unter welchem Vorzeichen.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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