Todesstrafe


Es ist manchmal zum Uhren einstellen. Wenn irgendwo ein furchtbares Verbrechen geschieht, dessen Motivation vor allem nicht nachzuvollziehen ist (der Fall in Indien ist ein gutes Beispiel dafür), wird auch bei uns nahezu automatisch gerade in Foren die Todesstrafe gefordert.

Begründet wird das immer mit der Abschreckung. Wenn man nur genug umbringt, so der Schluß, werden die Leute irgendwann aufhören, Menschen zu quälen oder zu töten.

Ja, ne is klar. Liebe Leute, die Todesstrafe ist reine Rachejustiz. Die Amerikaner bringen das sehr gut auf den Punkt: „The punishment fits the crime“ – die Strafe passt zum Verbrechen. Das ist ein Rachemotiv und hat mit Justiz nichts mehr zu tun.

Justiz in einem Rechtsstaat soll strafen. Aber eben auch und genau das ist für viele kaum zu ertragen, für den Bestraften die Aussicht bieten, wieder Resozialisiert zu werden. Das heißt, wieder in die Gesellschaft eingegeliedert werden und dort so leben wie wir alle.

Um es in einem Wort zu sagen: Jemand hat etwas falsch gemacht, er wurde dafür bestraft und jetzt ist er wieder frei und kann sein Leben wieder aufnehmen.

Und hier setzt dann regelmäßig die Begründung ein: „Aber sein Opfer hat diese Chance nicht, dass muss den Rest seines Lebens mit dem leben, was ihm angetan wurde.“

Ja, muss es. Dennoch *muss* man hier trennen, denn Justiz hat sich der Rachemotivation zu entziehen. Justiz ist Strafe. Und ja, es gibt Verbrechen, die es nicht zulassen, dass der Täter je wieder in die Gemeinschaft eingegliedert werden kann. Hätte sich sowas wie in Indien hier ereignet, ihr könnt Gift drauf nehmen, dass zumindest die Haupttäter Sicherungsverwahrung bekommen hätten, die wären nie wieder aus dem Knast gekommen.

„Ja, aber die Todesstrafe ist doch viel billiger als jemanden Jahrzehntelang im Knast sitzen zu lassen.“ Tja, isse nicht. Wenn du schon jemanden zum Tode verurteilst, musst du ihm auch die Möglichkeit geben, dass er den Rechtsweg *und* Gnadenweg komplett ausschöpfen kann. Die Zahl der Fehlurteile in den USA ist erschreckend hoch, man kann sich nach der Hinrichtung bei einem Toten nicht hinstellen und verlegen grinsen „sorry, war ein Irrtum“ sagen und ihm ne Entschädigung in die Hand drücken. Die Todesstrafe ist endgültig. Und nicht immer sind die Beweise, wie sie die Bildzeitung darstellt.

Erinnert sich noch einer an Emden? Wäre fast schiefgegangen, was?

Nein, Rachejustiz hat mit Rechtsstaat nichts zu tun. Und kommt nicht mit Justiz oder Gerechtigkeit. Dem Opfer, das tot ist, kann keine Gerechtigkeit mehr widerfahren. Es ist jenseits jeder Wiedergutmachung, jeder Entschuldigung, jedes Bedauerns. Einzig und alleine die Angehörigen sind die Empfänger dieser Wiedergutmachungsversuche, der Entschuldigungen.

Ein Opfer, dass für den Rest seines Lebens traumatisiert ist, hat Anspruch auf unsere Hilfe. Sei es durch Opferentschädigung, durch die Gemeinschaft finanzierte Therapien oder eben auch durch Hilfen zur Wiedereingliederung.

Aber das hat mit der Strafe für den Täter wenig bis nichts zu tun und das wird oft nicht getrennt. Viele ziehen den Trugschluß, dass dem Opfer geholfen ist, wenn der Täter nur streng genug bestraft wurde. Der Rache wurde genüge getan, alles ist wieder gut, der Rechts- und Seelenfrieden wiederhergestellt.

Wenns doch nur so einfach wäre.

Nein, hier haben wir keine Todesstrafe. Wir sperren die Leute lebenslang ein, wenn es sein muss. Und JA, diese lebenslänglichen gibt es und du kannst sie nicht in den normalen Vollzug stecken, es gibt Spezialknäste („Luxusknäste“), wo diese Häftlinge untergebracht wurden.

Die Achtung der Menschenrechte ist ein hohes Gut. Es muss verteidigt werden, Tag für Tag. gegen Polemiker, gegen Idioten, die meinen, man kann einen Menschen seiner Rechte berauben, nur weil man ihn als „Bestie“ tituliert.

Aber der Rechtsstaat ist nirgends stärker und nirgends wichtiger wenn es darum geht, diesen Menschen, denn dass sind sie, ihre Strafe zukommen zu lassen ohne sie ihrer Menschenrechte zu berauben.

Justiz ist Strafe, keine Rache.

Dieser Grundsatz muss immer und immer wieder wiederholt werden, er ist unendlich schwierig zu befolgen. Aber letztlich muss sich jeder fragen: Möchte ich in einem Land leben, wo die Justiz das Recht hat, Leben zu nehmen? Und dann guckt bitte genauer in die Länder, die die Todesstrafe haben: USA, China, Iran….

 

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Veröffentlicht am 7. Januar 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 14 Kommentare.

  1. „Begründet wird das immer mit der Abschreckung. Wenn man nur genug umbringt, so der Schluß, werden die Leute irgendwann aufhören, Menschen zu quälen oder zu töten.“

    Doch funktioniert. Du darfst nur keinen Menschen übersehen. Wenn man auch nur einen leben lässt kann es in die Hose gehen 🙂

    Grundsätzlich spreche ich dem Staat aber das Recht ab Leute hinrichten zu lassen. Dazu passieren zu viele Fehlurteile. Selbiges gilt natürlich auch für Privatpersonen die losziehen um einen Verbrecher zur Strecke zu bringen aus selbem Grund.

    Wobei ich ausdrücklich nichts dagegen habe wenn der Täter in Notwehr / -hilfe getötet wird, selbst dann wenn man im Nachhinein sagt das das Ganze unverhältnismässig gewesen ist.

    • „Doch funktioniert. Du darfst nur keinen Menschen übersehen. Wenn man auch nur einen leben lässt kann es in die Hose gehen :)“

      Hase, wen denn übersehen? Abschreckung funktioniert doch nur, wenn jemand aufgrund der Strafe von einer Tat absieht. Und dass das nicht funktioniert sieht man doch in Indien. Die Todesstrafe droht dort für Taten wie ihre und hat sie das davon abgehalten?

      Die Todesstrafe droht in den USA für Mord. Guck doch mal in die Großstädte, wie sehr die Leute davon abgeschreckt werden.

      Die Todesstrafe in China wird schneller verhängt als jemand pieps sagen kann – das schreckt dort auch keinen ab. Die werden jetzt reihenweise wieder Kinderhändler erschießen, nachdem sie den Ring ausgehoben haben – trotzdem werden die Verbrechen nicht weniger.

      „Übersehen“ heißt doch nur: Dass du jeden TÄTER auch erwischst. HINTERHER. Und das ist nix mehr mit Abschreckung, dann bist du im Strafbereich.

      • Wen übersehen? Na irgendeinen Menschen von den paar Milliarden die auf der Erde rumlaufen und möglicherweise Verbrechen begehen. Alle hinrichten und schon hat die Todesstrafe den Erfolg das keine Verbrechen mehr begangen werden 🙂

    • Oh, zu deinem Kostenpunkt:

      Die Todesstrafe ist in den USA ausgesprochen kostenintensiv. Eine Studie kommt am Beispiel Kaliforniens zu dem Schluss, dass seit der Wiedereinführung der dortigen Todesstrafe 1978 insgesamt Mehrkosten in Höhe von mehr als 4 Mrd. US$ entstanden sind. Dies entspricht Kosten von 308 Million US$ für jede der seitdem durchgeführten 13 Hinrichtungen (Stand 2011).

      Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Todesstrafe_in_den_Vereinigten_Staaten

      • Die Kosten halten die Herrschaften aber ja dennoch nicht davon ab, die Todesstrafe zu verhängen und auch zu vollstrecken.

  2. Ja, wir sind noch längst nicht soweit, dass alle bereit wären den hierzulande, bei allen sicher noch vorhandenen ungerechtigkeiten, doch vergleichsweise vorbildlichen Rechtsstaat angemessen zu würdigen. Die Norweger waren da weiter.

    Ich kenne persönlich Leute, die in der DDR selbst unter deren Rechtssystem gelitten haben aber jetzt und hier lieber heut als morgen den Genickschuss wieder einführen würden, die selbst wegen Nichtigkeiten unter unwürdigen Bedingungen im Knast gesessen haben und trotzdem hier über die „Hotelknäste“ lästern und die Einsitzenden am liebsten wieder in die Steinbrüche schicken würden. Die „Bösen“ sind immer nur die anderen …

  3. ein anderer Stefan

    Es geht dabei meines Erachtens nicht nur um Rache als Motiv, sondern auch um die Frage, welche Moral die Gesellschaft insgesamt vertritt. Die Todesstrafe kommt dabei für mich immer an die Grenze, dass der Staat und die Gesellschaft, die das mitträgt, nur graduell besser ist als der Bestrafte. Es gibt für die Tötung eines Menschen meines Erachtens keine Rechtfertigung, außer in Notwehr, egal wer tötet. Was sagt die Anwendung der Todesstrafe über die Gesellschaft aus, in der sie angewandt wird? Wie Tantchen schon sagt, in den Gesellschaften möchte ich jeweils nicht leben.

  4. Ein Problem der Todesstrafe ist meiner Meinung nach auch ein Wegfall der Hemmschwelle.

    „Dafür krieg ich jetzt sicher die Todesstrafe, jetzt ist alles Wurst, jetzt kann ich noch machen was ich will, dadurch ändert sich meine Strafaussichten nicht mehr. Banzai!“

  5. Ein Grund für die breite Zustimmung (2009: 64%) in der USA zu der Todestrafe dürfte unterbewusst nicht darin liegen, dem Opfer zu helfen, sondern die Mitbürger/Presse von einer Mitschuld freizusprechen. Ich glaube die Mitbürger/Presse denken, wenn sie die Täter mit maximaler Härte bestrafe, müssen sie nicht den Opfer helfen oder sogar durch soziale Gerechtigkeit die Taten vermeiden.

  6. puh, Tantchen, ich hätte Dich beinahe verkannt.
    Glückwunsch zu diesem Beitrag, er wäre es imho Wert, in einer der „großen“ Gazetten abgedruckt zu werden
    .. nur, „die“ haben „Besseres“ zu tun (halt Journaille)

    Aber zurück: ich denke, Du hast es in vollem Umfang dargestellt, den Grundsatz unserer Rechtsprechung
    .. und wer auch immer dagegen wettert, stellt sich in die Phalanx der Rächer (aber nicht nur der Enterbten, sondern vor Allem des Egos)

    Nein, ich gehöre (bisher und hoffentlich auf Dauer) nicht zu den „Betroffenen“, kann also „locker vom Leder ziehen“ (versuche ich aber noch nicht einmal wirklich)

    DANKE!
    Grüße
    Hajo

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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