VoL


„Unternehmer, die die Angebotspreise nicht einhalten, sollten 10 Jahre von Bieterverfahren ausgeschlossen werden.“

Noja, ganz so einfach ist das leider nicht. Mal sehen, ob ich das alles noch so zusammenkratzen kann.

Es gibt die VoL – die Vergabe und Vertragsordnung für Lieferungen und Leistungen. Grob gesagt regelt diese VoL die Bedingungen, nach denen die öffentliche Hand Aufträge vergeben kann. Dann gibts noch die VoB, die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen, die nicht ganz dasselbe im Bereich Bauleistungen tut. Lest selbst, aber vorsichtig. Das ist aus dem Haus, das Verrückte macht.

Aber so wichtig wie die beiden Wälzer sind, so kompliziert machen sie es für Otto-Normal-Sachbearbeiter.

Nehmen wir mal das Beispiel Elbphilharmonie.

Die erste Ausschreibung war die Planung des Gebäudes. Wieviel dann noch folgten, weiß ich nicht, aber es ist anzunehmen, dass die die Bauleistungen in einzelne Gewerke aufgeteilt haben, die *jeweils* ausgeschrieben werden mussten.

Die Ausschreibungen mussten ausgewertet werden und hier kommt der Knackpunkt bei den jeweiligen Ausschreibungen. Nominell soll das wirtschaftlichste Angebot genommen werden, was nicht immer gleich dem billigsten Angebot ist. Nur: Das muss man begründen. Und zwar mit Wirtschaftlichkeitsberechnungen und einer MENGE Text, wenn man nicht hinterher von den Rechnungsprüfern den Hintern versohlt haben möchte.

Ich gebe gerne zu, das ich nicht wirklich ein Musterexemplar für einen Beamten war, aber Ausschreibungen waren für mich der pure Horror. Ich hab wenigstens noch *versucht* das Angebot zu nehmen, was ich am sinnvollsten hielt, aber auch aufgrund meiner Schwächen war mir eine vernünftige Wirtschaftlichkeitsberechnung zum Beispiel völlig unmöglich.

Das billigste Angebot hingegen wird durchgewunken.

Und so kommt es dann eben, wenn im Zuge der einzelnen Gewerke dann festgestellt wird, dass Gewerk 1 eckig ist, weil der Anbieter ein eckiges Angebot gemacht hat, Gewerk 2 aber ein rundes Gewerk 1 braucht, weil es nur so verbunden werden kann.

Rund auf eckig geht nicht, muss ausgebessert werden => unvorhergesehene Mehrkosten, die der Unternehmer nur bedingt zu verantworten hat. Er sieht auch oft die Unterlagen für die anderen Gewerke nicht, er macht *seins* und es ist Aufgabe der Bauleitung, rund und eckig zusammenzubringen.

Von weiteren Wünschen diverser Politiker wie „wir hätten aber gerne rote Samtbezüge statt Cord auf den Sitzen“ oder auch anderer Wünsche, reden wir gar nicht mal. Sehr gerne ist zum Beispiel der Experte gefragt. Wenn du einen Politikerexperten hast, kannst du dich als Sachbearbeiter nur aufhängen. Der kennt weder die ganzen Unterlagen, noch kennt er den gesamten Sachverhalt, aber er ist Experte für, sagen wir, Soundsysteme. Er hat ein bevorzugtes Soundsystem, dass du aber nicht ausgeschrieben hast, bzw. das aus verschiedenen Gründen nicht in die engere Wahl kam.

Du kannst GIFT drauf nehmen, dass der Experte jetzt hingeht und alle Hebel in Bewegung setzt, damit dieses Soundsystem, das er für das Beste hält, installiert wird. Mehrkosten? Nicht der Rede wert, kost eh schon soviel. Händler hat das nicht im Angebot? Neu ausschreiben. Jo, das ganze wird dann heftig verzögert, aber HEY, wir haben dann ein tolles Soundsystem.

Es gibt gerade bei so Riesenbauten wie S21, Elbphilharmonie und Berliner Flughafen so viele Unwägbarkeiten, dass man an der Planungsspitze mehrere Vollzeitleute braucht. Aber wie siehts in Berlin denn aus? Der, der die Aufsicht führt, tut das Nebenamtlich. Klaus Wowereit – der KANN die Aufsicht da nicht führen. Und anstatt das selbst zu erkennen und jemanden hinusetzen, der das kann, macht der lustig weiter. S21 – Grube hat eigentlich seine Leute, die das kontrollieren sollten, doch das ist mittlerweile so ein politisches Vabanque-Spiel geworden, das ich anstelle der Bahn endlich aufgeben und das ganze wieder soweit als möglich in den Urzustand herstellen würde. Und Elbphilharmonie?

Ich sag mal, das wird ein Bau, der die Milliardengrenze sprengt. Und zwar geschmeidig. DA ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte. Und anstatt zu sagen: „Ich hab hier Fehler gemacht“ hat man offensichtlich versucht, die so lange als möglich zu vertuschen, mit der Folge, dass die noch schlimmer wurden.

So als grobe Unterstellung meinerseits, anhand der Nachrichtendienst-Berichte.

Fertigbauen den Laden? Schwierig, aber angesichts der finanziellen Situation der Hansestadt würde ich hier für ein klares Nein plädieren. Die Hamburger wollen den Protzbau nicht, der ist rein von der Politik gewollt um ein Statussymbol zu haben. Die Baukosten wird die Philharmonie NIE einspielen können. Und die laufenden Unterhaltskosten dürften auch derbst ein Loch ins Säckel hauen.

Plattmachen den Bau. Denn der ist nur noch um den Preis des finanziellen Ruins Hamburgs zu retten.

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Veröffentlicht am 31. Dezember 2012, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 15 Kommentare.

  1. turtle of doom

    Für dieses Geld könnte Deutschland einen Astronauten zum Mond bringen.

  2. Hm ja, das stimmt alles und auch wieder nicht. Ich war ja auch mal ne Weile Beamter und habe,was Beschaffung angeht diverse Male verzweifelt aufgeben wollen, weil es mir einsichtig war, warum ein bestimmtes teureres Angebot eben wirtschaftlicher war als ein billiges, das aber anderen eben gerade nicht nahezubringen war. Z.B. dass es unwirtschafticher sein kann billige Hardware zu kaufen, die im Fehler-/Wartungs-/Garantiefall mehrere teure hochqualifizierte Menschen wochenlang von der Abreit abhält als was Vergleichbares etwas teurer bei jemandem einzukaufen, der bereit ist, nach Dienst sich notfall 5 Stunden hinzusetzen und das Zeug wieder an’s Laufen zu bringen.

    Nur sehe ich bei öffentlichen und noch schlimmer bei halböffentlichen Großprojekten (wie insbesondere S21) doch, dass da ganz offensichtlich im Vorfeld massivst schöngerechnet wird, indem teilweise sehr bewusst sehr wohl absehbare Kosten außen vor gehalten werden, die man dan hinterher als „nicht vorhersehbar“ deklarieren kann, im vollen Vertrauen darauf, dass so ein Projekt, zumal ein „systemrelevantes“, niemals eingestampft wird und die öffentliche Hand, sprich wir mal wieder, schon irgendwie einspringen wird.

    Das sind in meine Augen keine Planungs“fehler“ mehr, denn Fehler werden normalerweise nicht absichtlich gemacht. Und derartige Fehlbeträge, wie sie inzwischen mehr Regel als Ausnahme sind, auf Sonderwünsche o.ä. zu schieben, ist dann doch ein bischen sehr großzügig gedacht. 10% oder 20%, meinetwegen auch 30% Mehrkosten sind ok (obwohl ich bei 30% schon gewaltig eins auf den Deckel bekommen hätte!), und damit muss man eigentlich realistischerweise immer von vornherein rechnen (eigentlich müsste man die aber auch gleich in die erste Finanzplanung mit einkalkulieren), aber alles andere sind Systemfehler, Unfähigkeit und vor allem bewusste Täuschung.

  3. Lochkartenstanzer

    Moin,

    Die VoL und die VoB ist mir, zumindest in Grundzügen bekannt. Klar ist es so daß der Unternehmer nicht immer für die Mehrkosten verantwortlich ist. Aber sehr oft erlebe ich es auch, daß die „unterwarteten Mehrkosten“ bei der Angebotsabgabe schon eingeplant sind, damit sich der Auftrag rechnet.

  4. Lochkartenstanzer

    Und das mit dem „wirtschaftlichsten Angebot“ ist meist auch nur Augenwischerei, weil man das begründen muß und die meisten Scahbearbieter sich diese Arbeit ersparen, indem sie das billigste Angebot nehmen. Wenn dann doch mal teurere Angebote genommen werden, muß sich die Mehrarbeit für den Sachbearbeiter meist lohnen, meist in Form von „kleinen Aufmerksamkeiten“ oder sonstigen Vorteilen.

  5. Wenn wenigstens mal einer bestraft werden würde, der da Shice gebaut hat, aber darauf dürfen wir wohl noch n paar Jährchen warten…

  6. Eine nette Koinzidenz gabs bei einer kleineren Version der Elbphilharmonie, nämlich einem geplanten Konzerthaus in Konstanz. Vom grünen OB als steinernes Vermächtnis seiner bald endenden Amtszeit heiss ersehnt hatte ein Bürgerentscheid das „problemlos finanzierbare“ Projekt nach langer ebenso heiss durchgeführter Diskussion allerdings glatt und sauber versenkt.

    Bereits wenige Wochen nach der Abstimmung gabs eine Haushaltssperre. Weil Geld knapp.

    • Hmmm – nettes Beispiel, aber leider scheißen die meisten Politiker auf „Volkes Wille“ und fragen erst gar nicht – und zu wenig Geld ist eigentlich auch nicht da, man muss es nur anders verteilen, im Falle der Elbphilharmonie halt dorthin, im Falle des Konzerthauses an wirklich wichtige Stellen 😉

  7. Ich hab’s an anderer Stelle schon mal geschrieben: die Schuld liegt nicht immer am Anbieter/Auftragnehmer, sondern vorrangig an demjenigen, der (vollkommen geschlechtsneutral gemeint) die Vergabe vornimmt und zuvor eine belastbare Ausschreibung erstellt.
    Seit mehr als 30 Jahren bin ich im Anlagenbau beschäftigt und wir vergeben (fast) nur im Festpreis. Dies hat auch Nachteile und Möglichkeiten für Nachtragsforderungen sind auch nicht ausgeschlossen, aber zumindest minimiert.
    Diese Methode hat allerdings drei entschiedene „Nachteile“:
    1. man muss sich im Klaren sein, WAS man will
    2. man muss DIES auch entsprechend formulieren/ausschreiben
    3. man muss die Auftragsentwicklung nicht nur verfolgen, sondern auch noch VERSTEHEN
    (auch in unserem Bereich gibt es „Claim-Manager“ 😉 )
    Ich denke mal, dass es in vielen öffentlichen Bereichen an allen drei Punkten hapert.

  8. Bei S21 liegt die Sache aber ein klein bisschen anders.

    Die Bahn (bzw. damals der Herr Mehdorn) bekommt, zumindest unter der bisherigen Kostenvereinbarung, zum Quasi-Nulltarif einen modernen neuen Bahnhof hingestellt.
    Die bauliche Mängelplanung übergehen wir erstmal.

    Die Stadt Stuttgart übernimmt nach Fertigstellung des neuen unterirdischen Bahnhofs die frei werdenden oberirdischen Flächen (von nicht unerheblicher Ausdehnung und guter Lage) und bezahlt dafür einen ansehnlichen Kaufpreis an die DB AG. Dieses Gelände soll dann bebaut und vermarktet werden.

    Den Kaufpreis (wimre ~700 Mio) -jetzt kommts!!! – hat die Stadt Stuttgart bereits vor einiger Zeit an die Bahn überwiesen.

    Wenn die Bahn das bereits erhaltene Geld gut anlegt, kann sie damit ihren gesamten Eigenanteil finanzieren.

    Jetzt bestand nur noch die Aufgabe, die Vertragspartner Stadt, Land, Bund im Vertrag zu einer Beteiligung an eventuell entstehenden Mehrkosten entsprechend zu beteiligen.
    Die entsprechenden Motivationsverstärker für die Politiker sich in dem Vertrag über den Tisch ziehen zu lassen, dürfte die Bahn kennen.

    Und da es sich „um das bestgeplante Bauprojekt in Deutschland“ handelt – so zumindest die Aussagen der Bahn vor dem Bürgerentscheid – kann ja gar nichts schiefgehen 😉

    Das weitere Spiel der Nachträge bei „unvorhersehbaren“ Komplikationen ist ja bekannt.
    Und wenn dann auch noch ein paar Bauarbeiter die nicht eingebauten Armierungseisen in ihrer Brotbüchse versteckt von der Baustelle klauen…

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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