Frauenrechte, Männerpflichten


Jo, ich weiß, provokanter Titel. Aber ich habe meine Gründe dafür und ich fange am besten mit den kurzen Geschichten dazu an. Ich *will* eine persönliche Nähe herstellen, denn die ist in diesen Fällen notwendig.

Das Pärchen stand an der Bushaltestelle. Hand in Hand und unterhielten sich fröhlich lachend über die bevorstehende Hochzeit. Sie stiegen in den Bus ein und bemerkten die anderen Passagiere nicht, versunken in ihrem Glück, wie sie waren.

Die 5 Männer versammelten sich um das Pärchen, grabschten die Frau an. Der Busfahrer ignorierte die Bitten um Hilfe, er war Teil dessen, was jetzt geschah. Der Bräutigam wurde festgehalten, er konnte seiner zukünftigen Frau nicht helfen.

Als die Männer fertig waren, nahmen sie die beiden verprügelten Menschen und warfen sie wie Müll aus dem Bus. Die Braut starb einige Tage später an ihren furchtbaren Verletzungen, doch selbst wenn sie überlebt hätte, hätte sie nie das Leben führen können, was sie geplant hatte, zu groß waren die Schäden, die die 5 Vergewaltiger aus Gründen, die von mir nicht nachvollziehbar sind, angerichtet hatten.

Und am Ende stehen eine tote junge Frau, ein zerstörter Bräutigam und 6 Täter, die ausnahmsweise verurteilt werden.

*****

Ein paar Hundert Kilometer weiter sitzt eine verzweifelte 17jährige auf ihrem Bett, weinend. Wieder haben die Polizisten sich geweigert, ihre Anzeige aufzunehmen, stattdessen hat man ihr vorgeschlagen, sie solle ihren Vergewaltiger doch bitten, das er sie heiratet, damit die „Schande“ von ihr getilgt wurde. Sie fühlt sich so schmutzig und hat keine Kraft mehr. Alles soll nur noch aufhören.

Entschlossen öffnet sie die Giftflasche und trinkt sie leer.

*****

Eine Welt entfernt kommt eine Frau aus dem Gerichtssaal. Sie ist erleichtert, sie hat sich soeben scheiden lassen. Mit ihrem Bruder geht sie die Stufen vom Gericht herunter, als sie plötzlich etwas nasses auf dem Gesicht spürt gefolgt von einer infernalischen Hitze und furchtbaren Schmerzen. Sie schreit und sieht als letztes aus den Augenwinkeln, wie ihr geschiedener Ehemann grinsend davongeht, die Säureflasche noch in der Hand.

*****

Wiederum eine Welt weit entfernt klagt eine Frau zur anderen, wie ungerecht es doch ist, dass der Kerl bei der Jobvergabe bevorzugt wurde, und das obwohl es Frauenquoten gibt. Sie beschimpft alle Männer als Schweine, weil sie ihr nicht das Recht zugestehen, gleichberechtigt an ihrer Seite zu stehen.

*****

Es sind Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. In überwiegend patriarchalischen Staaten wie Afghanistan, Indien, Pakistan und die arabischen Länder riskieren Frauen Tag für Tag ihr Leben, um Dinge zu tun wie sie für uns selbstverständlich sind. Autofahren ist für die meisten eine Unmöglichkeit, sie sind auf Chauffeure angewiesen, weil sie keine Fahrerlaubnis bekommen. Wenn sie in einer missbrauchenden Beziehung leben, riskieren sie buchstäblich Gesunheit und Leben, wenn sie ihr Recht auf Scheidung wahrnehmen.

Das alles hat mit Patriarchat auch nichts mehr zu tun und auch nicht mit Geschlechterkampf.

Gerade an den arabischen Ländern sieht man meines Erachtens dieses seltsame Ungleichgewicht am deutlichsten: Es sind die Frauen, die häufig die Hochschulabschlüsse haben, die die Doktortitel tragen und die das Geld nach Hause bringen. Zu einem Ehemann, der es ihnen umgehend wegnimmt, weil er der Herr im Hause ist.

Es ist dieses unterlegen fühlen verbunden mit einem kruden Eigentumsbegriff, der die Frauen so sehr gefährdet. Frauen sind Eigentum und doch sind sie oft gebildeter und tatkräftiger als die nominellen Herren. Das bedroht sie und um ihre Position zu festigen, werden sie brutal. Wehrt sich die Frau, wie es ihr Recht ist, werden sie getötet.

In Indien sind Ehefrauen oftmals bares Geld wert. Der Brautvater zahlt die oft ruinöse Mitgift für seine Tochter. Ist dies der Familie nicht genug, wird sie gierig, ist die junge Braut in Lebensgefahr. Stöße in Backöfen, Säureattacken, Mordversuche – das alles riskiert sie, nur weil ihre Familie ihr nicht genügend Mitgift mitgeben konnte.

Die Rückkehr in die Familie ist oftmals ausgeschlossen, weil das eine Schande bedeutet, nicht nur für sie sondern auch für ihre Herkunftsfamilie. Und so bleiben die Frauen und leiden.

Und sterben.

Nur unter diesem Hintergrund ist zu verstehen, wie die 6 Männer in diesem Bus überhaupt sowas als „Abendbelustigung“ planen konnte und dann auch noch glauben, dass sie damit durchkommen, weil Vergewaltigungen eben nicht strikt genug verfolgt werden.

Nur unter diesem Hintergrund ist die Haltung einer Polizei zu verstehen, die einem 17jährigen Mädchen rät, ihren Täter zu heiraten, um die „Schande“ zu tilgen.

Und nur unter diesem Hintergrund sind die vielen Opfer zu verstehen, die Tag für Tag mit einem zerstörten Gesicht leben müssen, weil ihr Täter oder ihre Täterin ihr Säure ins Gesicht goss. Die ultimative Zerstörung der Identität.

Doch es gibt Hoffnung.

Es gibt Ärzte, die diese Frauen plastisch operieren, um das Gesicht wiederherzustellen. Die ihnen buchstäblich wieder ein Gesicht geben. Die dafür nichts verlangen, weil diese Frauen oft ärmer sind als man es sich vorstellen kann.

Es gibt Dokumentarfilmer, die diesen zerstörten Gesichtern eine Stimme geben. Und die laut genug erklingt, so dass vielleicht ein Wandel entsteht.

Und vielleicht beginnt er ja schon, denn mit einem haben die Protestierer in Indien recht:

„Väter, sperrt nicht eure Töchter ein, sondern lehrt euren Söhnen, euch zu benehmen.“

Wir reden hier über Menschenrechte, die systematisch einer Gruppe verweigert werden, weil sie Frauen sind.

Und das ist nicht länger hinnehmbar. Weder in fremden Ländern.

Noch in unserem eigenen.

 

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Veröffentlicht am 30. Dezember 2012, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 11 Kommentare.

  1. Lochkartenstanzer

    > Wiederum eine Welt weit entfernt klagt eine Frau zur anderen, wie ungerecht es doch ist,
    > dass der Kerl bei der Jobvergabe bevorzugt wurde, und das obwohl es Frauenquoten
    > gibt. Sie beschimpft alle Männer als Schweine, weil sie ihr nicht das Recht zugestehen,
    > gleichberechtigt an ihrer Seite zu stehen.

    Sorry Tantchen,

    auch wenn ich Dir in dem anderen beipflichte: Frauen sollen Jobs nicht bekommen, weil es eine Quote gibt, egal wie qualifiziert die Bewerber sind, sondern weil Sie für den Job qualifiziert sind. Es gibt genug Qutenfrauen wie Schröder und Leyen, da braucht man nciht noch mehr.

    • *stanzer, das mit der quote untetschreibe ich für mitteleuropa. dort ist es aber anders. es ist ein unterschied, ob frauen als sklaven / leibeigene der männer gelten oder als partner. aber selbst in deutschland gibt es immer wieder genau diesen fall: das weibliche „gut“ ist bare münze wert. wir müssen also gar nicht so weit gehen, sondern können [inzwischen wieder] das auf unsere landen wieder übertragen… wenn ich daran denke, wird mir wieder schlecht. auch wenn das gesetz auf der seite der opfer steht, kommt es auch bei uns zu übergriffen. ob sie gemeldet werden steht nur auf einem anderen blatt…

  2. „Doch es gibt Hoffnung.“
    Liebes Tantchen, ist das nicht – in diesem Kontext – reichlich zynisch?
    Sowohl Ärzte als auch Filmer kommen dann wenn es
    ZU SPÄT ist!
    Da von Hoffnung zu sprechen, ist doch daneben!
    Sorry, Tantchen, ich bin mir sicher, dass Du’s nicht so gemeint hast, aber es steht halt SO geschrieben!

    • Ist es das? Ich sehe diese Hoffnung. In den Protesten in Indien, die endlich die Leute wachrütteln. In den Ärzten, die unentgeltlich versuchen, die Schäden zu mildern.

      Die Dokufilmerin, die Frauen gefunden hat, die stark sind und nicht aufgeben. Vielleicht, weil ihnen keine andere Wahl bleibt?

      Und deren Film ein Baustein darin ist, der vielleicht die notwendigen Änderungen forciert.

      Das alles sehe ich als Hoffnungsstrahl. Aber natürlich ist das nichts, was sich von heute auf morgen ändert.

      Aber: Anhalten tut kriegen.

      • “Väter, sperrt nicht eure Töchter ein, sondern lehrt euren Söhnen, euch“ (muss es nicht heissen: SICH?) „zu benehmen.”
        Ich denke mal DAS ist der eigentliche Kernsatz.
        Ja, liebes (und – ährlisch – hoch-verehrtes) Tantchen, die Hoffnung ist ein wichtiges Instrument
        .. nur, sie erfordert sooooo viel Geduld (ohne Smilie).
        Den letzten Satz verstehe ich nur unzureichend, aber nach ein paar Viertele Südtiroler Roten wohl auch nicht verwunderlich.
        .. nein, ich bin kein Alkoholiker: angesichts der „Weltsituation“ kann ich sehr wohl ein paar Stunden ohne „Stoff“ bleiben ..
        Liebe Grüße
        Hajo

        • OK. erwischt. Tippfehler 😉

          Der letzte Satz heißt eigentlich nix anderes als: Geduld und Ausdauer.

          Unrecht kann nur dort gedeihen, wo die Menschen aufgegeben haben.

  3. „Unrecht kann nur dort gedeihen, wo die Menschen aufgegeben haben.“
    das ist aber nur ein (frommer (nicht im religiösen Sinne zu sehen) ) Wunsch, oder?

  4. Die Geschichten treffen schmerzhaft. Es ist schon recht … Krank, wenn man nur daran denkt, dass Menschen überhaupt auf diese Ideen kommen, aber dass das auch wirklich durchgeführt wurde, ist für mich nahe unvorstellbar.
    Aber was möchtest du mit dem Artikel bezwecken? Ist es dein Wunsch, Feministen/Sexisten zu zügeln? Oder möchtest du deine Leser dazu ermutigen, etwas gegen diese Probleme zu unternehmen?
    Oder hast du wieder mal nur deine Gedanken niedergetippselt und veröffentlicht?

    • Ich glaube, ein bisschen von allem. Ich kann nicht verstehen, wie man so menschenverachtend und grausam sein kann, um ein Leben auszulöschen, nur um etwas zu haben, was man „Spaß“ nennt – wie kann sowas „Spaß“ sein, wenn ein anderer so furchtbar leiden muss? Wenn man jemand anderen tötet?

      Es muss, auch bei uns, klarwerden, dass diese Menschen keine Ehre haben. Sie sind selbstsüchtig, sie sind niedrig und engstirnig. Sie sind verächtlich.

      Wenn sie bei uns leben, haben sie die Rechte, wie jeder sie in diesem Staat hat. Und die Pflichten. Und dazu gehört auch nun mal die Pflicht, für seine Taten geradezustehen. Und aufgezeigt zu bekommen, wie jämmerlich und armselig man doch ist.

      Und ich möchte einfach mal drauf hinweisen, dass das bei uns auch Realität ist. „Ehrenmord“ wird es genannt. Als ob das mit Ehre etwas zu tun hätte – wo nichts ist, kann man nichts verteidigen.

      Was ich jedem einzelnen dieser Menschen wünsche?

      Das sie in voller Bandbreite begreifen, was sie getan haben. Und dass es keinen Weg zurück gibt, denn es gibt Verbrechen die sind jenseits jeder Vergebung.

      • full ACK!
        nur wo kein kläger, kein richter… ehre? wohl eher der [angenommene] gesichtsverlust. bring das aber unseren lieben bürgern bei, die nicht durch die [mittel]europäische kultur geprägt wurden oder im namen der religion / tradition die „schande“ auszulöschen versuchen. ich empfehle dazu mal Lawitz‘ roman „auf zwei planeten“ – etwas angestaubt das ding, aber interessant: die ehre des einzelnen kann nur durch die EIGENE handlung schaden nehmen – nicht durch die meinung eines amderen.

        leider ist aber selten jemand so unabhängig und suverän…

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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