Ein Augenschmaus


Man mag zu den politischen Positionen eines Politikers stehen wie man will. Aber was gerade rund um Julia Probst abläuft, geht auf keine Kuhhaut mehr.

Und es wirft ein grelles Schlaglicht auf unseren Umgang mit Behinderten.

Nach wie vor ist dieser Umgang geprägt mit dem „Nicht zutrauen“. Jemand ist Gehörlos? „Kann nicht Politik machen“. Da wird sich über die „komische“ Stimme lustig gemacht, da nagelt man sich auf Äußerlichkeiten fest – alles, bloß nicht mit der Person auseinandersetzen.

Kinder, das nennt man Mobbing und es ist unwürdig.

Aber es ist das, was Menschen mit einem Handicap jeden Tag erleben.

Jemand ist blind – und kommt trotzdem offenbar klar. Blindenhund, Stock und eine bekannte Umgebung. Trotzdem wird Hilfe aufgedrängt, jemand über die Straße geführt, obwohl er das durchaus alleine kann. Und man wird übergriffig.

Jemand sitzt im Rollstuhl, er kann wunderbar mit dem Ding umgehen. Und trotzdem gibts Zwangshilfen für denjenigen, indem er den Bürgersteig hochgerollert wird – übrigens mit etlichen Gefahren für denjenigen, dem so selbstlos geholfen wird, denn meistens können die Helfer mit dem Rolli nicht umgehen und sind zu unvorsichtig.

Jemand ist Gehörlos, weigert sich, dieses Handicap anzunehmen. Kann perfekt Lippenlesen (eine Kunst, die man erstmal beherrschen muss) und kann so auch mit hart erworbener Stimmfähigkeit einen Diskurs führen ohne auf Gebärdendolmetscher angewiesen zu sein.

Und anstatt das ganze entsprechend ehrfürchtig hinzunehmen, diese Leistung ist keine kleine, wird dieser große Mensch klein gemacht. Weil sich die Stimme anders anhört, weil seine Betonungen nicht stimmen.

Leute, die KÖNNEN nicht stimmen. Julia Probst hört ihre eigene Stimme nicht. Sie kann nur anhand ihrer Kehlkopfbewegungen phrasieren und bei dem, was ich gesehen hab, macht sie hier einen tollen Job.

Können wir uns drauf einigen, dass man sich mit der Politik dieser Politikerin auseinandersetzt? Dass man sich mit dem auseinandersetzt, wofür sie steht und nicht für eure Vorurteile, mit denen ihr sie zu Boden drücken wollt?

Dann wirds vielleicht noch mal was mit der Toleranz. Und wir haben vielleicht eines Tages ganz normal gehandicapte Politiker, die nicht auf ihr Handicap reduziert werden.

Und bitte fragt euch alle mal hier, warum ich „Behinderung“ durch „Handicap“ ersetzt habe.

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Veröffentlicht am 29. November 2012, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Handicap is neudeutschenglisch für Behinderung, IMHO also nich unbedingt besser.

    Ansonsten haste Recht, bevor man was macht, ers’ma‘ frägen, ob Hilfe überhaupt gewünscht oder benötigt wird.

    Und Leute, die mit ihrer Behinderung klarkommen, eher bewundern als kleinreden, denn der Spruch „Behindert ist man nicht, behindert wird man“ trifft leider immer noch zu.

  2. Julia Probst, das ist doch die Frau die zur EM dem Jogi Löw von den Lippen gelesen hat und es per Twitter gepostet hat.
    Wann und wo wurde denn über sie hergezogen? Ist (bisher) an mir vorbei gegangen. Hast du da einen Link parat?

    Unabhängig davon hast du aber recht, man sollte Menschen mit Behinderung so behandeln wie man jeden anderen behandelt bzw. so wie man in der gleichen Situation auch behandelt werden wollte.

    Allerdings sollte man sich in Diskussionen auch nicht immer an den Begriffen festhängen. Ob man nun „Behinderung“ sagt oder Handicap, ist doch vollkommen egal. Es bedeutet letztendlich das gleiche, nämlich dass man in bestimmten Dingen eingeschränkt ist. Und diese Einschränkung kommt sowohl von innen als auch von außen.

  3. jo Schlaglicht auf Offensichtlichkeiten… oh man…
    Irgendwie schräg, dass solche Artikel nachwievor berechtigt sind
    schräg und traurig

  4. Zwar eine andere Form von Behinderung, aber nicht minder passend:
    http://www.sitzdrechseln.de/ – unter dem Punkt Multiple Sklerose beschreibt der Webseiteninhaber ungeschönt den Umgang mit Behinderten Menschen in der heutigen Zeit.
    Bin ich gestern durch Zufall drauf gestoßen, eigentlich eher wegen seiner Drechselarbeiten, aber dieser Artikel hat mich doch schon sehr gefesselt. Lesenswert.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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