Nachts ists so still


Ihr kennt das. Man liegt im Bett und kann nicht schlafen. Die ungewohnten Geräusche von Beatmungsgeräten, die „härenen“ Krankenhausbetten, all das verhindert zuverlässig, dass man einschlafen kann.

Und wenn um einen herum bis auf die wenigen Geräusche alles still wird, fängt das Nachdenken an.

Die Patientin, die von der Intensivstation verlegt wurde, weil sie nicht mehr Intensivpflichtig war und die das Personal den ganzen Tag schwer auf Trab gehalten hat (bisweilen unberechtigt) und gemeckert und nur genervt, sie wurde still. Sie schlief nicht, wie ich auch, aber sie starrte an die Decke.

„Mädche, ich werd sterbe“. Holländerin ist sie. Knapp an die 60 hab ich sie geschätzt. Und mich gefragt, wieso ich immer die schnuffigen Krebskranken auf dem Zimmer habe.

„Ich hab zum ersten mal das Gefühl, dass ich sterben muss“. Recht hat sie wohl leider. Bauchspeicheldrüse ist weg, zusammen mit Teilen der Leber und Milz, dort saßen Metastasen.

„Mädche, ich hab doch noch soviel vor, das geht doch noch nicht.“ Und ich saß nur da und konnte Händchen halten. Die Tränen kamen und flossen. Ganz still. „Meine Kinder brauchen mich doch noch.“ Kein lautes Schluchzen, dieses Daliegen und die Tränen laufen lassen ist so viel schwerer zu ertragen, denn es ist so hoffnungslos.

„Komm, erzähl was schönes.“ Und ich sitze da und denke mir „Und was? Und wie?“ – durch die OP war meine Stimme fast weg, sprechen tut weh und ist anstrengend.

Doch dann die Idee – vielleicht wirkt es ja. Ich fange an zu erzählen. Über den Hundekönig und wie er zu den Menschen kam. Die Geschichte mag meine Nichte bis heute. So auch sie. „Schön. Hast du mehr?“ Ja, hatte ich. Seifenblasenhaie.

Und ganz zum Schluß „der alte Mann.“

Ich hab die halbe Nacht erzählt, alle meine Geschichten ausgepackt, leicht verändert, an sie angepasst, irgendwie wollten die Geschichten so erzählt werden. Sie werden nie wieder SO erzählt werden. Das ist eine Sache zwischen ihr und mir.

Bis sie irgendwann einschlief. Lächelnd.

Und ich ein bisschen froher den Rest der Nacht meinen Gedanken nachhing. Geschlafen hatte ich nicht mehr. Aber das brauchte ich auch nicht.

Manchmal gibt es wichtigeres als Schlaf.

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Veröffentlicht am 28. November 2012, in Trauriges. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 12 Kommentare.

  1. 😥
    Verdammt, warum muss ich gerade weinen…

  2. Hart. Aber so ist das Leben manchmal. Dann bleibt einfach nur noch Trost.

  3. Sie wird noch etwas Zeit haben, aber die wird sehr begrenzt sein, und sie weiß es wohl. Trost ist da schwierig oder unmöglich, da sein reicht aber. Und wenn man es wie Du schaftt zu erzählen, ist das noch besser.

    • Man kann da nicht helfen. Denn es ist klar, dass sie sterben wird. Und ich war eh nur jemand am Straßenrand, man sieht sich kurz und danach nie wieder. Aber die eine Nacht konnte ich geben. Vielleicht reicht das aus.

      • „Man kann da nicht helfen“
        Protest: Du WARST DA!!!
        Das Pflegepersonal ist mit solchen Situationen (zeit- und kostenbedingt) überfordert
        aber:
        DU WARST DA!!!
        und hast Dich der „Verantwortung“ gestellt!
        Klasse!!!

  4. Seufz. Traurig, aber irgendwie schön die Vorstellung wie du am Bett sitzt und Geschichten erzählst.

  5. Schön,wenn die Geschichten so einem Zweck dienen und jemanden ablenken, vielleicht sogar Freude bereiten. Toll, dass du dich um die Frau gekümmert hast.

  6. Bist’n Schatz Tante Jay.

  7. Fühl dich einfach mal fest in den Arm genommen…
    Bleib wie du bist

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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