Missbrauch – was sich ändern muss


Es ist ja immer so schön einfach, mit dem Finger auf den Täter zu zeigen und dann die schlimmsten Strafen zu fordern. Die Bildzeitung kann das immer ganz gut und deren Kommentatoren.Nein, auf den Schund verlinke ich hier nicht.

Mal ein paar Schnappschüsse, was so falsch läuft in der Diskussion gerade. Mit Kommentaren von mir. Vorsicht, nach dem More-Tag wirds harsch.

Fangen wir mal mit Jimmy Saville an. Verehrter Moderator, DJ-Gott und jetzt der größte Buhmann auf Gottes weitem Erdenrund.

Keine Frage: Jimmy Saville war ein Verbrecher. Aber mir fehlt ein bisschen die deutliche Frage, wie ZUM TEUFEL DAS ARSCHLOCH KINDER SELBST IN KRANKENHÄUSERN MISSBRAUCHEN KONNTE?

Wie konnte der so lange mit Kindern alleine sein, dass er die im Krankenhaus (!) in aller Ruhe missbrauchen konnte? In einem Krankenzimmer? Allen ernstes? Auf einer Kinderstation? Wie blind, blöd und Promigläubig muss man denn bitteschön sein?

Wie konnte Jimmy Saville über 40 Jahre lang Kinder selbst auf dem Gelände der BBC missbrauchen ohne auch nur den Hauch von Entdeckung zu fürchten?

Wollt ihr eine Antwort? Sie wird euch nicht gefallen: Weil *alle* nach wie vor weggucken, weil sich keiner die „Finger verbrennen“ will, weil Missbrauch immer noch den Opfern angelastet wird, als ob sie an ihrem Missbrauch selbst schuld wären.

Get over it. enn ihr einen Verdacht habt, SPRECHT IHN AUS. Sucht euch vernünftige Ansprechpartner und äußert die Bedenken. Habt den Arsch verdammt noch eins in der Hose – wenn ihr recht habt, seid ihr womöglich die einzige Chance, die das betroffene Kind hat. Bei aller gebotenen Vorsicht, weil so ein Verdacht den Verdächtigen leicht für immer ruinieren kann: Es gibt Möglichkeiten, entsprechend vorsichtig vorzugehen und dennoch dem Kind zu helfen.

/update Es gibt eine neutrale Meldestelle für entsprechende Webseiten. Hier gehts lang.

Jimmy Saville ist kein Verbrecher, er ist ein Symptom. Ein Symptom einer Gesellschaft, die das Weggucken perfektioniert hat. Weil Schein wichtiger ist als Sein.

————–

Gehen wir mal weiter im Bereich „was nicht sein kann das darf auch nicht sein“.

Eine Kunstausstellung in Uelzen. Kunstgegenstände des tragisch verstorbenen Uelzener Künstlers Wolfgang Stulpe. Der arme Kerl hat Suizid begangen. In den Selbstmord wurde er getrieben.

Warum?

Weil die Polizei gegen ihn ermittelt hat. Nach der fälligen Hausdurchsuchung hat er sich umgebracht.

Was sagt denn der Uelzener Kunstverein dazu? Noja, der kommentiert das nicht weiter, da ja nix bewiesen ist. Die Polizei hat nach dem Tod Stulpes die Ermittlungen eingestellt.

So einfach macht man es sich heute. Die Polizei ermittelt nicht weiter, also war da auch nichts. Wenn man aber den Augenzeugenberichten aus Uelzen genau zuliest, ergibt sich ein völlig anderes Bild.

So eine Ausstellung *darf* das Thema nicht ausblenden. Das ganze *muss* in den Missbrauchskontext gesetzt werden. Aber die Handlungsweise des Kunstvereins Uelzen zeigt sehr genau, wie sehr die „was nicht sein kann das nicht sein darf“-Mentalität sich durch unsere Gesellschaft zieht. Man blendet die negativen Seiten einfach aus.

Und läßt die Betroffenen, die es sehr wohl gibt, völlig im Regen stehen.

Man kann auch die Kunstwerke, die Wolfgang Stulpe gestiftet hat, entsprechend zeigen, aber der Kontext MUSS gewahrt bleiben. Und man kann nicht einfach unpassende Facetten eines Menschen ausblenden, damit die Reinheit der Darstellung gewahrt bleibt.

Hier war ein Täter ungehindert zugange. Er hatte Schüler und er hat diese missbraucht. Die ersten trauen sich heraus aus dem Wandschrank und zeigen sich der Öffentlichkeit.

Die richtige Reaktion hier ist: Den Künstler in der Versenkung verschwinden lassen, wo er hingehört – und die gestifteten Kunstwerke in ein Museum stellen. Und an die Uelzener: Der Mann war ein Pädo. Kein Heiliger. Er ist tot und begraben, aber wagt es ja nicht, seine Opfer jetzt als Nestbeschmutzer hinzustellen. Das gilt übrigens auch für den Uelzener Kunstverein, der da eindeutige Tendenzen zu hat.

Übrigens ist hier ein besonderes Fundstück der Relativierung des Missbrauches. Da gibt sich aber einer viel Mühe und nimmt sogar den „moralisch gestrauchelten“ Hermann Hesse als Beispiel, den man dann nicht mehr lesen dürfe. Der wäre ja schließlich auch im Gefängnis gewesen.

War er nicht. Aber in einer Nervenheilanstalt, weil er von seinem streng religiösen Umfeld bis zu einem Suizidversuch getrieben wurde. Diesen Mann als Beispiel anzuführen, warum man ausgerechnet den Missbraucher Stulpe zeigen darf, ist untauglich.

Aber diese Art der Relativierung des Missbrauches, sobald es an „bekannte“ Persönlichkeiten geht, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Und es wird Zeit, dass man auf die Relativierer mit dem Finger zeigt und sie fragt ob sie noch ganz knusper sind.
——-

Zwei Fälle, zwei eigentlich gleiche Behandlungen. Sie haben viel gemein: Beide haben verbrannte Felder hinterlassen, sie haben alles Gute, was sie je irgendwie getan haben, mit ihrem Missbrauch ins Entsetzliche verkehrt.

Und zwei Fälle, die eins genau aufzeigen:

Wir sind alle zu Täterzentriert. Kein Mensch fragt nach ihren Opfern. Wir alle glauben irgendwo, wenn der Täter bestraft wurde, ist alles gut.
Dahinter steht die Scheu, sich mit den Betroffenen auseinanderzusetzen. Sie haben entsetzliches erlebt, man konnte es nicht verhindern (oder hat es einfach nicht gesehen) und diese Selbstvorwürfe werden oft auf die Betroffenen projiziert, indem man ihnen eine Mitschuld am Missbrauch gibt.

„Warum hast du nichts gesagt?“

„Warum hast du das überhaupt mitgemacht?“

Sind Fragen, die sich Betroffene oft stellen lassen müssen und auf die es nur selten eine vernünftige Antwort gibt. Denn missbrauchte Kinder sind in keiner vernünftigen Situation. Und der Täter läßt ihnen keinerlei Spielraum für einen Ausbruch, es steht zuviel für ihn auf dem Spiel.

Die totale Kontrolle über das Opfer, das ist es, was der Täter anstrebt und auch erreicht. Und es gibt viele Opfer, die glauben, sie wären selbst dran schuld, dass sie missbraucht wurden, sie hätten doch nur einmal was sagen sollen, vergessen völlig dass Angst das herrschende Motiv für ihre Handlungen sind. Und sie meist noch zu jung sind, um diese Angst beherrschen und rational einschätzen zu können.

Und die Folgen sind katastrophal. Das zu relativieren, Herr Kommentator, ist widerlich.

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Veröffentlicht am 6. November 2012, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. „“Warum hast du nichts gesagt?”

    “Warum hast du das überhaupt mitgemacht?”“

    Ich habe es schon so oft geschrieben, aber ich werde nicht müde, mich zu wiederholen: Um wenigstens DIESER Scheiße entgegen zu wirken, wäre ich für die Einführung von Psychologie als Schulfach…

  2. Ich bin ihnen dankbar für diesen Artikel.
    Und mache mir an dieser Stelle die Mühe ihnen zu sagen, dass selbst wenn die Opfer den Mund aufmachen, selbst wenn sie Hilfe bekommen könnten, zu 90% einfach keine richtige Hilfe da ist.

    Wir müssen schweigen. Damit andere sich nicht mehr hilflos fühlen. Nicht mehr ohnmächtig.
    Und wenn wir etwas sagen, dann gnade uns wer auch immer, dass es genug Menschen verstehen und uns beistehen.
    Und wessen Stimme geht bei einer täterzentrierten Berichterstattung und allgemeiner Aufmerksamkeit als erstes unter?
    Richtig! Die der Opfer!

    Wenn wir Hilfe bekommen zu heilen, zu reden, Vergeltung (Opferausgleich(szahlungen) ) einfordern so dürfen wir gegen bürokratische Mühlen, unsere (Todes)Angst UND gegen eine graue Masse ankämpfen- die nur eines will: Verstehen warum der Täter uns so verletzt hat- wie es DAZU kommen konnte. Aber nicht auch noch verstehen will- warum wir diese absurden „beweis mal was gewesen ist- du ANGEBLICHES Opfer“- Kämpfe mit dem Staat führen müssen.
    Damit sind wir Opfer allein. Immernoch. Obwohl sich soviele Menschen über die Taten aufregen.

    Ist das nicht tragisch?

    • Ich habe aus eigener Erfahrung (und der mir sehr lieber und wertvoller Menschen) gelernt: Man wird in die Opferrolle leicht gedrückt. Aber man kann sich drin einrichten – oder ausbrechen.

      Es gibt Vereine, die sich für Änderungen einsetzen – leider hat man an den Runden Tisch Missbrauch vornehmlich die Täterorganisationen geholt und entsprechend dünn ist das Ergebnis. Wenn die katholische und die evangelische Kirche darüber diskutieren, wie man den Missbrauchsbetroffenen am besten hilft, muss man sich nicht wundern, wenn das Ergebnis heißt: „Wir beten für euch“.

      Idioten.

      Wichtig ist in erster Linie, dass viel Geld in die Prävention fließt, das heißt, es müssen Aufklärungskampagnen gestartet werden und vor allem müssen mehr *ausgebildete* Sozialarbeiter in die Schulen. Nur – das bezahlt keiner. Wenigstens sind die Verjährungsfristen verlängert worden. Ganz aufgehoben werden sie nicht – und auch das ist gut so.

      Warum? Weil jeder anders mit dem Erlebten umgeht, und es gibt Menschen, die können mit der Verarbeitung erst anfangen, wenn die Verjährung eingetreten ist.

      Und solange Missbrauchsbetroffene für jede Psychotherapie kämpfen und sie teilweise selbst bezahlen muss, solange sind wir in den Hilfen für Opfer keinen Schritt weiter.

      Die Presse berichtet Täterzentriert. Und das hat einen Grund. Scham und Wegducken. Wenn man über die Betroffenen berichtet, ernsthaft berichtet, muss man sich mit einem Erleben auseinandersetzen, dass völlig unvorstellbar ist. Das halten viele einfach nicht aus – geschweige denn, dass sie es in neutrale Berichterstattung drücken können.

      Über den Täter berichten ist einfach: „Die Bestie“ „Das Schwein“ – die Namen sind so bunt und vielfältig wie die Boulevardpresse einfallslos. Aber man hat einen Aufreger und muss nichts hinterfragen. Der Täter ist schuld, man prügelt auf ihn ein und alles ist gut. Die Opfer kommen schon klar.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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