Die Mär vom Massenmarkt im Web


Man sollte doch wirklich meinen, dass nach all diesen Jahren der Diskussion über die Darstellungen von sexuellem Missbrauch (aka „Kinderpornographie“) inzwischen in einer Sache Konsens herrscht: Es gibt keinen Massenmarkt für diese Bilder. Und schon gar nicht ist das ein Milliardenmarkt.

Sollte man meinen.

Und dann hat man auf einmal wieder Innocence in Danger und den Journalisten Christian Füller im Blick und kriegt echt so langsam das Bedürfnis, sich die Haare auszuraufen. Diese Adeligenwohltätigkeitsbude geht mir allmählich echt auf den Keks.

Anlaß für diesen Blogeintrag war dieser Tweet hier:

Als Antwort auf meinen Satz, dass der Missbrauch nicht im Web stattfindet.

An diesem Satz ist soviel falsch, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Alleine die Denkweise dahinter, dabei kanns einem übel werden.

Zunächst einmal: Man macht keine Bilder von missbrauchten Kindern, weil man berühmt werden oder Geld machen will. Sondern weil man sehr sehr krank ist. Es geht hierbei um Machtspielchen, nicht um die Befriedigung eines sexuellen Triebes. Wenn man das weiß, kann man in der Prävention auch mehr machen, nur mal nebenbei. Präventionsmaßnahmen, die den Trieb ausschalten, helfen hier nicht weiter.

So, nachdem das geklärt wurde, gehen wir doch mal weiter.

Das www für diese Darstellungen verantwortlich zu machen, ja sich sogar noch dazu zu versteigen, dass diese explizit fürs Web produziert werden, geht an der Realität vorbei. Es gibt eine Menge Verbreitungswege für diese Bilder und Videos, das Netz ist hier nur einer davon. Viel öfter wird das Zeug mit der Post verschickt. Oder per Direktübergabe weitergegeben. Denn die Täter wissen genau, dass das Netz alles andere als ein rechtsfreier Raum ist und sie dort jederzeit erwischt werden können.

Nicht umsonst (dass haben die Recherchen von Jörg Tauss ergeben) muss man erstmal selbst ein Bild rausrücken oder ein Video, bevor man eins bekommt. Quid pro Quo, so hat sich jeder strafbar gemacht und das ist die Garantie das alle die Klappe halten.

Aber irgendwie sehe ich keine Forderungen danach, jede Postwurfsendung auf den Inhalt hin zu prüfen? Vielleicht weil dann endlich auch dem letzten Vollpfosten klar wird, wie völlig überzogen dieser ganze Kontrollwahn im Web ist?

Das heißt, dass dieser „Markt Netz“ erstmal überhaupt nicht existiert. Was dagegen durchaus existiert sind geschlossene Userforen, wo munter getauscht wird. Mailinglisten, wo ebenfalls getauscht wird. Und der weite Bereich des Usenets, der von der Politik angesichts der grandiosen Unkenntnis auch nur der grundlegenden Begriffe des Internets überhaupt nicht wahrgenommen wird. Gott sei Dank, das ist noch eine der letzten Stellen, wo man *einigermaßen* sicher sein kann, dass die Ermittlungsbehörden nicht zuhören.

Übrigens, der erste Kommentator, der jetzt was von „wer nix zu verbergen hat…“ faselt, macht eine innige Bekanntschaft mit meiner LART. Das meine ich im ernst, ich reagiere da inzwischen sehr sehr sauer drauf.

Aufgrund dieser Tatsachen hat sich der Begriff „Löschen statt sperren“ durchgesetzt. Denn es ist *immer* richtiger, auch im Interesse der Betroffenen, diese Bilder einfach zu löschen. Man muss sich dessen bewusst sein, dass die *nie* völlig verschwinden werden, aber sobald man ihrer habhaft wird: Raus mit dem Dreck. Und die Verbreiter hübsch verpackt bei Gericht abliefern. Nein, Lynchjustiz ist keine Lösung. Wir haben Gerichte für sowas.

Es gibt übrigens in den USA eine Betroffene, die gezielt nach *ihren* Bildern sucht und den Tätern den Arsch wundklagt. Die geht rigoros gegen jeden vor, der diese Bilder verbreitet und den sie irgendwie kriegen kann. Yay. Balls of Steel-Award an dieser Stelle an die Dame. Die Kraft hat nicht jeder – und es ist eine grandiose Kanalisation der Wut, die in jedem Betroffenen liegt. Das trifft die Täter nämlich da, wo es wehtut: Am Geldbeutel.
Aber, wie gesagt, das kann nicht jeder. Die Bilder des eigenen Missbrauchs suchen, immer und immer wieder angucken, ob sie es auch wirklich sind, die Täter ausfindig machen und verklagen – meine Herren, dass kann wirklich nicht jeder.

Wir sind uns also an dieser Stelle einig, dass dieser „markt netz“ nicht von Bedeutung ist. Es sind Nischen, die inzwischen gut überwacht werden und man *findet* die Täter. Das Löschen funktioniert. Es gibt Meldestellen im Internet (an dieser Stelle möchte ich aber davon abraten, an die Behörden zu gehen, das Risiko ist zu groß, dass man dann eine Hausdurchsuchung an der Backe hat. Die Meldestellen liefer ich nach, sobald ich die Webadressen habe. Ich brauch die nicht, daher hab ich die auch nicht in den Favoriten), man hat Möglichkeiten und die werden auch genutzt.

Aber die einseitige Ausrichtung auf das böse böse Internet, die diese ABM-Maßnahme für Überprivilegierte hat, die hilft den Betroffenen genau keinen Schritt weiter.

Denn der Missbrauch findet nicht im Web statt. Und das ist es, was man offenbar nicht in diese dickschädeligen Köpfe hämmern kann. Der Missbrauch findet real im HIER UND JETZT statt. Kinder werden missbraucht und alle gucken weg. Weil mal wieder nicht sein kann was nicht sein darf.

Missbrauch findet ja auch nicht nur in „bildungsfernen“ Schichten statt. Das Problem zieht sich durch alle Schichten. Und die „Upper-Class“-Kinder haben es da meines Erachtens schwerer, weil die Täter gesellschaftlich hoch angesehen sind und alleine aufgrund der Reputation keiner gegen die vorgehen will. Allerdings ist das mal ein Thema für eine eigene Artikelserie.

Worauf ich hinaus will: Dieses ganze Internet-Gebashe von wegen „markt netz wird potenziert“ ist absolut kontraproduktiv, wenn man Kindern wirklich helfen will.

Was wir brauchen sind geschulte Sozialarbeiter direkt da wo die Kinder sind: An den Schulen. Und zwar nicht nur pro Woche 1 – 2 Stunden, wenn man großzügig ist. Pro Schule mindestens ein Sozialarbeiter fest stationiert und die müssen in ständigem Austausch miteinander stehen.

Es muss Kindern endlich mal geglaubt werden. Es kann doch nicht sein, dass wir seit Jahren immer wieder diese Diskussion am Köcheln haben und immer noch muss ein missbrauchtes Kind sich bis zu 7 Leute suchen, damit ihm EINMAL geglaubt wird. Die Prämisse muss heißen: Wenn Kind sowas sagt muss ihm geglaubt werden. Man kann Fragen stellen – und muss das auch. Und möglicherweise lügt das Kind. Aber genau DAFÜR sind dann die geschulten Sozialarbeiter da. Die sich mit den Kollegen dann kurzschließen.

Es fehlen Hilfen für die Betroffenen. Massiv.

Es fehlt Geld für die Betroffenen. Noch massiver.

Wir haben eine Gesellschaftliche Verantwortung, den Betroffenen zu helfen. Wir alle müssen das tun. Jeder einzelne. Und da einseitig auf das Internet zu verweisen und glauben zu machen, nur weil man jetzt zensiert wäre das Problem vom Tisch ist unredlich.

Wenn eine Frau im Park vergewaltigt wird stellt man doch auch keinen Paravent auf, um die verstörenden Bilder vor den Passanten zu verbergen.

 

 

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Veröffentlicht am 6. November 2012, in Grober Unfug. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Wo darf ich unterschreiben?

    • Ich unterschreibe mit. Tantchen hat wieder ins Schwarze getroffen.

      @Tante Jay: Kann es sein, dass der letzte Satz von Volker Pispers inspiriert ist? 😉

      • Jepp. Das beste Beispiel, was ich dazu je gehört habe.

        • Ich finde auch super, womit er (wenn ich mich recht erinnere) im selben Auftritt vorher die Stoppschlider auf den entsprechenden Seiten nennt. Er vergleicht sie mit den Stoppschildern im Straßenverkehr. Da bedeuten sie schließlich auch nicht „Bis hierher und nicht weiter“ sondern „Anhalten, nach rechts und nachlinks gucken, vorsichtig weiterfahren“.

          Ich mag Pispers.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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