Kalt da draußen


Minustemperaturen. Dicker Rauhreif.

Es ist kalt in Deutschland.

Und in Berlin protestieren Flüchtlinge gegen die unmenschlichen Bedingungen, unter denen sie untergebracht werden und zu denen sie hier behandelt werden.

Mitbekommen? Seit einiger Zeit gibt es das #refugeecamp. Eins in Frankfurt und eins in Berlin. Findet nur leider in den Medien allenfalls am Rande statt.

In Berlin ist die Haltung so gnadenlos und kalt wie das Wetter: Die Flüchtlinge dürfen protestieren, aber campen dürfen sie nicht.

Und man hat ihnen Decken und Schlafsäcke weggenommen.

Einige sind in den Hungerstreik getreten. Alle frieren. Doch sie protestieren nicht nur um, um mehr Rechte zu bekommen, sie protestieren, um die Rechte, die *jedem* Menschen zustehen, die Menschenrechte, einzufordern. Und sie fordern, dass sie endlich wie Menschen behandelt werden.

Denn die Situation für die Flüchtlinge in den Sammelunterkünften ist menschenunwürdig. Frauen werden belästigt, manchmal vergewaltigt. Gewalt ist vielerorts an der Tagesordnung, Recht und Gesetz ist an diesen Orten nur selten zu finden. Die Menschen sitzen den ganzen Tag da und starren die Wände ihrer Zellen an, die sie mit mehreren teilen müssen. Hinzu kommt, dass die Unterkünfte oft sehr abgelegen sind. Psychologische Hilfestellung für die oft traumatisierten Flüchtlinge? Fehlanzeige. Suizide werden hingenommen.

Doch es ist kalt in diesen Tagen und für die Flüchtlinge ist hier kein Platz. Wir haben eine Wirtschaftskrise, die Menschen bangen um ihre Arbeitsplätze, um ihren Lebensstandard. Und wir müssen erstmal an uns denken und an unsere Familien.

Es ist wirklich verdammt kalt geworden in Deutschland.

Kaum einer realisiert doch, dass jemand sich vor sein Haus stellt, sich umguckt und sagt: „Hmnö, hier mag ich nicht mehr bleiben. Ich geh mal woanders hin.“ Und dann geht man auf einen Seelenverkäufer von Schiff und hofft, dass die anderen einen schon durchfüttern werden.

Wie naiv, wie kalt kann man sein?

Niemand verläßt Haus und Hof leichtherzig oder ohne nachzudenken. Wer geht, wer sein Land verläßt, tut das, weil ihm subjektiv keine andere Möglichkeit mehr bleibt. Bürgerkrieg, Krieg, Terror – das sind Begriffe, die in den „abgebenden“ Ländern an der Tagesordnung sind. Sudan, Nigeria, das alles sind Länder, wo Recht und Gesetz in den Händen dessen liegen, der entweder mehr Freunde hinter sich hat oder den Finger schneller am Abzug.

Und die Menschen, die es schaffen, von dort zu fliehen, was erwartet die? Auf Lampedusa geraten sie vom Regen unter Umgehung der Traufe direkt in die Scheiße. Und die Menschen, die es bis Deutschland schaffen? Für sie gilt die Drittstaatenregelung. Das ist eine bequeme Methode, die Asylfrage zu regeln. Drittstaatenregelung heißt: Wer über ein sicheres Drittland einreist, wird genau dahin wieder abgeschoben.

Guckt euch Deutschland auf der Karte an – überall sichere Drittstaaten. Wir sitzen bequem hier.

Und das macht uns kalt. Wir gucken auf unsere Fleischtöpfe und sind nicht bereit, die Not anderer anzuerkennen. Wir nennen sie Wirtschaftsflüchtlinge und implizieren, dass es ihnen nur darum geht, hier Sozialhilfe bzw. HartzIV zu bekommen. Wir schieben sie an die gesellschaftlichen Randgebiete ab und weigern uns, sie auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Und jetzt sind sie herausgekommen aus ihrer Isolation. Sie sind bis Berlin marschiert.  50 Flüchtlinge, die endlich als das behandelt werden wollen, was sie sind: Menschen. Die ihre Würde wiederhaben wollen.

Das Berliner Camp ist geräumt. 30 Mannschaftswagen, Hundestaffel und Kriminalpolizei für 50 Flüchtlinge.  Decken und Zelte wurden den Flüchtlingen abgenommen. Eine Versammlung dürften sie aber abhalten. Was müssen diese paar Menschen doch bedrohlich gewirkt haben.

Es ist kalt geworden in Deutschland.

Und das nicht nur, weil Winter ist.

Wenn jemand helfen kann, tut das. Zeigt, dass nur der Winter kalt ist.

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Veröffentlicht am 28. Oktober 2012, in Allgemeines. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. http://www.lawblog.de/index.php/archives/2012/10/28/sehr-geehrter-herr-dr-hanke/

    *sarkasmus on*
    Falls das Camp tatsächlich geräumt worden sein sollte, so haben die „Weggeräumten“ es jetzt hoffentlich wenigstens warm.
    *sarkasmus off*

    Wäre doch ’ne Steilvorlage für die Piraten, genauer für den Ponader, der fordert doch ’n bedingungsloses Grundeinkommen, könnt‘ er hier ja mal die Klappe aufreißen!

    • Das wär das erstemal, dass die Piraten eine Steilvorlage erkennen, wenn sie sie in den Hintern beißt….

      • Wenn die Partei nicht „Piraten“ im Namen drinne hätte, würd‘ ich ja eintreten, also in die Partei und nicht eine Tür o.ä., vielleicht könnt‘ ich sogar was reißen…

        • Nicht zu sehr von Namen abhängig machen.

          Es ist traurig, dass die Partei sich selbst so sehr im Weg steht 😦

          • OK! Werd‘ ich ’n Pirat! 😀

            BTW: die Serveruhr geht vor 😉

          • Lochkartenstanzer

            > Nicht zu sehr von Namen abhängig machen.

            Trotzdem ist der Name sehr schlecht gewählt. Es gibt sehr viele Leute, die asoziiieren mit Piraten etwas anderes, trotz Jack Sparrow & Co.

            Und ich kenne auch viele die die Piraten nicht wählen, auch wenn sie einige der Ziele als wünschenswert erachten. Hauptsächlich weil sie sagen, daß jemand der sich Pirat nennt entweder ein Idiot sein muß, sich mit so etwas zu identifizieren, oder noch nciht erwachsen genug, um zu wissen was ein Pirat macht.

            lks

            • Den Namen brauchts gar nicht mal. *seufz*

              Die demontieren sich schon prima alleine. Die paar glaubwürdigen, die die haben, machen den Kohl echt nicht fett 😦

              • Lochkartenstanzer

                > Die demontieren sich schon prima alleine.

                Das kommt dann noch dazu.

                ich war ja schon drauf und dran bei denen mitzumachen, bis ich dann gemerkt habe, wie es bei denen zugeht.

                lks

  2. >> Wir gucken auf unsere Fleischtöpfe sind nicht bereit, die Not anderer anzuerkennen. <<

    Komisch, ich kenne niemanden, dem das schwerfallen würde. Eine andere und gar nicht so einfache Frage ist natürlich, wie-, wo- und durch wen dieser Not abzuhelfen ist. Da mag es viele verschiedene und z.T. widersprüchliche Meinungen geben, aber eines ist mal klar: Wenn unsere Fleischtöpfe nur noch halb so voll sind, werden die der anderen nicht automatisch doppelt so voll. Da kriegen wir dann also nur noch ein einziges Kotelett zum Mittagessen und es nützt – niemandem.

    Vielleicht sollte man auch nicht vergessen, dass es in den Herkunftsländern durchaus volle Fleischtöpfe gibt – nämlich bei Gruppe A, die gerade am Drücker ist und Gruppe B so übel behandelt, dass diese lieber ins kalte Deutschland will. Irgendwann ist Gruppe B am Drücker und es will wer hierher …? Richtig, Gruppe A. Wenn hier jetzt der Hinweis durchschimmert, dass die Leute aus B grundsätzlich ähnlich drauf sein dürften wie die aus A, und dass diese Gegensätze wohl kaum in Deutschland geklärt werden können, ist das natürlich überhaupt keine Absicht.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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