Über die Verdrossenheit


Politikverdrossen sind die Menschen, heißt es allerorten.

Meist von Politikern, die erklären wollen, warum die Leuten nicht zur Wahlurne gehen und warum man jetzt wieder ein Demokratiefeigenblatt aufstellen muss.

Geht es noch blinder?

Waren die Menschen, die gegen die Zensurgesetze protestiert haben, Politikverdrossen? Waren die Leute, die letztendlich Zensursulas unerträgliche Stopschilder gestoppt haben – waren die politikverdrossen? Wirklich?

Sind die Menschen, die gerade reihenweise Petitionen starten, um zumindest von der Politik mal gehört zu werden, alle Politikverdrossen?

Wohl eher Politikerverdrossen.

Sieht man sich jetzt Steinbrück an, wird einem klar, warum.

Es ist doch überhaupt nicht die Frage, ob jemand Nebeneinkünfte haben kann. Natürlich kann er. Aber wes Brot ich esse, des Lied ich singe. Und wenn Herr Steinbrück gewisse Dinge fordert, gehört es mit zum Gesamtbild, das man wissen muss, woher eigentlich seine Nebenbezüge alle so stammen. Und warum er sie erhalten hat.

Ob noch Relationen bestehen zwischen Einkünften und Leistung. 500.000 € Honorar z.b. für einen 30 min-Auftritt, um mal ein Beispiel aus der Luft zu greifen, wären nicht mehr in Einklang zu bringen, das wäre dann eine Gefälligkeit und dann muss man sich die Forderungen desjenigen GENAU angucken.

Denn natürlich liegt nahe, dass hier Dinge miteinander vermischt werden. Politiker sind Menschen, und auch wenn ich gerne hätte und mich unwohl fühle, wenn sie *zeigen* dass sie Menschen sind, sie sind es.

Und Menschen sind fehlbar.

Also Herr Steinbrück. Offenlegen aller Nebeneinkünfte. Und zwar qualifiziert offenlegen. Dann weiß man wenigstens, ob sie aus Überzeugung etwas fordern oder ob es die Erwiderung eines Gefallens ist.

Aber das ganze Verfahren ist wunderbar dazu geeignet, die Verdrossenheit über Politiker neu zu befeuern. So ein Ententanz rund um die Tatsachen nervt einfach nur. Politikverdrossen wäre, wenns den Leuten an der Stelle scheißegal wäre, was Herr Steinbrück so in seiner Freizeit macht.

Ein anderer Fall ist Kurt Beck. Alle regen sich gerade über ihn auf, weil er einen „Bürger bepöbelt“ hat.

Das Video mal gesehen? Ich hätte das Arschloch noch was ganz anderes genannt. Kurt Beck war im Gespräch. Er wurde rüde mit strunzdummen Kommentaren unterbrochen, die Weiterführung des Interviews war an der Stelle nicht möglich.

Das ist das gute Recht des Rufes in der Wüste. Schlechtes Benehmen ist nicht strafbar. Aber weinen, weils aus dem Wald rausschallt wie man reingerufen hat: HEY DU PUSSY. WAS HAST DU DENN ERWARTET? DU TURNBEUTELVERGESSER?

Das sollte nicht zur Gewohnheit werden, aber angesichts aller Umstände möchte ich den sehen, der da völlig ruhig bleibt.

Aber der Fall ist *auch* geeignet, die Politikerverdrossenheit zu steigern. Nicht wegen des Verhaltens von Kurt Beck. Sondern wegen des medialen Schlachtfestes, mit dem die Journaillenjäger dem am Boden liegenden Wild den finalen Rettungschuß verpassen wollen.

Kurt Beck ist beileibe kein Sympathieträger. Und es gibt in seiner Amtsführung eine MENGE nachzufragen. Seine Rolle beim Nürburgring, beim Stadion von Kaiserslautern – das alles sind Dinge, die zumindest an der Oberfläche nicht astrein wirken.  Nett ausgedrückt.

Aber dann soll auch genau das thematisiert werden. Aber der mediale Auftrieb über seinen Ausraster steht in keinem Verhältnis zu der Berichterstattung über seine Verfehlungen.

Ich wünschte es gäbe wieder mehr Qualitätsjournalismus 😦

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Veröffentlicht am 8. Oktober 2012, in politisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. ein anderer Stefan

    Politikerverdrossenheit ist das richtige Stichwort. Allerdings muss man auch sagen, dass die Deutschen allzuleicht fordern, dass Politiker gewissermaßen Heilige sein sollen (wie auch bei fast jeder andere Person des öffentlichen Lebens). Heilige sind sie alle nicht, das ist klar. Aber wenigstens ein bisschen Vorbildfunktion und nicht nur das Schielen auf die nächste Wahl, die nächste Mehrheit oder die nächste Fernsehkamera wären mal erfrischend. Auch die Piraten scheinen sich schon an ihrem eigenen Erfolg berauscht zu haben und vergessen, dass Politik kein Selbstzweck ist. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Vielen Dank, Herr Schmidt, aber eine Politik so ganz ohne Vision, wie wir sie vorgemerkelt bekommen, ist nun auch nicht das Wahre. Ein Politiker, der sagt „Ich will Deutschland ganz vorne in der Welt bei (meinetwegen) Bildung sehen.“ hat damit schon eine Vision formuliert. Das muss ich nicht mögen, aber ich habe wenigstens eine Idee, wofür jemand steht, er hat eine Position bezogen. Das fehlt mir heute in der Politik allzuoft, und wenn ich mir den Verdruß ansehe, wohl nicht nur mir. Politik kann nicht nur die Kunst des Möglichen sein, und Bismarck ist auch ein denkbar schlechter Gewährsmann für politische Positionsbestimmungen. „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden“ – mit dieser Auffassung ist mir Hermann Hesse schon deutlich sympathischer. Damit unsere Gesellschaft sich entwickelt, muss doch jemand eine Idee von der Richtung haben, wo es hingehen soll – aber die Politiker stolpern auch mehr blind herum als alles andere, habe ich den Eindruck.

  2. Wenn ich höre, dass ein Abgeordneter Nebeneinkünfte in nicht geringem Maße hat, dann frage ich mich, ob er seinen Job, die Regierung zu überwachen und unser Land zu verwalten, ordentlich machen kann, so rein zeitlich gesehen. Otto-Normal-Verbraucher muss das in der Regel genehmigen lassen! Und da interessiert es nicht, ob der Mensch dann hinterher Probleme bekommen könnte, wieder in seinem alten Job Fuß zu fassen, weil er „nur“ Volksvertreter ist, denn für so etwas gibt Fort- und Weiterbildung.
    Jeder der irgendwo arbeitet und dann im Nebenerwerb noch was macht, muss sich fragen lassen, ob das nicht mit seinem Job in Konflikt gerät. Gerade bei Politikern in verantwortlichen Positionen, Bundesminister und Bundeskanzler kann man da getrost nennen, muss jeder noch so kleine Anschein der Vorteilsnahme und Bestechlichkeit untersucht und geklärt werden und ggf. dazu führen, dass dieser Mensch gefeuert oder nicht beschäftigt wird! Als Krankenpfleger, der ich mal war, durfte ich nicht mal Blumen von den Angehörigen der Patienten annehmen, geschwiege denn Geld oder geldwerte Vorteile (Erbe oder so) und das aus gutem Grund.

    Sowas verdrießt mich!

    Wenn man Politikern Fragen stellt, wird selten, zu selten, direkt auf die Frage geantwortet; immer werden irgendwelche, vermeintlichen, Heldentaten seiner Partei oder Person betont. Auch scheint einigen dieser Herrschaften nicht klar zu sein, dass sie für das deutsche Volk arbeiten und von ihm bezahlt werden und seinen Arbeitgeber sollte man erstens nicht anlügen, weder beim Vorstellungsgespräch, vulgo: Wahlkampf, noch während des Beschäftigungsverhältnisses. Zudem sollte man vermeiden, den Arbeitsgeber zu beleidigen oder für dumm zu verkaufen. Arroganz gegenüber den Chef kommt auch nur in den seltensten Fällen gut rüber. Aber genau das tun Politker, sie lügen während des Wahlkampfes, sie lügen in der Regierung, sie lügen in Interviews, sie lügen vor Auschüssen und sie legen eine Arroganz an den Tag, welche in mir jedesmal den Wunsch nach einem einschlagbereiten Gesicht aufkommen lässt.

    Sowas verdrießt mich!

    Politiker heutzutage machen immer weiter, wie ihre Vorgänger es schon Ajhrzehnte zuvor gemacht haben. Anstatt Lösungen auf den Weg zu bringen, finden sie nur immer Gründe, nichts zu tun. Statt Sachen einfacher und billiger zu machen, werden sie immer komplizierter und teurer. Es fängt an bei der Energieversorung – es gab genug Leute, die schon vor 30 Jahren gesagt haben, dass es so nicht weitergeht, mit Öl oder Atom, zumal ja selbst heute noch nicht klar ist, was mit den Abfällen, nicht nur der AKW, passieren soll. Noch immer hat keiner ein ordentliches, ökologisches Verkehrskonzept auf die Reihe gebracht. Ich sehe auch kein Konzept hinsichtlich der Ausbildung der Nachkömmlinge, sei es in Schulen oder Betrieben. Die Verwaltung sollte verschlankt werden. Statt dessen bekommen wir nur immer neue Regeln, Gesetze, Verordnungen.

    So etwas verdrießt mich!

    Und das schlimmste ist, es werden nicht einmal ernstzunehmende Versuche gestartet, irgendeines der Probleme anzugehen. Es werden immer Versprechungen gemacht und nicht gehalten („da hab ich mich wohl versprochen“). Es werden Reden gehalten, aber getan wird nichts.

    So etwas verdrießt mich!

    Und um dem ganzen sozusagen die Krone durch den Arsch von hinten durch die Brust in’s Auge des Fasses zu schlagen, werden diese, ja, wie sag ich’s, wie nennt man solche Leute, ah, ich hab’s, da werden diese Lügner, Betrüger, Schwätzer und Versager Leute jedesmal auf’s neue gewählt.

    Und das verdrießt mich auf’s Äußerste!

  3. Ich dachte ja auch mal das es eigentlich Vollzeitpolitiker sein sollten. Dafür gibt es ja die Diäten, damit die Politik machen können ohne nebenbei auf dem Bau arbeiten zu müssen.

    Jetzt ist ja eher die Politikerrolle der Nebenschauplatz. Die ganzen Vorstandsposten brauchen ja auch etwas Zeit, falls da wirklich gearbeitet und nicht nur „gefördert“ wird. Nebenbei noch anderen lustigen Organisationen vorstehen, gutbezahlte Vorträge halten, Lobbyarbeit, etc. Das braucht schon seine Zeit und für so ein läppisches Abgeordnetengeld, da lohnt sich die Zeit ja gar nicht.

    Ich hätte ja nichts dagegen wenn die Politiker auf dem neuesten Stand ihrer jeweiligen Resorts bleiben, damit sie wissen worum es geht aber da kommt es dann immer zu irgendwelchen Verquickungen.

    100K vom Staat oder 1M aus der Industrie, wo leg ich denn dann meine Prioritäten.
    Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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