Es nimmt kein Ende


Das Gesetz zur Beschneidung, es wurde heute offiziell als Gesetzesentwurf angenommen.

Passend dazu hat wurde eine gemeinsame Stellungnahme diverser Kinder- und Jugendpsychiatrischer Gesellschaften veröffentlicht, die jetzt sogar den allerletzten Schutz für die Kinder, die Berücksichtigung des Kindeswohls, aus dem Paragraphen entfernt haben wollen.

Begleitend dazu fand gestern eine Talkshow in der ARD zu dem Thema statt. Tenor: Die Gegner der Beschneidung sind allesamt verkappte Antisemiten. Ich konnte nur die empörten Reaktionen auf Twitter verfolgen, selbst hab ich die Talkshow nicht gesehen. Link dazu wäre toll.

In der TAZ darf dann ein Micha Brumlik ganz offen gegen die Bruno-Giordano-Stiftung hetzen und sie als Antisemitisch bezeichnen, weil angeblich Bruno Giordano Antisemit war. Der im übrigen im 16. Jahrhundert gelebt hat. Er hat noch ein paar bescheuerte Argumente mehr.

Das ist ein mediales Dauerfeuer, dass sehr koordiniert wirkt und die Gegner der Beschneidung gezielt in die rechte Ecke drängen soll und den leisten Rest, der dagegen ist, aber schweigt, dazu bringen soll, weiter still zu sein. Bloß nicht aufmüpfig werden. Man könnte als Nazi angesehen werden.

Ein ebenso kurzsichtiges wie durchsichtiges Verfahren.

Denn die Kosten für die Gesellschaft, der Vertrauensverlust, der wiegt schwer.

Es gibt sie, die Beschneidungsgegner, die „den Juden und den Musels“ jetzt mal zeigen wollen, was eine Harke ist. Es gibt sie, die Idioten, die glauben, je drastischer sie sich äußern umso eher werden sie gehört. Aber sie sind in der Minderheit.
Sie sind ebenso in der Minderheit wie es die Beschneidungsbefürworter sind, denn 80% der Menschen sind GEGEN die Beschneidung. Und das nicht aus rechtsradikalen Gründen oder weil man Juden doof findet, sondern weil man weiß, dass die Beschneidung in ihren Folgen katastrophal sein kann.

Wenn ein Mann keine Einbußen feststellt: Schön für ihn. Doch die Stimmen derer, die sagen: „Wir fühlen uns verstümmelt, man hat uns furchtbares angetan“ – die werden mehr und sie werden lauter. Und sie lassen sich nicht mehr von der Verachtung einschüchtern, die „Bett-Versagern“ so schnell in unserer Gesellschaft ereilt.

Hinzu kommen die fatalen Signale, die man an die Kinder selbst sendet. Sobald die begreifen, dass sehr wohl Mädchen den Schutz der Gesellschaft vor Beschneidungen genießen, nicht aber Jungen, sie de facto Eigentum der Eltern sind, die mit ihnen gerade in dieser Hinsicht verfahren können wie sie es wünschen – was glaubt ihr eigentlich, was passiert, wenn diese Jungen begreifen, was man ihnen angetan hat?

Die Folgen möchte ich mir nicht ausmalen, wenn all das, was bislang unterdrückt wurde, aufbricht und die Männer endlich erkennen, dass sie missbraucht und misshandelt und verstümmelt wurden.

Von ihren Eltern, die doch eigentlich da sind, sie zu schützen.

Vor diesem Hintergrund wirkt dieses mediale Dauerfeuer gerade sehr surreal und befremdend. Und es ist einer Demokratie unwürdig.

Advertisements

Veröffentlicht am 3. Oktober 2012, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Die Kinderchirurgen zumindest haben Stellung bezogen und lehnen den Entwurf ab, NICHT weil da zuviel Kinderschutz drin ist, sondern weil sie nicht ohne medizinische Indikation beschneiden wollen.

    http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gp_specials/beschneidung/article/823128/beschneidung-kinderchirurgen-leutheusser-plan.html

  2. ich bin zwar auch ein Beschneidungsgegner aber Du solltest doch diese Pseudo-Argumente wie „Bett-Versager“ nicht so kritiklos von wem auch immer übernehmen. Denk‘ mal logsch: wenn dem so wäre, wären die betreffenden (Religions-)Gemeinschaften längst ausgestorben).
    Also: selbst denken ist manchmal hilfreich.
    ich mag Dich aber trotzdem 😉

    • ein anderer Stefan

      Es geht nicht nur um die biologische Funktion der Arterhaltung. Wenn das sexuelle Empfinden erheblich eingeschränkt ist, kann es sich allerdings darauf reduzieren, weil es für beide Seiten erheblich weniger angenehm ist.
      Letztlich geht es aber natürlich darum, dass das Kind hier einen erheblichen Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit erfährt, ohne Rücksicht auf das Kind selber und ungeachtet möglicher medizinischer Risiken.

  3. ein anderer Stefan

    Ich habe mir gerade mal den Artikel von Brumlik und einige Kommentare dazu durchgelesen. Mit der Argumentation muss man auch die evangelische Kirche auflösen – siehe dazu bei Wikipedia den Punkt Luther und Judentum. Das eine Zitat ist derart bösartig, das es wirklich abstoßend ist.

  4. Ich habe den Artikel auch überflogen und stelle fest, dass es nicht nur in der Kirche, gleich welcher Religion oder Konfession, religiöse Fanatiker gibt, die gerne auch die Geschichte von vor über 400 Jahren heranziehen, um irgendein Ritual, denn nichts anderes ist die Beschneidung kleiner Kinder, zu rechtfertigen.

    Es gibt gute Gründe, aus denen viele althergebrachte Sachen abgeschafft wurden, zumeist sind dies das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf einen ordentlichen Prozess. Es gibt gute Gründe dafür, jemanden nicht mehr wegen seines Glaubens oder eben Nichtglaubens an den Pranger zu stellen oder gar zu töten, womöglich nach einem peinlichen Verhör, welches auch aus gutem Grunde (eigentlich) nicht mehr gibt/geben sollte.

    Und genauso sollte man auch die Beschneidung kleiner Jungen aus religiösen Gründen nicht mehr vornehmen, denn Jude, Moslem, Christ, Buddhist oder was auch immer, wird man durch Erziehung, Bildung und persönliche Überzeugung – nicht durch einen Schnitt am Penis.

  5. „Ich bin sehr traurig über die vermeintlichen fanatischen Experten, die nicht in juristischer oder medizinischer Hinsicht diskutieren, sondern ganz klar antisemitisch und religionsfeindliche Argumentationsmuster suchen, und ich glaube, das war äußerst überflüssig und hat unserem Land auch in der Welt nicht gut getan“, bemängelt Knobloch.

    Nein, Frau Knobloch, den Schuh ziehe ich mir nicht an, und ich lasse ihn mir auch nicht von Ihnen anziehen!

    Sorry, bei allem Verständnis für Frau Knobloch und ihre sowie die deutsche Geschichte, eine solche pauschale Unterstellung geht ganz eindeutig zu weit, und hat m.E. die Grenze zur Beleidigung überschritten.

    • Dieser Frau haben sie echt ins Hirn geschissen! Die einzigen, die hier irgendwas von Antisemitismus faseln, sind doch die Juden selber. Gut, sie haben ja auch Übung darin, schließlich tun sie seit 67 Jahren nichts anderes, als jeden bösen Blick gen Israel mit „ihr bösen Antisemiten“ zu kommentieren. Ernst nehmen kann man diese Gestalten längst nicht mehr … außer man ist deutscher Politiker, dann kriecht man ihnen so weit in den Hintern, bis man ihnen schon zum Hals raushängt!

      Um das klar zu sagen: Die männliche Genitalverstümmelung ist für mich nichts anderes als das Tellern der Unterlippe oder der Holzpflock durch den Unterkiefer. Auch das gibt’s heute immer noch, aber das würde wohl hierzulande kein seriöser Arzt bei einem Säugling machen, nur weil es die Mutti so will.

      Und wenn Tom Cruise irgendwann erzählt, dass Scientology verlangt, Säuglingen ein großes „S“ auf die Brust einzubrennen, wäre das auch nichts anderes.

      • Ich habe mich dahingehend geäußert, dass ich die Äußerungen von Frau Knobloch unangemessen finde, und sie verletzend bis zur Beleidigung empfinde, dazu stehe ich.

        Davon, dass man ihr „in’s Gehirn geschissen“ habe war _bei mir_ nicht die Rede. Auch wenn ich ihre Äußerung teilweise beleidigend finde, sehe ich aber keinen Grund sie meinerseits zu beleidigen. Ich respektiere ihre Meinung und vor allem die Freiheit sie zu äußern. Und ich respektiere sie als Person mit ihrer ganz speziellen Geschichte und als Jüdin. Das hat nichts damit zu tun, dass ich trotzdem, ggf. auch harte, Kritik an ihr und vielleicht auch an einzelnen jüdischen Positionen üben kann und das auch tue.

        _Die_ Juden gibt es nicht genausowenig wie _die_ Christen, _die_ Moslems oder _die_ Atheisten, und ich verwahre mich gegen solche Pauschalisierungen, auch und besonders, weil ich selbst nicht mit solchen Pauschalisierungen versehen oder beurteilt werden will.

        Deshalb distanziere ich mich auch von dieser Antowrt auf meinen Kommentar und stelle fest, dass es fehlende Diskussionskultur auf beiden gibt, was die die Anwürfe von Frau Knobloch _in dieser und nur dieser Hinsicht_ bis zu einem gewissen Grad wieder verständlich macht.

  6. Es handelte sich nicht um eine Talkshow, sondern um einen Bericht im ARD Magazin „Report München“: http://www.ardmediathek.de/das-erste/report-muenchen/beschneidungs-debatte-charlotte-knobloch-im-report?documentId=11970790

    Darin wird ein Teil von Charlotte Knoblochs Biografie mit der Beschneidungsdebatte verrührt.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: