Ein Hoch auf das Elternrecht


Das neue Beschneidungsgesetz ist tatsächlich so furchtbar, wie man es meinen könnte.

Erinnert sich noch jemand an die Empfehlungen der Ethikkommission? So zynisch die waren? Von wegen Betäubungspflicht? Ärztlich fachgerecht?

NICHTS davon ist umgesetzt. Im Gegenteil. Es ist, als hätte es weder die Diskussion noch die Empfehlung der Ethikkomission je gegeben.

Wichtig ist vorweg, dass man das nicht im Strafrecht angesiedelt hat, sondern im Familienteil des BGB. Männliche Kinder werden alleine dadurch meiner Meinung nach offiziell zum Eigentum der Eltern erklärt – das Elternrecht geht über alles, selbst über das Wohl der (männlichen) Kinder.

Außerdem wird den betroffenen Kindern damit ein für allemal der Klageweg verwehrt. Sie können sich auch im Erwachsenenalter nicht gegen diesen Übergriff der Eltern wehren oder sie zur Rechenschaft ziehen, dass sie, ohne ihre Einwilligung, so einen Eingriff vornehmen ließen. Aus Gründen, die NICHT im Wohlergehen der Kinder lag, sondern dem Wohlergehen der Eltern dienten.

Auch die weiteren Auswirkungen sind nicht ohne:

– die vom Ethikrat empfohlene Betäubungspflicht ist NICHT im Gesetz vorgesehen.

– es werden ausdrücklich Mohelim zugelassen – wobei gegen die echt noch weniger einzuwenden ist als gegen die Ärzte in Ausbildung, die die Beschneidung in den Kliniken häufig verpfuschen. Die wissen größtenteils wenigstens, was sie tun.

– Hygienestandards werden nicht vorgeschrieben. Eine Beschneidung auf einem Beschneidungsfest, ohne sterile Umgebung, wo Leute in Straßenkleidung rumlaufen,  ist damit ausdrücklich ZUGELASSEN. Es mag sich jeder ausmalen, was dabei passieren kann und auch PASSIERT. Wer behauptet, dass *nie* etwas geschehen ist nach einer Beschneidung, der lügt einfach. Wir haben Komplikationsquoten von 10 – 15% allein in den USA. Für Deutschland gibts ja keine Studien, warum wohl nicht? Also muss man extrapolieren – und dann wird noch behauptet, es ist alles problemlos?
Da liegt ein Kind mit einer offenen Wunde am Penis in seinen Windeln – und da soll nix passieren? Wem will man denn das erzählen?

Das schlimmste aber ist:

Es wird im Gesetz NICHT ausdrücklich auf die religiöse Motivation Bezug genommen. Was bedeutet das konkret?

Jedes Elternpaar, das beschnittene Penisse „schön“ findet, hat das Recht, ihren Sohn beschneiden zu lassen.  Jedes Elternpaar, dass eine „bessere Hygiene“ wünscht, kann problemlos am Kind rumschneiden lassen. Selbst Aufklärungspflichten sind nur optional („sollen“) und wie gesagt, von Betäubung redet keiner.

Das ist die schlimmstmögliche Ausgestaltung die man sich vorstellen kann. Männliche Kinder werden völlig entrechtet, sie werden zum Eigentum der Eltern deklariert, die kein Mitspracherecht dabei haben, was mit ihnen geschieht.
Eine Klagemöglichkeit, um zumindest irgendwann mal die Eltern zur Rechenschaft zu ziehen, ist nicht nur nicht vorgesehen, sondern wird auch vorsätzlich verhindert.

Wäre ein solches Gesetz für die Beschneidung von Mädchen entworfen worden, wäre Lynchmob bereits unterwegs. Und nur, weil es hier um Jungen geht, gilt das alles nicht? Und komm mir keiner mit „das kann man nicht vergleichen“. Die kleine Sunna bei Mädchen entspricht EXAKT den Auswirkungen der „Zirkumzision“ von Jungen.

In was für einer Welt leben wir eigentlich?

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Veröffentlicht am 26. September 2012, in politisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 11 Kommentare.

  1. In einer diskriminierenden. Und daran wird sich vermutlich auch nie was ändern. Nur die Richtung und Stärke ändern sich ab und zu.

  2. Das geht wohl wieder in die Richtung „Jungs sollen sich nicht so haben“. Und ausserdem wird beschnitten nicht mehr so am Schniepel rum gespielt, weil da wird man blind von und kriegt Haare auf den Händen, und der Mutti gefällt das dann auch so besser.

    Der pure Wahnsinn was da abgeht.

    Dann auch immer das Todschlagsargument mit der besonderen Religionsfreiheit in Deutschland und schon traut sich kein Politiker mehr irgendwas.

    Es ist und bleibt Körperverletzung und „Amputation der Vorhaut“ ohne zwingenden medizinischen Grund. Inklusive aller Folgen.

    Zum Kotzen.

  3. Mit anderen Worten: „Wir haben etwas getan, geändert hat sich zwar nichts, aber wenigstens haben wir etwas getan.“ Damit haben die Politiker das Unvermeidliche nur hinausgezögert, es dürfte bestimmt nicht lange dauern, bis das Bundesverfassungsgericht oder der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den verantwortlichen Politikern das Kleinkinderverstümmelungsgesetz rechts und links um die Ohren haut.

    • ein anderer Stefan

      Ich hoffe bloß, dass sich ein Gericht findet, dass diesen Quatsch kassiert – da bin ich mir im Moment nicht so sicher…

  4. Was wäre den der Nächste Gerichtsstand den man gegen dieses Gesetz aufsuchen könnte und wo endet das? Bundesverfassungsgericht? Menschenrechtsgerichtshofs?

    • Spätestens das Bundesverfassungsgericht müsste das Gesetz kassieren, da es mindestens gegen Artikel 3 und evtl. auch Artikel 4 verstößt. Meiner Meinung nach gibt es auch nichts daran zu Diskustieren, da hier eindeutig ein Geschlecht durch das Gesetzt benachteiligt wird, was nach Artikel 3 Absatz 3 nicht zulässig ist.

      • Ich möchte mal kurz lachen – ha – seit wann scheren sich deutsche Gerichte um Menschenrechte?
        Wenn sogar die Menschenrechte in Alten- und Pflegeheimen relativ sind, kann man nicht erwarten, dass sich für kleine Jungs, die sich nicht wehren können, etwas beschlossen wird.
        Wer soll da klagen? Bin mir nicht sicher, dass da irgendwer klagen kann, wenn er nicht selbst betroffen ist.
        Aber er könnte auch sein, dass sich doch eine Möglichkeit findet, unseren Politikern dieses Gesetz um die Ohren zu hauen; wäre nicht das erste Mal…

        • da ist ein „sich“ zuviel 😦

        • Ich hoffe doch sehr, dass jemand klagen wird. Selbst wenn mit der Klage nichts erreicht wird, wäre es doch interessant zu wissen wie der Verstoß gegen das GG vom Bundesverfassungsgericht (wenn es denn so weit kommen sollte) behandelt wird.

          • Ich hoffe auch, dass da jemand klagt, aber ich fürchte, dass es niemand tun wird; die die klagen könnten sind sich allem Anschein ja einig, dass das, was da jetzt fabriziert wurde, ok ist.

            Abgesehen davon hat es auch das Bundesverfassungsgericht nicht immer so mit den Grundrechten, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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