Leben mit seltsamen Eigenschaften


Es ist ja inzwischen für die meisten klar. Das, was ich immer so schön mit „ich hab ein Zahlenproblem“ umschreibe, ist von einem Neurologen als Dyskalkulie diagnostiziert worden.

Doch wie lebt es sich damit?

Noja, wie man sich vorstellen kann: Es könnte besser gehen.

Bei mir kamen ja verschiedene Dinge zusammen. Einerseits die Depression mit der damit einhergehenden Antriebslosigkeit. Die Tage rauschen an mir vorbei, ich hab gestern mit großen Augen auf den Kalender geguckt und mich gefragt, wieso schon wieder Sonntag ist. In meiner inneren Uhr war ich auf Donnerstag geeicht – wo sind die Tage hin?

Mich aufzuraffen, um die Bude sauberzuhalten, ist manchmal echt eine unglaubliche Anstrengung. Ich schaff es weitgehendst, besser als in *allen* anderen Wohnungen, aber einige Baustellen wie Wäsche oder Bodenpflege sind halt immer. Auch meine Schreiberei bekomme ich nicht so auf die Kette wie ich gerne möchte. Ich merke, dass da etwas ist, was ich rauslassen möchte, ich hab eine innere Unruhe, die ich gut mit Schreiben kompensieren kann – paradoxerweise kann ich aber keinen Anfang finden.

Aber wo es in diesem doch eher privaten Bereich gut auffangbar ist (putz ich heut nicht putz ich morgen oder übermorgen. Schreib ich heut nicht, schreib ich morgen oder übermorgen), wird es katastrophal, wo die Finanzen ins Spiel kommen.

Ich bin – war – als Beamtin privat versichert. Zu meiner schlimmsten Zeit, als es mir so dreckig ging, dass ich es noch nicht mal wahrnehmen konnte, weil ich soviel auf der Platte hatte, dass ich nicht mehr wusste, wo anfangen – da hatte ich meine Kontenbewegungen völlig aus den Augen verloren. Und ich habe auch nicht gemerkt, dass die Krankenversicherungsbeiträge zurückgebucht wurden. Ich habe auch nicht gemerkt, dass die mir Mahnungen geschickt hatten. Weil ich meine Post nicht mehr aufgemacht habe. Ich hab den Briefkasten geleert und das ganze auf den Tisch gelegt.

Ich WUSSTE, dass die meisten Schreiben etwas mit Bezahlen zu tun haben, aber ich habe das nicht überblickt. Ich wusste nicht ob ich mir das leisten kann, ob ich das Geld habe, das zu überweisen. Ich wusste nicht – und weiß es heute noch nicht – ob ich mit dem Geld, das ich zur Verfügung habe, klarkomme. Und hier kommt mein Zahlenproblem ins Spiel. Oder nennts auch Dyskalkulie, um den Kind einen Namen zu geben. Tjoah und irgendwann hatte ich keine Krankenversicherung mehr.

Ich weiß auf einer abstrakten Ebene, dass eine Menge Geld x für eine Zeitspanne y ausreicht. In der Realität jedoch kann ich es nicht zusammenbringen, ob mein Geld, was ich für einen Monat habe, auch ausreicht. Selbst Erfahrungswerte helfen hier nicht, ich lebe jetzt schon seit gut 2 Jahren mit meiner „Wochenration“ Kohle, doch ich könnte ums Verrecken nicht sagen, ob das ausreicht oder nicht.

Das bedeutet zum Beispiel ganz real, dass ich *jedesmal* an der Kasse kurz vor einer Panikattacke stehe, weil ich zwar versuche, einigermaßen nachzuhalten, wieviel ich im Korb habe, aber ich im Kopf eben nicht ausrechnen kann, ob das, was ich im Korb habe, auch von dem bezahlbar ist, was ich in der Geldbörse habe. Wenns *ganz* eng ist, zücke ich schon mal den Taschenrechner, aber die Blicke erspare ich mir lieber.

Geld hat einen Wert, ich habe auch mal Volkswirtschaft, Buchhaltung (sic, ich war in der Handelsschule) und Wirtschaftsmathematik gelernt – aber auf eine Art begriffen, die es mir erlaubt hätte, die Formeln heute anzuwenden, habe ich das nie.

Angefangen hat das – wie so oft – in der Kindheit. Ich bin oft von meiner Familie verlacht worden, weil ich die einfachsten mathematischen Aufgaben nicht begriffen habe. Ich hatte Nachhilfelehrer – einer dieser Clowns hatte mich dann zur Nachhilfe in die Kneipe bestellt, in der er gesessen hatte, aber was beibringen konnte mir keiner von denen.

Ich war damals ziemlich entmutigt. Ich wollte doch so gerne begreifen, ich wollte es verstehen, was die da erzählten – aber wenn ich versucht habe, es für mich selbst zu lernen, war ich völlig hilflos. Habe ich gefragt, wurde ich ausgelacht und gesagt: „Du bist doch sonst so klug, wieso begreifst du die einfachsten Probleme nicht?“

Auch hab ich bis zum Alter von etwa 10 Jahren oft Zahlen verdreht. Also z.b. ein E statt einer 3 geschrieben. Ich hab die Unterschiede nicht gesehen. Und es war in dem Zusammenhang auch nicht hilfreich, dass ich kein regelmäßiges Taschengeld bekommen hätte, dass es mir ermöglicht hätte, den Umgang mit Geld zumindest zu erlernen. Ab und an hab ich mal nen Zwanni zugesteckt bekommen, aber das wars auch schon. Regelmäßiges Einkommen kannte ich erst, als ich anfing zu arbeiten. Und damit begannen dann natürlich auch meine Hauptprobleme.

Meine Großeltern väterlicherseits (und so gestört meine Großmutter auch war, sie wars letztlich) waren übrigens die einzigen, die mir, wenn ich da war, mit unendlicher Geduld zumindest das kleine Einmaleins beigebracht haben.

Da war ich 14.

Ich hatte auf dem ersten Gymnasium, auf das ich gegangen bin, einen Lehrer, der offenbar zumindest eine Ahnung hatte, was mit mir los war. Der war jung, engagiert und hat sich eines im Matheunterricht völlig verloren dasitzenden Mädchens angenommen und ihr auch nach der Stunde oft Dinge nochmal langsam erklärt. Und da hatte ich in Mathe auch eine drei.

Ich bin oft aufgezogen worden, weil ich ja „so verliebt in den Mathelehrer“ war – aber das wars eigentlich nicht. Sondern er war einer von zwei Lehrern, die mir ehrlich geholfen haben.

Die Umzüge, die folgten, waren eine Katastrophe. Lehrer haben mich nie wieder so gut kennengelernt, dass ich eine Chance gehabt hätte, die Schwächen, gegen die man damals noch hätte gegensteuern können, auszubügeln. Ich hätte mein Leben lang wohl Probleme gehabt, aber ich wäre wahrscheinlich nicht so komplett unsicher und verloren, wie ich es jetzt bin. Allein die Vorstellung, Zahlenkolonnen aufaddieren zu müssen, sorgt dafür, dass ich waschechte Panikattacken bekomme.

Inzwischen bin ich so dermaßen unsicher, dass ich Fehler nicht mal mehr bemerke, wenn sie mich beißen. Ich hab mehr als einmal ein Budgetplan oder Konzept erstellen müssen, dass die Mittelverwendung beinhaltete. Einmal im Jahr musste ich das zum Beispiel in meinem Job machen.

Wo andere damit in 3 Tagen fertig waren, brauchte ich 3 Wochen. Minimum. Und ich kann meinem Chef bis heute nicht genug danken, dass er mir die Zeit auch gegeben hat. Der wusste, was los ist und das erste, was er gemacht hat, wenn ich mit einem Konzept fertig war, war die Zahlen zu checken.

Das war für ihn immer ein HAUFEN Mehrarbeit, aber er hats klaglos getan. Und das ist nach wie vor nicht selbstverständlich. Ich hab die Sachen zwar immer 4 – 5x zurückbekommen, aber am Ende stand ein wasserdichtes Konzept oder eine Budgetplanung mit Hand und Fuß. Das hätte mein Job sein müssen, den ich nicht ausfüllen konnte.

Und ihr glaubt nicht, was das an einem frißt.

Tjo, inzwischen in Rente, mir wird von mehreren Seiten gesagt, dass ich von den 1300 Euro prima leben könnte. Würde ich ja gerne glauben. Nur – es funktioniert nicht. Denn von den 1300 Euro jeden Monat muss ich knapp 300 Euro für Kreditraten tragen.

Denn das ist die andere Sache, die bei mir so grandios schiefgelaufen ist – die ganze Krankenversicherungsgeschichte.

Siehe oben – ich hatte keine Krankenversicherung mehr. Ich hatte – natürlich – Ratenzahlungen vereinbart. Aber diese Ratenzahlungen wurden irgendwann wieder zurückgebucht, weil ich mich in einem Monat total verkalkuliert hatte. Und dann wurde der Vertrag irgendwann gekündigt, weil ich die Rückbuchungen nicht bemerkt hatte. Und nein, ich hab sie wirklich nicht bemerkt.

Ich hatte dann gut 2 Jahre keine Krankenversicherung. Das heißt, ich habe 50% jeder Rechnung von der Beihilfekasse wiederbekommen und 50% musste ich selbst tragen. Das war soweit in Ordnung, als es kleine Rechnungen betraf, aber ich hatte mehr als nur ein bisschen Glück, dass  die Krebs-OP erst NACH der Gesetzesänderung kam, die für jeden Bürger eine Pflichtversicherung vorschrieb.

Und so habe ich jetzt zumindest den Basistarif, was insoweit lustig ist, dass es die Abrechnungsstellen vor ein echtes Problem stellt. Der Abrechnungssatz im Basistarif ist 0,8 – im Privattarif 1,8 – 2,3. DAs heißt, der Grundsatz der GOÄ wird mit diesem Satz multipliziert. Die Krankenkasse rechnet also den Basistarif ab und die Beihilfestelle den normalen Privattarif. Nein, es gibt dafür noch keine Software – gibt wohl nicht soviele Beihilfeberechtigte in meiner Situation. *g*

Aber durch die Selbstzahlung sind wiederum viele Rechnungen aufgelaufen, weil ich nicht geblickt habe, ob ich das leisten kann oder nicht. Weil ich auch aufgrund der Depression (damals noch verkappt) den Hintern nicht hochbekommen habe, um die Rechnungen überhaupt einzureichen, so das ich zumindest ide Hälfte wiederbekommen habe, war das auch nicht so einfach. Und das schlimmste war: HAB ich mal die Rechnungen eingereicht, hatte ich keinerlei Überblick darüber, ob das Geld schon drauf war oder nicht.

Als meine Betreuerin das Kriegsgebiet übernommen hat, dass sich da meine Finanzen nannten, war echt Weltuntergang angesagt. Aber sie hats alles geradegezogen und am Ende kam sogar mein Urlaub in die USA dabei rum.

Doch der Umzug war nicht geplant – und teuer. Wenn mein Vermieter nicht ausgerechnet zu DEM Zeitpunkt doof gespielt hätte, würde es mir heute finanziell erheblich bessergehen. Aber so ist die Welt nun mal nicht und so stehe ich jetzt hier und weiß wieder mal nicht, ob ich im Monat rumkomme oder nicht.

Meine Betreuerin versucht ja, mir die Sorge fürs Konto wieder aufs Auge zu drücken – aber ich tu so als höre ich nicht hin. Denn wenn ich das wieder übernehme, wäre es alt wie neu. Der nächste Crash programmiert.

Es ist nicht, dass ich zuwenig Geld habe, das scheint ja auszureichen – oder wird wohl wieder ausreichen, sobald ich meinen Handyvertrag gekündigt habe.

Das ist ja auch so ein Paradebeispiel. Meine grandiose Lebensunfähigkeit, soweit es Vertragsabschlüsse angeht. Das ist echt so zum Mäusemelken. Ich bin doch nicht doof. Aber was so alltägliche Sachen gerade in Finanzdingen angeht bin ich hilfloser als ein kleines Kind.

Und das NERVT allmählich 😦

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Veröffentlicht am 17. September 2012, in alltägliche Katastrophen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Mist ist das. Fühl dich unbekannterweise gedrückt (nur wenn Du magst). Wir hier zuhause können wohl rechnen aber haben wohl alle Papierallergie, daher sieht es bei uns kaum anders aus.

  2. Ich habe zwar keine Dyskalkulie, aber ich stehe auch mit dem Papierzeuch auf Kriegsfuß und habe auch enorme Schwierigkeiten dadurch bekommen.

  3. Vielleicht gibt’s ja so ne Zwischenlösung mit der Betreuerin, dass Du Budgetpläne bzw. Transaktionen/Anschaffungen/Geldausgaben mal selbst planst (und durchrechnest) und sie dann drüber guckt, ob das aufgehen kann. Mit ’ner Dyskalkulie das finanzielle Zahlenwerk in den Griff zu kriegen, wird immer erheblich aufwändiger bleiben als ohne, aber auf Dauer würde ich schon anstreben, das selbst ggf. mit gelegentlicher Unterstützung gemanaget zu kriegen.

    Aber auch ohne Dyskalkulie kommt nicht jeder damit zurecht. Ich spreche aus Erfahrung mit mir Nahestehenden und auch aus eigener. Ich kriege körperliche Unverträglichkeitssymptome, wenn ich mich mit Post oder anderen Angelegenheiten bzgl. Finanzamt auseinandersetzen muss. Und mein Steuerberater sagt, dass das durchaus nicht selten sei, auch bei Menschen, die an sich keinen Grund zur Furcht haben müssten.

    Natürlich macht es eine Rechenschwäche nicht einfacher. Aber auch als Legastheniker kann irgendwann lernen halbwegs vernünftig zu schreiben, recht mühsam zwar, wenn’s (fast) fehlerfrei sein soll, aber machbar, jedenfalls so ab 50 😉

    Is also noch was Zeit …

  4. Lochkartenstanzer

    Hallo Tantchen,

    wenn es für Dich ein Trost ist: Solche Probleme kann man genausogut ohne Dyskalkulie haben. Wenn einem den Papierkram zuviel wird und man keine Lust mehr hat und das einfach auf dem Stapel ablegt und zu lange liegenläßt, schwups, hart man den Ärger am hals. Obwohl das gar nicht sein müßte. Und obwohl man eigentlich eher zu klug als zu doof ist.

    Fühl dich geknuddelt.

    lks

    • *Das* Problem habe ich gerade.
      Hier liegen ca. 2 metrische Tonnen Papierkrieg (ja, da ist auch einiges drin, was online geht und nicht als echtes Papier auf den Schredder wartet) vor mir und ich habe trotz arbeitsbedingtem Leerlauf nicht den leisesten Antrieb, auch nur das absolute Minimum davon anzugehen.

      Und das _wird_ richtig Geld kosten. Auch das Wissen ändert es nicht.

      @Tante: Ich stimme den Vorkommentaren zu: Versuch‘ einen Mittelweg mit der Betreuung zu finden. Mit sowas ist der Sprung ins kalte Wasser IMHO zu riskant.

  5. Ich finde es immer wieder – na, schreiben wir mal – belustigend, wenn in derartigen Artikeln (wie z.B. bei Tante Wikipedia) mit solchen oder ähnlichen Sätzen relativiert wird: „Dyskalkulie sagt nichts über die Intelligenz des Betroffenen aus. Oftmals finden sich unter ihnen besonders begabte Menschen mit überdurchschnittlichem IQ“. Genügt es nicht, zu schreiben: „aber ansonsten sind „sie“ normal wie Du und ich“ (oder so ..)?

    Ich verstehe auch, dass die Konsequenzen dieses „Mangels“ nerven, vielleicht auch depressiv machen können, aber sie dürfen doch nicht dazu führen, das man sich (wie man zu „meiner Zeit“ sagte) gehen lässt.

    Also, liebes Tantchen: lieg‘ nicht so rum .. krabble mal wieder 😀
    .. und stoß Dich nicht am Wäschekorb!

    Falls es Dir etwas bedeutet: ich mag Dich .. „trotzdem“
    liebe Grüße
    Hajo

  6. Diese Postallergie scheint ansteckend zu sein… Mir gehts genauso, ich krieg auch bei amtlich aussehenden Briefen das kalte Kotzen, was mich fast die Restschuldbefreiung gekostet hätte.

    Tröste dich, und denk an der Kasse, während du den Taschenrechner zückst, daran:

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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