Rückgrat


OK, kommt. Wer hats versteckt? Irgendwo muss doch ein Fluxkompensator rumgeistern, irgendwelche Drogen, die im Leitungswasser sind, irgendwas… anders ist die aktuelle Situation doch nicht mehr zu erklären.

Was ich meine? Na, guckts in die Nachrichten.

Aber der Reihe nach:

Fangen wir an mit Ali Utlu, derzeit in meinem persönlichen Buch der Bücher einer der mutigsten Menschen in Deutschland, findet Drohungen und ein Schweineohr im Postkasten vor, weil er sich a) als schwul, b) beschnitten und genau deswegen als Beschneidungsgegner und c) Ex-Muslim geoutet hat. Diese Kombination ist offenbar für etliche Menschen, deren Horizont nicht weiter als bis zum Rand ihrer Kaffeetasse reicht, zuviel als das man ihn unbehelligt leben lassen könnte.

So wie ich Ali Utlu erlebt habe, wusste er genau, worauf er sich einläßt -und hats trotzdem getan. Und das, meine Damen und Herren, ist Rückgrat. Dass er Angst bekommen hat aufgrund der Drohungen? Geschenkt, hätte wohl jeder. Er ist aber nicht zurückgewichen. Und das ist das Stichwort. Er hat sich nicht einschüchtern lassen.

Wenn einer zu wählen ist, dann er. Prinzipientreu, ehrlich und mutig. Haben wir in der Politik viel zu wenige.

Versteht mich nicht falsch: Ich gehe nicht 100% konform mit seiner Meinung. Dass muss ich aber auch nicht. Der Mensch Ali Utlu nötigt mir einen Höllenrespekt ab. Und darum gehts hier.

*winkt an dieser Stelle mal nach Köln*
Gehen wir mal weiter zur Piusbruderschaft. Piuswer? Jo, diese Vatikan Rechtsausleger-Trachtengruppe, die in regelmäßigen Abständen neue Satirestücke auf die Weltbühne bringt. Das Bubenstück in dieser Woche: „Krieg gegen die Homos“. Weil, äh, ja, die sind voll gesellschaftsschädlich. Und voll gegen die Kirche.

Jo, sind sie wohl. Die lieben ihre Kinder nämlich. Und missbrauchen sie nicht, gelle, liebe katholische Kirche?

Wer war im Vatikan nochmal dafür veranwortlich, die von der Leine zu lassen? Achja, der aktuelle Papst. Nur echt mit Streisand-Effekt.

Und wo wir schon mal bei Fanatikern sind:

Da geht ein schlechter Mensch hin und dreht einen schlechten Film über Muslime. Die Intention ist eindeutig, sie geht gegen Muslime. Und was haben die Religionsführer im Nahen Osten dann nichts besseres zu tun? Sie hetzen ihre Gläubigen mal auf und die auf einmal gar nicht mehr so sanften Schäfchen stürmen Botschaften. USA, Deutschland, Großbritannen – scheißegal, hauptsache ne Botschaft angesteckt.

Die geistigen Brandstifter sind natürlich allesamt hübsch sicher in ihren Schützengräben. Sind ja alles entweder alte oder feige Männer. Oder alte feige Männer.

Und am Ende dieser geistigen Brandstiftung stehen Tote und Verletzte, und das ist die eigentliche Tragödie.

Momentan ist eine Hälfte dabei, auf die Stürmer zu zeigen und sie als Verbrecher zu brandmarken, Guido Westerwelle entschuldigt sich für den Film und die andere Hälfte sagt: „Das haben wir nicht gewollt“. Und der Filmemacher? Keine Ahnung, hat einer was von dem gehört? Ist der schon irgendwo aufgetaucht und hat ne Stellungnahme jenseits von „hab ich nicht gewollt“ abgegeben?

Denn dass das eine Lüge war, ist offensichtlich. JEDER der das Drama um die Mohammed-Karikaturen mitbekommen hat, weiß, was passiert, wenn der Prophet „verspottet“ wird.

Satire ist in dem Zusammenhang übrigens ausdrücklich trotzdem erlaubt. Gerade für Satire darf es keine Grenzen geben. Dass die Karikaturisten von damals bis heute unter massivem Polizeischutz leben müssen, ist ein Skandal.

Aber dieser Film war eine gezielte Provokation. Sie ist umso perfider, als dass wohl vorgegaukelt wurde, dass er mit jüdischem Geld finanziert wurde (was offenbar eine ebenfalls gelogen ist).

Der wollte Stunk. Der wollte seine 5 min Berühmtheit. Die hat er jetzt. Und außerdem eine Menge Tote und Verletzte auf dem Gewissen.

Ich wünsche gute Nachtruhe.

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Veröffentlicht am 14. September 2012, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Nein, ich glaube nicht, dass es hauptsächlich feige, alte Männer sind, die dahinter stecken. Es sind die radikalen Islamisten, die lange im Untergrund der prowestlichen Diktaoren gewartet haben, warten mussten, und die jetzt versuchen, die Macht oder wenigstens ihren Anteil an der Macht zu gewinnen. Das sind beileibe nicht nur alte Männer sondern auch viele junge leute, die jetzt darin ihr neues Selbstbewusstsein finden, indem sie vermeintlich jetzt dem Westen mal zeigen können, wer jetzt dort die „Herrn im Hause“ sind. Noch sind sie es nicht, aber leider sind zu viele bereit sich von deren Versprechungen verleiten zu lassen, genauso wie die „christlichen“ Radikalen und Fundamentalisten auf der anderen Seite auch langsam immer mehr Einfluss gewinnen.

    Langsam habe ich das Gefühl, wir steuern trotz allen technologischen Fortschritts, der eigentlich allen ein aufgeklärtes Weltbild ermöglichen können sollte, paradoxerweise auf ein neues Mittelalter zu, kulturell, politisch und auch sonst. Eco hat das in einigen Aufsätzen schon in den 70ern gesehen. Gut es hat etwas länger gedauert, und ich hoffe noch, dass die Entwicklung irgendwie noch abzubremsen ist. Wenn nicht, sehe ich keine wirklich schöne Zukunft für die nächte Generation.

    • Ich würde dir gerne sagen, dass du Unrecht hast, aber ich fürchte du hast recht 😦

    • ein anderer Stefan

      Technologischer Fortschritt macht noch keinen „besseren“ Menschen. Um ein aufgeklärtes Weltbild nachvollziehen zu können, bedarf meines Erachtens einer Bildung, die auf diesen Werten aufbaut. Das ist ein mühsamer und teurer Prozeß. Da ist es allemal einfacher und billiger, den Leuten, die sonst unzufrieden würden, ein Feindbild zu geben und das mit Religion zu begründen – das ist einfach, Religion kennt jeder, und gerade die drei Religionen, die letzten Endes auf dem Alten Testament basieren, machen es auch nicht schwer, sie dafür zu mißbrauchen.

      Und natürlich spielt Macht auch immer eine Rolle, egal ob Botschaften überfallen, die eigene Bevölkerung erschossen oder weggesprengt wird oder auch fremde Länder bombardiert werden. Wann immer sich Religion mit Machtstreben vereint (wann tut sie das nicht?), wird es fürchterlich, weil die Menschen sich dann fanatisieren lassen.

  2. Religiöse Fanatiker, egal welcher Couleur, haben noch positive Dinge auf den Weg gebracht!
    Und um solche handelt es sich bei denen über die wir hier reden, gleich wo sie sich befinden, welchem Glauben sie anhängen oder wer ihre Führer, Demagogen, Prediger, Geldgeber oder Mitläufer oder welches ihre Taten sind.

    Beispiele finden sich in jedem Geschichtsbuch oder bei Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzzug
    http://de.wikipedia.org/wiki/Djihad
    http://de.wikipedia.org/wiki/Israelische_Siedlung
    Diese Aufstellung ist selbstverständlich lückenhaft und willkürlich zusammengestellt.

    Wobei allen diesen Dingen immer auch eine machtpolitische Komponente innewohnt.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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