Verständnisschwiergkeiten


Ich gebe zu, ich habe mich in letzter Zeit *sehr* gewundert, dass die öffentliche Reaktionen der jüdischen Gemeinde in Deutschland SO harsch ausfallen. Dass wiederholt auf den Holocaust hingewiesen wird, dass auch nicht ansatzweise versucht wurde mit Sachargumenten zu diskutieren und dass man auch nicht ansatzweise versucht hat, auch nur Verständnis für die Gegner der Beschneidung zu zeigen.

Das alles sah mir schwer nach einem Reflexbeißen orthodoxer Juden aus und der Zentralrat der Muslime hat sich dann mal drangehängt.

Hinzu kam noch die Schweineohraffäre um Ali Utlu, der wirklich Mut bewiesen hat.

Tja, das ganze hat aber zwei Seiten, wie ich jetzt feststellen durfte.

Wie gesagt, ob Frau Knobloch, Herr Graumann, alle haben sehr wütend, betroffen und verletzt reagiert. Und das war, da die Diskussion zumindest an der Oberfläche einigermaßen sachlich ablief, eher unverständlich.

Was NICHT in die Medien gerät und was man auch eher nicht mitbekommt, ist, dass derzeit die Befürworter von Beschneidungen massiv bedroht werden. Es hagelt Mails in denen Mengele-Vergleiche gezogen werden, wo die Leute offen zur Ausreise in ihre „Heimat“ aufgefordert werden und angesichts des Hasses, den ich jetzt eher zufällig mitbekommen habe, offenbar auch direkte Drohungen mit der Gaskammer.

Wieder mal.

So. Und an dieser Stelle ziehe ich die rote Linie.

Die Beschneidungsdiskussion hat sachlich geführt zu werden. Es gibt eine Reihe von Argumenten gegen die Beschneidung (ich zähle sie jetzt nicht nochmal auf, im Archiv findet man mehr), es gibt eine Reihe von Argumenten für die Beschneidung. Eine Diskussion hat sich jetzt ausschließlich auf diese Punkte zu konzentrieren, auf den Austausch von Argumenten und auf die Gewichtung dieser.
Was nicht in die Diskussion gehört – in KEINE Diskussion – sind Drohungen, Anschuldigungen und persönliche Beleidigungen, die ins unerträgliche überspitzt werden.

Oder anders ausgedrückt: Wer es nicht schafft, in dieser Diskussion sachlich zu bleiben, sollte seine dreckigen Pfoten da raushalten.

Um es sehr deutlich zu machen:

JEDE Religion hat ihren Platz hier in Deutschland.

Wenn diese Beschneidungen aufhören sollen, müssen wir überzeugen, nicht bedrohen. Wir müssen Auswege geben, wir müssen den Diskussionspartner ernst nehmen. Denn vergesst bitte bei dem ganzen nicht: Eltern lieben ihre Kinder. Sie lassen sie nicht beschneiden, weil sie sie hassen, sondern weil sie glauben, ihnen etwas Gutes zu tun.

Das ist bei der ganzen Diskussion völlig unter den Tisch gefallen.

Ich hätte so zum Abschluß gerade so ein, zwei Wünsche:
1. das Journalisten das Thema mal aufnehmen und recherchieren. Ich kann das nicht, ich hab das nie gelernt und ich wäre auf Google angewiesen, was als Rechercheinstrument nur ein Einstieg sein kann.

2. dass jeder, aber auch JEDER, der eine derartige Hassmail abschickt, vom Empfänger dieser Mails den Arsch wundgeklagt bekommt. Und wenn er dann ordnungsgemäß nicht mehr sitzen kann, gibts noch ein paar Klagen, damit sich das auch alles einprägt.

3. Jeder, der überlegt, eine Hassmail abzuschicken, möge das doch bitte lassen. Es ändert NICHTS. Glaubt denn wirklich einer von euch Vollpfosten, dass Herr Graumann oder Frau Knobloch oder wer auch immer sagt: „Oh, wenn die uns mit Holocaust drohen, lassen wir das mit der Beschneidung“? Ernsthaft? Wie primitiv und dumm und dämlich kann man sein? Wie gestört muss man sein um sowas auch nur in Erwägung zu ziehen?

4. JEDE Hassmail muss irgendwo öffentlich gemacht werden. Von mir aus auch gerne anonymisiert, aber es *muss* klar werden, was gerade im Hintergrund für ein Film abläuft.

Leute, wir brauchen euch nicht. Geht weg, kommt nicht wieder und meldet von mir aus das Internet ab. Für Herrn Graumann und Frau Knobloch ist JEDERZEIT ein Platz hier. Sie sind Deutsche, sie sind willkommen hier und sie sind vor allem dazu berechtigt, ihre Meinung zu äußern. Das kann man in einer Diskussion und dann muss man Gegenargumente bringen. Und da stehen die Gegner der Beschneidung sehr viel besser da als die Befürworter.

Was wir aber weder wollen und brauchen, ist rechtsradikales Gesocks dass nur eins perfektioniert hat: Hinterm Schäfer herzulaufen, weil es aufgehört hat, selbst zu denken. Und der reflexhaft auf alles, was er nicht versteht oder gutheißt, mit Gewalt reagiert.

Ich will euch nicht, ich finde euch ekelerregend, abstoßend und widerwärtig.

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Veröffentlicht am 10. September 2012, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 11 Kommentare.

  1. -unterscheib-

  2. *mit unterschreib*

    Selbstverständlich. Aber es muss auch klar sein: Man kann und darf nicht ALLE, die sich gegen die Beschneidung aussprechen oder zumindest, und das wäre eher meine Linie, für ein fortgesetztes Nachdenken über deren Sinn oder Nichtsinn bzw. über die „Notwendigkeit“ aussprechen, mit den Hassmailern und WIRKLICHEN Antisemiten über einen Kamm scheren, wenn man sich nicht unglaubwürdig machen will.

    Ich erkenn an, dass Frau Knobloch und Herr Graumann allen Grund haben jeder wirklich antisemitischen Tendenz entgegenzutreten. aber Pauschalverurteilungen in diese Richtung bringen nicht weiter, keine von beiden Seiten.

  3. Definitiv ist beides fehl am Platz: Die Holocaust-Keule, wie auch die Empfehlung der „Heimreise“. Eigentlich schade, daß immer die Betonköppe und Extremen beider Seiten alles an Kultur zerstören müssen. Ok, man wird mich persönlich nicht unbedingt von einer Beschneidung überzeugen, aber wenn wir auf normalem Weg keinen Konsens finden, überlassen wir nur wieder den Hohlköpfen das Feld – und wie das aussieht hat uns doch Europa vor und während der Kriege gezeigt … Wollen wir das?

  4. Sorry wenn ich leise widerspreche: Aber die jüdischen Gemeinden haben von Beginn an die Faschismus-Keule zu schwingen sind geben sich nicht einmal den Anschein, als wären sie an einer sachgerechten Debatte interessiert.

    Wenn es Idioten gibt, die die Debatte dazu nutzen, ihre antisemitische Hetze von sich zu geben ist es die eine (unschöne) Sache. Aber wenn sich ein Rabbi Ehrenberg dahingehend äußert, dass die Debatte über Beschneidungen schlimmer als die Shoah ist… dann – Sorry – kommt mir das Kotzen; denn das ist IMHO eine Ungeheuerlichkeit.

    Etwas mehr Sachlichkeit täte auch den religiösen Führern not: http://nicsbloghaus.org/2012/09/10/bitte-mehr-sachlichkeit/

    • Es wäre interessant, herauszufinden, wann der Shitstorm für die Befürworter begonnen hat. Das dürfte nicht allzuweit auseinander liegen.

  5. Eine sachliche Diskussion ist leider in dem Moment nicht mehr ohne Weiteres möglich, in dem eine Partei entweder die Nazikeule auspackt oder die Nationalismushacke. Beides ist hier geschehen, daher sollten diejenigen, welche ich für intelligenter halter, es ist dies u.a. Frau Knobloch, zu Sachargumenten zurückkehren.

    Vielleicht findet sich da ja eine Lösung.

  6. ein anderer Stefan

    Natürlich unterschreibe ich das auch. Ich brauch das dumpfdeutsche braune Gesocks auch nicht, egal in welchem Zusammenhang (ich „freu“ mich jetzt schon wieder auf den 13.2. hier in Dresden…).

    Dass dort solche ein Dreck abgesondert wurde, wusste ich auch nicht. Das macht die Reaktion verständlich. Ich fürchte, dass die Juden in Deutschland leider allzuhäufig Ziel solcher Haßattacken sind, und deswegen vernünftige Diskussionen schwierig sind. Bei diesem speziellen Thema (das ja in der Tat am Selbstverständnis der jüdischen Religion rührt, so weit ich das verstehe) ist das besonders übel, weil gerade bei Grundsatzfragen der Vereinbarkeit von weltlichem Gesetz und Religion in der Regel Gefühle eine große Rolle spielen, und die Diskussionen ohnehin schnell unsachlich werden.

    Das ändert nichts daran, dass ich die Auffassung der Kölner Richter nach wie vor für richtig halte. Ich fürchte bloß, daß eine sachliche Diskussion nicht mehr möglich sein wird.

  7. Es erschüttert mich zu lesen das derartige Emails / Briefe whatever verschickt wurden. Es sollte mich nicht überraschen, leider tut es das immer wieder.

    Ich bin gegen Beschneidungen, weniger gegen den Eingriff an sich, als dagegen das einem kleinen Jungen unnötige Schmerzen zugefügt werden.

    Auserdem bin ich gegen Ausnahmen von Gesetzen für Religionen, gleich welcher Art. Wir leben einfach nicht mehr in einem Gottesstaat sondern in einem Land das sich die Rechtsstaatlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Wenn jetzt gesagt wird das Religionsausübung davor schützt wegen Gesetzesbruch belangt zu werden, wer sagt denn das nicht in Zukunft die nächste Religion mehr als Körperverletzung als Glaubensausübung sieht?

  8. Tantchen, chapeau! Besser kann man’s nicht ausdrücken.

    Nur eine kleine Kritik: „..das Journalisten das Thema mal aufnehmen und recherchieren. “
    Glaubst Du im Ernst, dass „so etwas Seltsames“ in deren „Aus-(Ver-)Bildung“ (mit dem ICE durch die Redaktionen, nennt sich Praktikum (von praktisch allerdings keine Rede)).

    Ja, ich weiss, es gibt auch Andere
    .. nur: wo?

  9. Wann werde ich endlich in einer intelligenten Welt (IQ > 200) leben können ohne diesen jahrtausendealten messianisch-beschnittenen-traumatisierten Terror überall, d.h. ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistisch-nationalsozialistisch-amerikanisch-al-kaidisch-hypersozial-hypermedial-politisch-juristisch-pseudowissenschaftlichen Schwachsinn überall?

    Wenn also ein heutiger Körper, der beschnitten und traumatisiert ist, sich immer noch als „Jude“ bezeichnet, so ist er letztlich „selber schuld“, denn:
    Hätte es keine „Juden“ gegeben, so hätte es auch keine „Muslime“ und „Christen“ gegeben; ohne Christen hätte es aber keine Protestanten gegeben, ohne Protestanten (laut Max Weber [!]) aber keine Kapitalisten; ohne Kapitalisten aber keine Marxisten-Kommunisten, ohne Kommunisten aber keine Faschisten und Nationalsozialisten (etc. etc. etc.)…

    Daher gibt es auch keinen einzigen Unterschied zwischen einem „Juden“ und einem „Nationalsozialisten“: denn beide glauben an ein „auserwähltes Volk“ („Nation“) und an eine „selektierte Rasse“.

    Und zum Angriff Israels („Juden“) auf den Iran („Arier“):
    Geht lieber Karotten und Bäume pflanzen, ihr verdammten Idioten überall, die mir tagtäglich meine Welt kaputt machen!

    P.S.: Nur Idioten (von Beschneidern bis Breivik) benutzen körperliche Waffen. Die stärkste Waffe (seit Sigmund Freud, Kastrationsangst) war schon immer die Sprache…

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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