Süchtig


Ein großes Hobby in unserer Zeit ist es ja, diverse Verhaltensweisen, die man nicht nachvollziehen kann, als „Sucht“ zu definieren. Die größte dieser sogenannten Süchte stellt die „Online- und Computersucht“ dar.

Ja, ne. Is klar.

Wenn man sich den Wikipedia-Eintrag anguckt, fällt auf, dass er ziemlich diffus ist. Und er spiegelt die aktuelle Faktenlage wider.

Und ab hier gibts meine persönliche Meinung.

Ich bin seit gut 20 Jahren im Netz unterwegs. Damals noch mit AOL, irgendwann hörte das auf und ich bin seitdem als Otto-Normal-Netzbürger unterwegs. Chatten eher selten, Emails eher häufig. Und wie man auch sieht: Ich zocke.

Aber bin ich Computersüchtig? Was ist die Computersucht überhaupt.

Die Wikipedia definiert das so:

Mit Internetabhängigkeit, auch Internet- oder Onlinesucht wird das Phänomen bezeichnet, das Internet übermäßig, das heißt gesundheits- und persönlichkeitsgefährdend zu nutzen. Im englischen Sprachraum finden sich die Begriffe „internet addiction (disorder)“, „pathological internet use“ und „compulsive internet use“, also pathologische bzw. zwanghafte Verwendung des Internet, die damit das Problemfeld auch besser beschreiben.

Das ist eine 08/15-Beschreibung, die auf 90% der Internetnutzer zutreffen würde.

In den 20 Jahren als „Netizen“ habe ich einen Haufen Leute gesehen, die Probleme hatten. Screw that – ich selbst hab Probleme mehr als genug.

Aber Internet“sucht“ gehört definitiv nicht dazu und hat auch nie für irgendwen, den ich kennengelernt habe, dazugehört.

Hier wird meines Erachtens Ursache und Wirkung miteinander verwechselt. Die Leute, die exorbitant viel im Internet unterwegs sind, die haben *alle* auch noch andere Probleme. Manche sind missbraucht worden. Andere sind misshandelt worden, sind depressiv, sind schlichtweg zu krank oder zu behindert, um an einem „normalen“ Leben teilhaben zu können.

Die Diagnose „Internetsucht“ bzw. „Onlinesucht“, die dann mit Entzug der „Droge“ behandelt wird, verdeckt meines Erachtens die Grunddiagnose, die dann schön weiter vor sich hinköchelt. Wenn jemand unter Agoraphobie leidet und deswegen viel im Internet unterwegs ist, weil er hier Ansprechpartner und Kontakte hat – dann muss die Agoraphobie behandelt werden. Und nicht die „Internetsucht“. Man löst doch nichts, wenn man die falsche Krankheit behandelt.

Was ist mit denen, die aufgrund einer Behinderung nicht mehr so ohne weiteres am öffentlichen Leben teilhaben können? Paraplegiker z.b.? Das Internet bietet für sie eine Chance, Kontakte zu pflegen und sich auszutauschen. Weil sie sich eben kaum bewegen können, sind die Online-Stunden ziemlich hoch – also muss man ihnen das Internet wegen einer Sucht kappen damit sie nicht mehr süchtig sind?

Sehr spannend sind übrigens die Bereiche, an denen Online-Sucht festgemacht wird:

Es können mindestens drei Bereiche beschrieben werden, in denen pathologische Internet- bzw. Computer-Nutzung auftreten kann (online und/oder offline):

Das ist so weit gefaßt, dass du, wie gesagt, 90% der Internetbevölkerung damit hast.

Und es ist eine moralische Wertung. Da steckt auch gut noch die Meinung drin, dass Computerspiele die Realität verzerren und kleine Massenmörder produzieren. Sexuelle Inhalte….mhm, hat mal jemand gecheckt ob es eine Playboysucht gab, die behandelt werden musste?

Das ist bigott und heuchlerisch. Nur weil etwas im Internet ist, ist es auf einmal behandlungsbedürftig. Auch die Folgeerscheinungen, wie mangelnde körperliche Hygiene, Reizbarkeit und wasweißichnichtnochalles – all das deutet mehr darauf hin, dass es eine zugrundeliegende Krankheit ist und der Computer als Flucht genutzt wird.

Anders als bei einer harten Drogenabhängigkeit ist man auch nicht körperlich abhängig. Der Körper wird nicht hingehen und mit potenziell tödlichen Entzugserscheinungen reagieren, wie er es tut, wenn man z.b. Heroin entzieht oder Crack.

Leute, hört auf, ständig neue Diagnosen für vermeintlich abartiges Verhalten zu erfinden und konzentriert euch darauf, die Grundprobleme zu behandeln. Wenn jemand viel im Internet unterwegs ist, HAT er Probleme, vor allem, wenn soziale Kontakte darüber vernachlässigt werden.

Aber der PC ist dann eher nicht das Problem.

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Veröffentlicht am 30. August 2012, in ärgerlich. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 20 Kommentare.

  1. Full ACK! Wieso bearbeitest du den Wikipediaeintrag nicht und schreibst deine Meinung auch dazu?

    Übrigens, welche Computerspiele zockst du?

  2. Das hieße aber, sich den oftmals sehr unbequemen Ursachen zuzuwenden, statt munter die Symptome zu behandeln bzw zu unterdrücken. Das wäre langwieriger und es winken weniger durchschlagende Erfolge die man unter „Heilung“ verbuchen könnte.

    • Symptome behandeln bringt aber keine Besserung. Nur wenn man die Ursachen behandelt, kann man das Problem lösen.

      • Genau.
        Aber *mehr* Geld macht man mit der exorbitanten Ausweitung von Diagnosen. Wenn man alle Spielarten als „behandlungsbedürftig“ erkennt und man dann die Medikamente und Therapien dafür verkaufen kann, dann macht das einige Leute recht glücklich.

        Google mal nach Onlinesucht. Die erste Seite ist NICHT mit Infomaterialien gefüllt, sondern mit Hilfsangeboten zum Thema. Noch Fragen?

      • War ironisch gemeint. 😉
        Natürlich würde nur die Behandlung von Ursachen auch echte Problemlösung bedeuten.

  3. passend dazu, hatte gerstern der Postillion enen „Artikel“
    sollte es dir unpassend für diesen Beitrag erscheinen, lösch den Kommentar einfach 🙂
    http://www.der-postillon.com/2012/08/drogenbeauftragte-warnt-rund-20.html

  4. Hm, ich sehe das etwas differenzeirter:
    Für die Definition einer Sucht, die im Falle der Online- oder Internetsucht in der Tat noch nicht sehr gut gefasst ist, was sie aber auch bei anderen, mittlerweile in der Fachwelt anerkannten Süchten, Zwängen ect. im Anfang nicht unbedingt war, ist es zunächst mal unerheblich welche Probleme denn Betroffenen in die Such tgeführt haben. Man wird einen Alkoholoker immer noch wegen seines Alkoholismus behandeln, wenn er das denn will (ansonsten amcht es keinen Sinn), trotzdem oder besser obwohl er andere Probleme hatte, die ihn zum Alkoholiker werden ließen. Das das Angehen dieser Probleme Teil der Therapie sein sollte versteht sich von selbst ist aber weder eine Besonderheit des Alkoholismus noch der Internetsucht, wie ich aus eigener Anschauung weiß.

    Die Probleme, die in eine Sucht oder ein Abhängigkeitsverhalten fürhren sind NICHT spezifisch für die jeweilige Abhängigkeit und sollten einerseits im Zusammenhang mit dem problematischen Verhalten gesehen werden aber andererseits unabhängig davon angegangen werden. Darüberhinaus gibt es aber eben spezifische Ansätze für die jeweilige Abhängigkeit, die unabhängig von den zugrundeliegenden Probleme gegangen werden können, das gilt auch für die neue und damit sicher noch nicht ausreichend erforschte Internetsucht. Deshalb, weil das Phänomen noch neu ist und die Ansätze noch nicht sehr ausgereift sind, diese Abhängigkeit aber einfach zu negieren, ist ganz sicher der falsche Ansatz.

    Es ist ein gemeinsames Phänomen aller Abhängigkeiten, dass Menschen, die bereits abhängig oder gefährdet sind, dazu neigen diese Abhängigkeit als solche infrage zu stellen, ich schließe mich selbst dabei keineswegs aus. Die Verbesserung der Definition, die Erforschung möglicher therapeutischer Ansätze eines neuen psychischen Phänomens mit Krankheitswert sollte aber nicht deshalb unterbunden werden, weil eben noch nicht genug Erkenntnisse vorliegen, sondern eben gerade deshalb vorangetrieben werden.

    Dass selbstverständlich die Probleme der Betroffenen, die zu diesem problematischen Verhalten führen, angegangen werden sollten, ist eine Binsenweisheit, hat aber mit der Tatsache, des Auftretens einer neuen Form von Abhängikeit nichts zu tun. Die Probleme, die dorthin fürhren, sind bekannt und im Wesentlichen die gleichen, die auch in andere Abhängigkeiten führen. Dass diese oft nicht adequat behandelt werden, liegt NICHT daran, dass sich Leute, angeblich sinnloserweise, mit neuen Formen von Abhängigkeiten beschäftigen und diese erforschen sondern an prinzipellen Widrigkeiten unseres Gesundheitssystems, wie fehlenden Therapeuten mit Kassenzulassung, und AUCH zu einem Teil an den Betroffenen selbst, denn ohne Einsicht in das eigene problemtatische Verhalten kann keine wirksame Therapie stattfinden, was ich ebenfalls aus eigener Anschauung erfahren habe und zur Zeit in meiner näheren Umgebung hilflos miterleben muss.

    • Karl, Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit – das kannst du nicht miteinander vergleichen.

      Von Alkohol und Drogen wirst du körperlich abhängig. Der Körper BRAUCHT es, um zu funktionieren.

      Das hast du nicht bei diesen Möchtegernsüchten wie Internetsucht. Die Internetsucht gibt sich im Regelfall von ganz alleine, sobald du die zugrundeliegenden Probleme beseitigt hast.

      Ich weiß selbst, wie scheiße es ist, wenn du zusiehst, wie sich jemand zugrunderichtet. Aber es ist wenig hilfreich, wenn man die Suchtformel vorbetet. „Du musst einsehne, dass du süchtig bist. Vorher kann man dir nicht helfen“ – das kann ein ganz böser Schuß nach hinten werden.

      Nämlich dann, wenn dieses „Suchtverhalten“ ein Hilfeschrei ist, der gehört werden will. Wenn man dann ankommt, eine Sucht diagnostiziert und alles an dieser Sucht festmacht, wird der Hilfeschrei nicht gehört. Das ist kein offenes zuhören und die Betroffenen werden sich dann nicht öffnen.

      Wenn man merkt, dass sich jemand zurückzieht, dass er zuviel am Rechner sitzt, dann kann man mal fragen „was ist los“. Und man wird die erste Zeit mit Sicherheit zurückgestoßen werden.

      Irgendwann knackt man die Schale und dann dringt man durch – und erst dann kann man helfen. Aber das auf eine Sucht zu reduzieren, weil jemand „Computersüchtig“ ist, das ist nicht hilfreich.

      Bei Alkoholismus und Drogenabhängigkeit gelten allerdings ganz andere Regeln. Da muss erst ein Entzug her und danach eine Therapie, und hier muss, neben der zugrundeliegenden Erkrankung auch ganz sicher eine Suchttherapie hin.

      Aber „Internetsucht“? Ne.

      • Bei Alkohol- und Drogensucht ändert sich inzwischen auch einiges, und die Abhängigkeit von körpereigenen Suchtstoffen ist durchaus vergleichbar mit der von von außen zugeführten. Im Gegenteil, die Behandlung ist in vielen Fällen umeiniges schwieriger, weil eine völlige Abstinenz von einem in gewissen Rahemn sinnvollen und notwendigen Verhalten meist nicht möglich ist (im Falle der Internetsucht in gewissem Rahmen zumindest vorübergehend schon, bei Spielsucht auch komplett). Und das mit dem „Einsehen“ hat definitv nichts mit vorbeten zu tun, es ist immer noch der notwendig Anfang, ohne den nichts wirklich geht. Das Abgleiten in eine Sucht oder besser Abhängigkeit ist auch kein alles oder nichts Prozess, demzufolge gibt es immer Menschen mehr oder weniger tief in der Abhängigkeit drinstecken und auch die Wege heraus unterscheiden sich. nach aller Erfahrung, die ich selbst mit Abhängigkeiten habe, stellt sich mir der Umgang viele Menschen, auch von solchen die ich kenne, zumindest als auf dem Weg in eine Abhängigkeit befindelich dar. Und das sollte man nicht verharmlosen.

        Und nochmal: Den Hilfeschrei darf man natürlich nicht überhören, auch da gilt: Ohne Eigeninitative und Einsicht des Betroffenen in Richtung Therapie, geht gar nichts. Und diese Hilflosigkeit kann für Anghörige und Nahestehende sowas von Scheiße sein! Ich spreche aus Erfahrung.

        Ich halte nichts davon, jedem, der täglich mehrere Stunden im Web aufhält, sofort eine Sucht anzudichten, aber vom Verharmlosen und Negieren und vom Aufstellen von Verschwörungstheorien in Richtung „Alles nur Geldmacherei“ halte ich noch weniger.

        • Du meinst die zunehmende Ächtung von Alkohol und die Bestrebungen, Drogen zu legalisieren?

          • Nein das eher nicht, die sehe ich eher mit gemischten Gefühlen, zumal die zunehmende Ächtung von Alkohol m.E. wohl mehr auf volkswirtschaftlichen Einsichten beruht als auf solchen medizinischer Art. Und auch wenn ich den Alkoholkonsum großer Teile der Bevölkerung kritisch sehe, halte ich Ächtung oder regulatorische Maßnahmen ohne gleichzeitige vernünftige Aufklärung in einer ganz anderen als der gegenwärtigen Größenordnung für wenig wirkungsvoll. Nein ich meinte therapeutische Konzepte.

  5. Alles schön erkannt, eine kleine Ergänzung vielleicht noch:

    >> Die Leute, die exorbitant viel im Internet unterwegs sind, die haben *alle* auch noch andere Probleme. Manche sind missbraucht worden. Andere sind misshandelt worden, sind depressiv, sind schlichtweg zu krank oder zu behindert <<

    … oder schlicht und einfach Soziallegastheniker.

    Aber wat solls, Therapeuten & Co. wollen schließlich auch leben. ADHS, Burnout und ähnlicher Modekram reichen dafür vermutlich nicht mehr aus, da braucht man was für die breite(re) Masse. — Keine Panik, ich besuch Dich dann auch mal in der Geschlossenen.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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