Höchststrafe


Ich spring hier grad im Achteck. Aber mal richtig.
Stellt euch vor, zwei litauische Frauen werden von einem Zuhälter aus Litauen nach Deutschland geschleust. Sie müssen mit dem Zuhälter in einem 1-Zimmer-Apartment leben. Sie müssen *jeden* Freier befriedigen, egal was er will. Ihre Pässe werden ihnen abgenommen. Der Zuhälter begleitet die beiden Frauen zu jedem Freier und holt sie nach dem Auftrag wieder ab.  Die beiden Frauen sind 18 und 19 Jahre alt, der Zuhälter ist 20 Jahre älter. Sie kennen ihn, seit sie 14 sind und arbeiten auch seit ihrem 14. Lebensjahr für den Zuhälter, erst in Litauen, dann in Deutschland.

Stellt euch vor, die beiden Frauen würden den Zuhälter im Rahmen eines „Sexspieles“ in Folie einwickeln. Mit Duct-Tape zukleben und ihm endlich ein Kissen aufs Gesicht legen, bis er tot ist. Danach räumen sie die Bude aus und verschwinden. Der eine nach New York, der andere zurück nach Litauen.

Die New Yorker Prostituierte wird von ihrem deutschen Verlobten überredet, zurückzukommen, und sich der Polizei zu stellen. Die Prostituierte in Litauen entschließt sich, das gleiche zu tun, sie will mit der Vergangenheit offenbar abschließen.

Stellen wir uns jetzt vor, dass die beiden Frauen mit der Höchststrafe nach dem Jugendstrafrecht bestraft werden. Weil sie vorsätzlich und heimtückisch aus niedrigen Beweggründen den Zuhälter ums Eck gebracht haben. Und dann addiert nochmal diese Urteilsbegründung dazu:

S. und  A. hätten gewusst, was auf sie zukommt, betonte der Vorsitzende Richter. Bereits mit 14 Jahren habe  S. den fast 20 Jahre älteren Renaldas D. kennengelernt. Auch A. habe Renaldas D. mehrfach in Berlin besucht und ihm als Sex-Partner – „besser gesagt: Sex-Objekt“ – zur Verfügung gestanden. Eine Art Ausgleich für Kosten und Logis in der deutschen Hauptstadt.  A. habe sich als Prostituierte angeboten, weil das Geld, das sie in der Pizzeria in Litauen verdiente, nicht zum Leben reichte.

Meint ihr ernsthaft, dass auch nur *einer* der beteiligten Richter die Chance gehabt hätte, ohne schweren Polizeischutz aus dem Gerichtssaal zu kommen? Weil Pizza zu schlecht bezahlt wird, hat sie sich als Prostituierte verkauft, sie hätte doch gewusst, was sie tat? Soll sich halt nicht so anstellen?

DAS als Urteilsbegründung bei einer FRAU?

Jo, jetzt ersetzt doch bitte mal Frau durch Mann. Heterosexuell durch Homosexuell. Und addiert noch die nicht ganz so latente Homophobie in Osteuropa (die Familie hat dem einen Jungen verboten, die Nichten und Neffen zu sehen – Schwulsein ist ja so ansteckend) dazu und den ganzen Bull, den die da ertragen mussten – SEIT SIE 14 SIND.

Und dann bekommt man ein Urteil wie dieses hier.

Es gibt Tage, da möchte ich nur noch kotzen, da wird mir von manchen Menschen körperlich übel. Und das ist jetzt nicht übertrieben oder als Umschreibung zu werten, mir ist gerade wirklich richtig schlecht.

/Update
Versteht mich nicht falsch, natürlich muss Strafe sein. Aber die Begründung plus Höhe hinterlassen einfach keine gutes Gefühl

Advertisements

Veröffentlicht am 21. August 2012, in Grober Unfug. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Ich verstehe Deine „Aufregung“ (sorry, im Moment fällt mir kein besseres Wort ein) nicht so ganz: die Beiden haben bei ihrer Tat eine Menge kriminelle Energie aufgewendet, ihre Tat war strafbar Basta!
    Über ewaige Wortwahl bei der Urteilsbegründung .. na ja, es gibt halt auch unter Richtern (m/w) solche mit Feingefühl und solche mit einer Spaltaxt, das ändert aber nichts am oben Geschriebenen.

    • Jain. Es gibt so etwas wie mildernde Umstände. Wenn du dich in einer (subjektiv) ausweglosen Situation befindest, dann gilt das als ein solcher.

      In einem fremden Land mit übersichtlichen Sprachkenntnissen, der Pass vom Zuhälter einkassiert, ständig unter Bewachung (der Zuhälter hat die Jungs zu den Freiern gebracht und wieder zurückbegleitet), das sind Sachen, die in vergleichbaren Fällen schon mal zu einer massiven Reduzierung der Strafe geführt haben.

      Wenn dann noch einer in gesicherten Familienverhältnissen lebt (Verlobung), dann ist das ein weiterer Grund, gerade im Jugendstrafrecht, Milde walten zu lassen.

      Das alles hat hier aber offenbar eher strafverschärfend gewirkt als strafmildernd.

      Der Zuhälter hat sich mindestens einem der Jungen im Alter von 14 genähert, das ist sexueller Missbrauch Minderjähriger, zu dem Zeitpunkt war der Zuhälter 34. Er hat den Jungen komplett in seine Obhut genommen, als seine Familie ihn wegen seiner Homosexualität verstoßen hat.

      Ganz ehrlich? Wenn DAS keine ausweglose Situation ist, dann weiß ich es auch nicht. Missbraucht als Kind, in die Prostitution gezwungen, von der Familie verstoßen und keinen Platz wo man hinkönnte, selbst WENN man es schafft, dem Arschloch zu entkommen – ich wüsste jetzt nicht wie man das noch anders beschreiben könnte?

      • „.. das sind Sachen, die in vergleichbaren Fällen schon mal zu einer massiven Reduzierung der Strafe geführt haben. ..“

        Richtig, Tantchen: „.. hat schon mal ..“,
        (über das „vergleichbar will ich gar nicht schreiben, da fände ich vielleicht Worte, die der Situation nicht angemessen wären)
        .. aber Richter (m/w) entscheiden nach ihnen vorliegenden Fakten und Indizien und bewerten diese nach – na, wie sagt man so schön: – „besten Wissen und Gewissen“ (oder so).
        und so (auch durch verschiedene Perspektiven (Sichtweisen) etc.) kommen auch unterschiedliche Urteile zu Stande.
        Man mag das bedauern, aber es entspricht unserer Rechtsprechung
        .. und
        – sorry, auch für diesen Fall, in dem möglicherweise (!!! (weisst Du’s besser?)) etwas hart geurteilt wurde –
        das ist gut so!

        Man sollte zwar meinen, dass wir in einer Banananrepublik leben, aber zumindest in der Justiz sollte die „Banane“ außen vor bleiben, meinst Du nicht auch?

  2. Die beiden haben nicht die Höchststrafe bekommen – das wären zehn Jahre Haft gewesen. Sie werden es im Knast nicht leicht haben, aber, im Gegensatz zu ihrem Opfer, leben sie noch.

    Auch wenn die beiden ’ne harte Zeit hatten, kann ich mir nicht vorstellen, dass es keine andere Möglichkeit gab, sich zu befreien, denn jemanden einzuwickeln erfordert eine gewisse Vorbereitung – da hätte man ganz sicher auch etwas anderes vorbereiten können.

    Ob siebeneinhalb und acht Jahre angemessen sind, lässt sich aber vortrefflich diskutieren.

    • Du unterschätzt die Manipulationsfähigkeiten von Tätern. Der hatte doch kein Interesse daran, die gehen zu lassen – schließlich waren das seine Goldpferdchen.

      Also was macht man? Manipuliert solange mit dem Verstand rum bis sie ihm glauben, dass es keinen Ausweg gibt. Dass er überall ist, sie überall bekommen werden, dass sie ihm nicht entkommen können.

      Das ist jetzt reines Ratespiel, aber ich hab das schon zu oft gesehen. Die glauben das, insbesondere, wenn sie wissen, dass sie keine Familie mehr haben wohin sie zurückgehen können und die Pässe einkassiert sind.

      Du willst aber RAUS aus der Situation – und dann greifst du zur Heimtücke. Die Angst läßt dir keine andere Möglichkeit.

      Und um das zu verifizieren hätte hier zumindest ein Gutachten hergemußt, um das mal zu prüfen. Das kann ein Richter nicht alleine entscheiden.

      Die Urteilsbegründung steht übrigens in einer Linie mit ähnlich menschenverachtenden Begründungen,

      copy/paste aus meinem Postkasten:
      es gab vor ca. 15 Jahren in Berlin mal ein (Nicht-)Urteil zu Kindesmissbrauch mit der Begründung, der 12jährige Junge hätte ja seinen A… nicht hinhalten brauchen.

      Und in Sachsen gab es einen Freispruch gegen einen Zuhälter von 17jährigen Frauen, weil die nicht angebunden waren. Sie hätten ja jederzeit gehen können.

      Noch Fragen? Da sitzen die falschen Menschen, die Richter sind nicht entsprechend ausgebildet, um die Tragweite ihrer Entscheidungen einschätzen zu können. Und sie sind blind vor Vorurteilen.

      Das ist es, was mich an diesen Urteilen so maßlos aufregt.

  3. Ich denke, dass das Urteil mit Hinblick darauf, dass ein Menschenleben ausgelöscht wurde, absolut gerecht ist.
    Mord, und das ist es hier, es handelt sich nicht um Totschlag, gehört entsprechend bestraft!

    Die beiden Männer hatten zwar bereits als 14jährige sexuellen Kontakt zum späteren Zuhälter, mit fraglichem Einverständnis, ihre Einreise in D und ihre Entscheidung zur Prostitution war allerdings freiwillig, was man nicht mit der illegalen Schleusung von zwangsprostituierten Menschen gleichstellen darf.

    Auch hatte zumindest einer von ihnen Halt im zwischenzeitlich Verlobten. Hier hätte sicherlich Hilfe erfragt werden können, wenn es denn gewollt gewesen wäre. Ein solches Verhältnis setzt ja nun doch etwas Vertrauen, auch bereits im Vorfeld, voraus.

    Eine vermutlich andere, noch gnädigere Entscheidung der Richter wenn es sich um Frauen gehandelt hätte, ist allerdings auch nicht unwahrscheinlich und lässt mich nachdenklich zurück. Doch auch hier ist es nur eine Vermutung; von einem genau gleich verlaufenen Fall mit weiblicher Beteiligung und geringer verhängtem Strafmaß habe ich keine Kenntnis.

  4. Ich bin Deiner Meinung, Tantchen. Ich kotze mit.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: