Elfentraum – VIII


Seit Tagen flogen und wanderten sie am Waldsaum über die Ebene. Clarissa wurde in eine bestimmte Richtung gezogen und war neugierig, was am Ende auf sie warten würde.

Die Ebene selbst war großartig. Eingerahmt von steilen Berghängen lag schüsselförmig das Grasland, durchzogen von silbern schimmernden Flüssen. An den Klippen hingen silberne Nebelfetzen der Wolken, die zu niedrig flogen, um über die Berge zu kommen.

Die Landschaft veränderte sich jedoch. Das Sternenlicht wurde bleicher, fast als würde eine Decke über sie hinwegziehen. Und immer wieder sahen sie am Waldrand diese tintigen Wolken, die sich offenbar noch nicht auf die Ebene hinauswagten.

Clarissa wusste nicht, was sie davon halten sollte. Es war, als ob das ewige Sternenlicht durch die Dunkelheit der ewigen Nacht erstickt werden sollte. Diese Wolken ängstigten sie alle zu Tode.

Trotzdem waren alle vier auf der Wanderung miteinander glücklich. Johvan ließ Clarissa keine Sekunde aus den Augen, immer wieder berührte er ihre Hand, immer wieder strich sie ihm über den Rücken, kleine Berührungen, in denen sie sich gegenseitig ihre Zuneigung zeigten.

Auch Jinny und Kya schienen miteinander glücklich zu sein. Selbst im Flug blieben ihre Hände miteinander verschlungen. Wenn sie schliefen, dann eine in den Armen der anderen.

Meile um Meile legten sie zurück und das Gefühl, dass Clarissa in eine bestimmte Richtung zog, nahm an Dringlichkeit zu. Wenn sie jetzt über die Ebene blickte, konnte sie vereinzelt Wolken erkennen, die langsam dahinzogen, alles verschlingend, was auf ihrem Weg lag.

Dieses Gefühl der Dringlichkeit wurde allmählich so stark, dass es sich selbst auf ihren Schlaf auswirkte. Alpträume suchten sie heim und sie wurde zunehmend unruhiger. Ihr Angst wuchs. Und ebenso wuchsen die Wolken.

Die Ängste nahmen so zu, dass sie sichtlich zitterte. Johvan versuchte, sie zu beruhigen, er nahm sie bei den inzwischen dringend benötigten Ruhepausen in seine Arme und hielt sie fest, doch Clarissa konnte nicht sagen, wovor sie solche Ängste hatte. Sie wusste nur: Sie mussten ihr Ziel so schnell wie möglich erreichen. Was immer ihr Ziel war.

Weiter und weiter trieb Clarissa ihre kleine Gruppe, bis sie am Rand der Erschöpfung waren. Kya schleppte sich schon eine ganze Weile nur noch mit Hilfe von Jinny und Johvan voran und selbst die sonst so unverwüstlichen Geschwister fingen an, der Geschwindigkeit, mit der Clarissa vorwärts stürmte, Tribut zu zahlen.

Doch Clarissa war inzwischen außer sich vor Furcht und konnte nicht mehr anhalten. Selbst als Kya zusammenbrach und sich nicht mehr rühren konnte, bemerkte sie es in ihrer blinden Raserei nicht und stürmte weiter, bis Johvan, der ihr hinterherlief, ihre Hand ergriff und sie herumriss.

„Was ist los? Warum bist du so außer dir? Seit Tagen erkenne ich dich nicht wieder. Du machst mir Angst. Du machst uns allen Angst.“ Johvan war besorgt, doch auch entschlossen, den Grund für ihr Verhalten herauszufinden.

„Sieh dir Kya und Jinny an, wir können alle nicht mehr. Wir brauchen eine Pause. Clarissa, bitte hör doch.“

Clarissa versuchte in ihrer Panik, sich loszureißen, doch Johvan ließ sie nicht gehen. Sie wusste, dass sie sich jederzeit hätte befreien können, doch als wäre mit einem mal ihre Energie erlahmt, ließ sie sich mit einem Seufzen auf den Boden fallen. Mit einem Schlag war der Drang, der sie in eine bestimmte Richtung zog, verschwunden.

Johvan fiel neben ihr auf die Knie, nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind, das beruhigt werden musste. Clarissa lehnte sich in die Sicherheit seiner Arme während Kya und Jinny, die Gesichter spitz vor Erschöpfung, sie besorgt ansahen.

Johvan öffnete den Mund um sie etwas zu fragen, als die Luft anfinge zu rauschen und der Schatten gigantischer Schwingen über sie fiel und das Sternenlicht verdunkelte.

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Veröffentlicht am 17. Juni 2012, in Clarissa. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Vorweg:
    du kannst diese Hinweise gerne löschen oder Bescheid geben, wenn sie unerwünscht. Habe ich mit beidem kein Problem. Ich weiß, manchmal klingt meine Kritik härter als sie gemeint ist.

    Eigentlich habe ich nur eine Verständnisfrage – ich habe extra nochmal nachgelesen:
    In Teil 1 ist Clarissa die Schlafende, die beim Erwachen viele Glühwürmchen entdeckt. Später stellt sich heraus, dass Jinny und Johvan eigentlich isoliert sind von den anderen. Die Frage tauchte grad beim Nachlesen auf, war nicht die eigentlich Frage 😉
    Die eigentliche Frage: Damals beim Aufwachen ist Clarissa ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten (zumindest wird das angedeutet) – und ohne Flügel.
    Dann verkleinert sie sich und wird zu einer Elfin.
    Nun vergrößern sich alle 4. Und behalten die Flügel? Ok, ist nicht ganz ausgeschlossen, da vorstellungskraftsabhängig von Clarissa, aber – hm, stolperig.

  2. Ich hab den Schluß etwas geändert. Ich finds doof, dass ausgerechnet die Mächtigste der Gruppe sich immer dann verabschiedet, wenn was schiefgeht.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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