Elfentraum – VII


Als Clarissa in Johvans Armen erwachte, lehnte sie den Kopf auf die aufgestütze Hand und betrachtete ihn. Ihre Augen glitten über das schlafende Gesicht hinweg, dass stark und doch verletztlich wirkte mit den Grübchen am Kinn und den hohen Wangenknochen. Die Hände, sanft und doch stark. Clarissa verlor sich in ihren Träumen.

Als sie aufblickte, schaute sie in Johvans lächelnde Augen. „Gefällt dir, was du siehst?“ murmelte er verschlafen. Clarissa grinste, gab ihm einen Kuss auf die Wange und meinte: „Aufstehen, es gibt viel zu tun heute.“

Und recht hatte sie. Kya war noch längere Zeit nicht reisefähig, aber sie brauchte neue Kleidung und Waffen. Und sie mussten essen. Es sah nach einem längeren Aufenthalt auf der Lichtung aus, so dass sie auch eine Unterkunft benötigten. Auf halber Höhe im Baumstamm fand Jinny letztlich zwei Löcher, die in kleinere Höhlen mündeten und gut zu verteigen waren. Sie machten sich sofort auf die Suche nach Baumaterial, um die Höhlen einzurichten.

Als erstes schafften sie genügend weiche Blätter herbei, damit Kya das dringend benötigte Bett bekam. Johvan trug sie dann in die kleine Höhle und Jinny blieb wie festgeklebt an ihrer Seite. Clarissa und Johvan fertigten aus Nüssen, die sie aushöhlten, die notwendigen Behälter für Wasser und Vorräte. Weitere Blätter und die Bettstatten waren fertig.

Die Zeit verging rasend schnell mit der Jagd auf Essbares, dem Sammeln von Früchten und Kyas Pflege. Clarissa konnte sich nicht daran erinnern, je so glücklich gewesen zu sein. Doch eines Tages war klar, dass Kya völlig wiederhergestellt war und sie aufbrechen mussten.

Sie diskutierten lange darüber, wo ihr Weg sie letztlich hinführte, doch Clarissa entschied letztlich über die Richtung, indem sie sagte: „Etwas zieht mich dorthin“ und sie zeigte in die ungefähre Richtung des Waldrandes. „Ich weiß nicht, was es ist, aber ich glaube, dort sind wir richtig.“

Johvan gab sich zögernd einverstanden, der Waldrand behagte ihm nicht. Zu ungeschützt wären die Elfen dort.

Es war eines nachts, als Jinny, die Wache hielt, sie alle mit einem Schrei weckte. Am Lichtungsrand zog langsam eine tintenschwarze Wolke auf. In ihrem Inneren schillerte es kränklich in allen Farben, es wirkte wie verdorbenes Fleisch.

Was immer es war – sie wollten unter keinen Umständen davon gefangen werden.

Hektisch packten sie ihre Sachen und brachen auf. Sie flogen knapp unterhalb des Blätterdaches und ließen die Wolke rasch hinter sich. „Was um alles in der Welt war DAS?“ fragte sie ihre Gefährten entsetzt? Keiner wußte eine Antwort.

Die Reise zum Waldrand gestaltete sich mühselig, da diese Wolke immer wieder auftauchte, als würde sie sie verfolgen. Immer wieder verlegte sie ihnen den Weg, so dass sie sich einen Weg um sie herum suchen mussten. Keine Minute verging, wo sie nicht näherkam. Aus den Wanderern wurden Gejagte.

Es war nach einiger Zeit, als Clarissa sich über das schützende Blätterdach erhob und feststellte, dass es nicht eine Wolke alleine war, die sie verfolgte, sondern dass überall diese Wolken auftauchten. Sie sah, wie einer der Himmelsräuber über eine Wolke hinwegflog und ein schwarzer Tentakel schlug heraus und fing den Giganten mit Leichtigkeit. Der letzte Schrei wurde von der Wolke erstickt.

Clarissas Furcht wuchs und sie sah, wie ihre Gefährten außer sich waren vor Furcht. Sie hielt den Schild jetzt konstant um sie alle herum, die Wolken griffen sie nicht an – dennoch wollte sie ihnen nicht näherkommen als unbedingt notwendig.

Letztendlich näherten sie sich dem Waldrand. Als sie von einer hohen Klippe auf die Ebene hinunterblickten, war von den Wolken, die den Wald verpesteten, nichts zu entdecken. Nur eine weite Ebene, bleich beleuchtet im ewigen Sternenlicht. Es waren Herden zu sehen und hier und da eine Ansammlung von Zelten und Feuerstellen. Clarissa konnte von ihrem Standpunkt aus fast die gesamte Ebene überblicken. Sie drehte sich zu ihren Freunden um.

„Wir können da nicht raus, wir sind zu klein, wir können uns nirgends verstecken“ meinte Kya ängstlich. Jinny und Johvan schluckten und nickten. „Aber wenn du gehen willst, folgen wir dir.“ sagten sie gleichzeitig.

Clarissa sah die drei nachdenklich an. „Es gibt eine Lösung. Wenn wir die Ebene überqueren wollen, dann sind wir zu klein, es dauert viel zu lange. Ich kann wieder werden wie ich war. Und euch kann ich auch so groß machen.“

Die drei Elfen blickten sich an und sahen an sich herunter. „Wir? Groß? Wie du? Wie soll das gehen?“ fragte Jinny. Und Kya meinte zögernd: „Wären wir dann noch immer wir?“ Clarissa lächelte: „Ich war doch auch noch ich, als ich auf eure Größe geschrumpft bin, oder?“ Die Elfen nickten zögernd.

Johvan straffte die Schultern: „Wenn du dich veränderst, gehe ich mit. Wir gehören zusammen. Wo du hingehst, gehe auch ich hin.“ Er schloß die Augen als ob Clarissa direkt damit anfangen würde, ihn wachsen zu lassen.

Sie sah, wie Jinny und Kya sich bei den Händen nahmen und sich in die Augen sahen. „Tu es.“

Clarissa räusperte sich: „Seid ihr sicher? Es tut weh, soviel kann ich euch sagen. Und wenn ich einmal angefangen habe, darf ich nicht aufhören bis es vorüber ist.“

Jinny sah sie entschlossen an. „Ja.“ Sie lächelte ein wenig traurig: „Und beeil dich, bevor ich meine Meinung wieder ändere.“

Clarissa schluckte und schloß die Augen. Sie stellte sich Jinny ganz genau vor, wie sie aussehen würde. Und dann schickte sie einen kontinuierlichen Kraftstrahl durch Jinnys Körper. Sie sah wie Jinny sich krümmte und die Schreie versuchte, zurückzuhalten. Doch sie konnte jetzt nicht mehr aufhören.

Jinny wuchs und wuchs und Johvan und Kya umflatterten sie besorgt. Kya schrie: „Jinny, geht es dir gut? Sag doch etwas, bitte sag etwas…“

Letztendlich war es vorüber und Jinny lag schweratmend auf dem Boden. Kya blickte Clarissa entschlossen an: „Ich als nächstes. So kann ich Jinny nicht in die Arme nehmen.“ Clarissa nickte und wiederholte das Ritual. Nach kurzer Zeit konnte Kya die spitzen Schreie nicht mehr unterdrücken, Jinny hielt die zuckende Gestalt in den Armen und Tränen liefen über ihr Gesicht, als Kya ihre endgültige Größe erreichte.
Johvan sah Clarissa an, hob eine Augenbraue und grinste. „Jetzt wo die Mädels so groß sind, können wir doch so bleiben?“ Clarissa schnaubte. „Kneifst du?“ Johvan schüttelte den Kopf: „Nein, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.“

Clarissa nahm Johvans Gesicht in ihre Hände und küsste ihn sanft. Dann trat sie einen Schritt zurück und schloß die Augen. Schweiß trat auf ihre Stirn als sie den unterdrückten Fluch hörte als der Kraftstrom heiß durch Johvans Körper floß. Schwere Atemzüge und leise Flüche waren alles, was Johvan sich erlaubte, als er verwandelt wurde. Er wusste, wie schwer Clarissa das fallen würde.

Als auch Johvans Verwandlung abgeschlossen war, stand sie auf Johvans Hand, sein liebevoller Blick galt ihr und sie nahm ihre Konzentration noch einmal zusammen und lenkte den Kraftstrahl durch ihren eigenen Körper. Als sie endlich groß genug war, richtete sie ihren Blick auf die Ausrüstung. Die Schwerter, Bogen, Pfeile, Decken, all das war viel zu klein für sie. Sie schickte einen weiteren Strahl durch die Bündel und vergrößerte auch sie.

Als alles vorüber war, war sie völlig erschöpft. So viel Anstrengung hatte sie sich nicht mehr zugemutet, als Johvan anfing, mit ihr den Schwertkampf zu üben. Ihre Sicht verschwamm und wurde undeutlich. Sie schwankte auf ihren Beinen und fühlte, wie Johvan sie auffing. Bevor die Welt um sie herum versank hörte sie noch seinen besorgten Ruf: „Clarissa“ – und dann wurde alles schwarz.

Als sie aufwachte, lag sie in einer der Decken eingepackt an einem Feuer. Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, doch ihr Kopf fühlte sich seltsam leicht an. Sie starrte eine Weile ins Feuer, dachte an nichts und fühlte sich etwas unwohl.

Als sie aufblickte, sah sie, wie ihre Elfengefährten Schwertübungen vollführten. Es war seltsam, die sonst so geschmeidigen Elfen so unbeholfen zu sehen, doch dann sah sie den Grund: Durch die Größenänderung hatten sich die Hebelwirkungen verändert. Die Elfen mussten lernen mit ihrer neuen Größe zurechtzukommen.

Clarissa stütze ihren Kopf auf die Hand und sah ihren Gefährten zu. Johvan bemerkte die Bewegung und unterbrach die Übungen sofort und lief zu ihr hin. Er nahm ihre freie Hand in seine und fragte: „Wie geht es dir?“ Clarissa lächelte ihn an: „Etwas seltsam, aber gut. Ich war nur erschöpft. Tut mir leid.“ Johvan sah sie intensiv an und meinte: „Tu das nie wieder.“ Dann riss er sie in seine Arme und drückte sie fest an sich.

„Kann…..nicht….atmen….“ keuchte Clarissa, doch Johvan wollte sie nicht gehen lassen. Und eigentlich wollte sie auch nicht losgelassen werden. Jinny und Kya waren nicht mehr zu sehen, sie mussten sich etwas abgesondert haben.

Johvan und Clarissa lagen nebeneinander und sahen sich nur an. Sie strich ihm sanft über das Gesicht, dass dasselbe war und doch so neu. Lange Zeit fiel kein Wort zwischen den beiden. Bei sich selbst dachte Clarissa kurz, dass das doch ziemlich kitschig aussehen musste, aber ihr war das egal.

Endlich sprach Johvan. „Ich liebe dich“ und strich ihr über das Gesicht. „Ich will dich nie verlassen, immer bei dir sein. Egal wie lange das dauert. Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr.“ Clarissa sah ihn liebevoll an: „So wie ich dich liebe“. Johvan zog sie sanft an sich und legte ihren Kopf auf seine Schulter. So schliefen sie gemeinsam ein.

Und all die Zeit warteten die drei Schatten geduldig auf der Ebene.

Advertisements

Veröffentlicht am 17. Juni 2012, in Clarissa. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Typos?
    1. Immer wieder verlegte sie ihr den Weg, … – entweder „ihren Weg“ oder „ihnen den Weg“
    2. Es war nach einiger Zeit, als Clarissa sich über das schützende Blätterdach erhob, dass sie feststellte, dass es nicht eine Wolke alleine … – Blätterdach erhob und feststellte, dass …
    3. doch dann merkte sie, dass sich der Schwerpunkt – dann merkten sie?
    4. tut mir leid, dass ich Ärger gemacht habe. – da findest du bestimmt noch ne bessere Formulierung 😉 – das klingt zu platt.

    Verständnis?
    1. lag sie in einer der Decken eingepackt an einem Feuer – ich weiß nicht, wie groß Elfen sind, aber im Vergleich mit Nußschalen nach dem anschließenden Wachsen in einer der (mitgeführten?) Decken eingewickelt zu sein, stellt sich mir die Frage „Waren die mitgeführten Decken dann nicht ein wenig zu groß und schwer für Elfen?“.

    • grummel. das schlimme ist, dass du recht hattest.

      Habs geändert.

      Grummel
      Grummel
      Grummel

      • Sorry, meiner:
        verlegte ihren Weg – oder versperrte ihnen den Weg. Ich glaube, das klingt besser. Habe ich vorhin nicht bedacht.

      • Und noch was zum Stil (ich hoff, ich nerve hiermit nicht):

        Als auch Johvans Verwandlung …
        Als alles vorüber war, …
        Als sie aufwachte, …
        Als sie aufblickte, …

        Du siehst, auch ich seh nicht alles auf einmal. Und mir passiert so etwas auch – wenn auch nicht gleich viermal hintereinander (hihi, die Spitze mußte sein 😛 ).

        Danke fürs Schreiben dieser Geschichte.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: