Elfentraum – VI


Von Tag zu Tag konnte Clarissa weiter fliegen, sie hatte langsam den Bogen raus und auch die Flügelmuskulatur kräftigte sich.

Doch die Spannung, die sich aufgebaut hatte, die vertiefte sich von Tag zu Tag. Selbst Jinnys aufgesetzte gute Laune versiegte letztendlich und jeden Abend saß sie entweder in Gedanken verloren am Feuer, oder blickte, die Hand auf das Herz, zurück zum Nest.

Johvan schien zu wissen, was Jinny bedrückte. Clarissa sah wie sie stiller und stiller wurde. Und doch wusste sie immer noch nicht, was sie hätte tun oder sagen können. Abends saß sie nach den Trainingseinheiten am Feuer und hing ihren eigenen Gedanken nach.

Das Training schien sich wieder zu ändern. Johvan wurde fordernder, aggressiver und mehr als einmal endeten sie darin, dass sie sich mit den Übungsschwertern nach Strich und Faden verprügelten.

Eines abends, das Feuer brannte und sie hatten gerade das Abendessen fertig, hielt Clarissa es nicht mehr aus. Johvan hatte sie wieder und wieder angegriffen, nicht zu Trainingszwecken, sie hatte genau gesehen, dass er ihr weh tun wollte. Und Jinny blickte wieder in die Ferne, sah von ihrer Umgebung nichts. Sie betrachtete die Geschwister, fluchte laut und sprang auf. „Ich muss hier weg.“, drehte sich um und lief in die Richtung, wo sie nach wie vor die Augen auf sich spürte.

Sie rannte ins Unterholz und streckte ihre Sinne aus. Und im gleichen Augenblick fluchte sie erneut. Ein Elf wartete dort, abgerissen, völlig verdreckt, zerzaust und halb verhungert.

Clarissa schloß die Augen und holte tief Luft. Sie hätte das früher sehen können, wenn sie etwas weniger mit sich selbst beschäftigt gewesen wäre. Denn der Elf sah Jinny an. Und nur Jinny. Anschleichen war für sie einfach. Um es genauer zu sagen, brauchte sie sich keine große Mühe geben, zu versunken war der Elf in Jinnys Anblick, als das er seine Umgebung noch hätte wahrnehmen können. Und auch zu geschwächt.

Sie stellte sich hinter ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Elf machte einen Luftsprung vor Schreck, die Augen geweitet zog er sich an den nächsten Baumstamm zurück, bereit, sich zu verteidigen. Als er Clarissa erkannte, weiteten sich die Augen ungläubig. Clarissa schüttelte nur den Kopf. „Komm.“ sagte sie zu dem Elfen.

Die Augen des Elfen schossen zu Jinny hinüber. Er schüttelte den Kopf. Clarissa hob eine Augenbraue. Clarissa sah genauer hin und stutzte. Unter dem Dreck verbarg sich kein Elf sondern eine… Elfin? Das war interessant.

Clarissas Gesichtsausdruck wurde sanfter und sie streckte die Hand nach der Elfin aus. „Komm mit. In die Wärme.“ Sie sah wie die Elfin schluckte und zögernd ihre Hand in Clarissas legte.

Clarissa zog die Elfin an sich und geleitete sie zum Feuer. Mit jedem Schritt schien die Elfin mehr zu zögern, doch Clarissa ließ nicht zu, dass sie erneut in die Schatten abtauchte. Alleine in den Wäldern war die Elfin verloren, das war deutlich zu sehen.

Als sie aus den Schatten traten, blickte Johvan auf und seine Augen weiteten sich. Sein Blick schoss zu Jinny hinüber, die von dem Austausch nichts mitbekam, zu vertieft war sie in ihren Gedanken an die Elfin, die Clarissa im Arm hielt, dessen war sie sich jetzt sicher.

Johvans Gesichtsausdruck wurde sehr weich. „Jinny?“ Jinny blickte auf und Johvan nickte in Clarissas Richtung. Sie folgte dem Blick mit einem fragenden Gesichtsausdruck, als sie die Elfin bemerkte, die Clarissa sanft aber bestimmt in Richtung Feuer schob.

Ihr Gesichtsausdruck war unbeschreiblich. Freude, Trauer, Liebe, Wut, die gesamte Gefühlspalette schoß innerhalb von Sekunden über ihr Gesicht, als sie die zierliche Elfin betrachtete. Doch zuletzt siegte die Sorge, als sie wahrnahm, wie geschwächt sie war.

Sie stand auf, streckte die Arme aus und zog die Elfin an sich. Diese erwachte aus ihrer Erstarrung und klammerte sich wie eine Ertrinkende an sie. Beide hatten Tränen in den Augen. Clarissa blickte zu Johvan. Jinny hatte noch kein Wort gesagt, sie hielt die Elfin im Arm und hatte die Augen geschlossen, der Mund bewegte sich, als spräche sie ein Gebet.

Johvan zog Clarissas Blick auf sich und zeigte auf den Rand der Lichtung. Sie verstand, die beiden brauchten sie jetzt nicht. Sie folgte Johvan ins Unterholz.

Als sie genug Abstand gewonnen hatten, so dass sie zwar in Rufweite waren, falls Gefahren auftauchten, aber nicht mehr nah genug, um jedes Wort zu verstehen, setzten sie sich ins Gras und schwiegen. Clarissa wusste nicht, was sie sagen sollte und so schwieg sie.

Johvan saß still und blickte sie nicht an. Auch Clarissa sah überall hin nur nicht zu Johvan. Und dann, mit einem Fluch drehte sich Johvan zu ihr um und riss sie in seine Arme. Er sah ihr in die Augen und sah offenbar, was er gesucht hatte, denn das nächste, was sie wahrnahm, waren seine

Küsse auf ihren Lippen.

(Anm: wer glaubt, hier kommen Sexszenen vor, der hat sich geschnitten, ich pack ja kaum ne vernünftige Romanze und wegen Sex schreib ich das sicher nicht. Bemüht gefälligst eure Phantasie <g>)

Viel später, als sie Hand in Hand auf die Lichtung zurückgingen, sahen sie Jinny und die Elfin eng umschlungen in tiefem Schlaf neben dem Feuer liegen. Johvan lächelte auf die beiden herab und zog Clarissa auf die andere Seite des Feuers. Beide hielten sie Hand in Hand Wacht über die schlafenden Elfen, so dass nichts sie stören konnten.

Am nächsten Morgen, als Jinny erwachte und die Elfin neben sich sah glitt ein erleichtertes Lächeln über ihr Gesicht, als hätte sie geträumt. Sie blickte Clarissa lächelnd an: „Danke.“ Clarissa grinste zurück und meinte: „Wer ist das eigentlich?“

Jinny blickte die schlafende Elfin liebevoll an. „Kya. Meine Freundin aus der Kinderzeit. Wir sind zusammen aufgewachsen, nichts konnte uns trennen. Ich liebte sie und sie liebte mich. Und wie du festgestellt haben wirst, ist Liebe in den Fall wörtlich zu nehmen. Ich liebe sie wie ich meinen Ehemann nie geliebt habe, obwohl wir ein Kind hatten. Meine Mutter suchte ihn mir aus, als sie mich mit Kya gesehen hatte. Sie stellte mich vor die Wahl: Die Schande zu wählen oder ein Leben in „Ehre“ mit einem Ehemann. Du kennst meine Wahl.“ Sie wirkte gequält. „Es gab keine Sekunde wo ich diese Wahl nicht bedauert habe. Meine Mutter schickte Kya in ein anderes Nest, als „diplomatische Vertretung.“ Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, zurückzukommen. Aber ich bin froh, dass sie es getan hat.“

Jinny liefen die Tränen jetzt offen über das Gesicht. „Wie sehr ich sie vermisst habe. Jede Minute war eine Qual. Ich werde sie nicht wieder gehen lassen.“ Clarissa betrachtete die schlafende Kya. Und sie war auch die erste, die bemerkte, dass etwas nicht stimmte. „Jinny, ich glaube nicht, dass Kya nur schläft“. Sie sprang über das Feuer zu den Frauen und kniete sich neben Kya nieder. Die Elfin glühte vor Fieber. Jinnys Gesicht wurde vor Entsetzen grau. „Was ist mit ihr?“

Clarissa runzelte die Stirn. „Ich glaube, das alles war zuviel für sie. Sie ist fast verhungert, sie hatte Angst, sie ist uns über eine lange Zeit gefolgt. Jetzt bekommt sie die Quittung dafür. Es wäre besser gewesen, wenn sie sich gleich an uns gewandt hätte.“

Jinny beugte sich ängstlich über Kyas schlaffe Gestalt. „Ich glaube nicht, dass sie das konnte. Sie dachte ja, ich hätte sie für meinen Mann verlassen und dafür gesorgt, dass sie weggeschickt wurde. Meine Mutter hat mir alles erzählt.“

Clarissa blickte Jinny an: „Darüber können wir uns später Gedanken machen. Wir brauchen Wasser, wir müssen sie kühlen. Ich kann sie nicht heilen, wenn ich das versuche, wäre es, als würde ich eine Kerze ausblasen. Sie muss erst kräftiger werden. Wir müssen etwas gegen das Fieber tun.“

Johvan erhob sich und klopfte seine Hosen ab: „Ich weiß wo Fieberkraut wächst.“ und er flog los ohne ein weiteres Wort. Jinny griff sich die Wasserschläuche, wohl wissend, dass der beste Schutz für Kya jetzt Clarissa ist, sollte eines der Waldräuber auftauchen.

Clarissa setzte sich ans Kopfende der fieberkranken Frau und strich ihr immer wieder über die Stirn. Was sie vorrangig brauchte, war Überlebenswillen. Sie musste leben, denn Jinny würde zerbrechen, wenn sie sterben würde. Langsam streichelte sie Kya über Kopf und Hände, ließ nicht einen Augenblick den Kontakt abbrechen und versuchte, den entschwindenden Geist Kyas zu erspüren.

Als Jinny und Johvan zurückkamen, bat Clarissa Jinny, die Wache zu übernehmen und mit dem weiterzumachen, womit sie angefangen hatte. Kya sollte wissen, dass sie nicht alleine ist und krank wie sie war, konnte man das ihr nur über den körperlichen Kontakt nahebringen.

Johvan schürte das Feuer und setzte den Wasserkessel auf. Als das Wasser kochte, gab er die streng riechenden Blätter des Fieberkrautes hinein und setzte den Kessel auf den Steinrand der Feuerstelle. Clarissa kramte derweil eine der Reservedecken aus dem Gepäck und wickelte Kya in ihr ein. Dann nahm sie den Wasserschlauch und goss ihn über der Elfin aus. Die Decke sog sich mit Wasser voll und kühlte die Elfin weiter.

Um den Effekt zu verstärken rief Clarissa eine sanfte Brise herbei, die über Kya hinwegblies und sie weiter kühlte.

Als der Fiebertee fertig war, hob Jinny Kyas Kopf an und hielt ihr die Tassen an die aufgesprungenen Lippen. Es war schnell klar, dass sie zu krank war, um trinken zu können, so dass Clarissa eines der Blätter eines nahegelegenen Busches abriss und ihn als Löffel benutzte, um ihr schluckweise den Tee einflössen zu können.

Johvan sorgte dafür, dass die Schläuche nicht leer wurden und immer wenn die Decke trocknete, feuchtete einer der drei sie wieder an.

Als alles getan war, konnten sie nur noch warten. Johvan flog unablässig zur Quelle und füllte die Wasserschläuche wieder auf. Jinny ließ kein Auge von Kya und unterbrach den Kontakt nicht eine Sekunde. Und immer wieder flößten sie ihr schlückchenweise den Fiebertee ein.

Clarissa wob derweil einen Schutzswall um die Lichtung, klein und unauffällig, aber fest, so dass sie für den Moment außer Gefahr waren. Sie hatten anderes zu tun, als sich um etwaige Feinde zu kümmern.

Clarissa konnte hinterher nicht mehr sagen, wie lange sie dort gesessen hatten. Und wann sie schließlich eingeschlafen war. Als sie aufwachte, saß Johvan mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, den Kopf auf der Brust, in tiefem Schlaf. Jinny hatte sich neben Kya ausgestreckt, sie hielt ihre Hände in ihren.

Sie ging zu Kya hinüber und fühlte ihre Stirn. Kühl und fieberfrei. Sie blickte genauer hin und sah, dass Kya in einen tiefen Schlaf gefallen war. Erleichtert seufzte sie auf und machte sich daran, das Feuer zu schüren, als sie eine Bewegung bemerkte. Sie hob den Blick und sah Johvan, der sie intensiv betrachtete.

Clarissa ging zu ihm hin, nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn sanft. Johvan schlang seine Arme um sie und gemeinsam blickten sie auf Jinny und Kya. Clarissa legte ihren Kopf auf Johvans Schulter und meinte: „Kya wird wieder gesund.“ Johvan sah sie an und nickte. Und dann waren keine Worte mehr nötig.

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Veröffentlicht am 17. Juni 2012, in Clarissa. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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