Elfentraum III


Wenn Lieb‘ in jenen Welten blüht,
Die über Sternen ewig währen,
Wenn dort das teure Herz noch glüht,
Dieselben Augen, ohne Zähren, –
Wie schön die unbetretnen Sphären!
Wie süß zu sterben vor der Zeit,
Daß Angst und Trauer sich verzehren
In deinen Strahlen, Ewigkeit

Byron

Es war die Älteste, die Mutter von Johvan und Jinny. Clarissa seufzte, als sie sah, dass sie sich wortlos, ohne Begrüßung umdrehte. Sie folgte ihr bis in den Versammlungsraum, wo die anderen Ältesten schon warteten.

Clarissa setzte sich auf ihr Sitzkissen, offenbar war es Zeit für eine neue Lektion. Keiner der Anwesenden schien erstaunt über ihre plötzliche Veränderung. Es schien fast, als hätten sie sie erwartet.

Als die Älteste auf ihrem erhöhten Sitz Platz genommen hatte, nickte sie dem Sprecher zu. Der Sprecher war ein älterer Elf, die Jahre tief ins Gesicht eingegraben und die Flügel von vielen Kämpfen vernarbt und ausgefranst.

Er stand auf, räusperte sich und begann mit seiner Geschichte. Clarissa unterdrückte ein Gähnen, es war sicherlich dieselbe Geschichte, die sie die letzten Tage immer und immer wieder gehört hatte. Und richtig, er begann mit den immer gleichen Worten.

„Seit den Tagen unserer Ahnen war es unsere Aufgabe, das wir uns um die Schlafende kümmern. Wir achteten darauf, dass keine Blätter auf sie fielen, wenn es Herbst wurde. Es war unsere Aufgabe, die wilden Tiere wegzuhalten. Unsere Aufgabe war ihr Schutz. Doch die Schlafende ist erwacht, unsere Überlieferungen sagen uns, dass die Schlafende die Welt wenden wird.“

Er nahm ein Schluck aus dem Wasserschlauch, der neben seinem Kissen hing. Clarissa seufzte, nie wurde sie direkt angesprochen, die einzigen, die das taten, waren Johvan und Jinny. Doch auch sie wurden von ihrem Volk nicht direkt angesprochen. Sie waren die „Diener der Schlafenden“ – ein Titel, der Clarissa sehr störte, empfand sie doch inzwischen Freundschaft zu den beiden Elfen.

„Doch die Schlafende hört nicht zu. Sie hört die Not unseres Volkes nicht. Sie nimmt die Welt nicht wahr wie wir. Sie kann die Zeiten nicht wenden.“

Clarissa riss die Augen auf – das war neu und unerwartet. Sie sah den alten Elfen intensiv an, der sich unter ihrem Blick unwohl zu fühlen schien. Doch er straffte sich, sah ihr in die Augen und sprach weiter.

„Unser Volk stirbt. Es leidet. Wir wissen nicht, was die Schlafende tun kann, doch wir wissen, dass wir nicht mehr viel länger aushalten können. Der Wald selbst wird zum Feind, wir können keine Nahrung mehr sammeln, unsere Kinder werden schwächer, wir selbst werden schwächer.“

Er wies mit ausladender Gebärde auf die Stadt, die sich unterhalb des Palastes ausbreitete.

„Wann wird die Schlafende unser Klagen erhören? Wann wird sie tun, wozu sie gekommen ist? Wann wird sie unser Volk retten?“

Mit diesen Worten drehte sich der Ältestenrat um und verschwand durch das Portal am Eingang. Die Tür schlug laut und mit einem endgültigen Schlag zu.

Clarissa drehte sich zu Jinny um: „Was war das? Und erklärt mir jetzt bitte nicht, dass ich das nicht wissen muss. Was geht hier vor?“

Jinny rutschte auf dem Kissen herum, sie fühlte sich sichtlich unwohl und blickte hilfesuchend zu ihrem Bruder hin. Johvan starrte auf den Boden, er schien weit weg zu sein.

Clarissa blickte beide an. „Nun?“

Jinny straffte sich und schien zu einem Entschluß zu kommen. Sie sah Clarissa an. „Du musst wissen, dass der Sprecher recht hat. Unser Volk stirbt. Die Kinder werden oft von Räubern gefangen, bevor sie alt genug sind, um sich wehren zu können. Die Eltern sterben oft bei dem Versuch, die Kinder zu schützen – eine doppelte Tragödie.“ Sie senkte den Kopf und flüsterte: „Mein Mann kam bei dem Versuch ums Leben, unser Kind zu schützen.“

Eine Träne tropfte auf das Kissen. Clarissa war schockiert. Jinny wirkte nicht alt genug, um überhaupt schon erwachsen zu sein, geschweige denn um bereits Kinder gehabt zu haben. Dann ging ihr die volle Bedeutung ihrer Worte auf.

Sie blickte Johvan an. „Wie viele?“ Johvan blickte nicht auf. „Zuviele. Viel zuviele. Ist dir nicht aufgefallen, wieviele Nester leer stehen? Es hatte einen Grund, dass du jetzt aufgewacht bist, ich bin mir sicher.“ Jinny streckte die Hand aus und berührte ihn tröstend am Arm. Sie sah Clarissa an. „Auch Johvan verlor seine Familie. Es geschah kurz bevor du aufgewacht bist. Es ist noch alles sehr frisch.“ Johvan blickte nicht auf und starrte auf sein Sitzkissen, als würde es um sein Leben gehen.

Clarissa blickte in die Ferne und versuchte, das alles zu verstehen. „Doch was ist mit euch? Ich kann ja noch verstehen, warum man mich nicht persönlich anspricht. Aber selbst ihr werdet nicht mehr angesprochen, wir drei scheinen außerhalb eures Volkes zu stehen. Ich habe nie dazugehört. Aber ihr?“

Jinny beugte ihren Kopf in Scham. „Wir haben überlebt. Unsere Kinder sind tot, unsere Familie ausgelöscht, aber wir leben. Wir sind nicht mit unserer Familie gestorben. Es spielt keine Rolle, dass wir ausgesandt waren, um mit einem anderen Elfennest eine Allianz auszuhandeln. Wir waren nicht da als wir es hätten sein sollen.

„Du meinst, eure Mutter hat das zugelassen?“

„Sie hat es veranlasst. Nicht zugelassen. Es war ihr Vorschlag. Ein Weg, unsere Schande zu tilgen.“

Clarissa war entsetzt. Sie sah Jinny an, die von ihrer Scham buchstäblich auf den Boden gedrückt wurde. Johvan, dessen Gesicht schneeweiß war und der den Kopf nicht heben zu können schien.

Ihre Freunde, niedergedrückt von der Scham, am Leben zu sein, wo alle anderen starben. Ihr Herz flog ihnen zu. Clarissa beugte sich vor und nahm die schluchzende Elfe tröstend in den Arm.

Jinny weinte als würde sie nie wieder aufhören können, ihr Weinen erschütterte den Saal der Ältesten. Und Johvan? Clarissa sah, wie sich eine einzelne Träne langsam löste und über die Wange rann, gefolgt von einer weiteren und dann konnte auch er sich nicht mehr beherrschen. Er weinte zusammen mit seiner Schwester um alles das, was er verloren hatte.

Clarissa zog beide an sich und bot ihnen die Geborgenheit, die ihnen ihr eigenes Volk verweigert hatte. Lange saßen die drei zusammen, Arm in Arm und weinten.

Als Jinny letztlich vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf fiel, wirkte sie friedlicher. Auch Johvan, rotgeweinte Augen, wirkte nicht mehr so angespannt wie bisher.

„Du musst viel lernen, bevor du tun kannst was immer du tun willst.“ Clarissa nickte. „Ja, du hast recht, aber eins kann ich tun, während ihr schlaft.

Sie berührte Johvan leicht an der Schläfe und legte ihn sanft auf die Kissen nieder. Sie deckte beide Geschwister mit einer Decke zu und betrachtete sie liebevoll. Sie strich Jinny noch eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie sich dem Balkon zuwandte.

Auf dem Balkon angekommen, griff sie mit ihren Sinnen in die Kraft, die diese Welt ausmachte, die ihr so vertraut und doch so fremd war. Sie schuf einen schwach leuchtenden Schirm, der zunächst die Stadt der Elfen umfaßte. Sie konzentrierte sich tiefer und dehnte den Schutzschirm langsam auf den gesamten Baumgiganten aus und dann auf die Lichtung, die den Baum umgab. Sie verstärkte den Schirm so weit, dass kein Wesen der Nacht dort draußen den Schirm verletzen konnte. Dennoch war er Wasser- und Luftdurchlässig.

Es war nur eine vorübergehende Lösung, aber die Elfen waren erst einmal geschützt. Und jetzt, wo sie endlich wusste, wonach sie sehen musste, fiel ihr auf, wie viele Nester dunkel waren. Kein Licht brannte dort, wo einst Familien wohnten und das Leben sprang. Es waren so wenige Nester noch übrig. Sie wäre fast zu spät gekommen.

Sie prüfte den Schirm noch einmal und war zufrieden. Die Elfen würden sich erholen. Doch ihre Arbeit begann erst.

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Veröffentlicht am 14. Juni 2012, in Clarissa. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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