Elfentraum – I


Clarissa spürte, wie sich ein schwaches Licht sich seinen Weg durch die geschlossenen Augenlider mogelte. Einen Augenblick genoss sie das Gefühl absoluter Schwerelosigkeit, so wie es häufig ist, wenn man aus einem sehr tiefen Schlaf aufwacht. Langsam wurde sie sich ihrer Umwelt bewusster, fühlte die Erde unter sich, und den Grashalm, der ihr Ohr kitzelte, wenn er vom Wind bewegt wurde. Einen kurzen Augenblick WAR sie nur. Sie dachte an nichts und fühlte sich eins mit der Umwelt.

“GONDAR”. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück, an das was sie getan hatte, was sie geschaffen hatte.

Sie öffnete die Augen und sah sich um. Sie lag auf einer Lichtung in den Überresten einer der Hütten des Dorfes, in dem sie mit Gondar lernte, mit der Kraft umzugehen. Es war Nacht und der Himmel, durch die hohen Baumwipfel nur zu erahnen, war voller Sterne. Das Licht war so hell, dass es selbst den Wald in ein geheimnisvolles Licht tauchte.

Sie setzte sich auf und verzog das Gesicht. Ihr Kopf drehte sich. Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, aber wenn sie die Ruinen um sich herum beurteilte: Sehr lange. Von den meisten Häusern war kaum noch mehr als die Grundmauern zu sehen.

Langsam stand sie auf. Sie schwankte und fiel hin. Nein, das war wohl doch keine so gute Idee. Sie zog sich mühsam zu einem der Baumriesen hin und lehnte sich aufseufzend mit dem Rücken an den Stamm.

Die Lichtung lag in tiefem nächtlichem Schweigen da. Gras und Blumen hatten sich ihren Weg durch die ehemaligen Fundamente gebahnt und erfüllten die Luft mit ihrem sanften Duft. Kleine Funken schwebten durch die Luft – Glühwürmchen in einem traumverlorenen Tanz umeinander.

Clarissa war bezaubert.

Sie erinnerte sich an die Lektionen, die Gondar ihr gegeben hatte und zog etwas Kraft aus der Erde heraus, um sich zu stärken. Es funktionierte und sie war in der Lage aufzustehen und umherzugehen.

Die Funken bemerkten, wie sie sich bewegte und der Tanz veränderte sich, sie rückte gleichsam mehr in den Mittelpunkt. Sie hob eine Hand und versuchte, eins der Glühwürmchen zu berühren. Wie von magischer Hand angezogen, setzte sich das kleine Tier auf ihre Hand und sie hob es an ihr Gesicht, um es zu betrachten und erstarrte vor Staunen.

Das „Glühwürmchen“ war ein winzig kleiner Mensch, mit spitzem Gesichtchen und Ohren. Kleine Flügel trugen die zierliche Gestalt. Das Leuchten, dass sie für das Leuchten von Glühwürmchen gehalten hatte, kam von den Flügelchen.

Grüne winzige Augen blickten zu ihren auf und das Wesen begann zu lächeln. Sie lächelte zurück. In diesem Augenblick schien die Neugier der Wesen zu gewinnen und sie setzten sich auf ihre Hände, ihre Haare und ihre Schultern. Ein noch kleineres, sehr keckes Wesen setzte sich auf ihre Nase. Alle hatten grüne Augen und Haare und waren entzückend.

Clarissa hob ihre jetzt leuchtenden Hände und betrachtete sie voll Ehrfurcht. Elfen, kleine Elfen, und sie hatte sie geschaffen? Welche Wunder mochten noch auf sie warten?

Der kleinen Elfe, die sich ihr als erstes genähert hatte, wurde es offenbar langweilig und sie flog von ihrem Platz auf ihrem Zeigefingern näher an sie heran. Ein leises Wispern, am Rande ihres Bewusstseins erklang: „Wer bist du?“

Clarissa blickte sich verwirrt um und sah dann, dass sich die winzigen Fühler mit dem Klang der „Stimme“ bewegten. „Wo kommst du her?“

Clarissa furchte die Stirn und konzentrierte sich. Sie wollte auf dieselbe Art antworten und dachte angestrengt: „Ich heiße Clarissa. Und ich habe hier lange Zeit geschlafen. Gleich dort drüben.“

Das Wesen schlug die Hand vor die Stirn und schien Schmerzen zu leiden. Das Wispern ertönte erneut: „Leiser…wir sind so klein und du so groß….“. Clarissa sandte vorsichtiger ein Gefühl des Bedauerns aus.

Leise, um die Wesen nicht zu erschrecken, fragte sie: „Wer seid ihr? Wer bist du?“ Das Wesen lächelte keck und entblößte dabei eine Reihe perlweißer Zähnchen mit Fangzähnen. Diese Wesen waren klein, aber nicht wehrlos.

„Jinny heiße ich und wir sind die Jandrim, die Elfen des Waldes“. Ein anderer Elf gesellte sich zu Jinny und schubste sie beiseite. „Ich bin Johvan.“ Clarissa lächelte und nickte ihm zu. Jinny verzog das Gesicht und trat Johvan vor das Schienbein. „Du drängelst dich immer vor. Ich habe sie gefunden.“ Johvan rollte mit den Augen. „Als ob man sie übersehen könnte…“. Jinny schmollte und Clarissa bat: „Nicht streiten.“ Johvan sah schuldbewusst zu Jinny und drückte ihre Hand. „Verzeih mir“.

Johvan setzte sich auf ihre Fingerspitzen und sah sie an. „Unsere Alten sagen, dass sich die Zeiten ändern, wenn die Schlafende erwacht. Weißt du, was sie meinten?“ Clarissa schüttelte den Kopf.

„“Nein, ich kenne eure Alten nicht und auch nicht eure Geschichten. Ich weiß nur, wer ich bin.“ Bei sich selbst dachte Clarissa, dass ihr diese Art der Verständigung gut gefiel. Die Elfen kicherten und fingen an, sie in eine Richtung zu ziehen. „Komm, komm mit uns. Wir zeigen es dir.“ Clarissa ließ sich bereitwillig in die angegebene Richtung lotsen. Kleine Elfen zogen an ihren Ärmeln, andere an ihren Haaren. Sie kicherte und lief mit ihnen mit.

Sie gingen Stunden um Stunden. Clarissa besah sich ihre Umgebung, sie sah sie zum ersten mal. Ein kleiner, munterer Fluß rann durch den Wald, eingefasst von einem moosigen Ufer und Farnen. Überall blühten die Blumen, die auch auf der Wiese blühten und die Luft war erfüllt von ihrem Duft. Clarissa fühlte sich wie berauscht, sie hätte mit den Elfen, die sie umkreisten, tanzen können. Es war wunderschön. Endlich erreichten sie ihr Ziel.

Es war ein uralter Baum, groß, mit einem breiten Stamm, der einst von einem Blitz gespalten wurde. Aufgrund der Größe schien der Baum überlebt zu haben, verschrammt, verbrannt, aber doch…stolz. Clarissa betrachtete den unerschrockenen Riesen. In der Mitte, wo das Feuer des Blitzes den Spalt geschaffen hatte, befanden sich kleine kugelige Nester, manche mit Fenster, andere hatten kleine Balkone an der Außenseite befestigt, kleine Schaukelstühle standen darauf, manche mit Müttern besetzt. Die Nester ganz unten wirkten fast ärmlich. Sie waren fensterlos und hatten keine Balkone. Nur Türschlupfe mit einer kleinen Landebahn davor. Je weiter nach oben man kam umso aufwendiger wurden die Nester.

Ganz oben befand sich das schönste Nest – eine Kugelvielfalt, eingerahmt von kleinen Mäuerchen und Zinnen, jede Kugel mit Landeplattformen und Balkonen ausgestattet. Nirgends nahm sie die Anwesenheit von Metall wahr. Die Nester waren offenbar aus Schlamm geformt und doch so exquisit ausgeführt, dass die Künstler, an die nur sie sich noch erinnerte, vor Neid geweint hätten.

Clarissa war bezaubert, sie hatte die Stadt der Elfchen erreicht.

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Veröffentlicht am 12. Juni 2012, in Clarissa. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Oh,
    das klingt vielversprechend.

    • Jo!
      Muss an der einen oder anderen Stelle noch geschliffen werden, aber ist schon schön.
      Und das sagt dir einer, der sich nicht wirklich für Geschichten von Elfen usw. interessiert 😉

  2. Hui! *-* Das klingt ja mal vielversprechend. *nickt*
    Da freue ich mich doch glatt drauf, mehr davon zu lesen. Ich hab die bisherigen drei Clarissa-Teile verschlungen und bedauerte eigentlich nur, dass sie so … hm … Grobschlächtig waren. Grobschlächtig im Sinne von: „Handlung niederschreiben, bevor ich es vergesse!“

  3. endlich wieder mal ..
    aber im Moment muss ich malochen, mach‘ nur gerade eine kleine Kaffeepause.
    aber heute abend werde ich mir die Geschichte reinziehen 😉

  4. mehr, Tantchen, mehr
    und nicht so quälend wie bei Bestatter-Tom 😉

  5. Das hört sich ja nach einer Längeren Geschichte an, weiter so

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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