Highlights


Ich überlege die ganze Zeit, was denn so meine persönlichen Highlights waren. Da war so viel, aber einige Situationen und Begebenheiten stachen doch heraus.

Vorsicht beim weiterlesen – es ist ein Arsch voll Tante-gebauchpinselei dabei. Aber das hab ich genossen. 😉

Im First Response Center hab ich ja die Lümmeltüten in Tüten verpackt. Ich hab da so vor mich hingearbeitet und hatte hinterher eine ganze Menge Tüten in die große Kiste getan. Und wenn man so arbeitet, kommt man ans Quasseln. Und das war interessant. Ein älterer Herr hat mir erzählt, dass er doch immer Medikamente an die HiV-positiven gibt, die das nicht mehr selbst können, weil zu krank oder zu alt. Und er hat versichert, dass er darauf achtet, dass die die auch nehmen.

Der Mann war arm. Aber voll Stolz, dass er sein Geld damit verdient, anderen zu helfen. Viel kann das nicht sein, was er verdient, aber er tat es mit Stolz und einer Würde, die so selten gesehen habe. Ich hab mir seine Geschichten angehört, sie waren interessant und viele haben mich einfach wütend gemacht. Viel hat mit dem Gangunwesen zu tun, anderes mit Rassismus, der dort einfach alltäglich ist. Aber angehört habe ich alle.

Am letzten Tag, im Gottesdienst, hab ich den Mann zum ersten mal in einem Anzug gesehen, richtig aufgebrezelt. Ich hab ihn angeguckt, „Wow. That’s awesome“. Und die Antwort hat mich vom Stuhl gehauen:

„Du bist eine der wenigen Weißen, die mich je mit Anstand und Respekt behandelt haben, als wäre ich ein Mensch. Ich wollte dir das zeigen, dich damit ehren.“ – und neben mir stand jemand, der grinste nur und meinte „das Hemd hat er von mir geliehen, er hatte kein weißes Hemd mehr zu Hause“.

Kennt ihr das Gefühl, dass euch eine Bratpfanne plötzlich und unerwartet mit ca. 180 km/h am Hinterkopf trifft? So ähnlich hab ich mich da gefühlt. Ich hatte – für mich – doch nichts besonderes gemacht. Doch für ihn wars doch ein Highlight. Und damit wurde es auch für mich zu einem.

Meine Reaktion muss trotzdem witzig gewesen sein – die haben sich über meinen Gesichtsausdruck halb kaputtgelacht.

Als ich das erstemal richtig mitbekommen habe, was die cradle-to-prison-pipeline wirklich bedeutet, hab ich mich tierisch aufgeregt. Neelys Cousin war auch ein Pastor, der hat mir auf meine ungläubige Nachfrage versichert, dass das wirklich so ist, wie er sagte. Das ganze endete in einem ca. 5 minütigen Rant meinerseits über die widerliche, heuchlerische und verlogene Bande, die das zu verantworten hat – und die Frage, wie zum Henker man denn die Gesellschaft noch zusammenhalten will, wenn man so etwas zuläßt.

Neelys Cousin guckt sie an, recht fassungslos und meinte „ich hab dir nicht glauben wollen“. Auf meine verwirrte Nachfrage, was er nicht hat glauben wollen, kam: „Wir reden und predigen das seit Jahren, aber da wir Schwarze sind, will niemand auf uns hören – teilweise noch nicht einmal die Schwarzen. Und jetzt kommst du und regst dich auf, weil wir ungleich behandelt werden – und das auf eine Art, die nicht verlogen ist, sondern du bist wirklich wütend. Ich weiß nicht, ob du das je begreifen kannst, was das für jemanden wie mich bedeutet.“

Er sagte noch mehr, aber das bleibt privat. NEIN, ich hab nix mit ihm angefangen.

Die unzähligen Diskussionen über Bürgerrechte, Rassendiskriminierung und Opferverhalten, die ich geführt habe, waren unendlich wertvoll und haben mir so viel gebracht.

Meine Geburtstagsfeier, die man für mich organisiert hatte, ohne das ich das wusste. Ich wurde einfach zum Dinner eingeladen und da standen alle und haben auf mich gewartet – mit einem echten Südstaatenbuffet. *mjam*

Die haben sich am Palmsonntag hingestellt und den ganzen Nachmittag für mich gekocht. Ich war hin und weg und hab mich so tierisch gefreut. Doof nur, dass ich das nicht zeigen kann. 😦

Aber ich bin, was ich bin. Und wer ich bin. Halt Deutsch. Ich glaub, wenn ich amerikanisch ausgeflippt wäre, hätten die echt doof geguckt. 😉

Eine Begebenheit werde ich nur kurz erwähnen – sie ist mir zu wichtig um sie ausufernd zu behandeln.

Ich hab mich am Palmsonntag mit einer sehr netten Frau unterhalten und wir kamen auf Bürgerrechte zu sprechen. Mal wieder. *g*

Wir haben uns die Köpfe heißgeredet, in freundlicher Art und es war richtig toll.

Erst hinterher habe ich erfahren, dass es eine der Töchter von Bischof Desmond Tutu war. Eine intelligente, gebildete und tolle Frau.

*seufz* ich vermisse die Leute da. Unendlich. Ich weiß, dass ich da nicht leben könnte, zu verschieden ist das Land von Deutschland, und doch – ich habe hier nicht viel vermisst. Meine Familie, insbesondere meine Schwestern und meine Nichte, ja. Aber sonst? Ich habe realisiert, dass mich hier nicht viel hält.

Meine Wurzeln in Deutschland sind dünn geworden. Meine Bekannt- und Freundschaften kann ich auch problemlos weiter „im Netz“ und per Telefon aufrechterhalten. Mein Job hat mich gehalten, doch dieses Band ist gekappt. Mindestens für die nächsten 2 Jahre.

Die Frage ist: Was mache ich jetzt? Gehe ich rüber? Kann ich das finanziell leisten? Kann ich da arbeiten? Will ich das überhaupt? Denn Alltag dort ist doch noch deutlich anders als Urlaub und ich bin Realist genug um das zu sehen.

Erstmal umziehen. Und dann nachdenken.

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Veröffentlicht am 6. April 2012, in Amerika. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Uh. Also das mit dem Aus-/Einwandern würde ichmir aber wirklich gut überlegen. Du hast drüben sicherlich ne Menge Dinge mehr, über die du dich aufregen würdest. Und ob dir das so gut täte …

    Die Antwort des Mannes aus der ersten Geschichte hätte mir wahrscheinlich sämtliche Gesichtszüge entgleisen lassen. Ich sitzt hier und bin total fassungslos.

    • Meine waren auch nicht wirklich in der Spur…

      • Aber diese Geschichte (die mit dem Herrn, der sich ’n Hemd leiht, um sich für dich fein zu machen) ist wenigstens mal etwas, worüber man sich freuen kann 😀

        Und zeigt leider, dass es mit den Menschenrechten in den USA nicht allzuweit her sein kann.

  2. Ich stelle Fest, Du hast vie erlebt, aber leider auch, dass sich seit 1978 nichts geändert hat. Da war ich zuletzt in den USA und sogar als Jugendlicher ist mir damals einiges gegen den Strich gegangen. Die Ungerechtigkeit z.B., oder der Rassismus….und auch die Klischees über Deutsche…
    Heutzutage erlebe ich ähnliches auf Geschäftsreisen in dritte Welt-Länder/Schwellenländer wie z.B. Indien, Bangladesch oder Vietnam…obwohl, Rassismus weniger, eher die Diskrepamnz zwischen den Bevölkerungsschichten.
    Und die Reaktionen sind die Gleichen, wenn man die Leute wie jeden behandelt und nicht als den armen, ungebildeten Bauern o.ä.

    • Nein, seit Martin Luther King hat sich nur eins geändert: Es ist politisch unkorrekt, rassistische Äußerungen zu tätigen. Daher ist alles von einer hübsch flauschig warmen Decke aus nicht-rassistischen Äußerungen zugedeckt. Man ist höflich, nett, nichtssagend und darunter so derbst rassistisch, dass einem nur schlecht werden kann.

      Niemand ist offen unhöflich – aber das durchaus sehr bedrohlich.

      • .. genau das ist das Problem (aber nicht nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten): gegen Unterschwelliges gibt es kaum eine Gegenwehr, ausser „mit gleicher Münze“, aber das ist nicht Jedermanns (m/w) Sache.
        Im Übrigen stelle ich fest, dass sich die Bauchpinselei in Grenzen hält (es ist ja nur ein Kinderpo 😉 )
        Liebe Grüße!
        Hajo

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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