Der Anti-Wulff


Transparenz hat er versprochen, der Herr Wulff. Und sie – teilweise – auch hergestellt. Es war damals sehr interessant zu beobachten, von wann die Anfragen der einzelnen Redaktionen kamen und welchen kurzen Antwortzeitraum sie dann ließen (teilweise nur wenige Stunden für sehr umfangreiche Anfragen, woraus im Artikel dann ein „Antwort verweigert“ wurde, weil der Anwalt die Antworte nicht schnell genug beisammen hatte. War der Artikel erstmal draußen, interessierte sich keine Sau mehr für die Fragen).

Mediale Hetzjagd? Ja. Aber Mitleid muss man trotzdem nicht haben, Herr Wulff hat sich sein Grab selbst gegraben als Schnäppchenjäger par excellence. Und weil das doch so schön geklappt hat, haben sich wohl zwei Zeitungen gedacht: Hauen wir den nächsten Politiker in die Pfanne, vielleicht tritt der ja auch medienwirksam zurück und wir können uns die nächst erlegte Sau auf die Fahne schreiben. Und weil der Spiegel so schön die von der Bildzeitung diktierten „Skandälchen“ des Herrn Wulff abgedruckt hat, hat man sich offenbar gedacht: Vielleicht diktieren wir der Bild ja mal was.

Die Zutaten sind einfach: Auslandsreise plus ignorantes Verhalten => zurückgetretene Politikerin. Die in diesem Fall 3 Attribute hat, die sie für die konservative Politik offenbar unmöglich macht: Blond, ehemalige Miss Germany und Ehegattin eines vermögenden Mannes. So eine soll doch wohl zu Hause bleiben.

Und so strickt man eine Geschichte über grandioses diplomatisches Fehlverhalten, dass, wäre es so wirklich passiert, in der Tat geeignet gewesen wäre, die Dame aus dem politischen Leben zu katapultieren. Allein: Aufgrund der Berichterstattung bestehen berechtigte Zweifel daran, dass es so abgelaufen ist.

Was ist passiert? Eine Abgeordnete ist auf Reisen in Myanmar, geht dort – ih bah pfui eiiiiiiiiiinkaufen und hat dann noch nicht mal passend Geld in der Tasche und muss sich einen Hundert-Dollar-Schein wechseln lassen. Darüber hinaus regt sich die Dame auch noch auf, weil „nur“ 25 min. zum „shoppen“ angesetzt waren, was na-tür-lich vieeel zu wenig war. Und außerdem hat sie festgestellt, dass die bewundernswert sture Aung San Suu Kyi nur deshalb so jung aussieht, weil sie wegen dem Hausarrest ja keinen Stress hatte.

Böse Geschichte. Und wäre die Frau ein Herr Wulff, wäre sie jetzt wohl wegen einer strunzdämlichen Verteidigungsrede mit maximalst möglichem diplomatischen Kollateralschaden zurückgetreten.

Ist sie aber nicht. Sie hat begriffen, was das Internet kann und welche Reichweite es hat. Und sie nutzt es für sich für eine flammende Verteidigungsrede. UND sie ruft *jeden* an, der ihr ihre Nummer schickt, damit sie die Missverständnisse persönlich ausräumen kann.

WAU.

Chapeau Frau Wöhrl. Sie zeigts allen Internetphobikern. Und dass das *ausgerechnet* von einer CSU-Politikerin kommt – ich hätts nicht gedacht.

Mehr von dem Kaliber und Politikverdrossenheit wäre nur noch eine hohle Phrase.

Nein, ich stehe nach wie vor nicht zu ihren politischen Überzeugungen. Aber die Persönlichkeit der Frau Wöhrl ist eine, vor der man sich nach dem nur verneigen kann.

Es gehört Mut dazu, sich selbst so öffentlich zu erklären.

Advertisements

Veröffentlicht am 27. Februar 2012, in Einfach nur gut, politisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. ich find‘ es äusserst traurig – auch wenn es zum Gesamtbild passt -, dass er jetzt auch noch seine „angeheiratete Mama“ in seine selbstgemachte Affäre reinzieht, das ist schon ein Skandal.

    • Alles andere hätte MICH persönlich gewundert. Ein kleiner Spießbürger, der plötzlich groß war und es nicht mehr ist. Und dem jetzt durchaus sehr reell eine Gefängnisstrafe droht.

  2. Verbeugen werd ich mich nicht, aber es ist schon sehr ungewöhnlich und anerkennenswert wie Frau Wöhrl sich in dieser „Sache“ verhalten hat. Ist es schon mal jemandem aufgefallen, dass vor allem Frauen so was schaffen? Ich lass mich gerne berichtigen, aber ein Mann ist mir in letzter Zeit nicht mit so einer vorgehensweise aufgefallen. Los ihr (politisch aktiven) Typen, traut euch das auch mal, anstatt den Wulff zu machen.

  3. Danke Tantchen – bei all dem Geschreibsel übersieht man solche Perlen leider viel zu oft…

  4. Ich bin wirklich beeindruckt von der Frau. Danke für den Link Tante.

    • Wobei wir wieder beim Respekt und Achtung sind:
      Man muss sie nicht mögen, muss nicht mit ihren politischen Ansichten übereinstimmen – mit solchen Erklärungen (ich habe sie hier in Nürnberg mal „live“ erlebt – ich nahm sie als Mensch als sehr integer wahr) erwirbt sie sich Respekt.
      Respekt, Frau Wöhrl!

  5. Aber wir sehen hier ein schönes Stück (deutscher) Journalistenkultur: Erstmal rumhacken, nicht ordentlich recherchieren und Antworten (der/des Angegriffenene) nicht buchstabengetreu wiedergeben.

    • Ist doch leider heutzutage an der Tagesordnung…
      Gute Beispiele sind da immer wieder die „Killerspiel-Diskussion“ und das Waffenrecht. Bei beiden Themen bin ich „betroffen“ und bekomme dadurch mit wie die Medien auf diese Themen reagieren. Es ist und bleibt immer wieder der selbe Mist: Nicht recherchieren, bewusst falsche „Fakten“ nennen und das ganze in derart reisserischer Art vortragen, dass man nicht ansatzweise weiß wohin mit dem ganzen Erbrochenen.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: