Zahlenspielereien


Eins vorweg: ich hab ein echtes Zahlenproblem, also sind *alle* Zahlen, die hier drinstehen, mit Vorsicht zu genießen. Ich habs nach bestem Wissen und Gewissen jetzt ein paar Tage mit einer Tabellenkalkulation kontrolliert, aber ob Fehler drin sind, kann ich nicht feststellen. Das ist nun mal so bei mir;)

Hintergrund: Mich interessierte, mit welcher Berechtigung gerade Frankreich und Deutschland allen erzählen wollen, wie sie richtig sparen.  Bundeseuropanoncheerleaderin Angela Merkel erzählt das ja gerade allen.

Btw. hab ich den Artikel auch nicht alleine geschrieben, der Mitautor outet sich vielleicht in den Kommentaren. 🙂

Gerne wird ja auf die Verschuldung nach Prozent des jeweiligen Bruttosozialproduktes eines Landes hingewiesen. Und wenn ich mir unsere Sparfüchse an der Regierung so angucke, müssten wir doch gut dastehen, oder etwa nicht? Ich mein, die Regierung würde doch nicht versuchen, anderen einen Sparkommissar aufzuzwingen, wenn man den eigenen Haushalt nicht in Ordnung hat?

Gut, gucken wir mal die Liste an. Sekundärquelle Primärquelle (Vorsicht, Link führt zur CIA).

Und so siehts denn mal aus:

1    Estland:    6,60%
2    Bulgarien:    16,20%
3    Luxemburg:    19,70%
4    Rumänien:    33,80%
5    Litauen:    38,70%
6    Tschechien:    38,90%
7    Schweden:    39,70%
8    Slowakei:    41,00%
9    Dänemark:    43,70%
10    Lettland:    44,70%
11    Finnland:    48,40%
12    Polen:    52,80%
13    Spanien:    60,10%
14    Zypern    60,80%
15    Niederlande:    62,70%
16    Malta    67,80%
17    Österreich:    69,80%
18    Vereinigtes Königreich    76,10%
19    Ungarn:    80,20%
20    Frankreich:    82,40%
21    Deutschland:    83,40%
22    Portugal:    93,00%
23    Irland:    94,90%
24    Belgien:    100,70%
25    Italien:    119,10%
26    Griechenland:    142,70%
27    Slowenien    33,0%

*hust*

Das Bild wird aber unvollständig, wenn man die Arbeitslosenquote nicht mit einbezieht. Denn die staatlichen Einnahmen stehen und fallen mit der Anzahl derjenigen, die überhaupt noch Steuern zahlen können, weil sie Einnahmen haben.

Schauma mal wo wir da stehen:

1    Zypern    4,6
2    Niederlande:    5,5
3    Dänemark:    6
4    Luxemburg:    6
5    Malta    6,9
6    Österreich:    6,9
7    Rumänien:    6,9
8    Deutschland:    7,1
9    Vereinigtes Königreich    7,8
10    Belgien:    8,3
11    Finnland:    8,4
12    Italien:    8,4
13    Schweden:    8,4
14    Tschechien:    9
15    Frankreich:    9,3
16    Bulgarien:    9,5
17    Slowenien    10,7
18    Portugal:    10,8
19    Ungarn:    11,2
20    Polen:    12,1
21    Griechenland:    12,5
22    Slowakei:    12,5
23    Irland:    13,6
24    Estland:    16,9
25    Litauen:    17,8
26    Lettland:    18,4
27    Spanien:    20,1

*hust* Spitzenreiter sehen anders aus.

Kommen wir jetzt zu den Leuten, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen. Die Zahlen sind in Prozent:

Litauen (2003)    4,00%
Irland:    5,50%
Österreich:    6,00%
Frankreich (2004)    6,20%
Niederlande (2005)    10,50%
Dänemark:    12,10%
Slowenien (2008)    12,30%
Ungarn:    13,90%
Vereinigtes Königreich (2006)    14,00%
Belgien:    15,20%
Deutschland:    15,50%
Polen (2003)    17,00%
Portugal (2006)    18,00%
Estland:    19,70%
Spanien (2005)    19,80%
Griechenland:    20,00%
Slowakei (2002)    21,00%
Bulgarien:    21,80%
Rumänien (2005)    25,00%
Finnland:    kA
Italien:    kA
Lettland:    kA
Luxemburg:    kA
Malta    kA
Schweden:    kA
Tschechien:    kA
Zypern    kA

Deutschland liegt hier mit 15,5% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze auch nicht gerade an der Spitze von Europa. Wenn ich mir die Liste so angucke: Richtig aktuelle Zahlen gibts hierzu nur von einer Handvoll von Ländern. Da ist Deutschland tatsächlich federführend. Traurig genug. 😦

Fakt ist: Egal, welche Zahlen man aufbereitet, egal wo man hinguckt: Die Zahlen aus Deutschland sind allenfalls durchschnittlich bis schlecht. Es gibt einen Haufen Länder, die anhand der erhobenen Daten offenbar ihren Haushalt um *einiges* besser im Griff hat als die Merkelsche Chaotentruppe.

Was für Schlüsse ziehe *ich* jetzt daraus?

1. dieses ganze Brimborium um Schuldenschnitt, Griechenland und Staatskrisen ist eine gigantische Wählerverarsche. Staaten gehen nicht pleite. Punkt. Die machen höchstens ne Währungsreform. Und wenn das nicht geht, weil man ja den Euro hat, dann macht man nen Schuldenschnitt. Und wenn man nach Griechenland guckt: Ei gugge da.

2. Ich weiß wirklich nicht, warum Berlin und Paris in der EU grad so ne große Klappe haben. Die hätten eher Grund dazu, sich fein zurückzuhalten. Weder in Deutschland noch in Frankreich ist alles Gold was glänzt. Eher Talmi. Aber so ist das, wenn man sich von Ratingagenturen treiben läßt.

3. Es sieht in Griechenland tatsächlich so beschissen aus, wie alle immer sagen. Aber sie stemmen sich völlig zu Recht gegen die versuchte Bevormundung aus Berlin und Paris. Denn dort gibts auch nicht wirklich eine Lösung.

Aber die Konsequenz kann nicht heißen „wir sparen das Land kaputt“. Ein Land das zu so drastischen Sparmaßnahmen gezwungen wird, kommt nie wieder auf die Füße. Und ich glaube sehr genau, dass die das auch alle wissen. Das heißt im Umkehrschluß: Man WILL Griechenland opfern damit man selbst nicht in den Hintern getreten wird.

4. Die Ratingagenturen handeln wie ein hungriges Wolfsrudel. Für mich wirken die ganzen Drohungen und die Herabstufungen immer wie ein Versuchsballon, ob noch mehr Steuergelder aus der EU zu pressen sind. Und mit jeder Herabstufung wächst die Panik in den Regierungen, dass man möglicherweise selbst bald runtergestuft wird.

Konsequenz: Finanztransaktionssteuer. Aber vorgestern, Leute. Das macht keine Märkte kaputt. Das wird sie wiederbeleben. Und wenn es sich nicht mehr lohnt, mit Getreide zu spekulieren, verhungern vielleicht auch weniger Menschen.

5. Hab ich die Schnauze voll von dem Thema. Das ist so widerwärtig, dass man die ganze Zeit nur brechen möchte. Eine Handvoll Leute bereichert sich hier auf Kosten der Allgemeinheit bis ins Unendliche und bekommt den Hals nicht voll genug. Und die Leute, die man wählt, damit sie genau sowas verhindern, sind möglicherweise zu korrupt, bestimmt aber zu schwach und zu Egozentrisch, um diesen Gierhälsen noch etwas entgegenzusetzen.

Hab ich was vergessen? Kann das mal jemand gegenchecken?

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Veröffentlicht am 30. Januar 2012, in ärgerlich, politisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Tja, zu den Zahlen ist, wie immer, zu sagen, dass ich ihnen nicht ganz vertrauen kann, da sie immer irgendwie geschönt werden. Ich möchte außerdem behaupten, dass die Zahlen zur Staatsverschuldung nicht korrekt sind, denn dass Estland (6,6%), Bulgarien (16,2%) und Luxemburg (19,7%) Schulden haben, _kann_ ich nicht glauben – lasse mich aber jederzeit vom Gegenteil überzeugen. Als Defizitkriterium wird übrigens immer die Neuverschuldung genommen, nicht die Gesamtverschuldung (EDIT: sehe gerade, dass das wohl doch hinhaut und die Gesamtverschuldung auch gedeckelt sein sollte – mea culpa). Aber wie dem auch sei, man weist gerne auf die Fehler anderer hin, kehrt nicht vor der eigenen Haustür und ignoriert die ordentliche Haushaltsführung der kleineren Mitgliedsstaaten.

    Ich finde es schade, dass da jetzt immer auf den Griechen rumgehackt wird, zumal die da ja jetzt doch eigentlich Zeit bräuchten, um die „Steuermoral“ anzuheben und die Korruption zu mindern, aber nö, das muss hoppla hopp gehen. Und mal ehrlich, dass die Südeuropäer „Probleme“ mit den Finanzen haben, ist ja nicht erst seit zwei oder drei Jahren bekannt, die hatten sie schon lange _vor_ der Einführung einer gemeinsamen (?) europäischen Währung.

    Mich wundert nur, dass man da erst so spät d’rauf gekommen ist…

  2. Die Sache mit der Armutsgrenze ist ein statistischer Schachzug. Da schmeißt man nämlich alle Einkommen zusammen, nimmt den Durchschnitt davon, und wer unter 20% davon bleibt, ist arm. Heißt, in Dubai biste unter der Armutsgrenze, wenn du unter 250k$ im Jahr bist…
    Die Arbeitslosenstatistik ist auch so ein Thema, die kann man hübsch beschönen. Die DDR beispielsweise hatte knapp über 0% Arbeitslose, und die waren alle faul. Der Vergleich liegt für Griechenland relativ nah, weil da eine ziemliche Staatswirtschaft existiert, mit einer enormen Beamtenquote (die beispielsweise in Frankreich seit Jahren nach unten gesenkt wird, ob das nun sinnvoll ist oder nicht…), und die Beamten zahlen allesamt weder Steuern noch Sozialabgaben.
    Und die Verschuldungen der Staaten… da (leider) in allen Staaten Europas immer noch nettoneuverschuldet wird, ist es kein Wunder, daß Neuexistenzen wie die baltischen Staaten eher wenig Staatsverschuldung haben – denen fehlen ja auch 40 Jahre, die im Bankrott der UdSSR untergegangen sind.

    Übrigens gibts in Griechenaldn nix kaputtzusparen – die haben keine Industrie. Und haben auch bisher nicht viel investiert in Infrastrukturen etc. – außer zu den Olympischen Spielen, die sie fast noch in den Sand gesetzt haben, weil drei Wochen vor Anpfiff noch nix fertig war.
    Griechenland lebt davon, so auszusehen wie vor 2000 Jahren; das bringt Touristen ins Land. Und das kostet rein gar nix.

  3. Wann kommt hier denn mal was zur aktuellen Situation der Fußball-Bundesliga? Meine Tipps sind noch nicht präzise genug. 😉

  4. Bei der der Arbeitslosenquote muss man auch immer aufpassen, Österreich trickst immer gerne mit den Hausfrauen. Sprich arbeitslose Frau, Verheiratet oder in einer Partnerschaft lebend (da kann eine WG reiche, wohnen ja 2 Leute in der selben Wohnung), ist eine Hausfrau, egal ob die jetzt eine Arbeit sucht oder wirklich Hausfrau ist.
    Beschönigt halt die Statistik.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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