Freunde


Nach einem Telefonat die letzten Tage bin ich ein wenig in Erinnerungen abgetaucht. Damals, so lang her, als ich noch jung und leichtsinnig war. 😉

Es war 1990 oder 1991, als ich im Fernsehen (ARD) damals eine Doku über amerikanische Baptistengemeinden gesehen hab. Die Doku war gut recherchiert, man hat sich als Beispiel eine relativ junge Gemeinde genommen, die von Reverend Edwin Sanders geleitet wurde.

Ich fand das ganze ziemlich spannend, ich war 21 und USA hat damals noch geflasht 😉

Naja, ich hab mir das dann notiert, die Auslandsauskunft nach der Telefonnummer gefragt (hey, damals war das mit dem Internet noch nicht so) und hab dann da angerufen. Einfach so, weil ich neugierig war.

Ich hatte zuerst Billye am Telefon, seine Ehefrau. Und die war…nunja, ich glaub, mein etwas seltsames Englisch hat sie letztlich überzeugt – und meine Stimme, die nachts um drei nicht so wirklich wach klang *g*

Irgendwann hatte ich ihn selbst am Telefon, wir haben viel gequatscht, ich war wohl für ihn ähnlich spannend wie er für mich.

Irgendwann bin ich dann in die USA geflogen, als ich mir das endlich halbwegs leisten konnte. Und um die Story was abzukürzen: Ich habe da eine Menge über mich gelernt. Und über Rassismus, versteckt oder offen.

Letztlich habe ich die Einstellung zu einer Menge Dingen damals verändert. Und ich hab das nicht als Nachteil empfunden.

Ich habe die Wege sowohl von Rev. Sanders als auch von allen anderen, die ich im Laufe der Jahre kennen- und schätzengelernt habe, intensiv verfolgt. Ich war auch HEILFROH, als die Kosten für Überseetelefonate auf ein erträglichensLevel sanken, denn bis dahin habe ich wirklich viel Geld ausgegeben, um telefonieren zu können.

Mein Englisch ist nach wie vor vielleicht nicht Oxfordreif, aber es ist durchaus flüssig, verständlich und *hust* etwas amerikanisiert. *g*

Mir fehlen meine Freunde in Nashville, Telefonate und Skype sind nicht wirklich ein Ersatz für die täglichen Kontakte, die man so im „normalen“ Leben als Freunde und Nachbarn hat.

Und das Leben geht weiter. Neely, eine meiner besten Freundinnen dort, eine sehr warmherzige, straighte Frau, die ihre Kämpfe durchgestanden hat und die inzwischen sehr abgeklärt ist – man fühlt sich in ihrer Nähe einfach wohl. Sie ist eine Stütze für so viele. Ihr Ex-Mann, für den sie nach einem Schlaganfall die Vormundschaft übernommen hat. Ihre Kinder, die sie nach wie vor brauchen.

Doch jetzt braucht SIE jemanden, es wurde Leberkrebs diagnostiziert. Ich weiß nicht, wie spät/früh das diagnostiziert wurde, ich wollte nicht fragen. Sie wurde operiert, man hat wohl den Tumor, soweit man es sagen kann, komplett erwischt. Es gibt noch Chemotherapie und halt Bestrahlung, bei Leberkrebs wird augenscheinlich nicht gekleckert sondern geklotzt. Sie hat Glück gehabt, soweit man von Glück reden kann – ihr wurde ein Magenband eingesetzt und die Docs hatten bei der OP den „uuuups“-Moment.

Die Aussichten sind trotzdem nicht rosig, Leberkrebs ist sehr bösartig. Und sie weiß das. Wir haben lange lange telefoniert deswegen, sie hat keine Angst um sich selbst oder vor Schmerzen. Sondern nur um die, die sie möglicherweise zurückläßt und denen sie gerade nicht helfen kann, weil sie halt selbst krank ist. Sie macht sich die meisten Sorgen um ihren krebskranken Ex-Mann Charlie, der sich nicht mehr artikulieren kann, weil der Schlaganfall sein Sprachzentrum erwischt hat.

„It’s all such a mess“ – und ich konnte nicht mehr als ihr zustimmen.

Und ich würde sie gerne besuchen. Ein Besuch in Nashville ist überfällig, mal sehen ob ich das hinbekomme und das möglichst kurzfristig.

Verdammt, ich wünschte, es wäre aus einem besseren Grund.

Und ich wäre weniger traurig.

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Veröffentlicht am 9. Januar 2012, in alltägliche Katastrophen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. oh, Tantchen, das ist kein guter Start ins neue Jahr (obwohl: eigentlich wollte ich diesem sinnlosen Ritual doch nicht mehr folgen) und es fällt mir schwer, etwas dazu zu schreiben, aber so einfach darüber hinwegzugehen, mag ich auch nicht. Ich kenn das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn es um einen lieben Menschen aus dem Leben gibt und kann Dich eigentlich nur bestärken im Vorhaben, über den grossen Teich zu fliegen
    .. tust Du’s nicht, bleibt en schaler Nachgeschmack der verpassten Gelegenheit, is‘ so und man kann’s nicht wegdiskutieren.
    Gut, wenn’s halt nicht geht (aus welchem Grund auch immer), muss man sich auf das Argument zurückziehen, dass „etwas“ die Reise verhindert hat und man muss sich das Andenken im Herzen bewahren. Nein, es ist sicherlich noch nicht soweit, aber angesichts des Berichtes muss man doch mit „dem“ rechnen.
    Ich lese gerade noch mal Korrektur und stelle fest, dass meine Gedanken einige Bocksprünge machen und das Geschriebene vielleicht nicht so richtig rüberkommt, ich lass‘ es aber mal so.
    Herzliche Grüsse
    Hajo

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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