Loslassen


Wir alle tragen irgendwelchen Müll mit uns rum. Seelenmüll, Dinge, die sich im Leben angehäuft haben. Das müssen nicht irgendwelche materiellen Dinge sein, meist sind es Erinnerungen, Gefühle und das gute Gefühl, im Alltag zu stecken. Denn so langweilig Alltag ist – er gibt Sicherheit und Struktur.
Ich muss für mich nun neu definieren, was Struktur ist, mein „Müll“ ist jetzt zwangsweise entsorgt worden. Und wie ich heute gemerkt habe, war auch viel Fundament dabei.

Ich habe angefangen, mein Büro auszuräumen.

Es wäre so leicht gewesen, wieder anzufangen. Und so tödlich. Denn eins weiß ich: In kurzer Zeit wäre ich wieder da gewesen, wo ich im Januar war – und weiter. Und doch… die Aktenordner, die ich eingeräumt habe, der Ventilator der im Sommer gekühlt hat (tolle Bauweise hat das Gebäude: Im Sommer warm und im Winter arschkalt), meine Kaffeemaschine. Alltag, den ich wieder brauche, egal wie.

Ich habe noch nicht losgelassen. Immer noch sind es „meine“ Schulen, „meine Netzwerke“, „mein“ Job. Das ist mir heute SEHR deutlich geworden. Und hier muss ich anfangen.

Ich kann ja dazuverdienen, ich bin nicht dazu verurteilt, den ganzen Tag die Blätter auf den Bäumen zu zählen. Aber derzeit weiß ich nicht – was. Gelernt habe ich nichts. Denn die Beamtenausbildung kannst mal gepflegt in die Tonne treten, was freie Wirtschaft angeht. Das wird da einfach nicht gebraucht. Und den PC-Kram kann ich nicht nachweisen. Kellnern könnte ich, ich habs ja mal gelernt, aber da macht der Körper nicht mehr mit.

Mal sehen. Einerseits die Chance für einen Neuanfang – und andererseits: Wo ist er? Das man mit den Fingern schnippt und ein Prinz daherkommt, der einem den Neuanfang auf dem silbernen Tablett liefert und alle Probleme dann gelöst sind – DAS gibts nur im Film.

/edit: Übrigens zeugt ein „hätteste dich zusammengerissen, bräuchtest du heute nicht jammern“ von einer bemerkenswerten Selbstgerechtigkeit.

Advertisements

Veröffentlicht am 22. August 2011, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 13 Kommentare.

  1. Nachdem ich mich als Seelentröster nicht eigne, zumindest eine Idee die mir gekommen ist (abgesehen von Kontakten in meiner Umgebung die fähige Leute suchen): ich vermeine mich zu Erinnern, dass du mitunter externe Dienstleister beauftragen konntest / durftest / musstest – fände sich eventuell dort jemand, der jemanden mit deinen Fähigkeiten sucht? (oder wärst du dann wieder zu nah dran?)

  2. Das spielt auch SEHR schnell in den Bereich Korruption rein – das fällt völlig flach.

    • Mal davon ab, dass es sicherlich in „deinen“ Schulen eine Art „G’schmäckle“ hätte, wenn du erst den kommunalen Dienst verlässt, um dann auf der anderen Seite als freier Dienstleister wieder aufzutauchen, der deinem Chef – Gott bewahre – auch noch mehr Geld in Rechnung stellt, als dir auf deinem Beamtenposten zugestanden hätte…

  3. Öhm… Also den EDV-Kram brauchst du heutzutage nimmer nachweisen. Schulungen findet der Kunde zwar nett, aber die zahlt er net so gerne mit. Viel lieber zahlt er für angewendete Kompetenz und praktisch erworbenes Wissen. Und das ist bei dir ja gut vorhanden.

    So sehe ich momentan deinen Lebenslauf-Ausschnitt für die letzte (aktuelle) Station:

    * XX Jahre verantwortlich für ca. 500 Bildschirmarbeitsplätze incl. OS-Migration, Troubleshooting, System-Anpassungen nach Kundenspezifikation
    * Netzwerk-Support für homogene Netzwerke mit ca. 500 Bildschirmarbeitsplätzen, standortübergreifend incl. der dazugehörigen Server
    * Unternehmensinterne Schulungen; sowohl Gruppen- als auch Einzel-Intensiv-Schulungen zu diversen Themengebieten
    * Material-Planung und -Beschaffung zur ständigen Revision von ca. 500 Bildschirm-Arbeitsplätzen, um diese den gewandelten Anforderungen anzupassen
    * Inbound- und Outbound-Hotline-Erfahrung im EDV-Bereich, themenübergreifend

    Soll ich weiter machen?

    Wenn du magst, kannst du ja auch deinen (anonymisierten) Lebenslauf schicken, da lässt sich sicherlich was basteln. Ich habe nach meiner Ausbildung und 2 Jahren arbeitslos gestaunt, was so ein Personal-Mensch alles an positiven Formulierungen für so ziemlich jeden Griff ins Klo, den ich mir geleistet habe, gefunden hat…

    • „(…) Soll ich weiter machen? (…)“

      Also – von mir aus nicht. Das war imho schon ganz hervorragend formuliert. Bevor sich die Tante irgendwo abschrecken lässt, sollte sie überlegen, dass das beschriebene Problem für Ü40er normal ist. Die Abschlüsse sind alle nicht mehr wahr. Was zählt, ist das, was man gemacht hat. 20 oder mehr Jahre Erwerbstätigkeit sind auch schon eine Qualifikation für sich. Soo schlecht steht man damit nicht da. Ok, sowas kann derjenige, der (noch) nicht betroffen ist, leicht sagen. Es stimmt aber trotzdem. Fette Beute!

  4. Vor allem, lass dir erst mal Zeit. Komm erst mal zur Ruhe Du musst doch nicht Morgen wieder arbeiten. Wenn man die Suche beginnt, kann man nicht erwarten, dass man sofort findet. Such erst mal dich selbst.

  5. Da meine Kommentare wohl verschluckt werden, nun zum 3. mal.

    „Und den PC-Kram kann ich nicht nachweisen“

    Gibt es für Beamte nicht die Möglichkeit sich ein qualifiziertes Arbeitszeugnis austellen zulassen? Dann wäre das doch alles zur Genüge nachgewiesen.

  6. „hätteste dich zusammengerissen, bräuchtest du heute nicht jammern“ Was war das denn für eine erbsenhirnige Querflöte?

    Sonst: Wilsons Vorschlag klingt sehr gut. Ein gutes Arbeitszeugnis sollte hier Abhilfe schaffen. Wie ich hörte, schreibt so mancher sein Arbeitszeugnis selbst, lässt es dann nur noch vom ehemaligen Vorgesetzten / Arbeitgeber unterzeichnen.

    Ich selbst weiß manchmal nicht, wie ich Menschen in einer solchen Situation Trost spenden soll, obwohl ich es wirklich will. Mir fällt nichts besseres ein als: Du schaffst das. Du kannst das vermutlich nicht mehr hören, und es klingt mir auch abgedroschen, aber ich bin einfach überzeugt davon.

    Auch bin ich überzeugt davon, dass Du den richtigen Weg für Dich gewählt hast.

    • Nur, dass es mittlerweile so viele „Richtlinien“ zum Thema Arbeitszeugnis gibt, dass man sich da früher oder später selbst ein Ei legt… Ausserdem wäre es doch interessant, sich das originale AZ mal anzusehen, um zu gucken, was dein bisheriger Arbeitgeber offiziell von dir hält.

  7. Sag mal, Tantchen, wer hat denn den Scheiß, der im /edit steht verbrochen? Das ist ja wohl die absolute Hohlbirne auf menschlicher Ebene.
    Wobei.
    Manch einer der älteren Generation geht über seine eigene Leiche, nur um sich „nichts nachsagen zu lassen“… Deppen…. Aber echt jetzt.

    • Na wer wohl? Wer bringt so einen Scheiß? Hm?

      Mein Onkel – der Sack hat ne neue Telefonnummer, die ich noch nicht kannte. 😦

  8. Ach Tantchen,
    du bist doch nicht dumm. Also brauchste dich doch auch nicht zu verstecken.

    Allerdings würde auch ich dir erstmal zu ein wenig mehr Ruhe raten. Laß das Ganze erstmal sacken und finde dich selbst. Der Mensch definiert sich – wohl unbewußt – über seine Arbeit. Komm da erstmal ein bißchen von weg.

    Und dann schauste nach einem guten Zeugnis. Gibt genug Anwälte oder Gewerkschaften, die einen da beraten. Und fertigst mal eins an, nachdem du dir deine Pluspunkte der letzten Jahre zusammengesucht und aufgelistet hast.

    Und dann kannste in aller Ruhe schauen, womit du zuverdienst. Überstürze das nicht gleich schon wieder.

  9. Beim Arbeitszeugnis bin ich nicht so ganz sicher, ob das geht – das kommt auf den neuen Status an.
    Ein Beamter a.D. ist verabschiedet und kann gewissermaßen machen, was er will. Mein Vater allerdings ist nicht a.D., sondern i.R., und immer noch Gehaltsempfänger, wenn auch jetzt mit fast 70 eben Ruhegehalt. Und damit gelten sämtliche beamtenrechtlichen Vorschriften weiter, er ist qua lege immer noch Beamter und könnte theoretisch sogar eines Tages in den aktiven Dienst zurückgeholt werden. Und ich nehme an, das liegt bei Tantchen nicht anders.
    Weshalb ich vermute, daß es kein Zeugnis gibt – und daß auch alle Zuverdienste prinzipiell genehmigungspflichtig sind.
    Oder, Tantchen, liegt das anders?

warf folgenden Kuchen auf den Teller

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: